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Die Wahrheit · 1907-07-05 · Heft 26 (5.7.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 26 (5.7.1907)
Date
1907-07-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«Seite 4. Die Wahrheu dir. 26. aber, die mit der gleichen Berechtigung ihre Urteile über die Moral des Judentums feststellen und in Zeitungen zur Aufreizung der Menge veröffentlichen, kommen früher oder fpäter in — gesetzgebende Körperschaften. Das ist der Unterschied. Wir haben kürzlich an dieser Stelle darauf hingewiesen, wie peinlich es den Bürgermeister Dr. Lueger u n d seine Parteigenossen berührte, daß die Sozialdemokraten dem greisen Kaiser gegenüber, dem sie das allgemeine Wahlrecht danken, die Pflichten der Loyalität erfüllen. Nun. ist es allerdings begreiflich, daß die Christlichsozialen, die sich nach obenhin hauptsächlich dadurch empfohlen haben, daß sie sich als die Hüter und Schützer des Thrones gegen die bösen Sozialdemokraten gerirten, durch das Verhalten der letzteren in ihrer angemaßten Rolle gestört fühlen. Wären sie wahrhafte Patrioten und ehrliche, unbedingte Anhänger der Dynastie, dann müßten sie statt Verdruß tiefinnere Befriedigung und Freilde empftnden, daß selbst die Sozialdemokraten nun einen so loyalen Standpunkt einnehmen. Aber so loyale Empfindungen sind den Antisemiten, denen nur das eigene Interesse heilig ist, ferne und ihre Wortführer hören nicht auf, die Sozialdemokraten zu hetzen und zu reizen. So sagte Prinz Liechtenstein neulich bei einem Antisemitenfeste: „Die Sozialdemokratie fühlt bereits, daß sich eine Koalition gegen sie gebildet hat, und ihre Führer, die vorsichtiger und unaufrichtiger als ihre Truppen sind, versuchen durch gehe u ch e l t e M ä ß i g u n g den allgemeinen U n w i l l e n wieder e i n z u s ch l ä f e r n. Sie haben sogar eine Deputation diplomatisch angelegter Umsturzmänner zur Anhörung der Thronrede in die Burg gesendet." Prinz Liechtenstein sollte sich wirklich schämen, von der „geheuchelten Mäßigung' der Sozialdemokraten zu -sprechen, die ganz offen und ehrlich ihren Standpunkt in dieser Frage bekannten. Wenn man sich erinnert, mit welcher un g eh eu ch eit er Maßlosigkeit die patentierten Retter des Altars und des Thrones gegen die Kaisertreue sündigten, als die Bestätigung Luegers zum Bürgermeister von Wien sich verzögerte, dann wird man die Erbärmlichkeit der Komödie, die sie jetzt aufführen, erst recht kennen. * Wie die Sozialdemokraten ihre Haltung gegenüber der Krone auffassen, ersieht man am besten aus einer Rede, die Abg. Pernerstorfer anläßlich des Sozialistenkongresses in Budapest hielt. In dieser sagte er u. a.: „Man hat uns in Oesterreich verhöhnt, wir seien kaiserliche und königliche Sozialisten, aber, Genossen, ich habe wiederholt betont, wir Sozialisten sind ganz unbefangene Leute, wir lassen uns durch keine Traditionen beirren, wir werden immer mit dem Kaiser und der Krone Zusammengehen, wenn Kaiser und Krone das wollen, was wir wollen. Und wenn der Kaiser das will, was wir schon vor zwanzig Jahren gewollt, müßten wir Idioten sein, wenn wir nicht mit ihm z u s a m m e n g i n g e n. Wir ergreifen alle Mittel, die zweckdienlich sind, und scheuen nicht, uns auch mit der Krone zu alliieren. Es ist allerdings ein seltener Fall, ja vielleicht noch nie dagewesen, daß die Krone gegen den Feudaladel und die hohe Hierarchie mit dem Volke zusammengegangen wäre. Wir scheuen nicht, zu sagen, der alte Kaiser habe sich ein welthistorisches Verdienst dadurch erworben, daß er den Sinn der Zeit verstanden hat. Wir werden immer unsere Politik machen, und wenn es der Zufall mit sich bringt, daß die Regierung oder die Krone mit unserer Politik einverstanden ist, gut. Kommt dann ein anderer Zeitpunkt, werden wir wieder böse f ein; wir haben keine f e st e n Vorsätze inbezug auf Personen, sondern nur inbezug auf unsere Prinzipien." Man braucht diese Auffassung der Kaisertreue nicht zu teilen, aber man wird doch zugeben müssen, daß sie frei von Heuchelei ist. Diese bleibt das unbestrittene Privilegium der Christlichsozialen. * * Nur wenige Sitzungen hat das neue Volksparlament bisher abgehalten, aber