Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 25 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063392--04920-3071800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Leite 8. Die Wahrheit Nr. 25. Friedrich Adler wurde bei Betrachtung des Rubensschen Meisterwerkes „Das jüngste Gericht", auf welchen auf der einen Seite die Seligen zum Himmel emporsteigen, auf der anderen Seite die Verdammten vom Teufel der ewigen Pein überantwortet werden, zu den herrlichen Worten veranlaßt: „Gläubig seh' ich das Glück, die Pein, Kann nur den Zweifel nicht meiden: Können die Seligen selig sein, W e n n d i e d r ü b e n s o l e i d e n?" — Bedenkt man, daß die Thora eine Höllenstrafe überhaupt nicht kennt, so hat man wohl nicht das Recht, den Gott des alten Testaments als „Gott der Rache" zu verunglimpfen. („Deutsches Abendblatt.") Prof. Dr. A. B i a ch - Brüx. Moderne Schrifterklärnngen und Andachten. Nächsten Freitag erscheint im Virgil-Verlag, Berlin. Charlottenburg, Kantstraße 8/9, eine Sammlung Predigten von Rabbiner Dr. Emil Cohn, und zwar unter dem Titel: „Suchet mich, so lebet ihr!" Moderne Schrifterklärungen und Andachten von Rabbiner Dr. Emil Cohn. Das Bändchen erscheint in vornehmster künstlerischer Ausstattung und wird trotzdem nur M. 1.50 kosten. All Marjim. Novelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) Gegen letzteres Argument durfte Marjim als Jüdin keine Einwendung machen, aber sie nahm den schönen blonden Knaben auf den Schoß und wendete alle ihre Beredsamkeit auf, um den Knaben sein Vorurteil gegen die Stiefmutter zu benehmen. „Gewiß hast Du Recht, Marjim," sagte der Knabe, „aber auch Blanko fürchtet sich so sehr vor der Stiefmutter, wirst Du es ihr auch so ausreden, wie mir?' Marjim wollte nicht eingestehen, daß das Komteßchen nicht so voll Vertrauen an ihr hänge wie er, daß sie sich vielmehr von der Amtmännin und dem Abbee leiten ließ, darum sagte sie ausweichend: „Das ist Deine Sache, Barthel, ein so kluger Junge bringt es schon zusammen, sein Schwester! aufzuklären und zu beruhigen. Jetzt geh' nach Hause, Bubi, und bitt' den Herrn Abbee recht schön, daß er Dich ein hübsches Bewillkommensgedicht einlernt, und wenn Papa und Mama kommt, so zeig Dich als ein Kavalier, als rechter Gras Sokolov, geh' der neuen Mama artig entgegen und küß ihr galant die Hand. Dann wird sie Dich immer gerne haben und Dir die schönen Sachen auch geben, die sie Dir ans Wälschland mitbringt.- Wirst mir folgen, Kindleben?" „Aber gewiß, Marjim!" „Wirst Du auch Wort halten?" „Ein Edelmann hält immer sein Wort," sagte der kleine Aristokrat mit Selbstbewußtsein. „Also geh', Liebling!" sagte Marjim, indem sie innige Küsse aus das Goldhaar des Knaben drückte. „Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten," sagte sie noch, indem sie dem sich entfernenden Knaben, der an der Hand seiner Bonne den steilen Schloßberg hinaufschritt, voll wahrhaft mütterlichem Stolze nachblickte. Dann versiel sie wider in stilles Nachdenken, aus dem sie vorhin durch den Besuch des kleinen Grafen gestört wurde. „Stiefmutter," sagte sie für sich hin; „alles Böse und Schlechte legt man in dieses Wort hinein. Die unschuldige Seele eines Kindes vergiftet man mit den Erzählungen von einer bösen Stiefmutter. Wie oft schon haben solche Erzählungen den Frieden eines Hauses gestört, indem sie das Herz der Kinder von derjenigen entfremdet, welche die schwere und heilige Aufgabe übernommen hat, den armen Waisen die fehlende Mutter zu ersetzen. Alles Harte und Grausame, welches in einer weiblichen Seele Platz findet, verbindet man mit dem Worte Stiefmutter, als ob nicht eine wirkliche, eine leibliche Mütter auch zu Grausamkeiten fähig wäre. Die Grausamkeit einer Mutter findet keine Vergebung vor Gott. Der Prophet vergleicht Zion mit einer Mutier, welche um ihre Kinder trauert, um die Kinder, welche ihr der Feind, das Schwert, der Hunger entrissen. Was aber verdient eine Mutter, welche selber ihre Kinder verstoßen hat, ohne Erbarmen, den tausendfachen Tod?" Das ungefähr war der Jdeengang von Alt-Marjim nach der Entfernung des kleinen