Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 27 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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OeKerr Ungar. Kantoren Zeitung. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Kantoren dringendst ersucht, den Abonnementsbetrag für das am 1. Juli begonnene S Quartal umgehend ernznsenden. Die Administration. Gmolnmente nnS Krbenrinkünfte. Vor wenigen Tagen wurde eine halbamtliche Mitteilung verlautbart, die uns das baldige Jnkrafttretew des Versicherungsgesetzes für Privatbeamte in Erinnerung brachte, durch welches bekanntlich auch für die jüdischen Kultusbeamteu in Oesterreich, unter Beitragsleistung der Gemeinden, eine Versicherungspflicht auf Invalidität und Todesfall statuiert wird. Die Versicherung richtet sich nach der Höhe des Einkommens, in welches auch regelmäßig wikderkehrende Nebeneinkünfteeinbezogen werden sollen. Diese letztere Bestimmung dürfte vielleicht endlich einmal dazu führen, das gesamte Nebeneinkommen zu pauschalieren und dem unwürdigen Mathonoth-Wesen ein Ende zu bereiten. Die geradezu beschämende Art, wie diese Mathonoth gegeben werden, hat einmal ein trefflicher Kollege mit treffenden Worten gezeichnet. Es ist wohl schon lange her — fast auf den Tag 25 Jahre — aber seine damaligen Ausführungen sind heute noch so wahr, daß sie wohl verdienen, wortgetreu wiedergegeben zu werden : Was halten Sie von einem Manne, der darauf angewiesen ist, ein Douceur — groß oder klein — anzunehmen? Denken Sie nach, ob Sie in irgend einer Berufssphäre einen Mann finden, der auf größere Achtung berechtigten Anspruch machen will und doch dabei.sich Geschenke in die Hand drücken läßt, um sodann pflichtschuldigst mit einem tiefen Kratzfuß für die hohe Gnade und Güte danken zu müssen! Wir Kantoren tuns und fühlen die Erniedrigung, die gewiß in der Tatsache liegt, schon gar nicht mehr, wie der Raucher, der im Qualme sitzt, denselben nicht mehr spürt. Ich will Ihnen erzählen, wie mir's erging, als ich zum ersten Male — es ist noch gar nicht so lange her — in die Lage kam, Geschenke — nnn: — in Empfang zu nehmen, und will Ihnen die Gedanken mitteilen, die mir hiebei unwillkürlich durch das Hirn flogen. Da kam die Magd des nahewohnenden Bettfedernreinigungsanstalt-Jnhabers, eines Mannes, mit dem ich in Beziehung gesellschaftlicher Stellung wahrlich nicht tausche, und drückte mir mit vielsagendem Lächeln ein gewichtiges Kuvert in die Hand. Was würde der Mann sagen, wenn i h m jemand oder gar ich selbst ein solches Geschenk machen würde? Heiß schoß mir's zu Kopfe, aber — ich mußte nehmen; ich bin ja der Kantor, dem man schon was schenken darf! Ich will den guten Mann nicht schelten, daß seine Gabe nicht größer war, als er sie auch dem Kellner zu Neujahr überreicht. Er tat ja, was er konnte und ließ sich noch von dem Sprüchlein leiten: Vis dat, qui cito dat! Nach und nach wurde ich abgestumpft, das stereotype: „Meinen besten Dank dem Herrn von'... und einen Handkuß der Gnädigen" floß mir schon unbewußt und ohne Stockung von den Lippen.. Aber trotz meines Sträubens kansts mir immer wieder in den Sinn: Wieder Einer mehr, der da glaubt, mir ein Geldgeschenk machen zu dürfen, und wieder Einer wenige r, der mir jene Achtung zollt, die ich zu beanspruchen mich berechtigt fühle. Und als mir bei meiner ersten Hochzeitsfunktion der roinnn bin ein Extratrinkgeld zufließen ließ, lag's mir auf den Lippen: Haben Sie auch dem Notar, der den Kontrakt aufsetzte, außer der Taxe eine Banknote zugesteckt? Aber ich durfte nicht. Gott sei Dank, daß es bei uns nicht üblich ist, von jedem Hochzeitsgaste sich in vielsagender und bedeutender Weise die Hand drücken zu lassen! O weh! Da höre ich gerade von-einer Anzahl bfcr geehrten Leser dm -Ausruf: „Das ist der größte Narr unter den Kollegen!" Und der eine