Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 24 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063391--04907-3071786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«Leite 6. Die Wahrheit Nr. 24. von der Wiener Allianz beförderten Personen sind bereits früher bekannt gegeben worden. In den Monaten Jänner bis April 1907 wurden ab Wien insgesamt 424 russische Emigranten expediert, und zwar wurden nach den Vereinigten Staaten 130, nach Kanada 49, nach Argentinien 32, nach Westeuropa 32, nach Palästina 6 weiterbefördert und 17b zur Rückreise unterstützt." „Abgesehen von der Judennot in Rußland wurde die „Israel. Allianz zu Wien" zu Beginn des heurigen Jahres durch die traurigen Ereignisse in Rumänien stark in Anspruch genommen. In Rumänien, wo infolge der Duldung seitens der Signatarmächte des Berliner Vertrages sich die permanente Rechtlosigkeit unserer Glaubensgenossen für die Regierung zu einer selbstverständlichen Institution und für die politischen Parteien zu einer unamastbaren nationalen Ueberlieferung gestaltete, hat sich während des verflossenen Jahres eine verstärkte antisemitische Agitation bemerkbar gemacht. Bezeichnend für den enragierten Judenhaß ist, daß selbst der amtliche ..Führer" für die im vorigen Jahre anläßlich des 40jährigen Jubiläums der Thronbesteigung des Königs verunstaltete Ausstellung, durch welche die Aufmerksamkeit Europas uuf die äußerlich glänzenden Kulturverhältnisse dieses angeblich fortgeschrittensten Balkanstaates gelenkt werden sollte, in gehäßigster Weise gegen die jüdische Bevölkerung des Landes hetzte. In dieser unter Panonanz des General-Kommissärs Dr. Jstrati herausgegebenen Schrift, welche den — so vielfach unter hervorragender Mitwirkung der Inden berbeigeführten — Aufschwung Rumäniens zeigen will, heißt es u. a. bei einer Besprechung der ethnographischen Verhältnisse des Landes: „Am meisten beunruhigend ist die Invasion von Juden aus Polen. Galizien und Rußland. Mit einer beispiellosen Toleranz (!) haben die Rumänen seit den ältesten Zeiten alle Bekenntnisse in ihrer Mitte zugelasien. aber jetzt ist eine große Gefahr für das Land entstanden. Die Juden, welche au anderen Orreu verfolgt werden, überschwemmen den rumänischen Boden." Es werden daun die jüdischen religiösen Gebräuche verhöhnt und dann heißt es weiter: „Alle diese Eigentümlichkeiten in ihrem täglichen Leben haben die Rumänen zu dem Urteil gebracht, daß es sich hier nicht um eine religiöse, sondern um eine Rassensrage handelt. Dieses fremde Element, das sich nicht assimilieren kann und auch ohne geistige Verwandtschaft mit uns bleibt, bildet ein schweres Problem für die organische Entwicklung des rumänischen Staates, dies um so mehr, als der konfessionelle Partiknlarismus in einem ökonomischen Wettkampf übergegangen ist, wo nicht wie sonst in Europa Individuum gegen Individuum, sondern Rasse gegen Rasse steht. Bevor man auf wirtschaftlichem Gebiete von den Trusts jenseits des Ozeans Kenntnis hatte, haben wir derartige Trusts von Juden hier in Rumänien gegen den Handel und das Gewerbe der Rumänen gerichtet gesehen. Jetzt befinden wir uns gegenüber großen landwirtschaftlichen Trusts." Dieser verlogene Hinweis auf die . Kartelle großer Pächter, unter welchen sich nur sehr wenige Juden befinden, wurde im Laufe des Jahres, da die Not der Bauern im ganzen Lande sich steigerte und eine Agrarrevolution in Sicht trat, immer mehr zu einem beliebten Mittel der antisemitischen Agitatoren, um den Haß der verzweifelten Bauern, namentlich in der Moldau, auf die Juden abzulenken. Die obersten Regierungskreise förderten durch ihr Wohlwollen die sich maßlos entfachende judenfeindliche Agitation. Die Professoren Cu za und Jorga reisten von Stadt zu Stadt und hielten haßerfüllte Vorträge über die Gefahr, welche die Juden für das Land bilden. Einer jüdischen Deputation, welche anläßlich des Jubiläums des Königs C a r o l eine Adresse überreichte, worin es hieß: „Die Größe dieses Landes, welches wir mit Stolz unter der Regierung Eurer Majestät als unsere Heimat betrachten, liegt auch uus am Herzen. Das Glück, welches die ruhmvolle und glorreiche Regierung unseres ersten Königs gebracht hat, wird von uns wie von allen treuen Söhnen des rumänischen Vaterlandes tief empfunden", hat der König in seiner Erwiderung nur zugegeben, daß „die Naturalisation für die Juden schwer zu erlangen ist". Der Minister des Innern, Cantacuzene, tat aber das Seinige, um die Juden, namentlich in den Dörfern, fühlen zu lassen, das sie als fremd und rechtlos im Lande betrachtet werden. Durch eine Instruktion an