Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 28 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Die Wahrheit Lette 9. 250 Lehrer aus allen Teilen Ungarns erschienen waren — hielt Direktor Jakob Mätrai aus Zsolna einen sehr gehaltvollen und gediegenen Bortrag über den Stand der israelitischen Schulen und der israelitische Lehrer in Betracht des neuen Gesetzes der Gehaltsregulierungen. Der zweite Vortragende war der Lehrer Moriz G a r d o s aus Satoralja-Ujhely, welcherden neuen Schulplan und die israelitische Schule gründlich und nach eingehenden Studium vom praktischen Standpunkte aus beleuchtete. Den Glanzpunkt der Generalversammlung und deren erhebendstes Moment bildete die Festrede des hauptstädtischen Lehrers, Samuel B i r 5, die mit großer Verve und rednerischer Begabung vorgetragen wurde. Redner beleuchtete das Wirken des Vereines seit seinem vierzigjährigen Bestände und würdigte die Verdienste der gegenwärtigen Bereinsleitung. insbesondere über die anerkennenswerten Leistungen des scheidenden Präsidenten Julius Kornfeld, der sehr viel zur Vergrößerung und zum Aufblühen des Vereines beigetragen hat. Die Versammlung brachte hierauf dem abtretenden Präsidenten große Ovationen dar. Ec wurde mit Akklamation zum Ehrenmitgliede des Vereines gewählt, ferner wurde aus seinen Namen eine 5000 Kronenstiftung zur Unterstützung von Lehrerstöchtern, die sich verehelichen wollen, errichtet. Zu Ehrenmitgliedern wurden gewählt: Minister Graf Albert A p p o n y i, die Aogeordneren Paul S ä n d o r und Dr. Adolf Lettner, Dr. Moriz M e z e i, uud Adolf Frankel, die Präsidenten der Laudeskanzlei und der Durchführungs-Kommission, Dr. Franz M e z e y, Sekretär des israelitischen Landesfondes, Oberhausmitglied Sigmund Kornfeld, die Gemeindevorsteher Josef Hatvany-Deutsch und Wilhelm Grauer, Professor Mozes Bloch, Semiuardirektor, Alexander .K n o p f l e r, Lehrer in Satoralja-Ujhely, Hermann Glaß-Pöcs, Lazar Gestettuer, Präsident der israelitischen Gemeinde in Preßburg und Sigmund Fischer, Schulstuhlpräsident in Pozsony. O. H. S. Budapest. Jüngst hielt am Freitag-Abend und am Sabbath- Bormittag der Kantor Eugen W e i s z im Bethause der Pester isr. Kultusgemeinde (Rä-daygaffe 31) Probevorträge ab. W e i s z verfügt über einen klangvollen, kräftigen Tenor, und erzielte mit seinem korrekten Vortrag einen schönen Erfolg. Berlin. Dem bekannten Berliner Großkaufmann James Simon wurde dieser Tage von der Berliner Akademie der Wissenschaften am Jahrestage ihres Stifters L e i b n i z, die goldene Leibniz-Medaille verliehen. Es ist dies eine neue, erst im verflossenen Jahre gestiftete Auszeichnung, die nach dem Willen des Kaisers Wilhelm von der Akademie zur Ehrung besonderer Verdienste um die Förderung wissenschaftlicher Aufgaben vergeben werden soll. James S i m o n hat sich nun um die künstlerischen und wissenschaftlichen Sammlungen Berlins in hervorragender Weise verdient gemacht. Er gehört zu den Gründern der Deutschen Orientgesellschaft, die mit so großem Erfolge Ausgrabungen in Vorderasien und Egypten betreibt. Herr Simon hat ferner seine berühmte Renaissancesammlung dem Kaiser Friedrich-Museum geschenkt, wo sie ein besonderes Kabinett einnimmt. Die Sammlung enthält neben wertvollen Gemälden herrliche italienische Bronzen, Majolikas und Möbel. Herr Simon, der auch humanitäre Bestrebungen in freigebigster Weise fördert, hat bis jetzt alle ihm zugedachten Auszeichnungen abgelehnt, eine ausgenommen: das Bild des Kaisers mit dessen eigenhändiger Unterschrift und einem Handschreiben, ui dem es hieß: „Wenn der Empfänger auch alle sonstigen Ehrungen von der Hand weist, für das beifolgende Bild wird er gewiß noch ein Plätzchen in einem seiner Zimmer finden," Breslau. Der Ferienkursus für israel. Religionslehrer wurde am Donnerstag, 4. Juli, abends im Cafe