bereits sieht man die kleine Gruppe der jüdisch-nationalen Abgeordneten stramm an der Arbeit. Am 2. Juli richtete Abgeordneter Dr. S t r a u ch e r eine Interpellation an den Justizminister, betreffend Überprüfung der Strafakten gegen Leopold Hülsner von Amtswegen und die Wiederaufnahme des Strafverfahrens; sowie eine Interpellation, betreffend der Entführung der minderjährigen Tochter des Juden Salomon Faß in Wolica in Galizien in ein Nonnenkloster in Krakau. Am nächstfolgenden Tage wurden von den Sozialdemokraten und Ruthenen die Wahlmißbräuche in Galizien zur Debatte gestellt, und da war es der zionistische Abgeordnete Stand, der auf den Terrorismus hinwies, unter welchem die jüdischen Wähler zu leiden hatten. Das Gesetz, so führte der Redner aus, kennt Bürger, die ein Wahlrecht haben, und solche, welche keines haben. Der galizische Bezirkshauptmann aber teilt sie in solche ein, welche für den Regierungskandidaten sicher, und solche, welche nicht sicher sind. Diejenigen, von deneit er annimmt, daß sie demokratischen Strömungen zugänglich sind, werden gestrichen. Der Jude war durch 40 Jahre in Galizien gewöhnt, blind, ohne einen eigenen Gedanken, zur Urne zu gehen. Dieser idyllische Zustand hat ein Ende genommen. Die Bezirkshauptleute beginnen mit dem Terror. Sie schließen jüdische Läden, lassen jüdische Häuser demolieren, Bäckereien werden gesperrt und es leiden auch die Arbeiter viel darunter. In dem verwahrlosten Galizien beginnt auf einmal die Hygiene zu funktionieren. Der Professor der Hygiene an der Wiener Universität könnte dort vieles lernen. Die Untersuchungs- Mittel, die man in Galizien hat, kennt die modernste Hygiene nicht. Der Physikus kommt in das Geschäft. Kaum winkt ihm der Kaufmann: „Ich stimme für den Regierungskandidaten!", so ist alles in bester Ordnung. (Lebhafte Heiterkeit.) Macht er aber eine verdächtige Miene, so wird alles untersucht und, mag es noch so hygienisch sein, der Laden wird gesperrt, das Haus demoliert. Es herrscht ein Terror wie in Feindesland. Wenn Vertrauensmänner zugelassen wurden, wirft man sie unter den nichtigsten Vorwänden wieder hinaus. In Stanislau erhob man gegen den Vertrauensmann Dr. Moser den Vorwurf, er habe jemanden beleidigt. Es entstand ein Krawall, und das einzige Opfer war Dr. Moser, der hinausgeworfen wurde. (Lebhafte Heiterkeit.) Der Redner schilderte gleichfalls die Mißbräuche mit den Wahlakten und Wahlzetteln in Galizien. Die Juden in Galizien ehren, schätzen und achten das polnische Volk, sie ehren, schätzen und achten das ruthenische Volk, sie werden, wenn die Verhältnisse sich ändern, gern und freudig mit dem polnischen und ruthenischen Volke Zusammenarbeiten zur Hebung der Kultur des armen Landes. Wir wenden uns, sagt Redner, gegen drei Kategorien. Gegen den Adel, der keine Pflichten kennt, gegen die Bureaukratie, die wie im Feindeslande wütet. Neben dem Adel und den Bureäukraten sind es die Hausjuden, die Propinatoren, die jüdischen Bürgermeister und Kultuspräsidenten, welche Todfeinde des jüdischen Volkes sind. Wir kennen die Früchte der vierzigjährigen Verfassung Oesterreichs bisher nur dem Namen nach. Es wird Sache des jüdischen Volkes sein, Hand in Hand mit der polnischen und der ruthenischen Demokratie zu gehen, gegen die Cliquen dieses Landes und für die Freiheit des so schönen, so gesunden, so kräftigen Landes, dem wir zusammen mit dem polnischen und ruthenischen Volke eine große Zukunft versprechen und wünschen! Wie man sieht, ist die Vertretung des jüdischen Volkes in Galizien in guten Händen. Mn Reisegespräch. Bon Adolf Heinrich Landau. Der Lokalzug der Südbahn stand bereits zur Abfahrt bereff, als anch ich Einlaß begehrend an mehreren Waggontüren dritter Klasse pochte, aber vergebens, selbst die Plattformen waren überfüllt. Da blicken mich zwei treuherzige Mädchenaugen aus einem Fenster an, als wollten sie sagen: Da komm her, da ist noch ein Platz-Da ertönt das schrille Schlußzeichen -ich eile auf den Kondukteur zu: „Ich bitte, ich möchte zweite Klasse fahren. ..Wohin fährt der Herr?" „Nach Wiener-Neustadt." „Das geht nicht, das geht nicht, wenn der

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