Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 27 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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nie 27. Die Wahrheit Seite 7 Verschiedene Nachrichten. Wie», (Theodor v. Goldschmidt.) Mittwoch, den 10. d. M., hat Baurat Theodor Ritter v. Goldschmidt, Gemeinderat der Stadt Wien und 2. Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, das 70. Lebensjahr vollendet. Von Seilen seiner zahlreichen Freunde und Verehrer in der Gesellschaft uud in der Wiener Kultusgemeinde, die jetzt größtenteils von Wien abwesend sind, wird eine solenne Feier des 70. Geburtstages erst Zum Herbste geplant, und da werden auch wir Gelegenheit nehmen, das vielseitige öffentliche Wirken dieses ausgezeichneten, stets hilfsbereiten und mit seltener.Liebenswürdigkeit ausgestatteten Mannes zu würdigen, der die Traditionen seines Vaters und Bruders fortsetzend, -im Kultusvorstande als eine der letzten Säulen aus jener klassischen Zeit bineinragt, da die Wiener Kultusgemeinde noch unbestritten die Führung des gesamten Judentumes innehatte und große Männer in großen Zügen dieses glänzend aufstrebende jüdische Gemeinwesen leiteten. Im Bureau der Kultusgemeinde wurde Herrn v. Goldschmidt jedoch schon am eigentlichen Geburtstage eine kleine Ovation bereitet. Das Präsidialzimmer, in welchem Vizepräsident i), Goldschmidt amtiert, war reich mit Blumen geschmückt und unter Führung des vom Urlaub zurückgekehrten ersten Sekretärs kaiserl. Rat Dr. Lieb eit erschienen, die Beamten und Diener der Gemeinde, um dem Jubilar ihre -Glückwünsche zu übermitteln. Auf die Ansprache des Herrn Dr. Lieben erwiderte Baurat v. Goldschmidt mit ebenso geistreichen als herzlichen Dankesworten. Unter den Gratulanten erschien auch eine von der Direktrice Fräulein Henriette L i p j ch i tz geführte Deputation der Zöglinge des Königsberger-Waiseninstitutes, dem Vizepräsident v. Goldschmidt seit jeher besonderes Interesse und Fürsorge zuwendet. Nach Beendigung der Gratulationscour ging es dann an die gewöhnliche Tagesarbeit, welche Baurat v. Goldschmidt jetzt, während der Urlaubszeit des 1. Vizepräsidenten, in größerem Umfange bewältigt. Wien. Die Industriellen Gottlieb Lederer und Isidor Popper wurden als kaiserliche Räte und fachmännische Laienrichter an das Handelsgericht berufen. — Herr Gottlieb Lederer, Chef der bekannten Fabriksffrma Lederer & W o l f, erfreut sich in kaufmännischen und gesellschaftlichen Kreisen großer Verehrung und Wertschätzung. — Herr Isidor Popper, Chef der Liesinger Druckfabrik Popper & Ornstein, genießt hohes Ansehen in der Kausmannswelt. Als Vizepräsident des Ersten Kaufmännischen Vereines, als Präsident der Neuen Wiener Handelsakademie hat sich kais. Rat Popper große Verdienste erworben. Wie». Herr Dr. Jakob Reiß, der seit einer langen Reihe von Jahren als Religionslehrer an hiesigen Mittelschulen wirkt und sich in weiten Kreisen allgemeiner Beliebtheit erfreut, wurde vom niederösterreichischen Landesschulräte zum k. k, Professor ernannt. Baden. Am 8. Juli feierte Herr Bernhard Weiß, erster Tempeldiener mit gleichzeitiger Funktion als Vorbeter und Religionslehrer in der Badener israel. Kultusgemeinde, sein 25jähriges Dienstjubiläum. Der Jubilar hat sich stets durch Dienstbeflissenheit und Pflichteifer ausgezeichnet, und so hat der Kulcusvorstand diesen Tag zum Anlaß genommen, dem Jubilar zu seinem Ehrentage zu gratulieren und ihn mit einem sinnigen Ehrengeschenke auszuzeichnen. Luhatschowitz. Unser aufstrebender, herrlicher Kurort erfreut sich immer größeren Zuspruches, der allerdings nebst der wunderbaren natürlichen Lage und der bewährten Heilkraft der Mineralquelle, der unermüdlichen Fürsorge der Kurverwaltung zu danken ist, die nichts unterläßt, um den alten Ruf von Luhatschowitz mit neuem Glanze zu umgeben. Was zur Einrichtung und Ausstattung eines modernen Kurortes gehört, wird - hier