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Die Wahrheit · 1907-07-12 · Heft 27 (12.7.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 27 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Die Wahrheit Nr. 27. Herr Kreisgerichtspräsident Winter müßte auf eine Anfrage des Justizministers „Ja" oder „Nein" antworten. .Er müßte sagen, ob er Hilsner für unschuldig halte und dann wohl auch die Gründe, die ihn hiezu führten, angeben. Oder aber er müßte das erwähnte Blatt, welches die Mitteilung brachte, den Verteidiger Dr. Aurednicek, der die Mitteilung bestätigte, und endlich die Abgeordneten, die für die Wahrheit dieser Erklärung einstehen, Lügen strafen. Aber auch dem Herrn Kreisgerichtspräsidenten Winter wird es gegönnt, sich in dieser vom juristischen Standpunkte allein schon merkwürdigen Affaire gründlich auszuschweigen. % % * Und noch eine Hilsner-Reminiszenz brachte diese Woche das österreichische Parlament, vielleicht unwillkürlich. Graf Sternberg hielt eine fulminante Anklagerede gegen den Justizminister, in welcher er u. a. sagte: „Wo die Rechtspflege bedroht ist, ist der Staat bedroht. Man hat einen offenbar mit sozialistischem Oele gesalbten Mann zum Justizminister gemacht. Ich spreche nicht aus Klasseuhaß gegen ihn. nicht weil er ein getaufter Jude ist. Ich stehe dem Judentum ohne Vorurteil gegenüber und wenn ein Jude ein ehrlicher Justizminister ist, wird ihm von mir nie ein Haar gekrümmt werden. Ich habe aber Beweise, daß er die Rechtspflege in Oesterreich untergraben hat." Alle Welt dürste nun nicht ohne Grund annehmen, daß Gras Sternberg, der temperamentvolle Mann — dem ein solcher Schritt wohl znzumuten wäre — mit flammenden Worten auf das furchtbare Justizverbrechen Hinweisen werde, dessen Opser ein — Jude wurde. Es war ein Irrtum. Gras Sternberg ging auf die Affaire eines czechischen Bauers über, dem — angeblich — von einem czechischen Richter Unrecht widerfahren ist. Diese Hilsner-Reminiszenz zählt also eigentlich nicht mit — oder erst recht? In den letzten Tagen wurden uns einige krasse Fälle mitgeteilt, wo jüdische Kinder in Volks-, Bürger- und Mittelschulen von Seiten der Lehrer und Schulleiter gegenüber ihren christlichen Mitschülern minder wohlwollend behandelt und oft sogar auffallend zurückgesetzt wurden. Angesichts dieser offen zu Tage tretenden, den Gesetzen hohnsprechenden konfessionellen Unduldsamkeit in Lehrerkreisen, auf die wir demnächst ausführlicher zurückkommen werden, sei an einen Brief erinnert, den einst Pestalozzi an Zschokke über die Behandlung jüdischer Kinder richtete. Als strenggläubiger Eiferer hatte Zschokke an Pestalozzi das Ansinnen gestellt, seinen Einfluß auf das kindliche Gemüt der ihm anvertrauten jüdischen Waisen dahin auszuüben, daß er dieselben dem Christentum in die Arme führe. Darauf schrieb ihm Pestalozzi: „Ich will der kleinen Zahl jüdischer Kinder, arme und liebe Waisen, Liebe für den Glauben ihrer Väter einflößen. Weiter suche ich durch Befriedigung ihrer alltäglichen Bedürfnisse und durch Gewöhnung an Mildtätigkeit ihr Herz dem Mitgefühl und der Sittlichkeit zu eröffnen. Ist das nicht der Inhalt der Religion? Kürzlich erst warf sich ein kleiner jüdischer Junge, aus Krakau stammend, der seine Eltern verloren hatte, mit dem Rufe -Lieber Vater" mir um den Hals. Nun gut, mein Freund, wenn Du nicht feinfühlend genug bist, von mir zu fordern, ich sollte arme Waisen dazu zwingen, das Christentum zu bekennen (a embrasser le christianisme), so erklärt sich das daraus, daß Du für Fragen dieser Art nicht das genügende Verständnis besitzest. In Glaubenssachen soll man weder zum Zwang, noch zur Grausamkeit seine Zuflucht nehmen. Seit Jahrhunderten verbreitet man die Lehren des Christentums. Aber zu welchen Widersprüchen gelangt man doch, sobald es sich um Juden handelt! Man erniedrigt sich, verliert seine Sittenreinheit und Sittenvollkommenheit, büßt seine Nächstenliebe ein: der religiöse Haß macht die Menschen unmoralisch und vertiert." * * Das Kapitel „arisch-christliche" Moral im Gegensatz zu der „jüdischen" Moral hat dieser Tage durch den Prozeß des großen deutschen Koloniengründers Peters eine eigenartige Beleuchtung gefunden. Wenn alles, was gegen den Mann vorgebracht wurde, auf Entstellung, Fälschung und Verleumdung beruhen sollte, eines ergab der Prozeß mit Gewißheit: Peters hat eine Negerin, mit