Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-07-05 · Heft 26 (5.7.1907) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 26 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063393--04930-3071811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 26. Die Wahrheit Seile 7, Dieser, Reverend A k e d, hatte nichts Eiligeres zu tun, als gleich in seiner ersten Predigt den Amerikanern ans Herz zu legen, was sie tun müßten, um sich vor den ihnen von den hinsichtlich der Rasse, des Glaubens, der Sprache usw. usw. fremden Einwanderern drohenden Gefahren zu schützen. Das Heilmittel sei. die Einwanderer zu Christen zu machen. Da die Fremden so geschildert waren, daß eigentlich nur die russischen und rumänischen Juden gemeint seilt konnten, waren die Juden aufs höchste empört. Sie warfen dem Rockeseller'schen Spezialgeistlichen vor, daß er, als eben Eingewanderter, kein Recht habe und nicht befugt sei, den Amerikanern Ratschläge zu geben, wie sie sich den Einwanderern gegenüber zu verhalten hätten, und richteten an ihn die Frage, ob denn nur Christen gute amerikanische Bürger sei» könnten. Angesichts der allgemeinen Entrüstung hielt es der Geistliche für angebracht, sich zu entschuldigen, wiederholt zu entschuldigen. Er verstehe unter Christen nur Gottgläubige, und nichts habe ihm ferner gelegen als Antisemitismus. Er habe nicht daran .gedacht, andeuten zu wollen, daß Juden nicht wünschenswerte Bürger sein könnten. Er komme aus einem Lande, wo nur wenig Rassenvorurteil herrscht. Hätte er ahnen können, daß seine Worte Anstoß erregen würden, dann wäre er darauf bedacht gewesen, gute Juden in die Kategorie wünschenswerter Bürger einznschließen. In einem Schreiben an den Rabbiner Dr. Silvermann drückt Dr. Aked nochmals sein außerordentliches Erstaunen darüber ans, daß er so mißverstanden worden sei. Er würde ebensowenig Inden ausschließen wollen, wie etwa groß gewachsene Männer oder kleine Frauen. Dr. Aked beruft sich schließlich noch darauf, daß er für Dreyfns lange vor dessen Rehabilitierung gewesen sei. Er habe dem in Liverpool sich zu regen beginnenden Antisemitismus entgegengewirkt. Er habe in der Kirche zu Gunsten Dreysus' gepredigt, und dessen Neffe sei nach dem Gottesdienst zu ihm gekommen und habe ihm mit Tränen in den Augen für das Eintreten gedankt, später auch ihm Dankbriefe geschrieben. Niemals hätte er geglaubt, daß man gerade ihn engherziger Bigotterie für fähig halten könnte, da er lieber auf einem Scheiterhaufen sterben würde, als gegen irgend einen ehrlichen Glauben Intoleranz zu zeigen. Dr. Aked gestattet die Veröffentlichung seines Schreibens und schließt mit dem Bemerken, daß er mit den Rabbinern und jüdischen Predigern und Redakteuren als Kameraden und Brüdern zu verkehren wünsche. Diesem interessanten Zwischenfall sei gleich ein zweiter angefügt. Die Schwester des Senators für Maryland Isidor Raynor, Frau Bertha Raynor Frank, logierte in einem Hotel und bestellte eines Tages Zimmer für zwei Nichten, die sie besuchen wollten. Sie wurde hierauf gefragt, ob die beiden Damen Jüdinnen seien, und aus die bejahende Antwort wurde ihr erklärt, daß das Hotel keine jüdische Kundschaft wünsche. Frau Rayoner Frank befahl, sofort ihre Koffer zu packen. Als die Hoteldienerschaft sie mit Bedauern fragte, warum sie das Hotel verlasse, antwortete sie: „Man will mich hier nicht; ich bin eine Jüdin/' Der Sekretär des Hotels drückte ihr sein Bedauern über den Vorfall aus, die Dame aber erklärte: „Wenn Sie nicht Leute, die auf gleichem Fuße mit den Besten im Lande stehen, erkennen können, sollten Sie einen Detektiv engagieren, der Ihnen zu sagen hätte, was einwandfreie Juden seien. In diesem Hotel logieren gar viele, mit denen ich nicht Zusammenkommen und mit denen ich noch weniger bekannt sein möchte. Man hat mich hier zwar auf die liebenswürdigste Weise behandelt, aber die unterschiedliche Behandlung meiner Glaubensgenossen kann ich mir nicht gefallen lassen." Die Hotelbesitzer schrieben an Frau Frank einen Entschuldigungsbrief, in welchem. es u. a. heißt, keiner, der sie kenne, würde sie für fähig halten, das ganze jüdische Volk so öffentlich zu beleidigen. — Trotzdem hat sich bereits infolge dieses Vorfalls in New-Iork ein Verein gebildet, um gegen solche Hotels vorzugehen. Die amerikanischen