Grafen. Anderen Tages schritt Marjim den Schloßberg hinan, um zu erfahren, wann das gräfliche Paar seinen Einzug halten werde und welche Vorbereitungen zu deren Empfang gemacht werden. Fühlte sie sich doch verpflichtet, in der Gemeinde die Mitteilung zu machen, damit auch ihrerseits etwas zu dem feierlichen Empfange beigetragen werde. Nicht mehr so rüstig, wie ehemals, stieg sie die Anhöhe hinauf, sie mußte mehrmals stehen bleiben, um Atem zu holen, mußte sich auch einmal rastend auf einem der großen Steine, die am Wege lagen, niederlassen. Sie war alt geworden, sehr alt, und so müde, und durfte nicht zur Ruhe gehen, bevor sie ihren Eid, den sie am Sterbebette der jungen Gräfin gelobt, gänzlich erfüllt hatte. „Gottlob, daß er kommt," sagte sie sich einmal über das anderemal. „Die Grafen Sokolov lieben es, in die Well hinaus zu wandern, und erst, wenn sie vom Schicksal hin und hergezerrt werden, erinnern sie sich der heimatlichen Scholle. Gottlob, er wenigstens kommt als glücklicher Ehemann zurück. Arme Marjim! Sie wußte nichts Näheres, das Kind hätte ihr doch nicht mehr berichten können, als man ihm selber sagte. Endlich war sie oben angelangt. Ihrer Gewonheit gemäß, begab sie sich vorerst in die Gesindestube. Als der Amtmann von ihrer Anwesenheit im Schlosse Kenntnis bekam, ließ er sie zu sich in seine Kanzlei kommen. „Weiß Sie, was Neues ist, Marjim?" sprach er sie an. ..O, gewiß," rief sie freudig aus, und ein sonniges Lächeln huschte über ihre welken Züge. „Der gnädige Herr Graf kommt an." ..Ja, kommt an, krank, verwundet, vielleicht sterbend, was weiß ich?" „Schma Jisroel!" entfuhr es der erschreckten Greisin, des Ortes nicht achtend, wo sie sich befand. „Ja, Schma Jisroel her, Schma Jisroel hin, das trifft Ihr dann, Schma Jisroel zu schreien, wenn Ihr mit Eurem Sündengelde Unheil gestiftet habt. Wenn Ihr dem Herrn nicht so staiite pede das verlangte Geld geschickt hättet, so wäre es zu keiner Heirat gekommen und mithin zu keiner Krankheit. Mit dem Geldgeben seid Ihr Inden gleich bei der Hand, wo- Ihr Sicherheit habt und einen Zweck verfolgt." Marjim richtete sich stolz empor. En fast jugendliches Feuer blitzte aus ihren Augen, indem sie sich anschickte, auf diese gehässige Anschuldigung zu antworten. „Ja, wir sind mit dem Gelde gleich bei der Hand, Euer Gestrengen! da wo es gilt, uns für empfangene Wohltaten dankbar zu bezeigen. Ja, Sie haben Recht, gestrenger Herr! Geld hat bei uns keinen Wert und wir zaudern nicht mit der Verwendung, wenn der Zweck, den wir verfolgen, wie in diesem Falle, ein edler ist. Wollten wir es doch unserem gnädigsten Herrn es ermöglichen, die Geliebte seines Herzens heimzuführen, das rastlose Wanderleben aufzugeben und 'sich auf seinem Erbsitze einem glücklichen Familienleben hinzugeben. Dachten wir doch all der Wohltaten, die unser gnädigster Graf uns erwiesen hat, des Schutzes, deu wir uns unter seiner Herrschaft erfreuen, der sogar uns feindlich gesinnte Menschen verstummen macht." „Meint Sie mich damit, Marjim?" „Ich habe im allgemeinen gesprochen, um die Beschuldigung zu widerlegen, die gegen uns erhoben wurde. Wir Juden haben es mit unserem gnädigen Herrn gut gemeint, aber unsere Gedanken sind nicht Gottes Gedanken und unsere Entwürfe schwinden dahin vor dem Hauche seines Mundes." „Herr Abbee," rief der Amtmann lachend in die offen stehende Türe des Nebenzimmers, in welchem der Franzose vor einem aufgeschlagenen Buche saß, „haben Sie die schöne Predigt gehört? Das wäre ein famoser Text zu einer Sonnlagspredigt." „Ei," meinte Marjim, „der hochwürdige Herr hat mich gewiß gehört und muß mir im Geiste Recht geben, wenn er auch öffentlich nicht gegen Euer Gestrengen austreten wird." „Natürlich," höhnte der Abbee, „Frau Marjim denkt: Keine Krähe hackt der andern die Augen aus." Und zu dem Amtmann gewendet, fügte er hinzu: „Das Weib da geht von dem Grundsätze aus: InArati8 servire nefas." Der Amtmann aber sagte zu Marjim: „Was ich Ihr noch sagen wollte, Marjim! Der Herr Graf schreibt, daß Sie sich bereit machen soll, ihn zu pflegen, wenn er zurückkommt." (Fortsetzung folgt.)