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Die Wahrheit · 1907-07-12 · Heft 27 (12.7.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 27 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Dir. 27. Die Wahrhell Sette 5. Oesterreich unter anderem auch über das bei uns seit den letzten Reichsratswahlen in weiten jüdischen Kreisen ausgegebene Losungswort: „Anschluß an die Sozialdemokratie" ein treffendes Urteil fällt und darum im Nachstehenden wiedergegeben werden soll: . Es ist wunderlich, wie ost die Versuche sich erneuen, die „Judenfrage" zu „lösen". Wo in aller Welt ist denn eine Frage, welche schon „gelöst" worden wäre? Wenn man genau zusieht, sind es dieselben Probleme, die heutzutage die Menschheit bewegen und beunruhigen, an denen bereits vergangene Jahr-. Hunderte, ja Jahrtausende nur in anderer, äußerer Gestaltung sich abgemüht haben. Es ist eine bestimmte Summe von Ideen, Wünschen, Begehrungen, Hoffnungen, Bedürfnissen, die zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Kombinationen um die stets bewegliche und nimmer rastende Achse des treibenden Lebens sich lagern. Wie in einem Kaleidoskop aus denselben Elementen bei einer jeden Drehinig der Walze neue Gruppierungen und Bilder entstehen, so formt das geschichtliche Leben der Völker in seinem Verlaufe aus demselben Jdeenstoff immerwährend neue Fragen und Rätsel, welche es den Menschen zum „Lösen" aufgibt. Die Achsendrehung geht hier langsam vor sich, zu langsam vielleicht für ein kurzes Menschenleben, und der stüchtige Beschauer bleibt stehen und ruft: „Das ist die weltbewegende Frage, sie muß ,gelöst* werden!" Doch ein Ruck, und schon sind andere Probleme und andere Rätsel an dem Horizont aufgetaucht; aber wer sich den historischen Blick bewahrt, wird bald die alten Bekannten in anderer Verkleidung und in neuer Zusammensetzung wiedererkennen. Keine allgemein-menschliche Frage ist jemals ..gelöst", das heißt ans der Welt geschafft worden. Und die „Judenfrage." ist eine allgemein-menschliche Frage. Nicht alleiii. weil es der Wille der Vorsehung war, uns unter alle Völker der Erde zu zerstreuen, sondern weil in dieselbe so ziemlich alle Fragen hineinspieleu, welche die Menschheit von jeher bewegt haben und in alle Znkuiift bewegen werden. Auch in den Zeiten, wo der Judenhaß nicht hervortritt, sondern unter der Oberfläche schwellt, wird es eben eine „Judenfrage" geben. Gewisse soziale Störungen, bestimmte Erscheinungen des ökonomischen und geistigen Lebens lassen sie zu Zeiten akut werden, und wenn noch eine allgemeine Depression des moralischen Niveaus, ein Sinken des Humanitäts¬ und Gerechtigkeitsgefühls hinzukommt, wenn die im Menschenherzen schlummernden niederen Instinkte überhandnehmen und die S t ö ck e r, L n e g e r und Konsorten zu Worte kommen, dann wird die .Judenfrage" die Formen der Judenverfolgung annehmen. Zum Glück — keineswegs nur für uns — können solche Zustände nicht lange dauern. Es kommt der Augenblick, da das Maß überläuft; die Menschlichkeit und die Wahrheit fordern ihre Rechte; im Herzen des Menschen erhebt sich ein Protest, ein Umschlag tritt ein, und dann wird auch die ..Judenfrage" in ein ruhiges Bett gelenkt, verliert sie den schädlichen und giftigen Stachel. Die Nebel zerstreuen sich, sobald die Sonne aufgeht. Dieser Judenhaß! Wird er jemals ganz verschwinden? Gewiß. Aber erst dann, wenn alle anderen Arten des Menschenhasses, deren eine der Judenhaß ist, verschwinden, d. h. wenn der Mensch das Element des Bösen in seinem Herzen überwunden haben wird. Bis dahin aber wird kein Palliativmittel ihn ganz aus der Welt schaffen. Ob er nun geheim oder frei, in „philosophischen" Theorien und Zeitungsartikeln, oder in tätlichen Verfolgungen zutage tritt; ob er als gesetzliche Beschränkung, gesellschaftliche Ausschließung oder ökonomischer Boykott sich spreizt, immer bleibt er derselbe im Wechsel und Wandel der Zeiten und der Verhältnisse. Darauf muß man sich einrichten. Durch Pflege und Betonung des Besseren und Edleren in der Menschennatur kann er, wie alle egoistischen und gemeinen Instinkte, eingedümmt, auf ein Minimum herabgedrückt, unschädlich gemacht werden — völlig ausrottbar ist er nicht. Es wäre törichte Selbsttänschnng. etwas so unendlich Kompliziertes, wie eine Erscheinung des sozialen Lebens es ist. auf eine einzige Ursache zurückführen zu wollen. Der Urgrund des Judenhasses, der gegenwärtig ..Antisemitismus" heißt, ist unzweifelhaft in dem Trieb des Menschen zur Feindseligkeit gegen Alle, die nicht ganz sind so wie er, mitunter auch