Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 25 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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ja Seite 6. Die Wahrheit mm Nr. 25. Juden die Mischehe verwerfen, daß dagegen Führer des Zionismus in Mischehe leben? Nicht das Stammestum, sondern die Religion ist da ..lebendig". ' Was soll man dazu sagen, wenn er das Erhabenste, was die traurige Gegenwart dem an der Menschheit nicht Verzweifelnden darbietet: die Hingebung der westeuropäischen und amerikanischen Inden für die Opfer der russischen Barbarei und des russisch-orthodoxen Fanatismus — wenn das in den Staub des stammestums herabgezerrt wird! Also nicht Humanität ist das, sondern das Gegenteil: Nationalismus, Partikularismus! Es ist kaum glaublich, daß ein Rabbiner nicht die Denunziation empfinden soll, die in den Worten liegt: „Ja, die armen russischen Juden müßten meinem Herzen heute näher stehen, als die Christen meines deutschen Vaterlandes, weil außer uns Juden niemand da sei, der sich dieser Unglücklichen erbarme." Welchen Christen unseres deutschen Vaterlandes wurde denn von uns Juden Hilfe versagt, unter der Begründung: wir müssen jetzt den russischen Juden Helsen? Ist es auch nur ein einziges Mal vorgekommen, daß in der Zeit der russischen Pogroms ein Jude seinen Beitrag zur W e i h n a ch t s b e s ch e r u n g geringer als das vorhergehende Jahr bemessen hat, weil er für die russischen Juden beisteuern mußte? Man schleudert doch solche weittragende Behauptungen nicht leichten Herzens hinaus, wenn sie sich nicht auf Tatsachen gründen! Darf ich Herrn Dr. Cohns Unrecht nachahmen und sagen: „Auch bei den Zionisten, die dem Stammestum höchsten Wert beimessen, ist das Allgemein-Menschliche, das über alles Stammestum hinaus Wirkende tatsächlich lebendig?" Ich behaupte: Herr Dr. Cohn hat keinen einzigen deutschen Christen, der seine Hilfe verlangt hat, zurückgewiesen, weil er für die russischen Juden Opfer bringen mußteHerr Dr. Cohn möge mich Lügen strafen, wenn er kann. Ist nicht der Wohltätigkeitssinn der Juden für alle Forderungen des Lebens, auch wo Stammestum gar nicht in Frage kommen kann, allgemein anerkannt? Eine zionistische Deutung unserer Aufopferungsfähigkeit für unsere russischen Glaubensgenossen ist — ich sage es frei heraus, — nicht nur eine Verirrung des Denkens, sondern auch eine Verirrung des Herzens. Was den Zionisten bisher fehlt, das ist die Pietät vor den Ueberzeugungen der Nichtzionisten. Der Zionismus ist bisher zu sehr Fanatismus des Stammestums. Das har ihm bisher nur Schaden gebracht. Warum gelingt es dem Zionismus s o schwer, die b e s s e r n K r e i s e d e r e u r o p ä ischen Juden heit für sich zu gewinnen? — Nur durch diesen Fanatismus! Wer will mit Fanatikern zu tun haben, selbst da, wo er mit den Bestrebungen sympathisiert. Für meine Ueberzeugung hat der Zionismus, ich gestehe es offen, einen gesunden Kern: die Idee einer rechtlich gesicherten, jüdischen S t a a t s g e m e i n s ch a f t. Die meisten europäischen Kultnrstaäten können keine größere Einwanderung von Inden vertragen. Das gilt von Oesterreich- Ungarn, von Deutschland und England. Andere Länder wären wohl noch aufnahmefähig, aber es ist fraglich, ob der gute Wille da ist. — Die Tatsachen sprechen dafür, daß es ein Glück für einige Millionen russischer Juden wäre, wenn sie translociert würden. Aber wohin? In christlichen Ländern würde eine Masseneiuwanderung russischer Juden nur dem Antisemitismus Nahrung geben. Es wäre also wünschensmert, wenn sie selbst eine staatliche Gemeinschaft gründen könnten, wo sie „Herren" und nicht „Gäste" wären. Ein selbständiger jüdischer Staat wäre nicht sowohl im Interesse der eine Heimat suchenden, als der eine gesicherte Heimat in den Kulturländern besitzenden Juden, wie wohl auch im Interesse der christlichen Staaten, damit das Gift das Antisemitismus nicht zu weit um sich fresse und gesunde Kreise ergreife. Ein Ideal wäre es, wenn dieser jüdische Staat Palästina sein könnte, da Palästina für den Juden ideelle geschichtliche Bedeutung hat. Es ist immer gut, wenn ein Staat eine Vergangenheit hat, wenn damit auch manche Bürde verbunden ist. So weit kann mau das zionistische Programm unterschreiben. Nun will aber der Zionismus auch Völker-Psychologe sein, und er will behufs größerer Werbekraft in gewissen Kreisen völkerpsychologische Gesetze über „Stammestum" und „stammestümliche Konstanz" aufstellen, die sowohl mit der Geschichte des Judentums, das Millionen Proselyten aus anderen, auch arischen Stämmen ausgenommen, wie mit der Geschichte aller Völker, von denen kein einziges einen unvermischen „Stamm" repräsentiert, in Widerspruch stehen. Mit diesen unbegründeten, ja sicher falschen völkerpsychologischen Theorien werden sich aber die auf dem Boden der