Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 28 (19.7.1907)
- Date
- 1907-07-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Die Wahrheit Seite 5. zukommen, erklärte sich Herr N. bereit, mir ein „gutes Wort", das er sich aus jenem „Vortrag" besonders gemerkt, mitzuteilen: „Als die Söhne Israels in Refidim infolge Wassermangels den treuen, aufopfernden, gottbegnadeten Lehrer und Führer Moses mit den bittersten Vorwürfen überhäuften, rief dieser verzweiflungsvoll aus: „Es fehlt nicht mehr viel und sie werden mich steinigen!" Und die göttliche Stimme beruhigte und besänftigte ihn, indem sie ihm zurief: „awanr lifhe hoom“ re., d. h. angeblich nach der Ansicht des in Rede stehenden „Agadisten": Gott rief dem verzweifelten Moses zu: „Fürchte nicht und zage nicht, fasse Mut, ziehe vor dem aufgeregten Volke unerschrocken her, awaur, und du wirst sehen, daß sie dich nicht steinigen und dir überhaupt nichts in den Weg legen werden, denn die Leute sind nicht so böse, wie du annehmen zu müssen glaubst; man muß nur ihnen zu imponieren verstehen." „Ist diese Erklärung nicht geistreich?" frug mein Freund N. „Allerdings", entgegnete ich ihm, „verdient diese Schrifterklärung eine scharfsinnige genannt zu werden, allein Sie hätten beim Anhören dieses Vortrages dem Agadisten mit Fug und Recht zurufen dürfen: „Sein" oder nicht „sein", das ist hier die Frage! Denn diese Erklärung ist nicht neu, die finden Sie in „Raschi" zur Stelle. Wenn also Männer aus der alten Schule, wie mein Freund N., die tatsächlich viel, sehr viel gelernt haben, das Studium des berühmten Raschi-Kommentars derart vernachlässigten, daß ein polnischer Darschan es ungestraft wagen durfte in ihrer Gegenwart au Raschi ein Plagiat zu begehen, was Wunder also, daß unsere modernen „Großen", die doch bekanntlich auf allen Gebieten des kultuelleu und kulturellen Lebens so heimisch sein müssen, um sich rühmen zu können, „daß sie mit den Vorgängen in den lichten Höhen ebenso vertraut sind, wie mit den Ereignissen der Erde", dem berühmten Kommentar des Jizchaki fast gar keine Beachtung schenken. Dr. Fr. * * Zu den treffenden Bemerkungen des Herrn Rabbiner Dr. Kahan in Ihrem geschätzten Blatte Nr. 27 möchte ich noch folgendes hinzufügen: Raba meint (Megila 15d), daß Ahasverus in der schlaflosen Nacht folgenden Gedankengang hatte: „Hamans Auszeichnung ist vielleicht ein Anschlag aus mich. Wie ist aber möglich, daß sich am Hofe kein Freund findet, der mir dies mitteilt. Habe ich vielleicht jemand, der mich vor einem Anschlag warnte, nicht gebührend belohnt und findet sich darum niemand? Da befahl er die Chronik zu bringen usw. usw." Also, wie wir sehen, sind die Talmudisten bessere Psychologen und Prediger, löte so mancher berühmte, moderne Rabbiner. Dem Lobredner des Herrn Rabbiner Dr. Maybaum, Herrn Rabbiner Dr. H. aber möchten wir zurufen: Ein Rabbiner soll doch den Talmud oder wenigstens die Agada zur Stelle kennen, bevor er seine Freunde lobt, obzwar der Talmud dies zu den Dingen, die ein Talmud-Chacham (Rabbiner?) kennen soll, (Chulin 9 a) nicht rechnet. r, Antisemitische Absurditäten. Bei der Aufgabe, die wir uns gestellt, über antisemitische Absurditäten zu schreiben, ist man in Verlegenheit, womit man anfangen, und wo man aufhören soll. Denn der ganze Antisemitismus ist ja eine Riesenabsurdidät. Aber knüpfen wir einmal an den Heimgang des Professor Mendel an, dem die Blätter verschiedenster Richtung so schöne Nekrologe widmeten. Professor Mendel war Jude, hat aber doch an drei Feldzügen teilgenommen und das Eiserne Kreuz erworben. Er ist, obwohl er Jude und sogar freisinnig war, von dem konservativen Niederbarminer Kreistage in den Provinziallandtag entsandt worden. Ein freisinniger Jude als Inhaber des Eisernen Kreuzes und Vertrauensmann einer konservativen Körperschaft, das entspricht so ganz und gar nicht den antisemitischen Vorstellungen und Darstellungen von Juden. Aber darüber wollten wir gar nicht sprechen. Professor Mendel war nämlich noch viel mehr als tapferer deutscher Soldat und Provinziallandtagsmitglied, er war eine wissenschaftliche Leuchte ersten Ranges. Weit über Deutschlands Grenzen hinaus war sein Ruf gedrungen, und so mancher Potentat