Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 28 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 28. Europas beträchtliche Summen zur Unterstützung dieser Unglücklichen gesammelt. Wir haben gewünscht, daß dieselben für diejenigen reserviert werden, die in Rußland bleiben oder dorthin zurückbefördert werden Müssen. Die Aufgabe der Auswanderung haben wir mit anderen Wohltätigkeits-Instituten übernommen, und die Emigranten sind in die Länder befördert worden, welche sie erwählt hatten, um daselbst zu leben. In R um ä n i e n sind wir seit einigen Monaten in gleicher Weise vorgegangen. Zahlreiche jüdische Familien, welche durch den Aufruhr oder durch administrative Anordnungen aus den * Dörfern vertrieben wurden, mußten unterstützt werden. Das Hilfswerk für diejenigen, die die Heimat nicht verlassen wollten oder konnten, ist durch die Institutionen und Komitees Europas und Amerikas vervollständigt worden. Wir übernehmen die Fürsorge für die Auswanderer. Die ganze Aktion vollzieht sich unter der Leitung der „Allianz" zu Wien. Ich bin außer Stande, ein vollständiges Bild von unserer Tätigkeit aus diesem Gebiete zu geben; wollte ich dies tun, so würde ich ein Wort über alle die von amerikanisch-jüdischen Körperschaften in den Vereinigten Staaten zugunsten der Immigranten geschaffenen Institutionen sagen, zu deren Unterhalt wir bedeutende Beihilfen leisten. Ich würde auch über die Tätigkeit der Gesellschaft in Montreal zu berichten haben, welche dazu bestimmt ist, die Immigranten in Kanada zu empfangen und seßhaft zu machen. Ich beschränke mich auf die Mitteilung, daß soeben in Montreal ein neues Komitee eingesetzt wurde, um mit unserer Unterstützung für die Anforderungen der wachsenden Einwanderung in dieses Land zu sorgen. Hingegen kann ich es mir nicht versagen, Ihre Aufmerksamkeit einige Augenblicke auf einen Punkt zu lenken, nämlich auf den unbestreitbaren Erfolg unseres landwirtschaftlichen Kolonisationsmerkes, namentlich unseres ältesten Unternehmens, das sein Entstehen dem Begründer unserer Gesellschaft dankt, die Kolonisation in der Republik Argentinien. Sie wissen, wie groß die Schwierigkeiten des Anfangs gewesen sind; sie hingen zumeist mit dem verwickelten Werke selbst zusammen: von Grund auf, ohne sich auf die Erfahrung stützen zu können (denn nichts Aehnliches ist vorher versucht worden) mit landfremden Menschen, die weder die Sprache - noch die Sitten kannten (die Mehrzahl verstand auch nicht das Geringste von der Landwirtschaft), nicht nur Gruppen von jüdischen Ackerbaukolonien, sondern Organismen zu schaffen, die lebensfähig genug waren, um zu bestehen und sich zu entwickeln. Die Schwierigkeiten steigerten sich infolge äußerer Umstände (die zuerst installierten Kolonisten ließen sehr zu wünschen) und infolge der anfangs aus Mangel an Erfahrung herrschenden Vermengung von reiner Wohltätigkeit und eigentlicher Kolonisation. Daß bei den Fehlversuchen und Mißgriffen am Beginn das Unternehmen sich mit einer gewissen Langsamkeit entwickelt hat, kann nicht überraschen: noch weniger, daß uns die Kritik nicht erspart geblieben ist. (Schluß folgt.) Aterarische Uotff. Sehr richtig bemerkt der Referent (Dr. Biach-Brüx) über das Drama „Der Gott der Rache" in diesem geschätzten Blatte (Nr. 25, S. 7), daß der Begriff „Rachsucht" in der heiligen Schrift nicht zu finden ist und der Ausdruck „Rache" höchstens nur als ..Strafe" oder „Vergeltung" genommen werden kann. Ich erlaube mir aber hier anzufügen, daß der in der Bibel vorkommende Ausdruck Lp: und n:p ursprünglich weder Strafe noch Vergeltung, sondern einzig und allein „Ersatz" bedeutet; nämlich Ersatz für erlittenen Schaden. Dann wird auch dieser Begriff für „das Bestreben und den Eifer, Ersatz zu leisten" erweitert, also nur im Sinne, Gutes zu tun oder wenigstens anzustreben. Darum wird auch im Dekalog Gott, der „Gnade übt bis ins tausendste Geschlecht" mit rup bx bezeichnet. Darum konnte der Prophet sagen: „und der Ewige leistete Ersatz seinem Lande und erbarmte sich über seinen Boden", und auch ein späterer hebräischer Dichter (Lieder zu Freitagabend) betete: „Gewähre deine Gnade deinen Bekennern, du vpi:i «:p bx“ und selbst im Piut zum "visc nr (polnischer Ritus) heißt es: „Auf den Bund mögest du schauen und dich nicht wenden zu (bösem) Trieb" (in uns). Es wäre .zu weitläufig, in dieser kurzen Notiz alle Stellen der Bibel und auch der Tradition auseinanderzusetzen; der unbefangene Forscher möge dies tun und er wird zuversichtlich finden, daß dem echten Judentum die Idee der „Rachsucht" (b; h. der niedern Art der Strafe oder Vergeltung) ganz und gar fern steht und jede gemeine Gesinnung aus der jüdischen Anschauung ausgeschlossen ist. Rabb. Dr. Kodak. Aus der territorialistischeu Kemegung. Wilna. Die hiesigen Territorialisten haben hier eine Massenversammlung