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Die Wahrheit · 1907-07-12 · Heft 27 (12.7.1907) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 27 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 27. Feuilleton. Akt Marjim. dtovelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) „Auch Sie bedauere ich. gräfliche Gnaden, auch Sie, und ich möchte gerne meinen ganzen Lebensrest dafür geben, wenn ich Sie dadurch wieder so fröhlich und glücklich wissen könnte wie zuvor. Aber glauben Sie mir, Herr Graf, Sie sind immer besser daran, als sie es ist. Sie sind und bleiben der hochgeborene Graf Sokolov, und wenn Sie über hundert Jahre die Augen zumachen, werden Sie in allen Ehren an der Seite der hochseligen Frau Gräfin in der Familiengruft bestattet werden. Aber so eine Frau, welche den geraden Weg verläßt, diese findet niemals im Leben Ruhe und Frieden, sie gehet so lange von einer Hand in die andere, verachtet und von ehrlichen Frauen gemieden, bis sie irgendwo in der Fremde ein böses Ende nimmt." Verwundert blickte der Gras die Sprecherin an. „Woher-weißt Du das so genau, Marjim? Deine ganze Weltkenntnis schöpfst Du ja nur aus den Erfahrungen, die Du unter Deinen Glaubensgenossen erworben hast; was weißt Du von solchen Frauen? Das gibts ja bei Euch nicht." „D!" stöhnte die Alte auf, „Sie sagen, das gibt es bei uns nicht? Mein eigen Fleisch und Blut hat den rechten Weg verlassen und ist auf Abwege geraten, und ich war eine schlechte Mutter, statt mein unglückliches verführtes Kind zu mir zu nehmen und es voller Liebe zu pflegen, habe ich es von mir gestoßen, ja, ich Unglückliche!" „Was, Deine Tochter, Marjim? Ich glaubte doch, daß sie irgendwo bei Verwandten gestorben ist." „Gestorben, verdorben, wo, weiß ich nicht und werde es vielleicht niemals erfahren. Gräfliche Gnaden, wenn Sie meine Esther gekannt hätten, gewachsen war sie, wie eine Zeder im Libanon, und so weiß, wie ein hochgebornes Fräulein, schwarzes Haar, wie die Kohlen, und ein paar Augen hat sie im Kopfe gehabt, wie die Sterne am Himmel. Mein ganzer Stolz war das Kind, und dafür hat mich Gott gestraft. Mein Brndersohn Chajim hätte das Leben für das Kind gegeben. Ich wußte das und war glücklich darüber, in bessere Hände hätte ich das Kind nicht haben können. Er hat zwar dann eine andere genommen, aber die rechte Liebe ist das nicht mehr gewesen. Seine Frau ist dann jung gestorben, und ich bin dann zu ihm gezogen, um ihm die Wirtschaft zu führen. — Gräfliche Gnaden waren noch ein ganz junger Herr, da ist die neue Brücke über den Fluß gebaut worden, und ein junger Ingenieur hat damals den Bau geführt. Der hat sich in mein Mädel verliebt und hat sie verführt. Sie ist einmal zu meinen Füßen gefallen und hat mir ihre Sünde bekannt und mich um Verzeihung angefleht. Ich wollte ihr verzeihen und sie zu meiner Schwester in Oberbähm*) schicken, daß niemand von hier von ihrer Schande erfährt, aber sie hat geweint, daß sie ohne ihren Geliebten nicht leben kann, da bin ich bös geworden und Hab sie von mir gejagt." „Warum hast Du nicht mit diesem gesprochen und ihn veranlaßt, sie zu heiraten?" „Wo denken Sie hin, Herr Graf, es war ja kein Jude. Sie ist mit ihm aus der Gegend verschwunden, seither Hab' ich nichts mehr von ihr gehört und Hab' auch seither keine ruhige Stunde gehabt aus Reue über meine Hartherzigkeit. Seit der Zeit, wenn ich von so einem unglücklichen verführten Weibe höre, denk' ich immer an meine verstoßene Tochter und muß weinen." „Armes Weib!" sprach Graf Berthold, voll innigen Mitgefühls. „Deswegen Deine mir immer so unbegreifliche Schwermut! Aber tröste Dich, Du unglückliche Mutter! Dein Kiud har gewiß auch eine Ruhestätte gefunden, um Deiner Verdienste willen. Du Bibelkundige, hast Du denn auf den Satz vergessen, daß Gott Gnade erzeugt bis ins tausendste Geschlecht denen, die ihn lieben und seine Gebote halten? Du hast das Vergehen einer unglücklichen Stunde — wenn Deine Handlungsweise überhaupt ein Vergehen ist — durch Dein alles aufopferungsvolles Benehmen gegen Kranke und Bedrängte vollauf gesühnt und kannst Deinem unruhigen Herzen schon Ruhe gebieten." „Sie sind so gut, Berthe!, so liebevoll mit einem gemeinen alten Weibe, Gott zahl', es Ihnen und Ihren Kindern," sagte laut schluchzend die Alte, indem sie die Hand des Grafen ergriff und voll dankbarer Innigkeit an ihre Lippen drückte. „Laß dies, Marjim," rief dieser fast erschrocken aus, „verbanne lieber Deine Gedanken; mich reut es sehr, sie mit der Erzählung meines Unglückes erregt zu haben." „Wenn ich vor meinem Ende noch erfahren könnte, was aus dem armen Kinde geworden ist." „Vielleicht geschieht