hat ihn berufen, um sich bei ihm Rat zu holen. Er war Jude; aber das wußten wahrscheinlich nicht zehn unter hundert seiner in- und ausländischen Patienten, sondern sie wandten sich an ihn nicht als an einen Juden, sondern als an einen deutschen Forscher, Gelehrten und tüchtigen ärztlichen Berater. Daß er dem Judentum Ehre gemacht, das wußten nur wenige; daß er der deutschen Wissenschaft und Tüchtigkeit Ehre gemacht hat, das wußten Millionen und priesen in ihm den Deutschen und deutsches Wissen und Können. Wäre es aber nach den Antisemiten gegangen, danll hätte dieser Mann nicht der Wissenschaft dienen, nicht Zehntausenden seiner Landsleute raten und helfen, nicht zahlreiche deutsche wissenschaftliche Jünger ausbilden, nicht der deutschen Wissenschaft und dem deutschen Namen Ehre machen dürfen. Denn Mendel war ja Jude. Nach antisemitischem Rezept sollen Juden nur prozentweise zum Besuch der Universitäten, gur Ausübung der Praxis gar nicht oder nur im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszisier und zu den Lehrstühlen um Gottes nullen nicht zngelassen werden. Der Antifemitenhünptling Dr. Lueger ist so gnädig, die Juden wohl studieren zu lassen, aber sie sollen ihre Wissenschaft beileibe nicht praktisch verwerten dürfen. Das heißt, der Antisemit, der den Juden nur materielles Trachten zum Vorwurf macht, mutet denselben Juden zu, daß sie ans rein platonischer Liebe zur Wissenschaft studieren sollen und — verhungern. Ginge es nach den Antisemiten, dann Hütte Deutschland sich keines Mendel, keines T r a u b e, keines L a z a r u s und nicht so vieler anderer jüdischer Leuchten der Wissenschaft rühmen dürfen. Wären Deutschland und die deutsche Wissenschaft dann besser daran? Wäre es für Deutschland vorteilhafter, wenn diese Männer in einem anderen Lande sich niedergelassen hätten und wenn die studierende Jugend und das leidende Alter sich nach diesen Ländern gewandt hätten? Denn die wenigsten Gelehrten und Forscher sind in der Lage, ohne jede praktische Verwertung ihrer Wissenschaft zu leben und noch wenigere sind willens, einer antisemitischen Absurdität zuliebe 311 verhungern. Und warum sollen Juden, auch wenn sie noch so tüchtig sind, ihre Tüchtigkeit nicht im Interesse ihrer Landsleute praktisch verwerten dürfen? Dr. Lueger fürchtet den Einstnß der jüdischen Professoren, Aerzte, Juristen u. s. w. Nun, wir sind fest überzeugt, dieser Einfluß würde oder könnte weit bedeutender sein, wenn solchen Juden nicht gestattet würde, ihre Berufe auszuüben. Oder hat ein Spinoza, der keinen Lehrstuhl inne hatte, der ein ganz bescheidenes, harmloses Handwerk betrieb, nicht mehr Einfluß auf die Menschen ausgenbt als so und so viele Professoren, Richter, Aerzte u. s. w.? Gewiß, die Spinoza sind dünn gesät. Aber meint man, daß die jüdischen Akademiker, die, weil ohne Beruf, sich durch literarische Arbeiten, durch Beiträge für Zeitungen ernähren müßten, nicht unendlich mehr Einfluß gewinnen würden, als durch Ausübung ihrer legitimen Berufe? Und dieser Einfluß märe wahrscheinlich nicht immer ein sehr guter, denn die Leute wären mit Recht erbittert darüber, daß sie wegen einer antisemitischen Absurdität genötigt sind, sich ihren Lebensunterhalt gewissermaßen auf Hintertreppen zu erwerben. Ja, aber darum sollten Juden auch nicht für Zeitungen schreiben dürfen. Auch eine solche Absurdität trauen wir ohne weiteres den Antisemiten zu. Nur wären sie außerstande, das zu verhindern. Die Zeitungsartikel sind anonym, und» es gibt Pseudonyme. Redaktionen haben nicht Zeit, wenn ihnen ein wichtiger akttieller Artikel zugeschickt wird, lange nachzuforschen, ob der hundert Meilen davon entfernt wohnende Verfasser Jude ist. Sie haben auch keine Lust dazu und kein Interesse, es zu tun. Die von der Ausübung ihres legitimen Berufes verdrängten Juden würden dann erst recht und wahrscheinlich mit Erfolg das tun, was ihnen der Wiener Oberbürgermeister jetzt ohne jeden Grund zuschreibt: daß sie nichtjüdische Gelehrte und Forscher nicht auflommen lassen. Sind die Koch, Bergmann, Langen b eck, Renvers, Li st er, Pasteur und viele andere Koryphäen auf allen Gebieten etwa Juden? Aber wenn alle akademisch gebildeten Juden, wie jetzt nur einige, genötigt