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Die Wahrheit · 1907-07-19 · Heft 28 (19.7.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 28 (19.7.1907)
Date
1907-07-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 28. wären, sich durch Schriftstellerei zu ernähren, dann wären sie fast gezwungen, mit Hilfe der Presse die Werke jüdischer Gelehrten ganz besonders zu begünstigen und sie und deren Autoren in den Vordergrund zu ziehen. Und haben die Herren Antisemiten auch gedacht, daß sie durch solche Beschränkungen die intelligentesten Juden wieder auf die Gebiete drängen, aus welchen man allein fast Reichtümer erwerben kann? Meinen die Herren, daß mancher jüdischer Bankdirektor nicht mehr Macht und Einfluß hat als ein Dutzend jüdischer Professoren, hundert jüdische Richter und tausend jüdische Aerzte zusammengenommen? Und meint man, daß solch ein Bankdirektor, der selbst vielleicht lieber Mathematik doziert hätte, der sieht, daß sein Bruder, sein Sohn, Verwandte, Bekannte aus purer Unvernunft gewaltsam verhindert werden, dem unschuldigen Drange ihres Herzens zu folgen, seine Macht und seinen Einfluß gern zugunsten derjenigen, die diese Ungerechtigkeit, diesen unvernünftigen Zwang ausüben, verwenden wird oder lieber zugunsten derer, die gleich ihm vergewaltigt werden? Und wenn man, noch engherziger als das Mittelalter, den Juden auch Finanzgeschäfte verbieten wollte, meint man, daß es etwas mehr Transferables gibt als Geld, mehr Gesuchtes als Finanzbegabung. und glaubt man, daß es dann lange dauern würde, bis das Land, in welchen man solchen antisemitischen Absurditäten Rechnung trägt, wirtschaftlich und bald auch politisch ganz und gar ins Hintertreffen kommen müßte? Man denke an den wirtschaftlichen und politischen Wandel in Spanien. Doch wenden wir uns einer der zahlreichen andern antisemitischen Asurditäten zu. Wenn etwas, dann sind die Antisemiten stolz aus die germanische Tüchtigkeit und Vorzüglichkeit in allen und noch einigen Betätigungen des Lebens. Sie können nicht genug Rühmens machen von den germanischen Heldentaten und von den Werken deutscher Dichter. Dennoch tränen sie diesen Leistungen nicht genug Kraft zu, die Juden, die in den öffentlichen Schulen in den Geschichts- und Literaturstunden im Geiste deutscher Helden und Dichter herangebildet worden und das für andere Leute mit so großem Erfolge, daß Juden keine üble Rolle als deutsche Schriftsteller und Journalisten spielen, für das Deutschtum zu gewinnen. Wie können sie es aber dann wagen, wenn die wenigen Juden, die zugestandenermaßen sich gern gewinnen lassen wollen, die keinen eigenen Grund und Boden haben, die sich keiner eigenen lebenden Sprache und Literatur erfreuen, die keine politische Macht haben, an die sie im Notfälle sich wenden und auf die sie sich stützen könnten? Wie, fragen wir, können die Antisemiten jemals hoffen, die Millionen Polen, hinter welchen andere Millionen stehen, zu deutsch fühlenden Bürgern zu machen, die dicht beisammen wohnen, auf dem vor nicht allzu langer Zeit selbständig gewesenen vaterländischen Boden, eine lebende Sprache und Literatur besitzen und sich nicht gerne germanisieren lassen wollen? Wie auch nur die Dänen, die vor wenigen Jahrzehnten einem dänischen Vaterlande angehörten und benachbart sind einem noch heute unabhängigen dänischen Königreiche? Und wie gar die Franzosen im Reichslande zu assimilieren, die ein mächtiges Reich hinter sich haben? Aber die antisemitische Denkweise ist eben eine ganz und gar absurde und inkonsequente. Wir renommieren nicht fortwährend mit den Vorzügen Deutschlands, mit der germanischen Unübertrefflichkeit, und trotzdem denken wir höher von der Werbekraft des Deutschtums. Wir sind überzeugt, daß deutsches Denken und deutsches Tun, deutsche Ordnung und deutsche Gesetzlichkeit mit der Zeit Dänen, Franzosen und Polen zu guten deutschen Bürgern machen werden, wie es mit den Juden, nachdem ihnen einmal Menschen- und Bürgerrechte eingeräumt worden sind, in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit geschehen ist, wenn nicht die Teutobolde in ihrer Tölpelhaftigkeit das Germanisierungswerk gar zu sehr erschweren. Antisemitische Heißsporne sind bereit, eine nachdrückliche Förderung xer fas et nefas der jüdischen Auswanderung, hier