Restaurant durch ein zwangloses Beisammensein der bereits eingetroffenen Kollegen eröffnet. Koll. Karlsberg- Reicheubach hieß die erschienenen Kollegen mit herzlichen Worten willkommen und wies auf die Bedeutung der Kurse hin, welche sich bereits eines großen Ansehens in der jüdischen Lehrerschaft erfreuen und Beachtung weit über die Grenzen der Ostmark, ja selbst der Grenzpfähle des deutschen Reiches gefunden haben. Koll. Moops gab Mitteilung von mehreren Begrüßungs- und Entschuldigungsschreiben und dankte dem Herausgeber des „Jüdischen Volksblattes" für seinen den Lehrern gewidmeten Begrüßungsartikel. In der weiteren Aussprache legten die Koll. Karlsberg und Moops den Kollegen ans Herz trotz der im Zirkulär ausgesprochenen Wahlfreiheit der Kurse sich doch möglichst an allen Borträgen zu beteiligen. Auch andere Fragen gelangten zur Besprechung. Oberkantor Meysel-Danzig erfreute die Anwesenden durch einen hebräischen Gesang eines Warschauer Komponisten. — Die Zahl der Zuhörer ist wiederum gegen das Vorjahr gestiegen. Besonders bemerkenswert ist, daß von weiter Ferne Kollegen erschienen sind, um an den Vorlesungen teilzunehmen, so von den Grenzen des Reiches aus Granden; und Tauberbischofsheim und aus Oesterreich (Wien, Böhmen). Die Vorlesungen haben zu Anfang eine kleine Unterbrechung erfahren, teils durch die am letzten Sonntag ererfolgten Prüfungen im Seminar teils durch einen in der Familie eines Dozenten erfolgten Trauerfall. Es ist indes Neigung vorhanden, die Vorlesungen auch noch über das vorgesteckte Ziel auszudehneu. Am nächsten Sonnabend werden sich die Kollegen wiederum wie in früheren Jahren am Gottesdienst im alten Tempel beteiligen auf Einladung des dortigen Vorstandes. Kollege Huase-Küstrin wird die Predigt halten und die Thoravorlesung vortragen, für Nachmittags ist vom Koll. Ster eine religiöse Betrachtung vorgesehen. Bukarest. Die erste Gruppe von Auswanderern, die zum Teil aus den von den-Dörfern in der Moldau vertriebenen israelitischen Handwerkern und zum Teil aus kleinen Landwirten besteht, ist bereits zusammengesetzt worden. Die Auswanderer werden auf Kosten der „Jewish Colonisation Association" nach Canada gesendet werden. Paris. Ali K e m a l i. Sekretär der ottomanischen Vertretung im Haag, gibt bekannt, daß der Konferenz ein vom Foreign Office befürworteter türkischer Vorschlag zugehen werde, große Gebietsteile Mazedoniens der Kolonisierung durch jüdische Familien zu überlaffen. Die zionistische Zentralleitung bekämpfte zwar das Projekt» aber Zangwills Autorität hat genügt, das Foreign Office aufs neue günstig zu stimmen. London. Die statistischen Erhebungen über die Verhältnisse der eingewanderten jüdischen Bevölkerung in England haben ein besonderes Interesse, nicht nur, weil sie an einem überaus lehrreichen Beispiel den Einfluß des jüdischen Religionsgesetzes auf die äußere Bolkswohlfahrt zeigen, sondern auch, weil sie eine sprechende Kritik der gegen die Einwanderung gerichteten gesetzlichen Maßnahmen, der englischen Alien Blll, liefern. Im Londoner East End wurde während der letzten 14 Tage eine Durchschnittsgeburtsziffer von 57 auf 1000 Einwohner erreicht, eine Ziffer, die als überaus hoch bezeichnet werden muß. Dieser Geburtsstatistik steht eine Sterblichkeitsziffer von nur 11 auf 1000 Einwohner gegenüber, ebenfalls ein recht günstiges Ergebnis. Die Zahlen gewinnen aber eine besondere Bedeutung, wenn man bedenkt, daß die Bevölkerung, um die es sich handelt, unter den denkbar unvorteilhaftesten Verhältnissen lebt und einen außerordentlich schweren und aufreibenden Kamps ums Dasein zu führen hat. Ein Menschenschlag» der vermöge seiner religiösen Ueberlieferungen über eine innerlich so kerngesunde Natur verfügt, wie die geringen Sterblichkeitszahlen sie offenbaren, und auf der andereu Seite von einem der gefährlichsten