die Provinzbehörden wurden die strengsten Maßregeln für den Aufenthalt der Juden auf dem Lande angeordnet. Die Präfekten fingen an. sich in Grausamkeiten bei der Ausweisung jüdischer Familien aus den Dörfern zu überbieten. Mitten im strengsten Winter wurden, namentlich aus den Distrikten Dorohoi und Botosani zahlreiche Juden von Haus und Hof verjagt. Das hetzerische Blatt ..Sentinela schrieb am 3. Dezember 1906: „Um uus von den Juden, die uns überfluten, wie von einem verfluchten Aussatz zu befreien, haben wir beschlossen, alle erlaubten und nicht erlaubten Mittel zu gebrauchen. Um unser Land zu befreien, um unsere verletzten Rechte (!) wieder zu gewinnen, um uns von der verdammten Sklaverei der Juden frei zu machen, werden wir kein Geschoß, keinen Tod, keine Regierung, noch irgend eine Macht in der Welt fürchten." In dieser Weise vorbereitet und von rücksichtslosen Demagogen geleitet, wurden im März dieses Jahres Banden unwissender und verzweifelter, von den Bojaren ausgesogener Bauern zunächst in der Moldau zur Plünderung und Beraubung der Juden gereizt, welche als Urheber alles Unglückes dargestellt wurden. Die ausgestreute giftige Saat gedieh wider Erwarten, ja zum eigenen Entsetzen der verblendeten Urheber." Der Bericht gibt hierauf eine kurze Darstellung der ersten Hilfsaktion, die seitens der Allianz zur Linderung der momentanen Not eingeleitet wurde, an welche sich daun unter Mitwirkung . der internationalen Hilfsorganisationen eine weitere Organisation des Hilfswerkes anschloß. „Solange die Bauernunruhen einen rein antisemitischen Charakter behielten, und die Opfer der brutalen Exzesse bis auf einige wohlhabende Pächter hauptsächlich die schwer um ihre Existenz kämpfenden Juden in den Städten und Marktplätzen! der nördlichen Moldau waren, hatte die Regierung sich vollkommen passiv verhallen und nichts geschah, um dem Vandalismus I und der grausamen Ruinierung menschlicher Existenzen Einhalt j zu tun. Der Präsident der „Allianz", Herr David Ritter von i Gutmann, nahm Audienz bei Seiner Exzellenz dem Minister! des Aeußern Freiherrn v. Aehrenthal und ersuchte um Schutz j für unsere an Leben und Eigentum bedrohten Glaubensgenossen I im Nachbarlande. Dieser Schutz wurde im vollen Maße für diejenigen Juden in Aussicht gestellt, welche österreichische Untertanen sind. Zu Gunsten der eigentlichen, theoretisch unter dem Schutze des Berliner Vertrages stehenden rumänischen Juden fand leider keine der Großmächte sich bereit, einen Finger zu rühren. Als jedoch die Unruhen in Rumänien einen bedrohlichen Charakter für die christlichen Gutsbesitzer annahmen, sich über die ganze Moldau ausdehnten und in der Walachei zur Niederbrennung und Verwüstung zahlreicher Bojarenschlösser und Gutshöfe führten, als bereits Bukarest vor marschierenden Bauernmassen zitterte und das königliche Palais nicht mehr ganz sicher war, wurde bald mit Hilfe des Militärs durch drakonische Maßnahmen, durch Niederschießung hunderter von Bauern, die Ruhe wiederhergestellt. Es konnten dann auch die Flüchtlinge aus den österreichischen Grenzorten noch zu den Peßachseiertagen nach der Heimat zurückkehren. Wir ließen den repatriierten Familien durch unsere Filiale in Czernowitz Barunterstützungen für die erste Zeit bis zur genauen Feststellung der erlittenen Schäden und des Umsanges der notwendigen definitiven Hilfe zukommen. Ebenso sandten wir nach Bukarest einen größeren Betrag für die momentane Hilfe in den von der österreichischen Grenze entfernteren Orten. Wir setzten uns dann mit den befreundeten Organisationen in Deutschland, Frankreich und England in Verbindung, um gemeinschaftlich eine Aktion für die Wiederherstellung der ruinierten Existenzen einzuleiten. Unser Sekretär begab sich am 3. April noch einmal nach Rumänien, um mit den Komitees in Bukarest, in Jassy und an der österreichischen Grenze die Grundsätze und die Modalitäten einer zweckentsprechenden Hilfeleistung zu besprechen. .Das Ergebnis einer umfassenden telegraphischen und schriftlichen Korrespondenz mit den anderen westeuropäischen Komitees, sowie der Besprechungen mit den rumänischen Vertrauensmännern war, daß wir mit der Zentralisierung der gesamten Aktion und mit der Leitung derselben namens aller europäischen und amerikanischen Hilfskomitees betraut wurden. Wir hatten bereits vorher an unsere Vertrauensmänner in Rumänien Fragebogen zum Zwecke der Eintragung sämtlicher durch die Exzesse in Not geratenen Familien und der Feststellung der Höhe des Schadens gesandt. Nach den eingelaufenen ausführlichen Listen waren, allerdings nach einer bezüglich des