Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 25 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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OMr -mMl. Kantoren Ztitunü Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Kantoren dringendst ersucht, den Abonnementsbetrag für das am 1. Juli beginnende 3. Quartal umgehend einzusenden. Die Administration. Zur'Kritik des Wiener Kantorenwefens. Vor kurzem hat ein gewesener Chorsänger, namens Loubetzky, unter obigem Schlagwort in der „Neuen National- Zeitung" über die kantoralen und chorischen Verhältnisse und Leistungen an den Wiener Synagogen eine mit der Wahrheit im vollsten Widerspruche stehende böswillige Kritik veröffentlicht, die sich durch ihren Inhalt wohl am besten selbst richtet und dem Autor jede Legitimation abspricht, sich über die angeregten Fragen ein beachtenswertes Urteil anzumaßen. Ten Ausführungen des Herrn L. ist so sehr der Stempel der Unwissenheit, der Unkenntnis der Verhältnisse und der Neigung zu pauschaler Verdächtigung aufgedrückt, daß es uns nicht nur Wunder nahm, wie ein ernstes, jüdisches Blatt denselben Publizität leihen konnte, sondern wir auch der Anschauung waren, daß es am besten sei, dieses Pamphlet vonseiten der Kantoren mit stillschweigender Verachtung zu übergehen. Dieser Ansicht ist gewiß auch Herr Oberkantor Singer gewesen, der wider seinen Willen von Herrn L. als Zeuge angerufen und, wie wir von ihm selbst wissen, von dieser Anrufung höchst unangenehm berührt wurde. So blieben die Ausführungen des Herrn L. in diesem Blatte vollkommen unbeachtet. Da wir jedoch vonseiten der Wiener Chorsänger, unter Berufung auf den Schutz, den wir ihnen als Fachblatt gegenüber ungerechtfertigten Angriffen naturgemäß gewähren müssen, um Aufnahme einiger Erwiderungen nachdrücklichst gebeten wurden, sehen mir uns veranlaßt, dieselben im Nachfolgenden zu veröffentlichen: Unter der Spitzmarke „ZurKritik des Wiener Kantorenwesens" so schreibt uns Herr S. L e m b e r g e r, hat Herr Aisik Loubetzky aus Rußland in landesüblicher Manier eine literarische Bombe geschleudert und mit derselben einen ganzen ehrbaren und achtunggebietenden Stand, Schuldige und Unschuldige, hervorragende Vertreter des modernen Tempelgesanges und minder befähigte rücksichtslos zu treffen versucht. In Wirklichkeit ist aber niemand verletzt worden, denn die Bombe war nicht mit gefährlichen eisernen Beweis-Stücken, sondern mit allgemeinen Schmähungen und mit der Wahrheit direkt ins Gesicht schlagenden Verleumdungen gefüllt. Es würde sich nun gar nicht der Mühe verlohnen, auf die von bewußter oder unbewußter Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse strotzenden Anwürfe des Herrn Loubetzky, eines wegen mangelhafter Qualifikation in stimmlicher Beziehung postenlos gewordenen früheren Tempelsäugers, des näheren einzngehen, wenn nicht das Totschweigen dieses unerhörten Angriffes nach dem altbewährten Sprichwörter „Calumniare audacter, semper aliquid haeret“, „Nur frech verleumden, es bleibt immer etwas hängen" auch hier in weniger eingeweihten Kreisen schädliche Folgen nach sich ziehen könnte. Es ist also eine Kritik dieser Kritik nicht von der Hand zu weisen und ich werde mich bemühen, trotz der sittlichen Empörung, die einen jeden anständigen Menschen bei einer durch nichts gerechtfertigten Anrempelung erfassen muß, meine Erwiderug so objektiv als möglich zu gestalten. Herr Loubetzky schreibt: „Der jüdische Tempelgesang wird ganz vernachlässigt und nur noch von Dilettanten und Stümpern gepflegt. Ja noch sonderbarer, die jüdischen Kultusgemeinden decken ihren Bedarf bei christlichen Componisten." Obzwar Schreiber dieses nicht als Kantor sondern seit mehr denn 20 Jahren. als Tempelsänger