Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 29 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheil L-eite 5. -Nr. 29. Vertreter' unseres Glaubens zur Erhaltung unseres köstlichen Gutes bedarf und sie in unseren Tagen noch mehr und mehr besitzen muß. „Das zur Höhe strebende Heiligtum Jerusalems ist zerstört worden", so heißt es in einer unserer erschütternden Kinoth, „unser Erbe einem grimmen Feinde zugefallen!" Wir müssen trachten, es wieder aufzurichten, unser großes Erbe unsern Kindern zu erhalten! Darum mögen unsere Führer überall und zu jeder Zeit laut gegen das an den Lehrern des Judentums verübte Unrecht protestieren und so der Jugend zeigen, daß sie ebenso die Rechte der Lehrer Israels auch im Leben hochschätzen und verteidigen sollen. Will man aber den Untergang unserer Lehre, so möge man mit unsern Gegnern zusammen dieses schwere Unrecht dulden und so öffentlich bekunden, daß man sich um diese armen Schlucker nicht weiter kümmert. Dann werden unsere jungen Abiturienten trotz aller Begeisterung sich anderen Studien widmen und sich von einem Berufe mit solchen Aussichten ferne halten. Ich spreche gewiß Vielen ans der Seele, wenn ich diese Uebelstände hier wiederhole, wenngleich sie allen bekannt sind und von allen bedauert werden. Will man also das Judentum erhalten, so muß: 1. Ein großer Fond zur Erhaltung kleiner Gemeinden durch Beiträge verschiedener Korporationen, Gemeinden, Vereine und Einzelner beschafft werden. 2. Müssen wir durch unsere berufenen Vertreter und Männer von Ansehen in den Vertretungskörpern, Ausschüssen und bei der Regierung unser gutes Recht, unsere Ansprüche auf Gleichberechtigung mit den anderen Konfessionen vertreten und gewahrt wissen. 3. Müssen diese Vertreter sich mit den anderen Parteien über diese Fragen verständigen und den unserer Sache feindlichen Männern die Notwendigkeit und Gerechtigkeit unserer Sache klar machen; denn ein Mann von Ehre und Biederkeit kann auch dem verhaßtesten Gegner sein gesetzlich gewährleistetes Recht nicht für die Dauer vorenthalten. 4. Müssen wir alle ohne Parteiunterschied Zusammengehen und so als agudo achas, als ein einig Volk von Brüdern, für Menschenrecht und Menschenwürde ringen, bis Gott uns mit Sieg und Erfolg segnet. Dann lvird nach dem heutigen chorban ein neues Heiligtum Gottes in und mit uns erstehen und Erlösung von Not und Schmach uns allen Bedrängten werden. Dr. L. H i r.s ch. Krnman, 17. Juli 1907 (6. Ab 5667). der anderen Kultusbeamten sehr vorsichtig war. Männer, wie Dr. F r a n k f u r t e r s. A., Dr. L e s s e r s- A., Dr. Mur rein, jetzt in Teplitz, Dr.' Horowitz, jetzt Seminarprosessor in Breslau, haben das hiesige Rabbinat takt- und würdevoll geleitet. Der seit 11 Jahren hier als Rabbiner rc. wirkende Herr Dr. M. Steiner steht seinen Vorgängern an Wissen und Fähigkeit nicht im entferntesten nach. Der Gottesdienst in dieser Gemeinde ist ein erhebender. Die gehaltvollen Reden des Herrn Dr. Steiner wirken zündend und anregend, der melodische Gesang des stimmbegabten Oberkantors Herrn G o l d m a n n mit seinem trefflich geschulten Chor, ergreifend und erhebend. Besonders hervorgehoben zu werden verdient es, daß der langjährige Präses dieser Gemeinde, Herr kaiserl. Rat Salomon P o l l a k, in des Wortes edelster Bedeutung ein „Mokir rabbonon“, ..Schätzer der Rabbinen", ist. der dem Rabbiner stets hilfreich zur Seite steht und gerne bereit ist, ihm die schwere Bürde des Amtes so viel als möglich zu erleichtern. Trotz seiner einflußreichen Stellung, die Herr Pollak nicht nur in der Kultusgemeinde, sondern auch in der Stadtvertretung, wie in fast sämtlichen in der hiesigen industriereichen Stadt bestehenden öffentlichen Vereinen, Anstalten und Institutionen eiunimmt, blickt er doch nicht geringschätzig aus die Minderbegüterten und Minderbefähigten herab. Es herrscht mit einem Worte zwischen den ..Großen" und den „Kleinen" das beste Einvernehmen. Wo Friede und Eintracht herrscht, da herrscht auch der Segen Gottes. Sagen doch schon