Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 23 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Leite 8. Die Wahrheit N r. 23. Zusatz I.. Die Organisation hat vorläufig ihre Zentrale in London, deren Exekntivorgan gegenwärtig der Jnternationalrat ist. Zusatz II. Die Organisation teilt sich in Landesverbände und in Ortsgruppen. welche nach eigenen Statuten im Sinne der Landesgesetze und nach den jeweiligen Verhältnissen geregelt werden. Zusatz HI. Jeder Territorialist ist verpflichtet, sich, falls es ihm möglich ist, einem territorialistischen Vereine anzuschließen. Resolution. Die am 12. Mai tagende Konferenz der Schweizer Territorialisten erachtet als notwendig die Schaffung eines territorialistischen Kongreffes und ersucht den Jnternationalrat einen solchen Kongreß ehestens einzuberufen. HL Taktik. § 1. Die territorialistische Organisation führt den Namen „Organisation" und nicht „Partei", weil sie keine Partei im Judentum sein will; ihre Aufgabe ist nicht, irgend einen religiöien oder politischen Kamps zu führen, sondern vielmehr sich mit allen Parteien und Korporationen in der Judenschaft zu verständigen und dahin zu wirken, die große Masse der Juden für die territorialistischen Bestrebungen zu gewinnen. ß 2. Im Interesse einer friedlichen Entwicklung der jüdisch-territorialistischen Organisation fordert dieselbe von ihren Angehörigen: 1. Die Ueberzeugung von der Notwendigkeit euier jüdischen Heim- und Zufluchtsstätte auf eigenem jüdischem Territorium. 2. Die Respektierung der Majoritätsbeschlüsse der territorialistischen Organisation. In allen anderen Fällen erklärt die „Jto" die politische oder die religiöse Ueberzeugung ihrer Mitglieder als Privatsache. § 3. Die „Jto" erachtet die Gegenwartsarbeit, wie Regelung der Emigrarion, Vermittlung von Arbeit an die Emigranten u. dgl. m. als notwendig. Um eine ersprießliche Gegenwartsarbeit zu leisten, wird die „Jto" im Einklänge zu ihren Vermögensverhältniffen alles Mögliche tun, was geeignet ist, die Lage der armen und verfolgten Juden zu mildern. Auch wird sie sich zu diesem Zwecke andern Korporationen anschließen, gleichwie welcher Parteischattierung im Judentume dieselben auch angehören mögen. Verschiedene Nachrichten. Wien. Se. Majestär der Kaiser hat den Oberfinanzrat an der niederösterr. Finanzprokurator, Herrn Dr. B. Rappaport, zum Hofrat ernannt. Hoftat Dr. Rappaport ist seit einer Reihe von Jahren eines der tätigsten Mitglieder des Vorstandes und Vertreterkollegiums der Wiener Kultusgemeinde. Wien. Der junge Wiener Gelehrte Dr. Eisler, der in Udine wegen Entwendung einer kostbaren Handschrift aus der dortigen Bibliothek verhaftet wurde, entstammt wohl einer jüdischen Familie, ist aber getauft. 1 Diese Tatsache sowie die weitere, daß Dr. Eisler rege Beziehungen zu katholisch-geistlichen Kreisen hatte, sei festgestellt, angesichts der Ausfälle gegen das Judentum, die mit Rücksicht auf diesen Fall von der antisemitischen Preßbande sicher zu erwarten sind. Im übrigen ist diese Affaire ein neuerlicher Beleg dafür, daß nur charakterschwache Individuen einen Glaubenswechsel vollziehen, und darum braucht ein Abfall solch minderwertiger Elemente vom Judentum niemals allzusehr bedauert zu werden. Wer nicht genug Charakterstärke besitzt, trotz mannigfacher Anfechtungen seinem Väterolauben treu zu bleiben, kann, wie der Fall Eisler lehrt, leicht auch anderen Versuchungen