Wirklichkeit und der Wissenschaft stehenden Kreise der Judenheit nie befreunden. Diese erblicken in dem Antisemitismus eimPhänomen der Wirtschaftsgeschichte, eine Form der Konkurrenz in Staat, Gesellschaft und Erwerb. Eine völkerpsychologische, nein: eine völkerphysiologische These aus ein solch ökonomisches Phänomen aufzubauen, ist nicht wissenschaftlich. Und wer die Zukunft haben will, der vermeide jeden Konflikt mit der Wissenschaft! — Möge der Zionismus durch A u f g e b e n seiner zwecklosen Theorien des Stammestums es den Tausenden von Glaubensgenossen, die ihr Vaterland, ihr „Deutschtum" nicht opfern können — nicht „können", weil es eine Lüge wäre, weil sie Deutsche sind, auch wenn sie es nicht sein wollten, — ermöglichen, friedlich und ersprießlich mit ihnen zusammen zu arbeiten! Fort mit unwissenschaftlichen Phantomen! Fort mit dem Fanatismus! Fort mit der Phrase des Stammestums! Verschiedene Nachrichten. Wien. Samstag, den 29. d. M., vormittags beim Haupt-Gottesdienst, Predigt im Stadttempel. Wien. Der Ausschuß des Verbandes der isr. Religionslehrer an den österr. Mittelschulen hielt am 6. Juni unter dem Vorsitze seines Obmannes, Herrn Rabbiner Dr. F e u ch t w a n g, eine Sitzung ab, in welcher die Mitteilung des Mittelschul-Religiouslehrer-Verbandes in Böhmen von dessen Gründung und Konstituierung mit Befriedigung zur Kenntnis genommen und dem Wunsche Ausdruck gegeben wurde, daß es im Vereine mit demselben gelingen werde, die Standesinteressen der Berufsgenossen möglichst zu fördern. Hierauf wurden einige wichtige Angelegenheiten eingehend besprochen und Vorberatungen für den im Dezember d. I. in Wieu abzuhaltenden Verbandstag gepflogen. Wien. (Bildungsanst.alt für Kindergärtnerinnen und Kinderpflegerinnen.) An der mit der isr. Kinderbewahranstalt, II., Schiffamtsgasse 15, vereinigten und mit dem Oeffentlichkeitsrechte versehenen ersten Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen (gegründet 1868) fanden am J8. Juni d. I. unter dem Vorsitze des Herrn k. k. Landesschulinspektors Dr. Karl R i e g e r die Befähigungsprüfungen statt, bei welchen sämtliche erschienenen Kandidatinnen approbiert wurden. Anmeldungen für den 40. Jabreskurs der Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen und den mit dieser verbundenen Bildungskurs für Kinderpflegerinneu (erforderliches Alter: das vollendete 16., bezw. 14. Lebensjahr) werden bei der Direktion entgegengenommen, welche auch über Wunsch Prospekte versendet. Wien. Die zionistischen Studentenvereine der Universitäten und technischen Hochschulen in Wien, Prag, Brünn, Krakau, Lemberg und Czernowitz haben an das Unterrichtsministerium eine Eingabe gerichtet, in welcher sie Protest gegen die kulturwidrige Hetze erheben, die von Prager Universitätshörern gegen den Dozenten und zionistischen Abgeordneten Dr. Arthur Mahler inszeniert wurde. Dieselbe widerspreche allen Grundsätzen von akademischer Freiheit, von Lehrfreiheit und Achtung vor ehrlicher fremder Gesinnung. Die Universität ist Kulturträgerin, nicht politische Arena. Wenn daher gegen Dr. Mahler aus rein politischen Gründen Stellung genommen und seine Entfernung aus dem Lehrkörper verlangt wird/ so entspricht dies weder den Kulturaufgaben einer Universität, noch den Bedürfnissen freier Wissenschaft. Wien. (Jüdische territorialistische Organisation.) Gegenüber den Meldungen einer Anzahl von Journalen aller Weltteile betreffend ein Jüdisches Kolonialprojekt in Australien hält es die jüdische territorialistische Organisation für notwendig festzustellen, daß in diesem Weltteile keine Auswahl für ein Betätigungsgebiet der I. T. O. getroffen wurde, wie überhaupt noch keine Wahl hat getroffen werden können, da ein Entschluß der „Geographischen Kommission" noch aussteht. Der Rat der I. T. O. ist bloß mit der Vorbereitung des vorliegenden Materials für die genannte Kommission beschäftigt, indem sie in verschiedenen in Betracht kommenden Gegenden die Grundverhältnisse eingehend studiert. Das Ansuchen um Ueberlassung einer Million Acros war ein rein persönliches des Herrn Alexander Marks, welcher es in der Absicht stellte, eine größere jüdische Einwanderung einzuleiten. Dieses Ansuchen wurde nicht zurückgewiesen, sondern bildet auch jetzt noch den Gegenstand der Beratung mit der Westaustralischen Regierung. Die jüdische territorialistische Organisation hat jedoch die Regierung über die Bedingungen informiert, welche es unwahrscheinlich machen, daß diese Sondergarantie den Anforderungen der I. T. O. entsprechen würde. Der Brief der I. T. O. an Herrn Alexander Marks, welcher zum größten Teil in verstümmelter Form reproduziert wurde, trägt den Charakter eines Privatschreibens, durch welches der Adressat über die Bedürfnisse der I. T. O. und über die einzunehmende Haltung gegenüber den verschiedenen australischen