Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 24 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 24. Die Wahrheit Seile 7. Maßes der zu leistenden Hilfe noch zu überprüfenden Schätzung der Verluste, insgesamt 3231 Familien zu berücksichtigen, deren Schaden mit 4,888.042 Francs beziffert wurde. Danach würde der für die Hilfsaktion präliminierte Betrag von 500.000 Francs ähnlich wie bei der Aktion in Rußland durchschnittlich eine Entschädigung von nur etwa 10°/0 des Verlustes gestatten, wobei selbstverständlich die armen Geschädigten auch eine bedeutend höhere Quote, die besser Situierten eine verhältnismäßig geringere oder gar keine Unterstützung erhalten würden. Der für das Minimum der Hilfe präliminierte Betrag von 500.000 Francs dürfte sich leider schon deshalb als zu gering erweisen, weil in den Schätzungen nur die direkten Opfer der Plünderungen und Verwüstungen berücksichtigt sind, während die ganze Kategorie der Juden, die sich kümmerlich in den Dörfern und Marktstecken ernährt hatten und nicht durch U e b e r f a l l seitens d e r B a u e r n, sondern durch behördliche Maßregeln, infolge Vertreibung ans den Dörfern, ihrer Existenz beraubt wurden, noch nicht in Betracbt gezogen war. Diese nach tausenden zählenden ferneren Opfer der rumänischen Vergewaltigung werden zur Gründung einer neuen Existenz voraussichtlich besonderer Hilfe seitens der vereinigten Organisationen bedürfen." Dentfchtnm und Indentnm. von Dr. I. Goldschmidt, Offeilbach a./M. (Forts.) Eine andere Frage, konnte er dem Herrn Direktor sagen, ist es, ob es physiologisch nicht wünschenswert fei, daß sich Arier und Semiten mit einander vermischen. Die Antwort auf diese Frage ist Sache der Wissenschaft. Aber wenn, wie Bismarck sich im Pferdezüchter-Jargon ausgedrückt haben soll, „ein arischer Hengst eine semitische Stute" ehelicht, dann wird die Nachkommenschaft kein gebessertes „D e u ts ch tu m", sondern eine „ a r i sch - semiti sch e" Mischung geben. Das kann man ebenso gut als eine Verbesserung der semitischen, wie als eine der arische n „Rasse" auffasseu; was gewinnt aber das Deutschtum dabei? Ja, wenn eine Mischung mit „Semitismus" schon ein verbessertes „Deutschtum" ergibt, wie kann man dann Semitismus und Deutschtum als Gegensätze bezeichnen? Die wissenschaftliche Frage des Rassenwesens bleibe dahingestellt: rein von dem Standpunkt der antisemitisch-chauvinistischen Schlagworte fehlt da jede logische Konsequenz durch die Identifizierung der zwei disparaten Begriffe „deutsch" und „christlich", die sich zu einander verhalten wie etwa „grün" zum Ton „c". Erst nachdem diese allgemeine Anschauung des bei weitem größten Teiles der deutschen Judenheit dem Herrn Direktor entgegengestellt war, war es Herrn Dr. Cohn gestattet, auch seinen zionistischen Standpunkt darzulegen und hinzuzusügen: „Ich persönlich erkenne das zwar nicht für richtig an. Ich bin der Ansicht, daß die Juden keine Deutschen, sondern ein Stamm für sich sind, aber sie können auch niemals durch Religionsunterricht oder Taufe ihr Stammestum verlieren. Sie sind Juden und bleiben ewig Juden, und ich begreife auch aus diesem Grunde den Antisemitismus, der darin eben seinen Grund hat, daß wir ewig etwas anders sind und bleiben als die Deutschen. Zwar sind wir Juden gute deutsche „Staatsbürger", aber Deutsche sind wir nicht; insofern wir Juden sind. Aber das ist meine persönliche Ueberzeugung als „Zionist", aber der „Zionismus" hat nur einen verschwindend kleinen Anhang in der deutschen Judenheit." Das wäre eine korrekte und den Tatsachen entprechende Darstellung gewesen, gegen die wohl auch der Herr Direktor nichts hätte eiuwenden können. Sogar der Zionismus des Herrn Dr. Cohn hätte den Herrn Direktor wahrscheinlich nicht viel aufgeregt. Es hätte ihn vielleicht interessiert, daß es auch Juden gibt, die im Prinzip mit den Antisemiten übereinstimmen, aber er hätte wohl mehr den prinzipiellen Standpunkt des bei weitem größten Teils der deutschen Juden einer kritischen Prüfung unterzogen und vielleicht seine eigene Anschauung danach korrigiert. Herr Dr. Cohn hat dagegen nicht nur seinen eigenen | zionistischen