Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 26 (5.7.1907)
- Date
- 1907-07-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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^emzzf^izi Sette 6. Die Wahrheit Nr. 26. Diejenigen, die hier oder anderswo ihre Existenz gefunden haben, werden dort bleiben, wo es ihnen gut ist, wie ja auch nicht alle Deutschen in Deutschland, alle Engländer in England sein müssen. Für diejenigen, die einmal hier sind und sich durch Jahrhunderte langen Aufenthalt eine neue Heimat gegründet haben, werden die jüdisch-nationalen Abgeordneten eine wirksame Vertretung bilden, wenn es gilt, ihnen ihr gutes Recht zu geben. — Glauben Sie nicht, mein lieber Freund, daß dieses Häuslein von der großen Masse niedergeschrieen werden wird? Die Zahl ist noch klein, aber das Recht muß sich überall Durchbruch verschaffen, wo es mit Mut, Ueberzeugung und Tatkraft vertreten wird. Die Zahl der jüdischen Abgeordneten wäre bedeutend größer gewesen, wenn es nicht den galizischen Behörden durch krassen Wahlschwindel gelungen wäre, fünf sichere Kandidaten zu stürzen. — Mein lieber junger Freund, Sie zeihen da eine Behörde des Schwindels, ohne.%\\ bedenken, was Sie eigentlich damit sagen. Ich sage die Wahrheit und diese ist mein höchstes Ideal. Ich hasse die heuchlerische, bewußte Lüge und glaube, daß die Wahrheit überall allein siegen muß. — Da werden Sie im großen Weltgetriebe schlechte Erfahrungen mit Ihrem Ideal machen, denn, merken Sie sich das, die Welt hört alles lieber als die ungeschminkte Wahrheit. Und doch entspricht es der Wahrheit, daß die galizischen Behörden die Wahlgesetze in unerhörter Weise verletzt haben, und das haben auch die ruthenischen Abgeordneten in ihrer Rechtsverwahrung im Parlament in den schärfsten Ausdrücken gebrandmarkt. — Ja, die haben die Immunität für sich, was Ihnen, lieber Freund fehlt. Daher müssen Sie im öffentlichen Leben vorsichtig sein mit solchen Aeußerungen, denn wenn sie auch wahr sein mögen, so wird Ihnen der Wahrheitsbeweis doch nicht so leicht gelingen. Jeder Staatsbürger hat die Pflicht, die Behörden zu achten und in ihre Rechtsliebe Vertraueil zu setzen, denn sonst- Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich zu unterbrechen wage, aber gestatten Herr Hofrat die Frage, wie konnte es bei der herrschenden Rechtsliebe der Behörden geschehen, daß ein Hilsner wegen Ritualmordes verurteilt wurde? — Er ist jedenfalls ein Mörder. Das mag richtig sein oder auch nicht; aber keinesfalls durste die Verhandlung im Zeichen des Ritual mordes stehen. Das ist eine Gesetzeswidrigkeit, die ihresgleichen zu suchen hat und diese Ansicht haben auch bedeutende Rechtsgelehrte geäußert. Er mag ein Mörder sein oder nicht. Aber daß die Regierung zweimal eine Verhandlung in dieser Vernunft- und gesetzwidrigen Weise führen ließ, das ist ein Makel, von dem sich die Justizverwaltung rein waschen muß. Sie hat durch die Begnadigung Hilsners vom Tode bereits gezeigt, daß sie seine Schuld nicht für vollständig erwiesen erachtet, und sie müßte durch eine Revision, wie dies in Frankreich bei Dreyfus der Fall war, diesen unerhörten Justizskandal aus der Welt schaffen. — Sie sprechen wieder unüberlegt. Ich halte an der Meinung fest, daß das Recht nicht ungestraft gebeugt werden dürfe. Ich glaube an eine höhere Gerechtigkeit, die überall die Machthaber oft durch menschliche Werkzeuge für ihre brutale Verletzung des Rechtes bestraft, wie wir dies augenfällig im russisch-japanischen Kriege sehen konnten. Die Rechtlosen und Schwächeren sollen nicht straflos unterdrückt werden dürfenes sollte sich gleich der Friedensliga eine große Rechtsliga bilden, die dem herrschenden Unrecht in der Welt mit allen Machtmitteln, die eine große, begeisterte Masse für sich hat, die Spitze böte. — Eine Rechtsliga würde ja das Unrecht voraussetzen, wie ja die