Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 25 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 25. ruhigen, imponierenden Formen — zum Präsidenten zu wählen. Selbst die Sozialdemokraten waren bereit, ihm ihre Stimmen zu geben. Dr. Lueger vertrat den Justament-Standpnnkt, ein radikaler, ihm ganz gefügiger christlichsozialer Parteimann muß an die Spitze des Hauses gestellt werden. Sein Wille geschah. *■ Der Herr Bürgermeister hat allerdings manchmal die Bescheidenheit, so zu tun, als ob sein Wille nichts gegenüber dem Stadtrat bedeute. Aber er tut nur so, und zwar in den Fällen, wo er erkennt, daß die brutale, parteiische, antisemitische Willkür des Stadtrates zwar imrd) seine Autorität gedeckt bleibt, aber durch keinerlei juristische Rabulistik entschuldigt, geschweige gerechtfertigt werden kann. Die Ernennung des zweiten Physikus, für den nur die christlichsoziale Gesinnung und zwei päpstliche Orden sprechen, gegen den aber alle sachlichen Momente entschieden. war ein solches Willkürstück des Stadtrates, für welches der bescheidene Herr Bürgermeister jede Verantwortung ablehnte. Dr. Lueger schämte sich zu bekennen, daß er damit der Protektions- Wirtschaft, die einen tüchtigen Mann wegen seiner jüdischen Abstammung vom Platze jagt, um ihn einem „Gesinnungsgenossen" einzuräumen, einverstanden sei, aber er hatte auch nicht den sittlichen Mut, gegen diesen Recht und Anstand verletzenden Vorgang mit der ihm zu Gebote stehenden Autorität aufzutreten und die Konsequenzen zu ziehen. Der Bürgermeister weiß ganz gut, daß er für alles verantwortlich ist, was unter seiner Aegide in der kommunalen Verwaltung an Vergewaltigung der Rechte der Juden geschieht. Er weiß auch ganz gut, daß es für einen Bürgermeister von sittlichem Charakter in einem solchen Konstikt nur einen Ausweg gibt. Dr. Lueger wählt ihn nicht. Er spielt sich auf den bescheidenen Mann heraus, der dulden muß, was er nicht billigen kann. * * * Sobald es die Judenfrage betrifft, wird sofort zweierlei Recht anerkannt. Alle Welt errinnert sich z. B. noch an die Mitteilungen, die vor kurzem durch die Blätter gingen und die davon erzählten, daß ein angesehener, gelehrter, durch zahlreiche Auszeichnungen geehrter französischer Senator nach seinem Tode als — Dieb entlarvt wurde. Man fand in seiner Hinterlassenschaft eine große Anzahl von Büchern und Illustrationen, die er in seiner amtlichen Eigenschaft aus den ihm leicht zugänglichen öffentlichen Bibliotheken gestohlen hatte. Es wurde auch festgestellt, daß der französische Gelehrte sich ein ganzes Vermögen durch den Verkauf der gestohlenen Bücher erworben hatte. Man hätte jeden, der bei dieser Gelegenheit allen christlichen Gelehrten die Mitschuld an dem Verbrechen des Einen aufgeladen hätte, für wahnsinnig gehalten. Anläßlich des Falles Eisler beschimpft d i e a n t i s e m i t i s ch e Presse alle jüdischen Gelehrten, per alle Juden. Das hält man nicht für wahnsinnig, man findet es nur — antisemitisch und billigt es. Oder zumindest duldet man es. Wir haben nichts davon gehört, daß der Staatsanwalt die schurkischen Beschimpfungen aller Juden — konfisziert hätte. Unsere Gemeinde. Unparteiische Betrachtungen. VH. „Wir können unsrer Klagen Inbegriff, Wenn Zeit es heischt, aufweisen in Artikeln." (Heinr. d. Vierte II.) „Ohne Zicklein keine Ziegen." So sagt ein uraltes hebräisches Sprichwort. Will sagen: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Oder: „Jung gewohnt, alt getan." Was helfen uns alle kunstvollen Apparate? alle Pläne und Methoden, Instruktionen und Injektionen? Es gibt keine Großgemeiude der Welt, in der soviel über den Religionsunterricht gesprochen und verhandelt wird, wie in Wien. In jedem Lustrum wird für den Patienten ein Konsilium abgehalten. Der Spezifika für diese Krankheit gibt es wenige; so gut wie keine. Man hat's mit kalter und mit warmer Behandlung versucht. Namentlich an kalter Behandlung hat es nie gefehlt. Daher die allgemeine Verschnupfung. Und doch verlangt die Sache unstreitig Wärme, viel Wärme. Das Thermometer zeigt inbezug auf ehrliches, tiefes Verlangen nach echter Religion auf Null. Eispunkt. — Das muß eingestauden