Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 25 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25. Seite 7. Dre Wahrheit Regierungeil unterrichtet wurde, vorausgesetzt, daß die eingeleiteten Unterhandlungen fortgesetzt werden sollten. Wien. Mittwoch, den 26. d. M., 8 Uhr abends, fand in Gerstmanns Restauration, H., Rotensterngasse, eine außerordentliche Plenarversammlung des Vereines der Israel. Fleischhauer und Fleischverkäufer behufs Stellungnahme zur erfolgten Erhöhung der Schächtergebühren statt. Pozega. In Anerkennung seiner ausgezeichneten Leistungen ist unserem Oberkantor, Herrn Josef W e i ß m a n n, in der jüngst abgehaltenen Kultusgemeindesitznng nach dreijährigem Provisorium das Definitivum einstimmig verliehen worden. Es wäre sehr wünschenswert, wenn das Beispiel der hiesigen Gemeinde auch in den anderen Gemeinden allgemeine Nachahmung fände. Worms. (Zum R a s ch i -I u b i l ä u tn.) Aus Anlaß des 800. Todestages des berühmten Bibel- und Talmud-Kommentators Raschi hat die Stadt Worms eine Preiskonkurrenz auf eine populäre Würdigung des großen Gelehrten ausgeschrieben. Die Preisrichter schlugen die Arbeiten der Rabbiner Dr. Beer mann und Dr. Doctor als gleichwertig zur Prämiirung vor und die Gemeinde Worms hat beide Arbeiten, die den Verfassern alle Ehre machen, in einer Festschrift: „Raschi's Leben und Wirken" vereinigt herausgegeben. Das würdig ausgestattete Buch wurde seitens der genannten Gemeinde sämmtlichen Gemeindemitgliedern, sowie denen der Landgemeinden des Kreises Worms gratis überlassen. Königsberg. Obersekretär Klein von der hiesigen Synagogengemeinde wurde anläßlich der Feier seines 70jährigen Geburtstages der Gegenstand mannigsacher Ehrungen. Zunächst brachte Stadtrat Magnus als Vertreter des Vorstandes der Synagogengemeinde die Glückwünsche desselben zum Ausdruck. Alsdann gratulierten Kaufmann Hartwig Lazar als Vorsitzender der Reprüsentantenversammlung, Rabbiner Dr. Vogelstein im eigenen Namen wie im Namen des Beamtenkörpers, Sekretär R o s e n t h a l im Namen des Gemeindebnreaus, Pros. Dr. S a a l s ch ü tz im Namen des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, Kaufmann Wolffheim im Namen des Vereins für Krankenpflege und Beerdigung, Rentier K i r s ch n e r als ältestes Mitglied der Repräseutantenversammlung, sowie als Mitarbeiter im Handwerkerverein und anderer gemeinsamer Bestrebungen, und Waisenhausinspektor P e r i tz für den Verein der jüdischen Lehrer Ostpreußens. Der Gefeierte dankte in bewegten Worten, in denen er der mannigfachen Umwandlungen gedachte, die sich in der Gemeinde in den 40 Jahren seiner hiesigen Tätigkeit vollzogen hätten. Gesänge des Synagogenchors mit zwei vom Oberkantor Birnbaum, dem Schwiegersohn des Jubilars, komponierten Psalmen leiteten die Feier ein und gaben ihr auch einen würdevollen Abschluß. Berlin. (Generalversammlung des Verbandes für Statistik der Juden). Am 15. Mai d. I. fand im Lokal des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu Berlin die viert^ ordentliche Generalversammlung des Verbandes für Statistik der Juden statt. Aus dem vom Vorsitzenden des Verbandes Dr. Alfred Nossig erstatteten Berichte über die Tätigkeit des Kuratoriums, des Vorstandes und des Bureaus für Statistik der Juden ergab sich, daß der statistische Verband seit vorigem Jahre wieder einen bedeutenden Aufschwung genommen hat. Das Bureau stellte im Berichtsjahre eine Reihe statistischer Arbeiten her: Im Aufträge der Großloge des U. O. B. B. für Deutschland wurde eine im wesentlichen auf Originalerhebungen beruhende Untersuchung über „Die sozialen Verhältnisse der Juden im Großherzogtume Hessen" vollendet. Die von Dr. Arthur Rnppin, dem Leiter des Bureaus, verfaßte Arbeit wird voraussichtlich noch im Laufe des Jahres 1907 im Druck erscheinen. Mit Unterstützung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" wurde eine vom Mitgliede des Bureaus Dr. Jakob Thon verfaßte Schrift „Die jüdischen Gemeinden und Vereine in Deutschland" mit einem wertvollen Beitrag von Paul Drey in München veröffentlicht. „Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich" wird