der Wiener Synagogen: Schmalzhvfgasse, Müllnergasse und Seitenstettengasse tätig ist, hat es ihm dennoch die Schamröte der Entrüstung bei der Lektüre dieser gegen den gesamten Wiener Kantorenstand gerichteten, den Tatsachen hohnsprechenden Verleumdung ins Gesicht getrieben. Denn unbeschadet der vorzüglichen, zum Teil mustergiltigen Qualitäten der älteren Vertreter dieses heiligen Berufes, besitzt auch der jüngere Nachwuchs der Wiener Kantoren zum großen Teile alle von Herrn L. geforderten Eigenschaften und Kenntnisse in hohem Maße und sie haben es verstanden, im Vereine mit den unter der einheitlichen Leitung des Herrn Professors Josef Snlzer stehenden Gemeindechören. die andächtig lauschenden Tempelbesucher in weihevolle Stimmung zu versetzen, trotzdem jeden Freitag immer nur derselbe, volkstümlich gewordene, aber nichtsdestoweniger ewig schöne F-dur „Lecho daudi“, Salomon Snlzers (gewiß keines christlichen Komponisten) gesungen wird, während die zusammenhängenden Kompositionen verschiedener herrlicher „Adaun auloms“ desselben Meisters für Abwechslung sorgen. Daß aber die Wiener Gemeinde-Tempelsünger außer Lecho daudi auch die schwierigsten, stimmlich und musikalisch die größten Anforderungen fteßenbeu Kompositionen m formvollendeter, vorbildlicher Weise zu Gehör bringeu können, davon scheint Herr L. nichts zu wissen, oder was moralisch unverantwortlich wäre, nichts wissen zu wollen, da er wahrscheinlich niemals einen „Unesane taukef“, einen „Ez chajim“ mit „Chadesch“-{5uge, einen „Halelujah“, einen Es-dur „Adaun aulom“ oder ein großes Requiem im Stadt- oder Leopold städter-Tempel angehört hat. In ähnlicher, wenn auch entsprechend den geringeren Mitteln nicht so großangelegter Form, wie in diesen beiden Haupt-Synagogen, erfüllen auch die übrigen Gemeinde-Funktionäre in zufriedenstellendster Weise ihre Pflicht, wie sich jeder unbefangen Urteilende überzeugen kann, und so fällt das ganze Schmähgebäude Loubetzkys mangels jeder Grundlage kraftlos in sich zusammen und es erübrigt ntir noch die wirtschaftliche Seite des Schmühartikels, denn Zahlen beweisen — etwas näher zu beleuchten und etwas tiefer zu hängen. Herr L. erlaubt sich, dem Wiener Kultusvorstand leichtsinnige Verschwendung von Gemeindegeldern vorzuwerfen, weil derselbe „die horrende Summe von 400.000 Kronen jährlich für Kantoren und Chöre ausgibt." Obwohl diese Zahl eine „horrende" Unwahrheit in sich birgt, da faktisch nur 120.000 Kronen für den gesanglichen Teil des Kultus ausgegeben werden und es auch nicht meine Aufgabe sein kann, die weit auseinandergehenden Einkommen der Wiener Kantoren zu detaillieren, kann ich doch das Eine sagen, daß von dieser angeblichen großen Summe auf den einzelnen Gemeinde-Tempelsänger lzum größten Teile Familienväter) 30 bis maximal 68 fl. monatliches Gehalt entfallen und daß daher die Loubetzkys gar keine Ursache haben, neiderfüllt über arme, einen schweren wirtschaftlichen Kampf ums Dasein führende, aber trotzdem ihrem schönen Berufe, dem Lobe und der Verherrlichung des Höchsten, mir vollster Hingebung, Begeisterung und Aufopferung sich widmende Tempelsänger hinterrücks herzufallen. Ich überlaste es getrost dem Gefühle eines jeden verständigen Lesers, sich über eine solche mit falschen Zahlen und falschen Daten operierende Kampfesweise eines Unberufenen sein eigenes Urteil zu bilden. Wien, im Juni 1907. S. Lemberg er, Obmann des Wiener Synagogensänger-Vereines. Eine zweite in derselben Angelegenheit uns von Herrn W. S ch i o ch e t eingesandte Erwiderung, die nebst der Persönlichkeit des Herrn L. auch die mangelnde Objektivität der „N. Nat. Ztg." in dieser Angelegenheit beleuchtet, konnten wir wegen Raummangel in dieser Nummer nicht mehr veröffentlichen.