und da sogar die Austreibung der Juden zu verhangen. Wieder eine kolossale antisemitische Absurdität, auch wenn man von der Inhumanität, die ja allerdings den Antisemiten keine Bedenken verursacht, gänzlich absieht. Wir sind überzeugt, daß Rußland und vielleicht auch einem und dem anderen mittel¬ oder westeuropäischen Kulturlande nichts Schlimmeres passieren könnte, als eine mehr oder mindere vollständige Auswanderung oder Austreibung der Juden. Sogar russische Staatsmänner geben zu, aus Zweckmäßigkeitsgründen, d. h. im Interesse der russischen Entwicklung, von einer Austreibung der Juden absehen zu müssen. Gerade Rußland kann die Intelligenz und Energie selbst der ausgepauverten, geduckten und meist auf noch niedriger Kulturstufe stehenden Juden nicht entbehren. Aber selbst das gewiß hochentwickelte Deutschland würde schwer genug die Lücke empfinden, die entstehen würde, wenn beispielsweise die jüdischen Industriellen, Finanziers, Schriftsteller und anderen Intellektuellen plötzlich zur Auswanderung genötigt wären. Die betreffenden Konkurrenten würden zweifellos eine vorübergehende Erleichterung verspüren, die deutsche Gesamtheit dagegen würde einen ungeheuren geistigen sowie materiellen Verlust erleiden, der es in mehr als einer Beziehung ungemein schädigen, weit zurückwerfen und außerordentlich schwächen würde. Aber wenn man wenigstens eine größere Anzahl durch halbes Stoßen, halbes Drängen aus dem Lande bringen könnte l Das ist antisemitischer Wunsch überall, ist Gipfel antisemitischer Staatsweisheit in Rußland und Rumänien. Torheit über Torheit! Denn zum Segen kann auch diese „gelinde" Austreibungs- Politik den betreffenden Ländern nicht gereichen. Wer wandert aus? Die ganz reichen Juden, diejenigen also, die man wegen ihres Reichtums beneidet oder zu fürchten vorgibt, nicht, denn sie sind mächtig genug, sich Ruhe und Sicherheit erkaufen zu können. Dagegen wandern aus die physisch, geistig und materiell Kräftigsten, die Strebsamsten und Energischesten, und zurück bleiben die Alten, Schwachen, Kranken, die auch moralisch Minderwertigen, und das Land behält dank seiner ebenso inhumanen wie absurden Antisemitenpolitik fast ausschließlich die Juden zurück, die es — verdient und die dem Lande so oder so zum Schaden und zur Last gereichen müssen. Doch genug der antisemitischen Absurditäten. Erschöpfen läßt sich das Thema ja überhaupt nicht. Es werden jedem Dutzend Absurditäten, und keine geringen, einfallen, die man anch hätte behandeln, wenigstens einstechten können. Wo man eben den Antisemitismus anfaßt, da ist er absurd, und das ist noch das Gelindeste, was von ihm gesagt werden kann. Kephardim. Unter diesem Titel brachte die „Neue Freie Presse" vom 23. Juni eine historische Mitteilung über Diego de A q u i l a r, später Mose Lopez Pereira. Im Jahre 1878 kam Schreiber dieser Zeilen auf seinen Reisen in Ungarn nach Groß-Kanizsa und nahm dort Gelegenheit, den seligen, sehr gelehrten Rabbiner Fasset auszusuchen. In überaus anregendem Gedankenaustausch wurde über allgemeine, jüdische Fragen, über das ungarische Judenthema und unter anderem auch von den Spaniolen und Sephardim gesprochen, wobei Herr Rabbiner Fasse! die Lebensgeschichte des genannten Mose aufs Tapet brachte. Dieser Mose war ein Bischof und hat das Todesurteil seiner Schwester unterschrieben. Später flüchtete er mit seiner Mutter auf österreichisches Gebiet, verwendete sich bei Maria Theresia für die Juden iu Mähren und erwirkte die Reduktion der großen Steuerzahlung, welche den Juden auferlegt war. Mose reiste dann nach Jerusalem, besuchte die Gräber der Patriarchen, wohnte eine längere Zeit in Jaffa und zog endlich nach Preßburg, wo er sich wieder dem Judentume anschloß und als Baal Tschuba sich stets vor Beginn des Gottesdienstes von den das Gotteshaus besuchenden Betern die Fußzehen abtreten, ließ. Derselbe starb unter dem Namen Moses Jaffa in Preßburg, woselbst" er seine Grabstätte hatte. Schreiber dieser Zeilen trat dann mit dem seligen Rabbiner Josef Weisse in Vag-Ujhely in Korrespondenz, welcher zufolge seiner Anregung das Grab dieses Baal Tschuba Moses Jaffa in Preßburg aufsuchte, jedoch dasselbe nicht finden konnte. Mauer bei Wien, im Juli 1907. Albert Löw. mm mm

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