sich ein drittes statistisches Werk betiteln, dessen Druck bereits begonnen und das ebenfalls Dr. Thon zum Verfasser hat. Demnächst erscheinen auch „Die sozialen Verhältnisse der Inden in Rumänien" und „Tabellarische Uebersichten über die Verhältnisse der Juden in Deutschland". Neben diesen Publikationen ließ das Bureau wie im Vorjahre die „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Inden" erscheinen, die eine Reihe neuer Mitarbeiter aufweist und im „Statistischen Archiv" wertvolle Materialien für eine künftige Gesamtstatistik der Inden ausstapelt. Das Kuratorium, dessen Vorsitzende Sanitätsrat Dr. Maretzki und Geheimer Sanitätsrat Dr. Blumenthal waren, setzte einen Arbeitsausschuß ein, dem neben dem. ersten Vorsitzenden der Schatzmeister Herr Benno Braun und Dr. Nossig angehörten. Auf Grund der neuen Satzungen des Kuratoriums, die den subventionierenden Körperschaften die Entsendung eines Vertreters anheimstellen, traten zwei hervorragende jüdische Organisationen dem Verbände mit namhaften Subventionen bei: die deutsche Konferenzgemeinschaft der A. I. U., die im Kuratorium durch Geh. Kommerzienrat M. L. Goldberger, und der Hilfsverein der deutschen Juden, der durch Herrn Oskar Berlin vertreten wird. Der Vorstand des Verbandes teilte sich iu eine wissenschaftliche Kommission (Vorsitzender Dr. I. Rotholz) und eine Propagandakommission (VorsitzenderHerr Richard Cassel). Die wissenschaftliche Kommission beriet das Arbeitsprogramm für das Bureau und bemühte sich um Gewinnung und Heranbildung neuer Mitarbeiter. Als erfreuliche Erscheinung ist der Ausbau der statistischen Organisationen im Auslande zu verzeichnen. Zu den bereits bestehenden Vereinen ist jüngst eine „Bereinigung vor Statistik en Demographie der Joden in Nederland hinzugetreten, die sich dem gemeinsamen Verband für Statistik der Juden angeschloffen hat. Die finanziellen Grundlagen des Verbandes haben sich bedeutend gebessert. Im Vorjahre subventionierten ihn nur nachstehende Gemeinden und Organisationen : Der Zentralverein Deutscher Statsbürger j. Gl., die Großloge des U. O. B. B., der Deutsch-Israelitische Gemeindebund und die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums; die Gemeinden Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Hamburg, Köln. Mainz, Posen, Stettin, Wiesbaden. Im Laufe des Berichtsjahres traten hinzu: Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der A. I. ll., der Hilfsverein der Deutschen Juden, die Baronin Cohn-Oppenheim-Stiftung, die Gemeinde Adaß-Jisroel in Berlin, die Synagogengemeinden Danzig, Kassel, Hannover, Beuchen, Elberfeld, Kattowitz, Straßburg, Gleiwitz, Hohensalza, Erfurt. Königsberg, Hildesheim, Konstanz, Dresden. Tilsit, Thorn. Von auswärtigen Gemeinden: Wien, Prag, Lemberg, Warschau. Im ganzen subventionierten den Verband 31 Gemeinden und 8 Organisationen mit Beiträgen bis 1000 Mark. Dank der regen Beteiligung der jüdischen Körperschaften ist das Bureau gegenwärtig in der Lage, ein umfassenderes Arbeitsprogramm durchznführen und insbesondere das Material zu einer Weltstatisilk der Juden systematisch zu bearbeiten. Es wird dies teils in Form der bisherigen Veröffentlichungen. teils in der von kürzeren tabellarischen Zusammenstellungen erfolgen. Hamburg. (H a m b u r g - A m e r i k a - L i n i e.) Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach N e wy ork: Die Postdamvfer: Batavia 23./6., Kaiserin Auguste Victoria 27. 6., Arcadia 29./6., Amerika 4./7., Patricia 6./7., Schnellpostdampfer Deutschland 11./7, die Postdampfer: President Lincoln 30.,7., Graf Waldersee 20./7., Kaiserin Auguste Victoria 25./7., Pennsylvania 27./7. Nach Boston: Die Postdampfer: Andalusia 19., 6., Bethania 30., 6. Nach Baltimore: Die Postdampfer: Andalusia 19..6., Bethania 30 /6. Nach Philadelphia: Die Postdampfer: Artemisia 26./6., Barcelona 12./7. Nach Neworleans: Postdampfer Tronto 10./7. Nach W e st r n d i e n : Die Postdampfer: Hermersberg 24./6.. Mecklenburg 25., 6., Croatia 1./7. Nach Mexiko: Die Postdampfer: Tilly Ruß 24.6., Niederwald 28./6., Scotia 3./7. Nach Ostasien: Die Postdampfer: Habsburg 20./6., Brasilia 25.,/6., Slavonia 30.,6., Liberia 10. 