erliegen. Wien. Am vorigen Sonntag fand bei zahlreicher Beteiligung von Freunden und Landsleuten die Beerdigung des kais. Rates Herrn Viktor Silber st ein, Chef der Firma Sigm. Silbersteins Sohn, statt. Nach ergreifendem Vortrage des Hazur tomim durch Oberkantor Guttmann widmete Oberrabbiner Dr. Güdemann dem im der Blüte seines Daseins Dahingeschiedenen einen seine Vorzüge würdigenden Nachruf. Herr Grünberger aus Leipnik gedachte am Grabe in tiefempfundenen Worten der Frömmigkeit und Vorzüge der in der Heimat in besonders hohem Ansehen stehenden Familie Silberstein, namentlich des Großvaters des Verewigten, R. Abraham S i l b e r st e i n, der im Vereine mit seiner tugendhaften und gastfreundlichen Gattin Sara, gleich dem ersten Patriarch enpaare, die heutzutage so seltene Tugend von Hachnassath Orcliim in munifizenter Weise übte, vorwiegend gegen Baclrarim. der Jeschiba, die dem Heimgegangenen gewiß ein pietätvolles Andenken bewahren. Die Tat der Väter pflanze sich fort auf die Enkel. ^Auch dieser ruhe in Frieden! Wien. Der Bethausverein „Am Bolkert", II., Fugbachgaffe 7, hat Herrn Emil G r o ß nach beifälligem Probevortrage am 15. Mai d. I. einstimmig zum Oberkantor gewählt und hat derselbe am 1. Juni sein Amt angetreten. Mödritz (bei Brünn). Herr Julius S ch ü ck, Inhaber der Ersten mähr. Sauerkrautfabrik und Oekonomiebesitzer, hat sich, um die Kultussteuer zu ersparen, konfessionslos erklärt. Pilsen. In der Sitzung vom 1. Juni des Kultusgemeindevorstandes wurde Herr Dr. L. B a e ck aus Oppeln einhellig zum Rabbiner der hiesigen Kultusgemeinde gewählt. Budapest. Unter Vorsitz des Hofrates Dr. Armin N e u m a n n hielt der Ungarische israelitische Handwerks- und Ackerbauverein seine gut besuchte Jahresgeneralversammlung — es war dies bereits die 64. seit dem Bestände dieses eminent gemeinnützigen Vereines — in welcher das Handelsministerium durch den Sektionsrat Dr. Gustav E m i ch jun., das Ackerbauministerium durch den Ministerialsekretär Dr. Zoltan Basarh e ly i vertreten waren. Der Präsident schilderte in einer-größeren Rededie Tätigkeit des Vereines und gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß der Verein infolge der Unzulänglichkeit seiner materiellen Mittel außerstande ist, die Ausbildung von Ackerbauern in größerem Maße zu. fördern. Trotzdem besteht die Hoffnung, daß die Erwerbung eines eigenen landwirtschaftlichen Betriebes schon in nächster Zeit gelingen werde. Die Rede des Hofrates Dr. Armin N e u m a n n wurde höchst beifällig ausgenommen. Hierauf legte der Vereinssekretär David Kemeny den von ihm mit großer Sachkenntnis verfaßten Jahresbericht vor, auf den wir noch zurückzukommen gedenken, welcher gleich den vom Revisionskomitee vorgelegten Schlußrechnungen genehmigend zur Kenntnis genommen wurde. Die Ergänzungswahlen ergaben folgendes Resultat: Wiedergewählt wurden: Der Gemeindevorsteher Ludwig Adler, der Tempelvorsteher Julius Adler, Arthur Beer, Moriz Berger, Max Bettelherm, Adolf Blau, Edmund D o m o n y de Domony, Dr. Emil Farkas, Wilh. Fuchs, Jonas Händler, Tempelvorsteher Berth. H e r z m a n n, Baron Moriz Leopold Herzog de Csete, kön. Rat Sigmund Horvath, Direktor Arnold K o h n, M»riz Lemberger, Sigmund Q u i t t n e r de Vnczfaln, D. H. Spitzer und Franz Schwarz. Neugewählt wurden: der Präsident des kön. ung. Patentamtes, Ministerialrat Dr. Ludwig B a ü l a i, Dr. Oskar