Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 28 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Niv 28. Die Wahrheit Seite 7. Jemislf Colonijatio» Association. Die Generalversammlung der „Jca" hat Montag, den 7. Juli unter dem Vorsitz des Herrn Narcisse Leven in Paris stattgefunden. Nach Genehmigung des Protokolls der vorjährigen Versammlung unterbreitete der Präsident mit dem Bericht über die Tätigkeit der Gesellschaft während des Jahres 1906 den nachgeprüften Finanzbericht und ergriff sodann das Wort zu folgender Ansprache: „Der Ihnen vorgelegte Jahresbericht gibt Ihnen ein möglichst getreues Bild von der Tätigkeit unserer Gesellschaft im abgelaufenen Jahre. Diese Tätigkeit nimmt, wie Sie erkennen, sehr verschieden geartete Formen an: landwirtschaftliche Kolonisation, Auswanderung, Schulen, Darlehenskassen re. und vollzieht sich an zahlreichen Punkten des Erdkreises. Gerade um der Vielseitigkeit unserer Unternehmungen willen, die allesamt dem gleichen Zwecke dienen, scheint es mir nützlich, mit wenigen Worten die großen Linien unserer Aktion hervorznheben und die Erfolge, die wir erzielt haben, Ihnen vor Augen zu führen. Wie Sie wissen, hat Baron Hirsch unsere Gesellschaft begründet, um den Israeliten, die in ihren Heimatländern Ausnahmegesetzen unterworfen sind und unter Verfolgungen leiden, zu Hilfe zu kommen. Die Erfahrung hatte ihm gezeigt, daß die Auswanderung und die Ansiedelung in freien Ländern ein Mittel zur Rettung dieser Unglücklichen ist. Er hat als Hauptziel unserer Anstrengungen die Errichtung und den Ausbau jüdischer Kolonien festgestellt, ein Werk, dessen Kompliziertheit und Schwierigkeit die tätige Mitwirkung einer Gesellschaft wie die unsrige erfordert. Die Auswanderung der russischen und rumänischen Juden nach überseeischen Ländern und namentlich die landwirtschaftliche Kolonisation in diesen Ländern standen darum stets und stehen nach wie vor im Vordergründe unserer Tätigkeit. Die Situation unserer Glaubensgenossen in den Ostländern hat sich leider nicht entfernt gebessert, seitdem Baron Hirsch den Plan gefaßt hat, ihnen zu helfen. Rumänien fährt fort, sie zu unterdrücken: es war erst vor kurzem der Schauplatz eines Bauernaufstandes, welcher sich gegen die Juden richtete, in heftige Angriffe gegen alle Besitzenden ausartete und mit neuen Gewaltmaßregeln gegen unsere Glaubensgenossen endete. Diejenigen, welche fliehen mußten oder aus den Dörfern vertrieben wurden, wollen auswandern — die einzige Rettung, welche einer großen Zahl von ihnen bleibt. In Rußland, wo der Eindruck der blutigen Ereignisse des Jahres 1906 sich nicht abgeschwächt hat, waren unsere Brüder noch in den ersten Monaten des vorigen Jahres Angriffen ausgesetzt. Keines der Ausnahmegesetze, die auf ihnen lasten, ist beseitigt; und obgleich im Jahre 1905 sämtlichen Russen Religionsfreiheit verheißen wurde, ist die Emanzipation der Inden nur eine Hoffnung inmitten der Aengste der Gegenwart. Bei dieser Sachlage hat das von dem Begründer unserer Gesellschaft vorgezeichnete Programm noch heute Geltung. Wir haben dasselbe innegehalten, sogar noch erweitert, indem wir eine Summe von Unternehmungen schufen, welche der ökonomischen und moralischen Wiederausrichtung unserer Glaubensgenossen dienen sollen. Zudem haben an unserer Seite andere jüdische Institutionen,' welche in verschiedenen Ländern auf anderen Wegen nach dem gleichen Ziele streben, noch ein sehlweites Gebiet der Betätigung. Die Jndenfrage ist umfassend und kompliziert genug, um die Mitwirkung aller Gutwilligen zu rechtfertigen. Jeder findet sein Arbeitsfeld und kann sich nützlich erweisen, wenn er seine Aufgabe zu umgrenzen und so zu regeln weiß, daß er in die gemeinsame Aktion Methode bringt. Infolge der Unruhen, welche in Rußland stattfanden, und des Elends, das sie im Gefolge hatten, war die russische Emigrationsbewegung im Jahre 1906 ganz besonders stark. Die Vereinigten Staaten haben 186.089 Einwanderer ausgenommen. Zweifellos findet diese Zahl zum Teil ihre Erklärung in den traurigen russischen Geschehnissen; aber die Statistik zeigt, daß die Auswanderung nach diesem großen Lande während der letzten Jahre fortgesetzt gewachsen ist. Sie gibt allein für Ne w- Iork folgende Ziffern: 38.565 i. I. 1901, 57.641 i. I. 1902, 63.560 i. I. 1903, 104.870 i. I. 1904, 88.533 i. I. 1905, 156.940 i. I. 