Antiduelliga das Duell, die Friedensliga den Krieg zur Voraussetzung hat. Und sie werden doch begreifen, daß kein Staat es zugeben wird, daß er Unrecht duldet oder durch Duldung fördert. Wenn kein Staat es zugeben will, so geschieht das Unrecht doch. Wird doch bei uns auch bei Beamtenernennungen Nationalität und Konfession eher berücksichtigt, als etwa Tüchtigkeit und Brauchbarkeit. Dieses schreiende Unrecht sollte in einem gesitteten Staate doch nicht möglich sein. — Glauben Sie, lieber Freund, daß es in Ihrem Judenstaat besser sein wird? Ich bin der festen Ueberzeugung, daß der Judenstaat nur eine Kategorie von Menschen kennen wird, die alle ein Gott geschaffen und die sich alle brüderlich lieben müßten. Es ist traurig, daß die Menschheit in unserem Zeitalter und bei dem herrschenden sozialen Elend einen Eifer auf Nationalitäten- und Glaubenshaß verwendet, der einer besseren Sache würdig wäre. Ich glaube, daß die Menschen aufeinander angewiesen sind und sich daher lieben müßten. — Sie sind ein großer Idealist, mein lieber Freund. Auch Sie werden die Bitternisse dieses Lebens kennen lernen; auch Sie werden es noch erfahren, daß diese Welt zusammengesetzt ist aus Lüge und Heuchelei, aus Haß und Neid, aus Eigennutz und Undank, aus Hinterlist und Gemeinheit, aus Schlechtigkeit und Brutalität. Die Freundschaft kommt immer mehr in Verfall und für die Liebe ist überhaupt kein Platz mehr vorhanden — nur einzig und allein im Herzen einer Mutter.- Der Zug eilte durch einen Tunnel und die plötzlich eingetretene Finsternis unterbrach das Gespräch. Schon näherten wir uns Baden, da stellte der alte Herr noch eine Frage an mich: — Würden Sie sich. im Judenstaate niederlassen, wenn er gegründet würde? Ich glaube ja, denn ich fühle eine unbegrenzte Liebe zum Judentum und Wehmut ergreift mein Herz, wenn ich an Jerusalem und das heilige Land denke. Ich würde mein Herzblut darumgeben, könnte ich dieses Land unser nennen und ist dies jetzt nicht möglich, dann solle wenigstens meine Asche in dem heiligen Boden ruhen, der mit Strömen jüdischen Blutes getränkt ist. Der Herr Hofrat schwieg eine Weile, dann begann er wieder: — Wissen Sie, warum Sie Jhreu erhabenem Zweck nicht erreichen können? Warum, wenn ich fragen darf? — Weil innerhalb des Judentums eine solche Zerrüttung, Parteiung und Uneinigkeit herrscht, daß es kaum zwei Familien gibt, die miteinander vollständig harmonieren. Aber, Herr Hofrat, ich staune- — Merken Sie sich das, was Ihnen ein alter Politiker sagt: würden die Juden aller Welt organisiert und geeint dastehen als eine kompakte Masse mit einem sicheren Ziel vor Augen, das sie mit eiserner Willenskraft zu erreichen suchten, dann könnte ihnen kein Mensch jene Achtung versagen, die ihnen als einem der ältesten Kulturvölker zweifellos gebührt.- Wir waren in Baden. Mit einem innigen Händedruck schied mein Reisegefährte. Auch ich mußte umsteigen, denn der gefürchtete Revisor kam. Ich suchte meine blauen Sterne, richtig, da funkelten sie noch beim selben Fenster. Ich stieg ein und saß eine Weile nachdenklich da. Noch hörte ich die letzten Worte des alten Herrn. Ja, Einigkeit brauchen wir, die gibt Macht, Achtung, Erfolg. — — Da traf mich ein Blick. Ich sah in zwei große, blaue Augen, die in einem herrlichen Gesicht leuchteten, ein dichter, blonder Haarwald vervollständigte das reizende Bild. Wer könnte schönen Mädchenaugen widerstehen? Eine harmlose Frage — eine harmlose Antwort. — Eine kleine Pause. Und bald ist ein animiertes Gespräch im Gange, das, warum soll ich es leugnen, sich in ganz anderen Bahnen bewegte, als das frühere. Ameriüanischkr Krief. Herr Rockefell er kann sich als erster Milliardär der Welt etwas leisten. So hat er sich denn, wahrscheinlich im Bewußtsein, daß er eines extra geistlichen Zuspruchs dringend benötigt, einen Extra-Geistlichen aus England verschrieben.