der er ein Verhältnis hatte, hängen lassen und er hatte auch einen Neger, mit dem die arme Schwarze ihn betrog, köpfen lassen. Die Beleidiger des Dr. Peters wurden aber doch verurteilt! Und Dr. Peters verließ doch rehabilitiert den Gerichtssaal! Freilich noch immer nicht mit jenem glänzenden Glorienschein versehen, den die echte, unverfälschte germanische Moral, wie sie z. B. in den „Hamburger Nachrichten" verzapft wird, gewünscht hätte. In diesem Blatt schrieb nämlich ein hervorragender arischer Schriftsteller u. a.: „Ich denke, auch wenn wir selbst es nicht mehr erleben, es wird einmal die Zeit kommen, da man mit unbefangenerem Auge die Tätigkeit Peters prüfen und zu der „unmoralischen" Erkenntnis kommen wird, daß es zum Lachen gewesen sei, einen Mann wie ihn den Diensten des Vaterlandes entzogen zu haben, eines gesenkten schwarzen Strolches und einer verprügelten lügnerischen Negerin wegen." * * Der Mann, der das schrieb, steht aber absolut nicht vereinzelt mit seinen Moralbegriffen da. Sonst wäre es nicht denkbar, daß Dr. Karl Peters in der „Münchener Allgemeinen Zeitung" folgende Danksagung veröffentlichen könnte: „Bei Gelegenheit meines Prozesses sind mir Hunderte von freundlichen K u n d g e b u n g e n und Ae u ß e r u n g en der Teilnahme zugegangen, welche ich zn meinem großen Bedauern nicht im einzelnen beantworten kann. Sie haben mich tief bewegt und erfreut, und ich spreche allen den teilnehmenden Freunden hierdurch öffentlich meinen herzlichsten Dank aus. Karl Peters." Vielleicht kann sich doch noch die „jüdische" Moral neben dieser vielleicht echt arischen aber sicherlich gefälschten — „christlichen" Moral sehen lassen. Denn mögen die Antisemiten wie immer lügen und fälschen — ihre antisemitische Moral gestattet ihnen das — die Wahrheit bleibt: die christliche- Moral ist identisch mit der jüdischen, denn sie ist ihr entnommen. * -i- ❖ Ueber die Juden frage in Rußland und die Aufgaben der dritten Duma schreibt der Petersburger Korrespondent der „Bresl. Ztg.": Es ist interessant, zu beobachten, wie das Leben selber die russische Bnreaukratie zwingt, in der Judenfrage dem modernen Geiste Konzessionen zu machen, selbst wenn keine Volksvertretung sie vorwärts treibt. Während des russisch-japanischen Krieges erließ der später ermordete Minister des Innern v. Plehwe das Zirkular, daß. die Ausweisung der Inden aus den Orten, wo sie nicht das gesetzliche Wohnrecht besitzen, bis nach Beendigung des Krieges einzustellen ist. Der Krieg ist nun längst vorüber und die Polizei muß nun entweder ausweisen oder die der Ausweisung unterliegenden Juden müssen ihr einen Tribut entrichten, denn aus reiner Menschlichkeit drückt kein russischer Polizist die Augen zu und setzt sich der Gefahr einer Kopfwäsche durch den Gouverneur aus. Um in diese wirren Verhältnisse einigermaßen Ordnung zn bringen, hat sich Stolypin jetzt vom Ministerrat bevollmächtigen lassen, daß bis zur Lösung der Judenfrage auf dem Wege der Gesetzgebung das Plehwesche Zirkular für alle Juden in Kraft bleibt, welche sich bis zum 1. (14.) August 1907 außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons niederlassen. Alle Gouverneure sind hiervon bereits zirknlariter verständigt. Der Schritt Stolypins ist aber auch von großer prinzipieller Bedeutung; er weist klar darauf hin, daß die Regierung bei der Behandlung der Judenfrage in der Reichsduma den jüdischen Ansiedlungsrayon nicht ausrecht erhalten will. Das ist immerhin ein großer Schritt vorwärts, wenn natürlich auch noch keine Lösung der jüdischen Frage im Sinne einer vollen Gleichberechtigung. Eine solche Lösung wird aber die dritte Duma in keinem Falle liefern. Nach aller Voraussicht wird die dritte Duma sogar aus Elementen bestehen, welche der Gleichberechtigung der Juden durchaus ablehnend gegenüberstehen, so daß die Negierung sich sogar mit einem gewissen Nachdruck für die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons wird einsetzen müssen. Die „Lösung der Andensrage". Unter obigem Titel veröffentlichte jüngst Dr. Arnold Tobias-Berlin, in der Berliner ..Jüd. Presse" einen höchst beachtenswerten Artikel über das Wesen der „Judenfrage" sowie betreffs der Mittel zur Lösung derselben mit Berücksichtigung der gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Deutschland und

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