Juden glauben eben an Abwehr, und, wie wir in diesen beiden Fällen sehen, mit Recht. Eine weitere bemerkenswerte Folge des Vorfalles ist, daß Senator Saxe für den Staat New-Iork ein Gesetz beantragt hat, dem zufolge jeder, gleichviel welcher Rasse, Religion, Nationalität er angehören mag, in jedem Hotel, Restaurant, Barbierladen usw. usw. bedient werden muß, wenn er die Leistungen in der in diesen Etablissements üblichen Höhe zu bezahlen bereit ist; daß jede Ankündigung, Angehörige einer gewissen Rasse, Konfession usw würden ausgeschlossen, seien nicht erwünscht usw., kurz jede unterschiedliche Behandlung oder Ankündigung einer solchen Behandlung in Annoncen, Zirkularen, Plakaten usw. strafbar sein soll. Die Strafen sind sogar sehr hoch. Bemerkt sei noch, daß die in dem antisemitischen Hotel, wie oben geschildert, behandelte Dame eine durch ihre Wohltätigkeit sehr bekannte Frau ist, die auch ihre sehr bedeutenden Spenden nicht aus jüdische Wohltütigkeitsanstalten beschränkt, sondern auch Andersgläubige bedacht hat. Der bekannte Friedensapostel Stead, der, bevor er sich zur Teilnahme an dem Besuch englischer Journalisten nach Deutschland begab, in Amerika war, hat in dem Sinai- Tempel zu Chicago einen bemerkenswerten Vortrag gehalten. Der Rabbiner Dr. Hirsch überwies ihm die Kanzel mit dem Bedeuten, es stände ihm frei, zu sagen, was er für gut fände, und Stead malte in seinem Bortrage n. a. ans, welche große Rolle die Juden seines Erachtens in der Förderung des internationalen Friedens zu spielen berufen seien. Ich stehe, fuhr er fort, keinem nach in der Schätzung des Stifters meiner Religion und der Verehrung für ihn. aber ich hege große Liebe für die Rasse, der er entstammte. Was nur in der christlichen Zivilisation wahrhaft groß und wahr ist, das ist uns durch die Männer übermittelt worden, die das Judentum international gemacht haben. Ich habe mich stets tief den Propheten Israels verschuldet erachtet, und auf der letzten Friedenskonferenz in New-Iork wurden die Texte ihren Schriften entnommen. Infolge des hohen Ideals, das ihre Vorfahren für sie ausgebildet haben, sind die Juden besonders ausgestattet zur Förderung des allgemeinen Friedens usw. Literarische Poti». Zu der Frage des Universalismus in unserem Lottsmoits- L88r6-Gebet, worüber Herr Dr. Leimdörser in diesen geschätzten Blättern Nr. 24, S. 4 referierte, verdient eine Stelle hervorgehoben zu werden, aus welcher der universalistische Standpunkt klar und deutlich hervorleuchtet. Die letzte Benediktion der Bittgebete*): „Erhöre unsere Stimme" hat znm Schluß folgenden Passus: „Denn du erhörst das Gebet deines Volkes Israel mit Erbarmen." Diese Leseart ist, wie so viele in unserem Gebetbuche **), gewiß eine Korruptel der ursprünglich richtigen Formel-, die gelautet hat: „Denn du erhörst die Stimme eines j e d en Mundes gleichwie (ox^-mit) das Gebet deines Volkes Israel." Diese ureigene Form ist gegründet aus das bekannte biblische Gebet des Königs Salomo bei der Einweihung des von ihm hergestellten Tempels, wo es 1. B. Kön., Kap. 8, V. 41—48 und 2. B. Chron, Kap. 6, V. 32 und 33 ausdrücklich heißt, daß auch der Fremde, der sein Gebet vor Gott ausschütten wird, möge so erhört werden, wie das Gebet des Volkes Israel. Nun ist wahrscheinlich durch ein Versehen eines Abschreibers oderDruckers das Wörtchen ns (mit) weggelassen worden, so wurde die logische und grammatische Unrichtigkeit dadurch emendiert, daß das störende ns bn weggelassen wurde. Daher entstand die Leieart in den Gebetbüchern der „Aschkenasim", während die Talmisesardim (die sogenannten Chassidim in Polen und Rußland) die inkorrekte Leseart in ihren *) Bekanntlich besteht das Schemone Esare aus drei Teilen. Die ersten drei Benediktionen enthalten Lob und Huldigung, dre folgenden sind die eigenttichen Bitrgebete und die letzten drei Dank und Abschiedsbenediktionen. **) Dies wurde von mir an vielen Orten nachgewiesen. Hier nur ein Beispiel. In dem trefflichen Gebete des Rabbi Nechuja den Hakane fehlt der letzte Vers und wurde durch einen Satz mit kabbalistischer Spielerei ersetzt, während das -,£1 nbisb gar keinen Sinn hat, und muß es heißen: wodurch der scheinbar fehlende Vers sechs Wörter — wie die früheren — und den richtigen Reim hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.