das noch," tröstete sie der Graf. „Willst Du, so werde ich in den hiesigen und ausländischen Zeitungen einen Aufruf erlassen, vielleicht erfahren wir dadurch ihren Aufenthalt." Traurig schüttelte die Greisin das Haupt. „Zu spät, zu spät, Herr Graf! Sie ist verdorben, gestorben!" (Fortsetzung folgt.) Erster Mädchen-Ausstattungs-Verein a. G. in Budapest. Die ordentliche Generalversammlung dieser Anstalt hat unter Borsitz des Präsidenten Armin Schwarz startgefunden. Dem Generalberichte und der vorgelegten Bilanz ist zu entnehmen, daß das Verwaltungsjahr 190s ein günstiges war und daß sich die Fonds der Anstalt gegen das Borjahr trotz der namhaften, mit X 1,078.779 89 erfolgten Auszahlung der Fälligkeit von X 12.796.010-46 auf X 14.051.01128 erhöht haben, welche Fonds in ihren Hauptposten aus folgendem bestehen: X 3 000.000 Nominalwert ungarischer Kronenrente. X 900.000 Nominalwert hauptstädtischem Anlehen, X 4,908.000 Nominalwert pupillarsicheren Pfandbriefen, X 1,618.289-70 Spareinlagen und in drei vierstöckigen Anstaltsgebäuden in der Hauptstadt mit dem Jnvestirionswerte von X 2,075.554-67. Die Prämieneinnahme betrug X 2,949.900'51, das Zinsenergebnis belief sich auf X 571.698'64, die Prämienreserve beträgt X 12,535.884-87, bereu Ueberschuß des Jahres 1906 betrug X 64.806 35; im Sinne des § 58 der Statuten wurden hievon 50 Perzent dem Prämienerhöhungsfonds zugewiesen, wodurch dieser sich auf X 544.787-98 erhöht; die verbleibenden 50 Perzent fallen der Spezialreserve zu und diese beträgt nun X 528.606-35. Der Pensionsfond der Beamten der Anstalt hat sich von X 195.080-14 aus X 230.724-03 erhöht und die Generalversamnilung votierte unter Anerkennung der treuen und eifrigen Dienste des Beamtenkörpers dem Pensionsfonds den Betrag von X 6000. Der Bericht und die Bilanz wurden nach Verlesung des Berichtes des Aufsichtsrates genehmigend zur Kenntnis genommen und auf Antrag der Mitglieder Bartholomäus G ä t und Emerich Laky wurde dem Präsidenten Armin Schwarz, der Gesamt-Direktion und dem Aufsichtsrate, sowie auch dem leitenden Direktor Arnold K o h n einstimmig protokollarisch Dank votiert. Die früheren Aufsichtsräte wurden wiedergewählt. — Nach der Generalversammlung fand eine Direktioussitzung statt, in welcher Oberbuchhalter Isidor Friedländer zum Direktorstellvertreter ernannt wurde. Wir sehen hier, wie ein Institut zielbewußt und rüstig vorwärts schreitet und es von kleinen Anfängen zu einer dominierenden Position unter den Lebensversicherungsanstalten gebracht hat. Die Ernennung des Herrn Isidor Fried länder zum Direktorstellvertreter beweist uns, daß die Verwaltung des Institutes langjährige ehrliche Arbeit bestens zu würdigen weiß. Die Hoforgelfabrik Gebrüder Rieger in der Olmützer Ausstellung für neueste Erfindungen. Einen Ehrenplatz unter den ausgestellten Objekten, nimmt die elektro-pneumatische Orgel ein, ein Erzeugnis und nenestes Patent der Orgelbaufirma Gebrüder Rieger in Jägerndorf und Budapest. Die Firma, die heute als die größte ihrer Art auf dem Kontinent gilt, wurde im Jahre 1873 vom Vater des derzeitigen Besitzers Otto Rieger gegründet. Sie exportiert in alle Weltteile und das 1300ste Werk ihrer Fabrikation ist die in Olmütz ausgestellte Orgel. Auf dieser gelangte am Eröffnungstage, als der Erzherzog-Protektor Ferdinand Joses die Jndustriehalle betrat, zur Begrüßung in mächtigen Tönen die Volkshymne zum Vortrag. Herr Otto Rieger, der derzeitige Inhaber der Firma Rieger, war der erste Aussteller, der vom Erzherzog angesprochen wurde. Letzterem war Herr Rieger von einem Besuch im Fabriksetablissement der Firma in Jägerndorf wohlbekannt, woher Erzherzog schon Gelegenheit hatte, die ausgestellte Orgel zu besichtigen. Der Erzherzog verabschiedete sich von Herrn Rieger mit huldvollen Worten und dem Versprechen, seinen Besuch in Jägerndorf zu wiederholen. Anläßlich der Anwesenheit des Männergesangvereines besichtigte auch Erzherzog Leopold Salvator die Ausstellung in der Jndustriehalle und auch bei dieser Gelegenheit war Herr Otto Rieger der erste Aussteller, der ang^'prochen wurde. Der Erzherzog, ließ sich die Beschaffenheit der Orgel erklären und war über die Mitteilung erfreut, daß die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien eine gleiche Orgel für den großen Musikvereinsiaal bestellt hat. Auf Wunsch des Erzherzogs erläuterte ihm Herr Rieger die Orgel in den einzelnen Details. Der Erzherzog bezeichnete die Orgel als eine sehr interessante Neuerung und verabschiedete sich, Herrn Rieger die Hand reichend, mit sehr huldvollen Worten. ’) Die Gegend um Pilsen.

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