Krebsschäden des modernen Bölkerlebens so frei ist, wie die Zahl seiner Geburten beweist, ein solcher Menschenschlag kann von dem weitblickenden Staatsmann nicht als unerwünschter Zuwachs, sondern nur als eine Bereicherung der nationalen Kraft angesehen werden. Damit ist aber dem Fremdengesetz ein um so ungünstigeres Urteil gesprochen, als diese Einwanderer auch im übrigen an staatsbürgerlichen Tugenden nichts zu wünschen übrig lassen. Literatur. Der „Union-Kalender". Mitte Juli erschien der neue Jahrgang (5668 — 1907/8) des von der „O e st e r r e i ch i s ch - I s r a e l i t i s ch e n Uitio n", Wien, IX., Universitätsstraße 8, herausgegebenen „Kalender für Jsraeliten". Auch dieser Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergänzungen auf. Dem kalendarischen Teile wurde die größte Sorgfalt gewidmet uud im schematischen Teile waren wir bemüht, die möglichste Vollständigkeit und Aktualität der Daten, betreffend die österreichisch-ungarischen Kultusgemeinden, ihrer Vorstehungen, Funktionäre und rituellen Institutionen, zu erreichen. Ebenso wurde auch diesmal dem jüdischen V e r e i n s w e s e n die größte Aufmerksamkeit zugewendet. Der literarische Teil bringt zwei spannende Erzählungen aus dem jüdischen Leben des Ostens, deren Verfasser Dr. I. Rabbinovicz und I. uprimny sich auf dem Gebiete der jüdischen Belletristik eines ausgezeichneten Rufes erfreuen. Die handliche Form und die elegante Ausstattung des Kalenders werden auch diesmal gewiß volle Anerkennung finden. Der billige Preis (X 1-60) ermöglicht auch den Minderbemittelten die Anschaffung. „Jüdischer Bolkskaleuder für das Jahr 5668" (1907/8). VI. Jahrgang. (Brünn, Jüdischer Buch- und Kunstverlag.) Es ist ein rechtes Volksbuch, das mit diesem Kalender uns geboten wird. Außer dem eigentlichen Kalendarium, einem vom Rabbiner Samuel Königsberg vortrefflich bearbeiteten „Syuagogen-Ritual", der sogenannten Luach-Thorah, aus welcher heute soviele ihre ganze syuagogale Weisheit schöpfen, enthält er Arbeiten aus der Feder Dr. A. K u r r e i n s, Prof. Dr. Grünfelds, Z l o c i st i s, R o t h b l u m s, P e r e z' u. A. K u r r e i n spricht über das jüdische Haus von Einst und Jetzt, Grünfeld führt einige Originale der „Gasse" vor, tragische und ernste, Zlocisti und Perez erzählen von unseren russisch-polnischen Brüdern. Dr. Hanauer in Frankfurt a. M. schildert in einem Vortrage den unvergeßlichen Theodor Herzl und sein Lebenswerk, diesen Unsterblichen, der in unseren Herzen fortlebt. Prächtige Gedichte, z. B. „I u d a Makkabis Gebet" aus Zlocistis Buche „Vom Heimweg" und nicht minder schöne Illustrationen vervollständigen den reichen Inhalt dieses jüdischen Volksbüchleins, das sich von der gewöhnlichen Sorte unserer Kalender mit ihren Rückblicken, süßlichen Geschichten und Jahrmarktsanzeigen so markant abhebt. Man kann nur wünschen, daß dieser Kalender, der für 80 Heller zu kaufen ist. sich neue Freunde erwerbe und in keinem jüdischen Hause fehle. So ziehe er denn hinaus in die jüdische Welt und kündige uns allen ein glückliches Jahr 5668 an. Brünn, 4. Ab 5667. Mosche I e ch i e l. tzingesendel. Aus Anlaß von Aufrufen in öffentlichen Blättern kommen mir wiederholt Beschwerden über das Verhalten des Knltusvorstandes zu, über welche ich, wenn sie sich in den Mantel der Anonymität hüllen, den Beschwerdeführern die geeignete Auskunft zu erteilen nicht in der Lage bin; so beispielsweise ereignet es sich hie und da, daß sehr alte, bedürftige Leute die ihnen angebocene Aufnahme in das Bersorgungs- oder Siechenhaus ablehnen und die Gewährung einer zeitweisen oder periodischen Unterstützung seitens der Gemeinde vorziehen, und so liegt auch die Sache in einem kürzlich vorgekommenen Falle, bezüglich dessen mehrfache Beschwerden anonym an mich gerichtet wurden. Der Präsident: D r. Alfred Stern.