1906. Unsere Statistik für Kanada ist weniger genau, doch kann man die Zahl der Emigranten, die sich im Jahre 1906 dort niederließen, auf 9000 schätzen. Endlich beginnt, dank unserer Kolonien, die argentinische Republik, wohin bisher nur wenige russische Auswanderer ihren Weg nahmen, eine große Zahl unserer Glaubensgenossen aufzunehmen; im letzten Jahre sind 13.500 dort gelandet. Die Zeit ist noch fern, wo es nötig sein wird, die Auswanderung ins Leben zu rufen und im einzelnen zu organisieren; was sie kennzeichnet, ist ihr spontaner Charakter. Es ist immer eine schwierige Sache, sich von seinem Geburtslande, das der. Jude, trotz aller Leiden, bie er dort erduldet, liebt, loszureißen und eine Existenz zu suchen in einem Lande, dessen Sprache und Sitten er nicht kennt. Er entschließt sich schwer dazu, aber er reist aus eigener Entschließung; glücklicher, als diejenigen, die vor ihm gingen, lveiß er, wohin er sich wendet, kennt er den Ort. wo er Aussicht hat, gut ausgenommen zu werden, Arbeit zu finden. Am häufigsten sind es Freunde oder Verwandte, die ihn rufen. Bedenkt man, daß seit siebennnddreißig Jahren Verfolgung und Jammer die osteuropäischen Juden in Massen nach dem Westen treiben, so kann man sich nicht wundern, daß jetzt die Wege vorgezeichnet sind, daß ein starker Strom flutet, daß die Bewegung fortdauert, ja sich von selbst vergrößert. Diese Bewegung ist zu gewaltig, zu umfangreich, als daß unsere Gesellschaft, daß irgendeine andere, sie mag über noch so großen Einfluß und noch so reiche Mittel verfügen, den Anspruch erheben könnte, sie in Händen zu behalten, zu organisieren, zu leiten. Dies verkennen, heißt einen selcsamen Mangel an Sinn für die Realität der Tatsachen offenbaren. Natürlich soll damit keineswegs gesagt werden, daß wir nicht einzugreifen haben. Zunächst ist die Anhäufung der jüdischen Bevölkerung in den großen Landnngshäfen, namentlich in New-Aork, nicht ohne Unzuträglichkeiten, abgesehen von der allzu großen Konkurrenz beim Suchen nach Arbeit; wir versuchen, die Auswanderer über die verschiedenen Gebiete der Vereinigten Staaten zu verteilen. Ein unter dem Namen Removal Office in New-Iork eingesetztes Komitee, dem wir alle erforderlichen Mittel zur Verfügung stellen, hat bereits seit mehreren Jahren diese Aufgabe unternommen und erfüllt sie mit Erfolg: i. I. 1901 hat es 1830, i. I. 1902 3208, i. I. 1903 5525, i. I. 1904 6023, i. I. 1905 6005 und i. I. 1906 6922 aus New-Iork nach den Städten im Innern geleitet. Die Abreise derer, denen wir Helsen, bestimmt viele andere, ohne Unterstützung fortzugehen und sich über eine beträchtliche Zahl von Orten zu verbreiten, wo bisher keine Inden wohnten. Zur Durchführung dieser Verteilung ist es geboten, in Rußland selbst tätig zu sein, die Emigranten allmälig dazu zu bringen, daß sie sich unmittelbar in das Innere der Vereinigten Staaten wenden; es bedarf hierzu nicht mehr, als sie mit diesen neuen Gebieten bekannt zu machen. Für diese Aufgabe scheinen die Informations-Komitees, deren Errichtung in allen wichtigen Zentren Rußlands wir neuerdings beschlossen haben, ausersehen. Sie bestehen aus hingebungsvollen, uninteressierten Männern, sind nach demselben Reglement tätig und arbeiten unter unserer Kontrolle. Diese Komitees veranlassen niemanden zur Auswanderung, unterrichten aber diejenigen, die dazu entschlossen sind, indem sie ihnen den Weg, den sie zu nehmen, das Schiff, das sie zu wühlen haben, nennen; sie widmen ihnen ihre Fürsorge bis zur Abreise, ersetzen ihnen die abwesenden Verwandten und Freunde und verhindern namentlich, daß sie vor ihrer Einschiffung ihrer geringen Habe beraubt werden. Gewisse Umstände haben unsere lebhaftere Tätigkeit gefordert. Zum Beispiel die schrecklichen Pogrome des Jahres 1905. Die vor der Ausplünderung, vor Brand und Tod flüchtenden Juden häuften sich in den Grenzorten Deutschlands und Oesterreichs zusammen. Sie wollten die Heimat verlassen, ohne zu wissen, wohin sie sich wenden sollten, und ohne die Mittel zu besitzen, um sich irgendwohin zu wenden. Das waren keine Bettler, sondern Handwerker, die von ihrer Arbeit lebten, wohlhabende, ja sogar reiche, aber durch die Pogrome verarmte Kaufleute, die ihre Existenz überall wieder aufrichten können. Mit einem großartigen Wohltätigkeitseifer hatten die Juden Amerikas und » :' -M-,— ••yswnegagvaMPBgg; r