Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 24 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheil Nr. 24. würden. Nachträglich kann das natürlich immer noch anders ausgelegt werden und es hat schön geklungen. Der Herr Bürgermeister legte sich aber doch noch so viel Reserve in der Humanität aus, daß er seine idealen Versprechungen nur auf die Kranken und deren Aufnahme, nicht aber auf die Aerzte. die Anstellungen erhalten sollten, ausdehnte. Die gerechte, von Konfession absehende Behandlung der um Stellen sich bewerbenden Aerzte wird also von Vorneherein ausgeschlossen. Das ist wenigstens ehrlich und offen. Natürlich, die 10 Millionen-Widmung wird von den Geldern aller Steuerzahler errichtet werden und da wird wirklich kein kleinlicher, beschränkter Unterschied der Konfession zur Geltung kommen. Das ist doch ein erhebender Gedanke! Die Steuergelder der Inden werden nicht nach der Konfession geprüft und zurückgewieseu. Im Gegenteil, beim Steuerzahlen genießen die Juden noch einen Vorzug: sie werden bekanntlich überall, wenn es nur halbwegs geht, höher besteuert. Ad vocem jüdische Spitalsärzte! Einer Zuschrift, die an uns gerichtet wird, entnehmen wir folgenden Satz: „Staunen Sie nicht, daß L u e g e r und Bielohlawek jüdische Aerzte nicht anstellen wollen. Es gibt in Wien Krankenhäuser, die zum größten Teile durch die Munifizenz jüdischer Wohltäter errichtet wurden und die jüdischen Aerzte wurden aus denselben durch ihre arischen Kollegen — hinansgeekell!" Zur Apologetik. Bon Dr. D. Leimdörfer - Hamburg. Es war in den Tagen meines Lehrers Dr. Adolf I e l l i n e k s. A., als der Kardinal Rauscher in der Wiener Stefanskirche eine Rede gegen das Judentum hielt, von der die damals von dem freisinnigen edlen Bürgermeister Dr. Felder fortschrittlich verwaltete Kaiserstadt in allen Bevölkerungsschichten unlieb Notiz genommen hatte. In der Woche darauf hielt Jellinek am Sabbath „Sckemini“ eine Kanzelrede, die, wie alle Reden des unübertroffenen Meisters der Rhetorik, hauptsächlich die Apologetik oder die Wissenschaft von der Verteidigung des Judentums gegen feindliche Angriffe seiner Lehre in den Mittelpunkt stellte. Während aber alle sonstigen der Schutzwehr des geistigen Jdealgehaltes der Thora geltenden Reden tief erregt, prophetisch, feierlich, im Lapidarstil markant und fulminant zum Vortrag gelangten und zu heiliger Begeisterung hinrissen, war es diesmal eine ruhige, dem stillen Mairegen auf der Lenzesflur gleichende, sozusagen „gemütliche" Predigt, die dem hochwürdigen Kirchenfürsten sachlich die Hoheit des Judentums an der Hand der Quellen dartun sollte. Jellinek schloß mit einem geistreichen Witz: „Ich habe aus der Thora heute gelesen: Wein und geistige Getränke soll der Priester nicht genießen, wenn er zum Dienste Gottes heran tritt — was bedeutet dies anders als: ein ,Rauscher^ darf kein Priester sein." Dieses damals vielbesprochenen Witzes eingedenk, reproduzierte ich mir auch oft die kernige Widerlegung der Anklagen und Anschuldigungen, die sich damals wie heutzutage nicht nur auf den jüdischen Kanzeln, sondern auch in den Kinderschulen und im Religionsunterricht — besonders in dem des sel. Professor Dr. G. Wolf, Verfassers der „Geschichte der Juden Wiens" -— als notwendig erwiesen haben. Ja, Doktor E ck st e i n hat recht: Apologetik ist ein wichtiger Bestandteil des religiös-ethischen Unterrichtes, und das unserer Jugend in die Hand gegebene Religionsbuch sollte weniger ein Katechismus sein zur Einprägung von Sentenzen und Sprüchlein, als ein Lehrmittel zur Vertiefung in die Religion und Moral und zur Befestigung im Judentum, dessen Gegensätze zu anderen Konfessionen, klar, offen und wissenschaftlich voraussetzungslos unserer Jugend kund werden müssen. Jellinek war meines Wissens der erste, der auf diese Erfordernisse hingewiesen hatte; er veranlaßte den Vorstand seiner Gemeinde, ein Preisausschreiben zur Gewinnung eines guten Lehrbuches über Apologetik und eine Geschichte der Apologie in die Welt zu schicken, und manche Lehrer begannen von dieser Zeit ab, in ihren Vorträgen