unsere Weisen: Gott der Herr selber kennt kein wirksameres Organ für Israel als den Frieden rc. Auch die Nachbargemeinde Bialcr erfreut sich der schönsten Prosperität. Sie besitzt ebenfalls ein herrliches Gotteshaus und alle erforderlichen religiösen wie humanitären Anstalten. Herr Dr. Nathan Glaser, der vor ungefähr 55 Jahren — wir waren damals beide noch sehr jung, d. h. nach der Barmizwah — mein Kollege in der Eisenstädter Rabbinerschule gewesen, bekleidet seit 37 Jahren in Biala das Rabbinat äußerst takt- und würdevoll. Er erfreut sich in seiner Gemeinde der größteti Achtung und Liebe. Infolge seiner gediegenen talmudischen Kenntnisse imponiert er, gleich seinem Bielitzer Kollegen, mit dem er im besten Einvernehmen lebt, auch den polnischen Juden. Das muß man den Polen auch lassen, daß sie selbst einem „Daitsch", wenn er ein gründlicher Kenner des Talmuds ist. die ihm gebührende Achtung mit Vergnügen zollen. Or. Fr. Ans einer schlesischen Gemeinde. Bielitz, im Juli. Ungefähr sechs Wochen habe ich mich hier, um endlich als Privatmann gesunde Landlust genießen zu können, anfgehalten. Während dieser Zeit habe ich Gelegenheit genug gefunden, die Verhältnisse der hiesigen israelitischen Knltusgemeinde, die die größte jüdische Gemeinde Schlesiens ist, kennen zu lernen. Der äußerst prachtvolle, im Jahre 1880 neuerbaute Tempel, der Bewunderung eines jeden fremden Besuchers in hohem Maße erregt, das schöne imposante Gemeindehaus (erbaut im Jahre 1905), die herrlichen religiösen Anstalten, wie Iemifh Cotonization Association. (Schluß.) Wir trachten nicht danach, ein glanzvolles Werk zu l schaffen, sondern ein solides, dessen Entwicklung keine künstliche, i sondern das Ergebnis seiner eigenen Lebenskraft ist. Deshalb I haben wir Erfolg gehabt. Die Kolonisten, welche mit dem An-! bau von Getreide begonnen hatten, dem klimatische Zufälle, die j Invasionen von Heuschrecken Schwierigkeiten bereiteten, haben! es verstanden, allmühlig zu der Bodenkultur weniger dem Zuj fall unterworfene Wirtschaftszweige hinzuzufügen: Vieh- und die Humanitären, gemeinnützigen Institutionen der Gemeinde, l zeugen von der großen Opferwilligkeit ihrer Mitglieder. Die Gemeindevertreter, Männer von Geist, Herz, Gemüt und Gefühl, sind unausgesetzt bestrebt und bemüht, das geistige und physische Heil und Wohl der Gemeinde nach jeder Richtung bin zu fördern und die Lage der Kultusbeamten stets zu verbessern. Sämtliche Kultusbeamteu sind, wie in den Großgemeinden, defillitiv angestellt und pensionsberechtigt, so daß keiner von ihnen zu befürchten braucht, daß das Damoklesschwert der Kündigung über seinem Haupte schweben würde, so irgend ein Machthaber einmal sich nicht in einer besonders rosigen Laune befinden möchte. Das süße Bewußtsein, daß sie ruhig arbeiten können, daß für ihr Alter gesorgt sei, verleiht ihnen Kraft und Mut, ihre Pflichten mit Freude gewissenhaft zu erfüllen. Es darf aber auch nicht geleugnet werder, daß die Bielitzer Gemeinderepräsentanz stets in der Wahl ihrer Seelsorger und Geflügelzucht, Luzernen-Pflanzuugen. Molkerei; außerdem haben sie auf Grund von Erfahrungen die Bebauung ihrer Felder verbessert. So ist heule ihre Situation sestbegründet, ihr Leben gesichert. Bei allen Schwankungen und Zufälligkeiten des Ackerbaues ziehen sie aus ihrer Arbeit Einnahmen, die nicht nur für ihren Unterhalt ausreichen, sondern auch zur Rückzahlung ihrer! Schulden an unsere Gesellschaft. Die Kolonie Mosesville bietet! uns dafür in diesem Augenblick einen ergreifenden Beweis: die j letzten beiden Jahre waren für den Getreidebau ungünstig, und i die Nachrichten, die wir vor einigen Monaten, zur Zeit der! Ernte erhalten haben, lauteren sehr beunruhigend. Indessen dank j der Verschiedenanigkeit der Wirtschaftszweige, hatten die Kolo-! nisten nicht nur zu leben, sondern sie konnten uns auch eine l Jahresrate von ungefähr 110.000 Frcs. zurückzahlen.! Die ökonomische Lage ist natürlich in den Kolonien und > innerhalb desselben Zentrums bei den einzelnen Kolonisten seh