7. Nach Wladiwostok und N i c o l a j e w s k a. Amur: Postdampfer Cyrus 26./6. Arabisch- P e r s i s ch e r Dienst: Die Postdanivfer: Srcilia 30./6. Canadia 27./7. Literatur. „Der Gott der Rache." Drama in drei Akten von Schalom A s ch. Verlag von S. Fischer. Berlin 1907. Vorliegendes Drama des russisch-jüdischen Ghettodichters wurde in verschiedenen Tagesblätrern mehr oder minder gewürdigt. In einem der bedeutendsten Tagesblätter wurde Schalom A s ch als Dramatiker bezeichnet, der kunstgerecht arbeitet und sich dessen bewußt bleibt, daß Klarheit, Einfachheit und Knappheit die Vorbedingungen der dramatischen Wirkung sind. Einem Punkte aber, der bisher fast gänzlich unbeachtet geblieben, möchten wir unsere Aufmerksamkeit widmen: dem Titel des Stückes. Es ist wohl nicht anzunehmen, daß der Dichter selbst den Gott der Bibel als „Gott der Rache" auffaßt. Im Stücke läßt Schalom A s ch den Thoraschreiber, R. Aron, sagen: „Unser Gott ist ein gnädiger, barmherziger Gott, er ist aber auch ein Gott des Zornes und der Rache." Der Verfasser hatte hiebei die Stelle Exodus Kp. 34, Y. 6 und 7 int Auge: „Der Herr, der Allmächtige, ist allbarmherzig, allgnädig, langmütig, reich an Liebe und Treue, bewahret Liebe bis ins tausendste Geschlecht, vergibt Schuld, Missetat und Sünde, doch läßt er nicht ungestraft; er ahndet die Schuld der Väter an den Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Geschlecht" („w e n n s i e m i ch h a s s e »"). Dieses letztere, höchst wichtige Wort, „wenn sie mich hassen", das kurz zuvor im Dekalog in der wörtlich gleichen Wendung vorkommt, muß auch hier wie in Numeri Kp. 14 Y. 18 ergänzt werden. Lehrt diese Stelle einen Gott der Rache? — Man braucht wahrlich nicht philologisch geschult zu sein, um einzusehen, daß diese Stelle nur besagen will: das Schlechte kann nicht ohne schlechte Folgen bleiben, und wandeln Kinder und Kindeskinder in den schlechten Wegen ihrer Vorfahren — denn dies bedeutet, „wenn sie mich hassen" — dann rächt sich die Schuld noch an den späteren Geschlechtern. Uebrigens heißt es im Deuteronomium Kp. 24 Y. 16 ganz ausdrücklich: „Nicht sollen die Väter um der Kinder willen, nicht die Kinder um der Väter willen sterben; ein jeder stirbt um seiner eigenen Sünde willen." (Vgl. Ezechiel Kp. 18 Y. 20.) Im Drama klagt Jankel Schepschowitsch Gott au und spricht: „Was hätt' es ihm schon geschadet, wenn ich Jankel Schepschowitsch aus dem Sumpfe herausgekrocheu wäre, iu dem ich stecke", hat aber nicht die moralische Kraft, sein Schandgewerbe aufzugeben, durch das Jankel, wie aus dem Stücke selbst hervorgeht, der Verachtung der Ghettojuden anheimfällt. Durch ein Schandgewerbe die Mitgift für seine Tochter zusammenraffen, sein Kind der ständigen Gefahr der Verführung preisgeben und dabei die Thora anschaffen, daß sie ein Talisman für die Reinheit seiner Tochter bleiben solle und alsdann die Gottheit, statt sich selbst anzuklagen, daß die Thora nicht geholfen habe, verrät einen ethischen Tiesstand, den die Bibel bereits vor Jahrtausenden bekämpft hat. Die Israeliten — so wird im vierten Kapitel des Buches Samuel erzählt — ziehen unter der Anführung der r u ch l o s e n Söhne des Priesters Eli in den Kamm gegen die Philister und nehmen die heilige Bundeslade als Talisman mit; gleichwohl werden sie geschlagen. Die Thora kann eben bei ethischer Verderbtheit nichts nützen. Ueberhaupt sollte man mit dem „Gott der Rache" etwas vorsichtiger sein. Wird Rache im Sinne von „Strafe", „Vergeltung" genommen, wie es ja auch vielfach bei deutschen Denkern und Dichtern vorkommt (vergleiche die Wörterbücher von Grimm und Sanders), so ist gegen diesen Ausdruck nichts einzuwenden. — Es sei beispielsweise an das schöne Wort des berühmten Rechtslehrers I h e r i n g erinnert: „Das Schwert ohne die Wage ist die nackte Gewalt, die Wage ohne das Schwert die Ohnmacht des Rechtes." — Soll aber mit obigem Ausdruck „Rachsucht" gemeint sein, so muß die Bibel gegen solche Insinuationen geschützt werden.