dieser Wissenschaft einen größeren Raum zir geben. Vor Herausgabe meiner „Nachbiblischen Geschichte" in vierter Auslage und auch meiner „Moseslehre" riet mir Jellinek, dies Moment zn beachten,. und ich tat es mit dem Hinweis darauf, daß selbst die 13 Grundlehren des israelitischen Glaubens nach Maimuni, unser „Ani maamin“, nichts anderes sind, als ein Stück Apologetik des Judentums: Die 15 ethischen Lehrsätze, die der Deutsch-Israelitische Gemeindebund unter K r i st e l l e r s Leitung in H e r x h e i m e r s Religionsbuch einrücken ließ, sind erst nach Aufnahme der Jellinekschen „Grundsätze der Moral", in meiner „Moseslehre" zum Abdruck gelangt. Es ist nun dem Genossen und Nachfolger Jellineks im Amte, Herrn Dr. Güdemann, gelungen, ein herrliches Lehrbuch der „Jüdischen Apologetik" abznfassen, das als Grundlage bei Bearbeitung neuer Schulbücher von Segen sein wird. Ebenso die Arbeiten von Perles, Bäck und Eschelbacher. In der letzten Nummer der „Zeitung des Judentums" führt Herr Dr. Güdemann zwei Stützen seiner universalistischen Schemone- Lssrs-Auffassung an, die dem Leser aber nicht unbedingt einleuchten werden, denn die Eulogie: Gepriesen seist Du Herr, „Schild Abrahams", am Schluffe der ersten Benediktio» beweist, daß „er gedenkt der Frömmigkeit der Väter", unserer Väter bedeutet. Israel Jsserleins Meinung ist eine subjektive. Die „Chassidim" vor den „Aeltesten Deines Volkes Israel" beziehen die meisten nicht auf die „Frommen der Völker". Dagegen sei mir gestattet, folgendes im 8okernone-k!88re- Gebet als unbedingt universalistisch anzunehmen: 1. Zu Beginn ist vor ..er gedenkt der Frömmigkeit der Väter" die Rede von dem höchsten Gotte „Kone et h.akkolu, der „das ganze Weltall sein eigen" nennt. 2. „Er verpflegt die Lebenden mit Gnade, belebt die Toten mit großer Barmherzigkeit" ist bei der Anerkennung Israels, daß die Frommen aller Völker Anspruch haben auf ewige Seligkeit, universell gedacht und gefaßt. Hierbei ist auch zu beachten, daß die vorherige Einschiebung, „er läßt den Wind wehen und den Regen herniederströmen", nichts Partikuläres enthält. Ich erinnere an Midrasch Rabba zu Exodus 7, wo ein Heide Rabbi Jochanan den Sakkai fragt: „Welchen Tag begehen wir gemeinschaftlich als Feiertag?" und die Antwort erhält: „Den Tag, da Gott die Erde mit Regen tränkt, der allen Menschen zugute kommt." 3. ..Du begnadigst den Menschen mit Erkenntnis", das allgemein schließt mit „Ckonen kadaath“. 4. „Gib Segen auf die Oberfläche der Erde", worauf wieder der Schluß ein allgemeiner ist: „Der die Jahre segnet". 5. Das herrliche Dankgebet „Nodirn" ist vom Anfang bis zu Ende ein Gebet, das alle Bekenntnisse sprechen könnten und nicht ausschließlich Israel! Auch der Schluß: „Weckol kacliajim“, „alle Lebenden mögen Dich preisen", atmet die allumfassende Liebe der Gesamtheit irdischer Kreatur, ebenso: „Gepriesen seist Du, dessen Namen der Allgütige ist." Diese - fünf Beweise halte ich für feste Stützen der Behauptung des israelitischen Universalismus in den 18 Benediktionen. Israelitische Allianz Wien. Unter ziemlich schwacher Beteiligung, wie es eben der vorgerückten Jahreszeit entspricht, fand am 17. Juni, 6 Uhr abends, im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde die 34. ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz" statt. Unter den Erschienenen waren außer sämtlichen derzeit in Wien weilenden Mitgliedern des Vorstandes der Allianz vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde die Herren Vizepräsident Theodor R. v. G o l d s ch m i d t, Baurat Wilhelm S1 i a ß n y, Wilhelm K n f fn e r und Dr. Maximilian Steiner und zahlreiche Vereinsmitglieder erschienen. In Vertretung des von Wien abwesenden Präsidenten Herrn David R. v. Gutmann führte Herr Vizepräsident Dr. Alfred Stern den Vorsitz. Er begrüßte die Erschienenen, hielt einen Nachruf auf die auch im Jahresberichte erwähnten, im verflossenen Jahre Hingeschiedenen Förderer des Vereines, darunter auf das Mitglied des Vorstandes, Herrn Leopold Trebitfch, und den Beirat Dr. Arnold Nappoport Edler von P o r a d a, sowie auf