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Die Wahrheit · 1907-07-05 · Heft 26 (5.7.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 26 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26. Die Wahrheit Seite ö. Revisor kommt!" Da drücke ich dem braven Manne zwei Zwanzighellerstücke in die Hand und diese wirken Wunder. Bald sitze ich auf einem bequemen Ledersitz irr einem Nichtraucherabteil zweiter Klasse, mir gegenüber ein alter vornehmer Herr, der etwas mürrisch in das Abendblatt der „Neuen Freien Presse" hineinsieht. Jedenfalls ein Extrem liberaler, denn nach der Zeitung pflegt man heutzutage die Gesinnung zu taxieren; mit Unrecht, denn oft kauft man am Bahnhof eine Zeitung, die gerade da ist. Eine Zeitlang blicke ich auf das Schienengewirr des Matzleinsdorfer Frachtenbahnhofes und beginne mein Geschick zu verwünschen, daß ich nicht lieber den schönen Augengefolgt war, dann aber nehme ich ein Buch aus meiner Aktentasche und blicke gelangweilt hinein — es ist das kanonische Recht von Dr. Groß. Da legt mein Gegenüber das Abendblatt aus der Hand und scheint in mein Buch zu blicken. — Sie studieren Jus? Jawohl. — Scheinen aber nicht sehr erbaut von dem Buche da? Allerdings nicht. — Und warum? Es kann mir absolut nicht einleuchten, wozu ich als Jude katholisches Kirchenrecht lernen muß. — Sie sprechen es so unumwunden aus, daß Sie Jude sind? Ja, warum denn nicht? — Sie sind ein junger Mann und' werden im Leben, wo die Existenzbedingungen ohnehin keine glänzenden sind, sehr, ja verzweifelt zu kämpfen haben, wenn Sie Ihr Judentum überall offen einbekennen werden. Sie wissen, daß viele Aemter und Geschäftshäuser einen Juden grundsätzlich nicht anstellen? Ja, das weiß ich, auch jüdische Geschäfte nicht. Das ist ja eben das Traurige. — Die Juden müssen sich vollständig assimilieren. Nein, mein Herr, wir Jungen wollen nicht mit den Alten mittün. Die haben sich als blödes Stimmvieh benützen lassen, um dann nach den Wahlen mit einem Fußtritt traktiert zu werden. Wir sind den Christlichsozialen und den anderen Judenfeinden großen Dank schuldig, daß sie durch ihren extremen Antisemitismus und durch ihre Gesetzesverletzungen das Judentum aus langem Schlafe aufgerüttelt und zu neuem, kräftigen Leben erweckt haben. — Inwiefern können Sie behaupten, daß die Christlichsozialen die Gesetze verletzen? Sie tun es täglich und stündlich. Ihre Machthaber in Stadt und Land leisten ja auch den Eid aus die Verfassung, die einen Artikel 19 kennt; aber wie die Gleichberechtigung in den Augen dieser Leute aussieht, das haben wir Juden oft genug zu erfahren Gelegenheit gehabt. — Es sind in der Kommune Wien einige Hundert israelitische Beamte. Ja, aber die sind noch vom liberalen Regime her und dann werden sie immer wieder präteriert nnd das gegenüber bedeutend jüngeren und nicht immer fähigeren Bewerbern, so daß sie es vorziehen, zu gehen. — Fast scheint es mir, daß die Juden lieber herrschen als gehorchen wollen. Keineswegs, wir haben in den schweren Jahren unseres Exils Dulden und auch Gehorchen gelernt; aber es muß auch für uns einmal die Sonne scheinen, denn der alte Makkabäerstolz und der alte Makkabäermut sind in uns noch immer wach. — Jawohl, wir können auch gehorchen, bis zu einer gewissen Grenze, denn wer nicht gehorchen kann, kann auch nicht herrschen, das wissen Sie, mein Herr. Hier hielt es mein Reisegefährte für angemessen, sich vorzustellen, er nannte seinen Namen: Hofrat Baron K. — Die Juden denken daran auch einmal zu herrschen? Wir hoffen zuversichtlich, daß es uns einmal gelingen wird, unser altes heiliges Land wieder zu besitzen. — Wer gibt sich diesem Wahne hin? Wahn? Belieben Herr Hofrat die große zionistische Bewegung mit diesem Worte zu bezeichnen? — Also nennen Sie es Utopie. Nein, keineswegs. Wenn auch wir nicht die Früchte ernten werden, so werden es unsere Enkel, aber sicherlich unsere Urenkel. Für uns aber ist es ein erhebendes Gefühl