sägt: „Vom Nehmen wird man nicht arm" und der andere: „Wenn man dir gibt, nimm; wenn man dir nimmt, schrei!" oder wie die weisen Lebensregeln alle heißen mögen. Aber, geehrte Kollegen, sagen Sie mir aufrichtig, nach reiflicher Ueberlegung, ob Sie es mit der Würde des Trägers des Gottesdienstes, mit der Stellung des Mittlers zwischen Gott und der Gemeinde — und als solchen wollen wir uns fühlen, trotz der Gegenmeinung anderer —vereinbarlich finden, Geschenke solcher Art anznnehmen? Purim naht heran! Da soll ich aus der Megillah lesen: a-'JvnKb m:nai inmb sr« nuo nbwai und unwillkürlich drängt sich mir die'Frage auf: Erhalte ich Geschenke im Sinne mnb D'n? Gewiß nicht! Denn, wer ist mein in, daß ich ihm nach der dem ninb entsprechenden Gegenseitigkeit seine Freundlichkeit erwidere? Oder bin ich der pna? Erklären Sie mir das, mein Freund! Aber der Standpunkt der Praxis? Wie könnten wir leben ohne m:na, die doch einen erklecklichen Teil unserer mit dem klingenden Titel „Emolumente" ausgestatteten Nebeneinkünfte ausmachen? Dafür ist wohl leicht ein Rat zu finden. Es dürfte wohl kaum eine Gemeinde geben, die sich der Einsicht verschließen könnte, daß auch die m:na aus dem Säckel der Gemeindemitglieder fließen, es also' gleichbedeutend ist. den Gehalt um ein entsprechendes zu erhöhen, dafür aber das „Schenken" aufzulassen. Aus der zweifelhaften, unbestimmten Einnahme des Kantors wäre dann ein fixes Gehalt geworden, wobei noch der Vorteil in Betracht zu ziehen ist, daß niemand über die Höhe der Einkünfte und über die mehr oder minder gut situierte Stellung des Kantors in Zweifel wäre. Heute drückt man noch gerne das Gehalt des Kantors auf ein Minimum hinunter — die Emolumente sind ja so bedeutend! Es gibt wohl keine Gemeinde, die dieselben zu gering taxieren würde. Jedoch nicht ein Einzelner kann und darf sich dem veralteten, eingewurzelten, althergebrachten, aber trotzdem nicht sehr ehrwürdigen Gebrauche entgegenstemmen. Es muß dies die Vertretung der Gesamtheit, als welche wir wohl den Kantorenverein ansehen durften, in der Einsicht tun, dadurch eine das Ansehen des Kantors schädigende Institution zu beseitigen, getreu der Devise: „die Würde des Standes nach jeder Richtung hin zu heben". Zum Schluffe noch ein analoges Beispiel: In gerechter Würdigung der Tatsache, daß das Uebersenden von Geschenken eine Mißachtung involviert oder wenigstens den Beschenkten in den Augen des Schenkenden in der gebührenden Achtung zurücksetzt, hat der Staat die früher üblichen Gehaltseinnahmen des Lehrers, welche den jetzigen der Kantoren sehr ähnlich sahen, reguliert und ihm die Annahme von entwürdigenden Geschenken moralisch unmöglich gemacht. Aber die Herren Rabbiner nehmen ja auch? Werter Freund! Ist es denn irgendwo ausgesprochen, daß die Herren Rabbiner unfehlbar seien? Dieses Prädikat will man von mancher Seite sogar dem Papste streitig machen; warum soll nun nicht auch einmal ein Rabbiner fehlen dürfen! Uebrigens kann ich mit Genugtuung bemerken, daß ich rühmenswerte Ausnahmen kenne.! Somit leben Sie wohl, geehrte Kollegen! Allerorten und! Allerwegen wollen wir durch Tun und Lassen, durch Wirken! und Schaffen, durch Wort und Tat zeigen, daß wir der besseren! Stellung, die wir anstreben, auch würdig sind. B. S. I f)ul>likitioum des öüerr.-nng.üuntoren-'fierciiies. Kitt Rücksicht auf die für die Vereinsgebahrung bedrohliche j Häufung von Rückständen werden die £>. C. Vereinsmitglieder | hiermit ersucht, die rückständigen und laufenden Pflicht- und! Mitgliederbeiträge (2 Kronen pro Quartal) an den Vereinsj kassier, Herrn I. Kantor 5. Iurberger, II. Tempelgaffe 3 einzuschicken. Im Lalle der Nichteinhaltung der statutarischen! Einzahlungen seitens der Mitglieder wird der Vorstand gezwungen sein, genau nach den Bestimmungen der Statuten! vorzugehen. Der Vereinsvorstand.