veranstaltet, in welcher einer der Führer der Sozialisten- Territorialisten Rußlands, Herr Dr. S y r k i n, eine großangelegte Rede über „Zionismus und Territorialismus" hielt. Die vortrefflichen Ausführungen des Referenten wurden von einer vieltausendköpfigen Zuhörerschaft mit großem Beifall ausgenommen und haben dem Territorialistischen Verein in Wilna eine stattliche Anzahl neuer Mitglieder zugeführt. Ekaterinoslav. Hier haben die Territorialisten ihre erste Generalversammlung abgehalten. Nach dem geschäftlichen Teil hat sich die Versammlung mit Programmfragen anläßlich der bevorstehenden allrussischen Jto-Konferenz befaßt. Der Rechenschaftsbericht konstatiert ein stetiges Anwachsen der hiesigen Gruppe. Odessa. Am 2. d. M. haben die hiesigen Territorialisten im neuen Tempel eine Gedächtnisfeier zum Andenken Theoder Herzls veranstaltet. Der Tempel war überfüllt. Auch in allen anderen Städten Rußlands haben die Territorialisten Gedächtnisfeier für Dr. Herzl veranstaltet. Die Nummer 25 des „Jewreiski Golos", des Organs der ruffischen Territorialisten, enthält vier ausgezeichnete Artikel, in welchen die Bedeutung Theodor Herzls für das Judentum gefeiert wird. Darunter befindet sich auch eine Skizze Israel Z a n g w i l l s, betitelt „Die große Tragödie", in welcher gleichfalls Herzl als Judenstaarler und als Begründer der territorialen Lösung der Judenfrage verherrlicht wird. Verschiedene Nachrichten. Wien. Fräulem Mizzi T r i t s ch, Tochter des Herrn Ludwig Tritsch (Firma Brüder Tritsch in Wien), hat sich mit Herrn Karl B r o d, Gesellschafter der Firma S. Brod & Cie. in Wien, verlobt. Wien. Der Tempeldiener in der Seitenstetten-Synagoge,- Herr Jakob Nesse l, feierte Sonntag, den 13. Juli, seinen 80. Geburtstag und zugleich sein 50jähriges Jubiläum als Angestellter der israel. Kultusgemeinde, Nessel wurde im Jahre 1847 zum Infanterie-Regiment Nr. 3 assentiert, machte im Regiment den Feldzug 1848/49 in Italien mit und trat nach Beendigung des Feldzuges in das damalige k. k. Polizeiwachkorps in Wien ein. 1857 wurde er m deu Dienst der Kultusgemeinde übernommen. Zu seinem Doppeljubiläum wurden dem trotz seines hohen Atters noch immer rüstigen Manne mannigfache Aufmerksamkeiten bereitet. Wien. Letzten Samstag brachte das „Neue Wiener Tagblatt" die Mitteilung, daß der Tempelinspektor am Seitenstettentempel, Herr Jakob Schnitzler in der Elektrischen von einem Unwohlsein befallen wurde und kurz daraus verschieden sei. Diese Nachricht war glücklicherweise nur znm Teile richtig, indem Herr Schnitzler, dem faktisch aus der Fahrt unwohl wurde, sich wieder vollkomnien erholte und am nächsten Tage wieder seinen Tempeldienst versehen konnte. Hoffentlich ist ihm als Totgesagten noch ein langes Leben beschicken. Budapest. Der i s r a e l i t i s ch e L a n d e s-L e h r e r v e r e i n hielt zwei Tage hindurch im Prunksaale der israelitischen Gemeindeschule seine 25. ordentliche Generalversammlung ab und feierte gleichzeitig das 40. Jahr seines Bestehens. Aus diesem Anlässe war die zweitägige Sitzung, sowohl von den hauptstädtischen, wie nicht minder von den Provinzmitgliedern sehr stark besucht. Den Vorsitz führte der seit 14 Jahren als Präsident erfolgreich wirkende, zweiter Direktor der Pester israel. Religionsgemeinde Julius Kornfeld. Eine Debatte entwickelte sich zunächst über die Einführung eines neuen einheitlichen Religionsschulbuches für sämtliche israelitische Schulen und für solche Schüler, welche städtische oder Staatsschulen, sowie Privat-Lehranstalten besuchen und wurde die Herausgabe eines solchen Schulbuches beschlossen. Eine sensationelle Ueberrafchung bot die bündige Erklärung, daß der Präsident von seiner Ehrenstelle, zurücktrete. Er nahm feierlichst Abschied und dankte für das Vertrauen und die Unterstützung, die ihm seine Mitarbeiter und Kollegen allezeit zuteil werden ließen und erklärte, daß sein Rücktritt ein unabänderlicher ist, so daß seine etwaige Wiederwahl eine vergebliche wäre, da er dieselbe dankend ablehnen müßte. Trotzdem nach der Sitzung eine größere Deputation der hervorragendsten Lehrer in die Wohnung des scheidenden Präsidenten sich begab, um ihn von seinem Entschlüsse abzubringen, war Direktor Kornfeld hiezu nicht zu bewegen. Jnfolgedeffen wurde am zweiten Sitzungstage Professor Abraham S t e r n, der wackere Direktor der der Pester israelitischen Religionsgemeinde gehörigen Knaben Elementar- und Bürgerschule mit großer Begeisterung zum Präsidenten des Vereines gewählt. Der Verein ist zu dieser Wahl nur zu gratulieren, denn der akademisch gebildete Professor Stern ist ein Mann von gediegenem pädagogischen Wiffen und ein Schulmann allerersten Ranges, dabei voll Tatkraft und Schaffensfreudigkeit, der dem Vereine noch sehr große und wichtige Dienste leisten wird. An diesem Tage — an welchem über