zu mäßigen Preisen geboten und der Kranke, der hier Heilung sucht, fühlt sich gut aufgehoben. Den jüdischen Kurgästen von Luhatschowitz wird es besonders willkommen sein, daß der neuangestellte Badearzt Dr. Frankl (ein Sohn des Herrn Rabbiners Dr. Frankl-Grün in Kremsier), ein Jude ist, und es zeugt diese Ernennung auch, daß die Badeverwaltung frei von konfessioneller Engherzigkeit ist und in jeder Beziehung auf die große Zahl der jüdischen Kurgäste Rücksicht nimmt. Trencsin-Teplitz. Am 30. Juni wurde am Jahrzeitstage dem vor einem Jahre verstorbenen Oberkantor unserer Gemeinde, Herrn Adolf Benedikt, der 40 Jahre hindurch in mustergiltiger Weise seinen Posten bekleidete, in solenner Form ein Grabstein gestellt. Nebst der vollzählig anwesenden trauernden Familie umstanden die Gemeindemitglieder, mit dem Vorstand Herrn Armin Fried an der Spitze, das Grab. Oberkantor Treuhaft, der Nachfolger des unvergeßlichen Verblichenen, intonierte tief ergriffen den Trauergesang, worauf Herr Samuel Steiner in schwungvollen Worten dem Toten einen Nachruf widmete. Nach den üblichen Gebeten verließ die Trauergesellschaft den Gottesacker mit dem erhebenden Gefühle, 40 Jahre unermüdlichen, gottessürchtigen und fast beispiellos menschenfreundlichen Wirkens gedenkend und ehrend, sich selbst geehrt zu haben. Lugos. Für die hiesige Kultusgemeinde wurde nach einem mit großem Beifalle gehaltenen Vorträge Herr I. Gellmann (Schüler des Oberkantors Baue r, Wien) als Kantor gewählt und hat derselbe bereits sein Amt angetreten. Djakovar. Herr Kantor Isidor Glück aus Lakompak (Schüler des Herrn Oberkantor Bauer in Wien) wurde einstimmig zum I. Kantor unserer Gemeinde gewählt. Demselben geht ein vorzüglicher Ruf als Kantor voraus. Jüdische territorialistische Organisation. Die „Jewish Gazette", das rührende jüdische Organ in Amerika, welches dem Plane der „Jto" — die Emigration über Galveston zu leiten — etwas skeptisch Zegenüberstand, veranstaltete inbezug auf die Frage, ob Texas für jüdische Niederlaffungen geeignet ist, unter seinen Lesern in diesem Staate eine Enquete, betitelt: „Wird der wandernde Jude seine Habe nach Texas führen?" In der Nummer vom 21. Juni erscheint nun das Erstlingsergebnis dieier Umfrage in der Form von drei Briefen von Korrespondenten aus verschiedenen Städten Texas'. Der erste derselben besagt, daß der Plan, die jüdischen Emigranten nach Texas zu schicken, ein sehr guter ist. Denn hier sind Handwerker aller Art gesucht. Texas ist durchaus kein wildes Land, wie viele glauben. Es leben dortselbst bereits viele Handwerker, denen es allen sehr gut geht. Auch Schreiber dieses Briefes begann als Handwerker und sei heute Besitzer eines prosperierenden Geschäftes. Der zweite Korrespondent, der sich als ein Wohltäter vorstellt, sagt, daß alle jene, die nach Texas kommen, glücklich sind. Das Leben ist dort viel ruhiger und demokratischer, als in den östlichen Städten. Wenn die Emigranten zu farmern wünschen, kann es keinen besseren Flecken geben. Derselbe Korrespondent führt ein Beispiel eines japanischen Ehepaares an, welches im vergangenen Jahre einwanderte und Land zu 3 Dollar per Acre angekauft hat, dasselbe mit Reis bebaute, und das heute einen Wert von 25 Dollar per Acre repräsentiert. Der dritte Korrespondent sagt, wenn die Emigranten irgend ein Handwerk in der Hand haben, dann bietet ihnen der Staat ausgezeichnete Gelegenheiten, ohne daß sie gezwungen wären, Hausierer zu werden. Schreiber lebt in Texas seit 1898 und durchquerte den ganzen Staat. Nach seiner Meinung sei Texas der Staat für jüdische Einwandernng. London. In New-Court fand am 27. Juni e.in Meeting des „Emigrations-Departements" der „Jto" statt. Mir Rücksicht auf die Erfolge, welche die Tätigkeit gleich zu Anfang brachte, rourde der Plan erwogen, in sämtlichen Orten Rußlands Zweigbureaux zu errichten. Gegenwärtig bestehen in folgenden Städten Emigrationsbureaux der „Jto": Kiew, Warschau (2), Eletz, Ekarerinoslav, Bielostock, Kowno, Wilna, Grodno, Zitomir, Berditschew und Odessa. — Am 11. Juli wird der dritte Transport von jüdischen Emigranten von Bremen m See stechen, für welchen Tag eine neuerliche Zusaminenkunft des Komitees beschlossen wurde. Hamburg. (H a m b u r g - A m e r i k a - L i n i e.) Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach N ew- York: Schnellpostdampfer Deutschland 11./7, die Postdampser: President Lincoln 13./7., Graf Waldersee 20./7., Kaiserin Auguste Victoria 25./7., Pennsylvania 2I./7, Blücher 1./8., Silvia 3./8., Amerika 8. 8. Nach Boston: Die Postdampfer: Badenia l2./7., Alexandria 16./7., Bosuia 28./7. Nach Baltimore: Die Postdampfer: Badenia 12./7., Bosnia 28./7. Nach Philadelphia: Die Postdampfer: Pallanza 20./7., Barcelona 21.fl. Nach Neworleans: Postdampfer Tronto 10./7. Nach W e st i n d i e n: Die Postdampfer: Caledonia 10./7., Schwarzburg 2b.ll. Nach Mexiko: Die Postdampfer: Dania 13./7., Odenwald 18./7., Bavaria 27./7. Nach Ostasien: Die Postdampfer: Liberia 10.7., Rhenania 20./7., Suevia 30./7., Belgravia 10./8. Arabis ch-P ersischer Dienst: Die Postdampfer: Canadia 27./7., Assyria 24./8. Petersburg. Ueber eine Judenmetzelei, welche am 1. Juli in Odessa veranstaltet wurde, berichten Petersburger Blätter folgendes: Am 1. Juli um 8 Uhr abends fand im Gebäude des städtischen Auditoriums eine Versammlung von Seeleuten statt, die zum „Verband des russischen Volkes" gehören. Gegen Schluß der Versammlung verließ eine Gruppe junger Leute den Saal und begab sich an die Ecke der Mjassojedowfkaja und Bolgurskaja Straße zum Hause Russkichs, worin sich eine Traktieranstalt befindet. Vor dieser Anstalt drängt sich immer ein Haufen junger Leute. Nachdem sich ihnen dieMitglieder genähert hatten, kehrten sie um und gingen zurück. In dem Augenblick aber pfiff jemand von dem Hausen am Tor der Traktieranstalt, auch soll jemand nach den abziehenden Mitgliedern des Russischen Volksverbandes einen Stein geworsen haben. Daraufhin gaben die M i t g l i e d e r Feuer. Furcht bemächtigte sich der Leute, die sich auf der Straße befanden, die Tore wurden geschlossen. Junge Burschen, denen eine Gruppe zu Hilfe kam, lösten sich nun in kleinere Abteilungen auf und zogen auf die Kosiezkaja, Bolgarskaja und auf die „Straße des 19. Februar", auf die Mjassojedowskaja rc., überall durch ihr Erscheinen die Vorübergehenden in Schrecken versetzend. Es währte nicht lange, so brachte man den 17jährigen Scholem Kaplan, dem jemand mit einem stumpfeu Gegenstand einen so wuchtigen Schlag ins Genick versetzt hatte, daß er zu Boden fiel, ins jüdische Krankenhaus. Gleich nach ihm brachte man die 17jährige Lisa Trachtenberg dahin, welche von einer Revolverkugel ins Schulterblatt getroffen worden war. Inzwischen knallten an der Ecke der Kosiezkaja- und Bolgarskaja-Straße rasch nacheinander mehrere Schüsse und nach dem Empfangszimmer des bereits erwähnten jüdischen Krankenhauses brachte man: den 18jährigen Jusef Tertjak mit einer Schußwunde in der Seite, den 28lährigeu Hersch Blatzlawer, den Boruch Tscherny mit einer Stichwunde im Unterleib. Tscherny mußte sofort einer Operation unterzogen werden. Inzwischen stand an der Ecke der Kostezkaja und Bolgarskaja-Straße ein ärmlich g e k l e i d e r ffianu un Alter von 35 bis 40 Jahren. In der Hand hielt er eine jüdische Zeitung. Als er die Schießerei hörte, steckte er die Zeitung in die Tasche. In dem Augenblick knallte ein Schn ß. und von einer Kugel getroffen stürzte der Mann tot zu Boden. Man brachte ihn nach der Totenkammer des jüdischen Krankenhauses. Er erwies sich später als der 60jährige Rüben Lachmaun. Der Polizeimeistergehilfe E. W. Kissljakowski erschien am Tatort, er besuchte auch das jüdische Krankenhaus und beruhigte die Menge, die sich vor dem erwähnten Krankenhause drängle. Beim Toten und beim Verwundeten fand man keine Waffen.