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Die Wahrheit · 1907-07-12 · Heft 27 (12.7.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 27 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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abt-heit Redaktion n. SiduuntNialion: rvieu, 11/, Novaragafse 27. Dclephv» Nr. t>rv Druckerei Anabhängige Heitschrift für jnötsche Vezng»znret»: Ganzjährig ...» 14.— Halbjährig . ft 7.— JlnlvvaU' Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 85 Heller. ÄdounciuenlSu. Jnieruvasbelräge nnd in Wien zahlbar und klagbar. Interessen» Für Cultnsbemlite: 'k»„,jnvrlg . . ft. Erscheint jeden Ilreilag. . i Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Für AnSlaiid: '»anzjährig ...» Mark t> Rubel aber >6 Fcr. Ar 27. Wie», 12. Juli 1907. Inhalt: Aus der Wvche. — Die „Lösung der Judenfrage." — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Blinder Eifer schadet nur. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Alt Marjim — Emolumente und Nebeneinkünfte. Ans der Woche. Man wird immer wiederan den Prozeß Hilsner, an diesen Schandfleck auf dem Ehrenschild der österreichischen Justiz erinnert, den zu tilgen, offenbar höhere Mächte wehren. Herr H. A. Schwer, der „Bluthund von Polna" — wie ihn in Anerkennung feiner unleugbaren Verdienste um das Zustandekommen dieses Ritualmord-Prozesses eine enragierte Antisemitin einst nannte — ist zum Mitglied des Wiener Stadtrates gewählt worden. Eine Ehrenstellung, die überdies sehr gut dotiert ist. So ehrt die christlichsoziale Partei ihre ausgezeichneten Männer, die mit Selbstverleugnung alles mögliche getan haben, um §0.000 Kronen Belohnung! j Am 1. April 1899 ist im Brezinawalde bei Polna die j Agnes Hruza j aus Klein-VeLnitz tot anfgefunden worden. Weiters wurde am! 27. Oktober 1898 die Marie Klima aus Ober-VeLnitz im „Herrschaftlichen Walde" bei Polna als! Leiche aufgefunden. In beiden Fällen wurde behördlicherseits ein Mord konstatiert.! Wegen dieser beiden Morde wurde Leopold Hilsner! aus Polna als Mitschuldiger vom Schwurgerichte schuldig er-! kannt. Er beteuert aber bisher unausgesetzt seine Unschuld.? Die „Oesterreichisch-israelitische Union" sichert! derjenigen einzelnen oder denjenigen mehreren Personen, welche > dem Gerichte oder der „Oesterreichisch-israelitischen Union" oder \ dem Verteidiger Dr. Zdenko Auredniczek, Hof- und Gerichtsj advokat in Wien, innerhalb zweier Jahre, d. i. bis 10. Juli 1909, solche Angaben machen oder Beweismittel beibringen, die zur Entdeckung der Täter oder zur Erweisung der Unschuld Leopold Hilsners und somit zur Wiederaufnahme des Strafprozesses führen, eine Prämie von 20.000 Kronen zu. Dieser Betrag erliegt zu obigem Zwecke bei dem k. k. Notar JUDr. Johann Ianatka in Polna. ..Oesterreichisch-Israelitische Union" zu Wien IX., Universitätsstraße 8. Der Schriftführer: Der Präsident: Julius G r an i ch st ä d t en. Siegmund Mayer. Wien, am 10. Juli 1907. Hilsner zum Komplizen einer Ritnalmord-Kompagnie zu machen. Oder hatte vielleicht Herr Schwer nicht eine beispiellose Selbstverleugnung bekannt, als er seinerzeit im „Deutschen Volksblatt" mit fingerdicken Lettern die Lüge niederschrieb, der minderjährige Bruder des angeklagten Hilsner habe — nachdem ihn die antisemitischen Henkersknechte berauscht hatten — haarsträubende Details über das Verbrechen seines Bruders bekanntgegebeu. Vor Gericht, unter dem Damoklesschwert des Meineides stehend, gestand Herr Schwer, daß er die ganze Räu b ergeschichte nur — eine kleine Frozzelei — erfunden! Kann man die Selbstverleugnung, die zu einem solchen Bekenntnis der Schurkerei drängt, weiter treiben? Er ging frei aus und wurde jetzt auch zum Mitglied des Stadtrates gewählt. Eine zweite Hilsner-Reminiszenz. Vor einigen Tagen haben die Abgeordneten Dr. S t r a u ch e r und Konsorten eine ausgezeichnete, von juristischem Scharfsinn und voller Beherrschung des umfangreichen Materials zeugende Interpellation an den Justizminister gerichtet, in welcher der Prozeß Hilsner als der „Bankerott des österreichischen Strafprozesses" bezeichnet wird. Der Justizminister hat bisher zu allen in .dieser Angelegenheit an ihn gerichteten Anfragen das Schweigen eines Trappisten bewahrt, womit gerade nicht gesagt sein soll, daß gerade Mitglieder des Trappistenordens es seien, die sein Schweigen in dieser Sache fordern. Es ist unfaßbar, daß ein österreichischer Justizminister in einer Prozeßsache, die so lebhaftes Interesse weitester Kreise erregt, so hartnäckig alle Fragen beiseite schiebt. Es ist geradezu rätselhaft, daß ec sich z. B. nicht seinerseits auch an den Kreisgerichtsprüsidenten Ottokar Winter, den seinerzeitigen Leiter der Schwurgerichtsverhandlung in Pisek, mit der Frage wendet, ob es wahr ist, was in der Interpellation österreichischer Abgeordneten von ihm behauptet wird. In der erwähnten Interpellation, die in dem stenographischen Protokoll ein ziemlich idyllisches Heim gefunden, lesen wir u. a. folgendes: „Laut bestimmtester Versicherungen der „Wiener Sonn- und Montagszeitung", deren Wahrheit durch Zeugen erhärtet werden kann und welche auch vom Verteidiger Hilsners, Dr. A u r e d n i c e k, bestätigt werden, hat selbst der Kreisgerichtspräsident in Pisek, Winter, der die Schwurgerichtsverhandlung gegen Hilsner geleitet hat. nach der Verkündigung des Wahrspruches und nach Fällung des Todesurteils gegen Hilsner ausdrücklich geäußert: „daß er, der Kreis gerich tspräsident und Vorsitzende des Schwurgerichtshofes, von der UnschuldHilsners überzeugt ist."

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