Standpunkt in den Vordergrund gestellt, so daß der \ Direktor glauben mußte, das sei der Standpunkt aller deutschen Juden, woran das nachhinkende: „Er habe damit einen schweren Stand", nur sehr wenig ändern konnte, sondern er hat sich auch noch vermessen, alle nichtzionistischen Juden, die sich als Deutsche fühlen und zum Deutschtum bekennen, als in Selbsttäuschung besangen oder als „in unbegründeter Furcht die Sachlage Vertuscheude" hinzustellen: dieses Bekenntnis eines früheren Schülers in vertraulicher Zuständiger Besprechung mußte in der Tat in der Brust des gewissenhaften Schulleiters einen Sturm der Befürchtung, des beängstigenden Mißtrauens gegen den jüdischen Lehrer an seiner Schule entfesseln, und dieser Schulleiter hatte die Pflicht, seine Berufsgenossen und den Vorstand der Berliner Gemeinde von der gefährlichen Verwirrung, welche die, wenn auch mehr ungeschickte als unbeabsichtigte Entstellung der Wahrheit durch Herrn Dr. Cohn herausbeschworen hatte und noch weiter herausbeschwören konnte, in Kenntnis zu setzen. Und nun der V o r st a n d der Berliner Jüdischen Gemeinde! — Kritische Situationen verlangen schnelles Handeln. Jedes Zögern des Berliner Vorstandes hätte den Eindruck machen müssen, daß man im Grunde mit Herrn Dr. Cohn übereinstimme und nur im Interesse der „Vertuschung" — so lautete ja die Denunziation des Herrn Dr. Cohn! — gegew das „enfant terrible“ vorgehe. Die prompte Suspendierung vom Amt zeigt dagegen die Entrüstung und Empörung, mit welcher die Vertreter der größten deutschen jüdischen Gemeinde von den Erklärungen des Herrn Dr. Cohn Kenntnis genommen haben. Herr Dr. Cohn hat durch seine „Flucht in die Oeffentlichkeit" sich gegen seine Absicht ein Verdienst erworben, das eine gewisse Sühne für sein Vergehen bietet. Er hat damit vor der Oeffentlichkeit den Beweis geliefert, daß er nicht, wie er es aufsaßt, „wegen seiner Gesinnung gemaßregelt" wurde, sondern wegen eines großen Unrechts im Handeln: Entstellung der Wahrheit, wenn auch aus Ungeschicklichkeit, und Denunziation der Nichtzionisten. Ein Unrecht von dieser Größe und weittragenden Bedeutung verlangte unerbittlich eine unzweideutige Sühne. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde hat getan, was er seiner Stellung der deutschen Judenheit gegenüber schuldig war. Man kann mit der Lage des Herrn Rabbiner Dr. Cohn das größte Mitleid empfinden — und welcher Kollege besonders wird nicht von innigstem Mitgefühl für dieses Opfer zionistischer Methode erfüllt sein? Aber Themis mtiß mit der Binde um die Auge, damit kein Anblick des Jammers den Sinn verwirre, ihres Amtes walten. Nun aber zur Logik des Dr. Cohnschen Zionismus, zur Kritik des Zionismus! Herr Dr. Cohn sagte zum Herrn Direktor: „Wir Juden wollen aber nicht nur, wir können auch gar nicht ausgehen. Schon wegen unserer Religion nicht. Denn sie ist untrennbar mit unserem Stammestum verknüpft. Ich wies thm das an der Hand des Auserwählungsgedankens historisch nach." Was soll das heißen? Wir können schon wegen unserer Religion nicht im Deutschtum aufgehen, weil sie untrennbar mit unserem Stammestum verknüpft ist: das ist doch offenbar eine Verwirrung der Vorstellungen. Logisch richtig wäre es so: Zw ar wegen. unserer Religion könnten wir wohl im Deutschtum ausgehen, denn die Religion kann man. wie ja üblich, wechseln. Aber unsere Religion ist mit dem Stammestum untrennbar verknüpft, und das Stammestum kann man nicht ändern. Nicht die Religion steht dem Ausgehen im Deutschtum hindernd entgegen, sondern das ..Stammestum"; das ist die Ansicht des Zionismus, wie sie von Max Nordau vertreten ist. Nach dieser Ansicht tritt die Religion im Zionismus in den Hintergrund und das „Blut' in den Vordergrund, und weil das ..Blut", die „Rasse" der freien Willensbestimmung entzogen und der Notwendigkeit unabänderlicher Gesetze unterworfen ist, darum kann der Jude, auch wenn er wollte, nicht in anderer Nationalität aufgehen. Das ist zwar noch nicht Wahrheit, sondern nur Behauptung, aber es ist logisch richtig. Eine logische Entgleisung scheint aber die Form zu sein, die Dr. Cohn dieser zionistischen Behauptung gibt.