gegen die ihm völlig Gleichen, zu suchen. Alles Schlechte, das man den Juden andichtet, sind Rechtfertigungsausflüchte', welche die Voreingenommenheit oder Böswilligkeit austüftelt, um sich vor dem eigenen Gewissen, vor der mahnenden Summe im Innern zu entschuldigen. Warum haßt man den Juden? Weil er Jude, also etwas anderes ist! Wären auch alle Juden ohne Ausnahme Ausbünde von Tugend, man würde sie dennoch hassen — es genügt, daß sie Juden sind. Die niederen Instinkte' würden sich immer wieder gegen sie kehren, und man fände dann alle Tugenden und Tugendhaften hassenswert. Wurde nicht auch unsere Abscheu vor Gewalttätigkeiten, unser Fleiß, unsere Energie, ja, die Reinheit unseres Familienlebens und unser Wohltätigkeitssinn als Laster gedeutet? Um sich selber den Grund des Hasses wider uns zu erklären, verlegt man ihn, mit der der menschlichen Leidenschaft eigenen Logik, aus sich selber heraus und in uns Juden hinein. Und da das alltägliche Leben lehrt, daß wir uns, ausgenommen in Sachen rein religiöser Natur, durch nichts von den anderen unterscheiden, erschafft die Phantasie hinter uns ein mystisches Milieu, ein zweites fabelhaftes Judentum, von dem wir selber keine Ahnung haben, und in welchem angeblich alle Wurzeln des Weltenübels stecken sollen. Was man uns nicht selber andichten kann, das dichtet man unserer Vergangenheit, unserer Geschichte, unserer Religion, unserem Talmud au. Das ist die Psychologie des Judenhasses, dem wir, ehe nicht ein durchgreifender Wandel der Geister und der Anschauungen sich vollzogen hat, nirgends entgehen werden, der uns nachschleichen wird, ob wir auch übers Meer flüchten, oder am Ende der Welt uns verkriechen. Aber warum denn diese an sich zweifellos traurige Tatsache allzu tragisch nehmen? Haben denn nicht alle Völker der Welt einen Haß in dieser oder jener Form zu ertragen! Seit wann dürfen wir ein Vorrecht von der Vorsehung fordern, daß sie uns vor allen anderen Erdenkindern begünstige? Es scheint, daß das bischen Gleichberechtigung, welches wir seit ein paar Dezennien genießen, uns sehr verweichlicht und widerstandsunfähig gemacht hat. Und nun werden wir verzweifelt, suchen nach einem Mittel, um uns von einem allgemeinen Uebel zu befreien, an dem alle Welt leidet, und unterstützen dadurch den Feind, indem wir Wasser ans seine Mühlen leiten. Völlig unbegreiflich erscheint es, daß als eines dieser Mitte! zur „Lösung der Judenfrage" noch immer empfohlen wird, uns politisch der Sozialdemokratie anznschließen. Es kann nicht nachdrücklich genug davor gewarnt werden, die Sache des Judentums mit der irgend einer politischen Partei, und sei sie noch so freisinnig und vorurteilslos, so innig zu verquicken, daß es als politische Pflicht aller Juden hingestellt wird, mit derselben durch Dick und Dünn zu gehen. Und nun gar mit der Sozialdemokratie, welche doch die Negation aller Religion auf ihre Fahne geschrieben hat! Gewiß, nicht jeder, der bei der Wahlurne seine Stimme einem sozialdemokratischen Kandidaten gibt, einigt sich auf alle letzten Ziele der Partei; die meiften wollen nur ihre Unzufriedenheit mit den bestehenden Zuständen zum Ausdruck bringen, und es ist psychologisch wohl begreiflich, daß auch Juden, in ihrer Verbitterung über das uns angetane Unrecht, dem Sozialdemokraten zum Siege verhelfen. Aber daraus folgt doch keineswegs, daß wir uns mit Haut und Haaren der Sozialdemokratie zu verschreiben haben. Vergegenwärtigt man sich denn nicht, welche gefährliche Waffe durch diesen Rat unfern Hassern in die Hand gegeben wird? Tie Behauptung, die Sozialdemokratie sei die einzige Partei, welche es mit der Gleichberechtigung aller Bürger ernst meint, beruht auf einer merkwürdigen Verkennung der Natur aller politischen Parteien. Eine jede derselben ist expansiv, so lange sie kämpft; sie fragt nicht viel und nimmt ihre Anhänger, wo sie sie findet, alliiert sich mit allen, die aus irgend einem Grunde unzufrieden sind. Aber wenn ein Ruhepunkt eintritt, wenn die Partei zu einer gewissen Sättigung gelangt, dann beginnt die Mauserung sehr bald. Wohin muß der Jude, der sich von allen mächtigen, mit ihren „staatserhaltenden" Prinzipien flunkernden Parteien im Stick gelassen oder gar verfehmt und verleumdet sieht, geraten, wenn zudem auch Regierung und Justiz ihm den Schutz seiner heiligsten Güter versagen und ihn jedem schamlosen Ehrabschneider preisgeben, der tausendmal widerlegte Lügen ungestraft Vorbringen darf? Ist es so völlig unbegreiflich, wenn er sich an einen

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