mitzuwirken an der erhabenen jüdisch-nationalen Idee. — Sie nennen also das Nationaljndentum eine Idee? Eine Idee nenne ich es deshalb, weil es ebensowenig aus der Welt geschafft werden kann, wie eine Idee. Aber es ist eine Idee, die greifbare Formen angenommen und die immer mehr und mehr die bisher noch indifferenten, assimilatorischen Kreise für sich gewinnt. — Um dem Nationaljudentum Geltung zu verschaffen, müßte eine kompakte Masse auf einem einheitlichen Territorium mit einheitlicher Sprache vor allem vorhanden sein. Nicht wie es tatsächlich der Fall ist, eine geringe Zahl, in allen Teilen der Welt zerstreut und aufgegangen in allen anderen Nationalitäten. Die Zahl ist nicht so gering; man zählt gegenwärtig beinahe 12 Millionen Juden, also mehr als Czechen oder Magyaren, die ein eigenes Reich haben. Das Streben aller Zionisten ist ja darauf gerichtet, eine rechtlich anerkannte, allgemein gesicherte Heimstätte womöglich in Palästina zu gründen. Dort befinden sich bereits zahlreiche Kolonien, wo ausschließlich die hebräische Sprache dominiert. Wir haben hebräische Gymnasien und eine Akademie der bildenden Künste. Fast zwei Drittel aller Juden versteht Hebräisch und im Gebete bedienen sich dieser Sprache alle Juden.Es erscheinen mehrere hebräische Tagesblätter und zahllose Wochenblätter, wir haben also eine Sprache. Daß wir in allen Weltteilen zerstreut leben, gereicht uns nicht zum Nachteil. Wir haben bei den verschiedenen Völkern das Beste kennen gelernt und werden, wenn uns Gott zu unserem Lande verhelfen wird, all das verwerten können; es wird ein Staat sein, der alle Errungenschaften der Neuzeit auszunützen wissen wird, ein durchaus moderner, demokratischer Staat. — Wie bringen Sie die jüdische Religion mit dem modernen Geiste in Einklang? Unsere Religion ist eine Kulturreligion, deren Grundsätze von allen gesitteten Nationen anerkannt werden. Ich könnte erwidern, daß die Religionsübung mit Nation und Staat nichts zu tun habe. Ich pflichte aber der großen jüdischen Masse bei, daß die mosaische Religion mit der jüdischen Nation untrennbar verbunden ist. Das mosaische Gesetzbuch ist uns ein teueres Vermächtnis, wie es ja auch treffend als Testament bezeichnet wird, das die Juden zu Universalerben und alle Völker zu Miterben bestimmt. Ich betrachte das mosaische Gesetz als Verfassung des jüdischen Staates und es steht nichts im Wege, daß eine Verfassung, dort wo sie verbesserungsbedürftig ist, durch Parlamentsbeschluß entsprechend abgeändert wird. — Ist vielleicht die kleine zionistische Gruppe im österreichischen Reichsrat die Vorstufe für das jüdische Staatsparlament? Ich bitte, Herr Hofrat, diese kleine, mannhafte Gruppe durchaus ernst nehmen zu wollen. Dieser jüdische Klub steht in gar keinem Gegensatz zu den übrigen österreichischen Nationalitäten; er ist wahrhaft freisinnig und strebt nach einer wirtschaftlichen Hebung Oesterreichs ebenso wie nach Anerkennung der vollen Gleichberechtigung der Juden; er kann es in Bezug auf Vaterlandsliebe und Kaisertreue mit all denen aufnehmen, die den Patriotismus als ein Patent für sich allein in Anspruch nehmen wollen. Und in diesem Punkte ist die gesamte österreichische Judenheit mit dem Klub eins. — Aber sie streben nach einem eigenen Lande? Es soll nicht so ohneweiters hingehen, uns wie heimatlose Zigeuner behandeln zu dürfen. Wir wollen ein gesetzlich anerkanntes jüdisches Territorium haben, das auch seine diplomatische Vertretung bei den Mächten haben würde; diese müßte überall, wo Juden unterdrückt würden, im Namen des jüdischen Staates und seiner Schutzmächte dagegen Protest erheben und Abhilfe verlangen. Es soll für jene geknechteten und entrechteten Unglücklichen, die in Rußland, in Rumänien vor den Augen aller Kulturvölker beraubt, ermordet und geschändet werden dürfen, ein Stückchen Erde geben, wo sie Aufnahme, Schutz und Hilfe finden können.

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