werden: die Gemeinde hat das eingesehen und mit Aufwand großer Kraft' nach Heilung der Uebel gestrebt. Es wurde z. B. ein Rabbiner- Seminar gegründet, an dessen Spitze ein hochgelehrter Rektor gesetzt. Bedeutende Lehrer aller Fächer wurden berufen; anerkannte, sogar weltberühmte. Es wird tüchtig, wenn auch nicht immer richtig gearbeitet. Die gelehrten Programme der Theologischen Lehranstalt machen ihr Ehre; Entgleisungen und wissenschaftliche Marotten kommen überall vor. Auch hier. Die Marotte gehört zum absoluten Gelehrtentum. Die Anstalt ist aber unpopulär. Man kennt sie nicht. Sie blüht im Verborgenen. Gewiß auch ein Vorzug für ein Institut der Wissenschaft. Jedoch auch ein Fehler. Diese Theologische Lehranstalt hätte eine Zentrale jüdisch-wissenschaftlichen Lebens werden müssen. Sie dürfte kein Schmollwinkel für Gelehrtendünkel sein. Die Herren hätten es ja nicht nötig. Sie könnten sich allgemeiner - Beliebtheit und Anerkennung erfreuen, wenn sie nur wollten. Sie ist — vielleicht ohne Schuld — ohne Kontakt mit den jüdischen Gelehrtenkreiseu der Großstadt. Kein Vereinigungs-, kein Sammelpunkt. Sie strahlt keine Wärme aus. Mag sein, daß die Tiefe keine Breite zuläßt. Aver selbst die „furchtbarsten' und fruchtbarsten akademischen Lehrer stellen sich in den Dienst der Massen. Und an der Anstalt selbst liest ein Mann, dessen stupende Gelehrsamkeit kein Hindernis für Popularisierung seiner Wissenschaft ist; und er ist dabei „Hofrat." Warum stoßen die wissenschaftlichen Pole einander ab? Es darf nicht scheinen, als ob diese Hochschule im Dienste einer rein-akademischen Sache stünde. Die jüdische Wissenschaft ist nicht rein-akademisch. Sie ist pochendes Leben. Muß es sein. Sie ist Lehre und Leben. Sie beschäftigt sich nicht nur mit archäologischen Werten. Sie schürft nicht nur in den Schichten der Terziärperiode; verrichtet nicht Totengräberwerk. Sie atmet, lebt und leibt. Auch die Jünger der Hochschule müssen in die „jüdische Gesellschaft" eingeführt sein. Wofern sie salonfähig sind. Sie sollen es aber sein. Die besten jüdischen Häuser sollten sich den Vertretern jüdischer Wissenschaft respektvoll auftun. Sagt doch ein alter Weiser: „Dein Haus sei ein Sammelpunkt der Weisen." — Beklagt man mit Recht das Schwinden der „Salons," in denen sich ehedem alles fand, was Ruf und Namen hatte, so ist es bei uns doppelt zu beklagen. Denn wir sind heute, wie nie, auf uns angewiesen. Etwas weniger jüdische und doch nicht immer erfolgreiche Politik und etwas mehr Zusammenschluß der Feingebildeten zur liebevollen Beherbergung jüdischer Strebungen jeder Gattung wäre eine erquickende Wohltat. Aber ohne exkludierendes Klickenmesen. Eine Gesellschaft jüdischer Intelligenz-Vertreter, aus der die theologischen, vorläufig noch immer die berufensten Adepten der gesamten Wissenschaft des Judentums, sogut wie ausgewiesen sind, tut Unrecht an sich und an jenen. Es fehlt uns also an dem, was man ..die jüdische Gesellschaft" nennen würde. Die „G e s e l lschaft" will eben nicht jüdisch sein. Ein jüdischer Gelehrter gilt nicht als Zierde und Aufputz. Wir leiden an unheilbarem „Gojismus." Deshalb werden auch die ernstesten Versuche der Gemeinde, durch Reformierung des Religionsunterrichtes neues Leben zu schaffen, wenig fruchten. Probieren geht wohl über Studieren. Aber zu viel probieren?! Roma deliberante Cartkago delebitur. Es ist alles umsonst. Ein kulturhistorischer Prozeß läßt sich nicht durch Instruktionen unterbrechen. „Willst mit deinen Kinderhänden in des Schicksals Speichen greifen?" Aber wir schmieden dieses Schicksal leider mit. Die Gründung einer Bildungsanstalt für Religionslehrer war eine weise Tat. Sie wird gewiß und sicherlich Erfolge zeitigen. Denn, soweit die fernstehende Oeffentlichkeit unterrichtet ist, kann man sagen, daß sie auf moderner Grundlage ruht und zielbewußt geleitet ist. Sie feiert noch nicht ihren ersten Geburtstag und ist doch schon flügge. Ihr Uhrwerk geht. Es schlägt bescheiden, aber vernehmlich, verläßlich. Hoffentlich entwickelt sich diese Schule ohne viel Experimentieren. Man halte sie rechtzeitig frei von Dilettanten- und: Strebertum. Schade, daß nicht auch