Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 24 (21.6.1907)
- Date
- 1907-06-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion ir. .äftbiiunifti atriu': iji- Wien, JI/, Novaragasse :27:i; IflfUbrnt Iflr. der Diuckerri 15802 il nie rate Die viermal gespaltene j! Nonpareille-Zeile 25 Heller. ij 21douue»lentSu. Znie, llvus- >! betrftije sind in Wie» zahlbar und klagbar. Erscheint jeden Kreitng. Ratio: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!* Verntz»p»seis: Äanziayrig . . . R. U.— Halbjährig . R. 7.— Für Ciiltnsbemnte: li'iiujinöiiii », ii).- Für AnSlmid: -«anziährig . . . -j Mark ii Nnbei oder >6 Ae«. Ar. 24 Wien, 21. Imn 1907. Inhalt: Aus der Woche. — Zur Apologetik. — Israelitische Allianz zu Wien. — Deutschtum und Judentum. — Aus der territorialistischeu Bewegung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Alt Marjim. Ans der Woche. „Jede Gehässigkeit gegen Mitbürger anderer Religion oder Nationalität liegt mir ferne. Es ist meine innerste Ueberzeugung, i daß die in Oesterreich lebenden Nationen sich zum Wohle Aller j vertragen sollen." Schöne, gute Worte. Wer sie sprach, war i natürlich ein Kandidat um ein Reichsratsmandat, denn die schönen, guten Worte hört man in Oesterreich in letzter Zeit hauptsächlich von Kandidaten. So weit ist alles richtig. Wenn! aber jemand im Besitze seines normalen Denkvermögens zu dem j Schlüsse käme, daß der Sprecher dieser Worte sich schließlich als Gegner der — antisemitischen Partei bekennen mußte, der hätte sich gröblich geirrt, ipen: von Wittek, der gewesene Minister und Schützer der Luegerpartei, ging von den schönen, von uns zitierten Worten direkt zum Bekenntnis über, daß er j sich der christlichsozialen Partei anschließen werde. Also der Partei, die den konfessionellen Frieden in O e st e r r e i ch z n st ö r e n a l s ihre Existenzbedingung betrachtet. Heuchlerische Worte der Humanität und Duldung gehen jetzt den häßlichen Taten der christlichsozialen Partei voran. Früher waren die Herren wenigstens aufrichtig und haben auch die brutalen Taten durch brutale Worte angekündigt. * * * Dr. Lueger, der Chef der christlichsozialen Partei, hat nach seiner schweren Krankheit zum erstenmale eine Wählerversammlung besucht, um für W i t t e k zu sprechen. Das war j nur eine Pflicht der Dankbarkeit, denn Wittek war der Mann, > der seinerzeit als Leiter des Ministerpräsidinms ein Gemeinde- Wahlrecht für Wien ermöglichte, welches die damals im Innersten gebrochene, zum Falle reife christlichsoziale Partei wieder in der Herrschaft befestigte. Diese schmachvolle Tat bleibt für immer mit dem Namen Mittels verbunden. Daß Herr von Wittek selbst die volle Empsindnng dafür hatte, daß er seinerzeit ein unsittliches Ziel mit den unsittlichsten Mitteln gefördert habe, beweist Eines: . Er hat selbst niemals es öffentlich be-! kannt, daß er der eigentliche Schöpfer der Wiener Gemeindewahlreform sei. Dr. P a t t a i war es, der nach dem Sturze Wittels dem gefallenen Mann den ehrenden Nachruf widmete, der ihm die Vaterschaft an dem Schandwerke für immer sichert. Nun erntet Wittek die Früchte der Dankbarkeit: die Christlichsozialen, die er gerettet, wollen ihm wieder den Weg zur Macht ebnen. So begeistert Dr. Lueger in der erwähnten Wählerversammlung das Lob W i t t e k s sang, so höhnisch und erbittert j siel er über die Sozialdemokraten her, deren loyales, anständiges Verhalten gegenüber dem greisen Kaiser ihn mit patriotischer — Beklemmung ersüllt. Die Sozialdemokraten haben, einer Pflicht der Dankbarkeit gegenüber dem Monarchen folgend, der ihnen aus freiem Willen, aus Liebe zur Gerechtigkeit, das allgemeine Wahlrecht gewährte, bei einer Huldigung für den Kaiser sich achtungsvoll von den Plätzen erhoben. Das verdrießt den Herrn Bürgermeister, der sich gegenwärtig in der Rolle des Patent-Patrioten und Verteidigers der Dynastie so gut gefällt. Er verhöhnt die Sozialdemokraten, die jetzt loyal sind, während sie früher terroristisch auftraten. Es gehört eine große Dosis von Tartufferie dazu, solche Angriffe gegen die Sozialdemokraten aus dem Lager der Christlichsozialen zu inszenieren. Glaubt denn Dr. Lueger, daß die die äußerste Grenze der Illoyalität erreichenden Reden, die er und seine Parteigenossen damals hielten, als der Kaiser die Bestätigung Luegers zum Bürgermeister von Wien verweigerte, schon vergessen sind? Solche dreiste, verj wegene Worte der Drohung, wie sie die schwarzgelben Patentpatrioten damals hielten, hat man von den Sozialdemokraten niemals gehört. Der Ruf des Mechanikers Schneider „Nach der Hofburg!", der damals ertönte, gellt noch heute in der Erinnerung uns allen in den Ohren. Die christlichsoziale Partei, die wegen einer bloßen Personenfrage sich über alle Pflichten der Treue und Loyalität hinwegsetzt, hat für immer das Recht eingebüßt, Anderen Lehren über Loyalität und Kaisertreue zu geben. * * Aber man muß nicht so weit zurückgehen, man muß nicht an Ereignissen erinnern, die vor zehn Jahren sich abgespielt haben. Sehen wir, wie die chriftlichsoziale Partei in allerjüngster Zeit ihre hingebungsvolle Treue und Begeisterung für den Thron bekundete. Ihr ausschließliches Werk war es, daß unter der eifervollen, wirkungsvollen Mithilfe der frommen Hetzkapläne und Hetzpfarrer K. H. Wolf ins Parlament gewählt wurde. K. H. Wolf, der berüchtigte Hoch H o h e n z o l l e r n- Rufer! Und Geßmann war es, der natürlich ans Geheiß Luegers, des unfehlbaren Parieipapstes, Herrn Wolf sozusagen auf den Händen ins Parlament trug. Schöne und humane Worte kosten nichts, hindern an nichts und — verpflichten zu nichts. Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, haben die Christlichsozialen durch ihren Führer Doktor Lueger die feierliche Erklärung im Gemeinderate abgeben lassen, daß bei dem von der 10 Millionen-Widmung zu erbauenden Spital Konfession und Nationalität keine Rolle spielen