Bößörmenyi, Dr. Ernst Deutsch, Direktor- Gabriel F a l u d i, Gemeindevorsteher Dr. Wilhelm Grauer, der Vizepräsident der Börse Jacques Simon und Chesredakteur Max S z ab o l c s i. Die freigesprochenen Zöglinge des Vereines — 26 an der Zahl — wurden der Generalversammlung vorgestellt, wobei Vorsitzender eine passende Ansprache an dieselben richtete. Einer von ihnen dankte sodann in schöner Rede der Vereinsleitung, sowie den hochherzigen Gönnern des Vereines für die genossenen Wohltaten. Ein Taubstummer überreichte dem Präsidenten ein Schriftstück, welches seinen Dank verdolmetschen sollte. Nun ergriff Rabbiner Dr. Julius Fischer das Wort, um im Namen aller Anwesenden der wackeren Vereinsleitung Dank und Anerkennung zu zollen. Der eloquente Redner betonte zwei Momente der Vereinstätigkeit: Patriotismus und Religion. Der Verein ist bestrebt, dem Baterlande opferwillige Bürger und dem Judentum treue Bekenner zu erziehen und beides verdient das uneingeschränkteste Lob. Aus den Zinsen der Markus und Babette Pollak-Stistung erhielten die angehenden Meister Emil Fischer (Glaser) und Moriz Löwinger (Schlosser) je 1000 Kronen. Hofrat Dr. Neumann schloß die Generalversammlung, worauf die Anwesenden die in einem Nebensaale ausgestellten Arbeiten der Vereinszöglinge besichtigten. 8. Tarnowitz. Ein 8ch’Iiach zibbur in des Wortes edelster Bedeutung wurde heute hier zur ewigen Ruhe gebettet. Kantor Sachs, der in der hiesigen Gemeinde durch 27 Jahre seines heiligen Amtes waltete, ist zum Schmerze seiner Familie und seiner zahlreichen Freunde aus dem Leben geschieden. Bei dem Leichenbegängnis vereinigte sich die ganze Gemeinde und hunderte von Menschen folgten dem Zuge. Aber auch viele Kollegen der Nachbargemeinden ließen es sich nicht nehmen, dem geschätzten Berufsgenossen die letzte Ehre zu erweisen. Sie gingen in voller Amtsiracht unmittelbar hinter dem Sarge. In der dichtgefüllten Friedhofshalle wurde die Feier durch das Männerquartett des Gleiwitzer Synagogenchores, dem in liebenswürdiger Weise die Kollegen de B e e r, B e r nstei n und Wittenberg assistierten, mit dem Gesänge Adaunoj moh odom eröffnet. Ergreifend rezitierte hierauf Kantor Sußmann das Hazur tomim. Rabbiner Dr. Gradenwitz sprach nun in inhaltsvollen Worten der tiefgebeugten Witwe Trost zu; er dankte ihr, sowie der Gemeinde für alles Gute und Liebe, das sie an den Dahingeschiedenen geübte er rühmte das Wirken dieses edlen Mannes und gab so ein getreues Bild dieses inhaltreichen Lebens. Oberkautor D a v i d s o h n - Gleiwitz nahm nun in erschütternden Worten namens seiner Amtsgenossen Abschied von dem teuern Verblichenen, und es blieb wohl kein Auge tränenleer, da er schilderte, mit welch heiliger Begeisterung Kantor S a ch s seinem Berufe Vorstand. „Einer der wenigen alten Chasonim Deutschlands, der ausgestattet war mit einer Fülle ttaditionell chasonischer Kenntnisse, einer der besten Jünger W e i n t r a u b s, sei mit Sachs dahingegangen. Wir aber geloben an Deiner Bahre, getreulich, gleich Dir, hochzuhalten die Ehre und Würde unseres heiligen Berufes, denn wahrlich ein leuchtendes Beispiel warst Du uns gewesen." Nunmehr erklang das letzte Abschiedslied. Kollege David sohn stimmte unter Assistenz des Chores das wehmutsvolle und zugleich tröstende Schiwissi an, die letzten Töne verhallten, noch drei Schaufeln Erde und geschlossen hat sich das Grab über einen der Besten aus unseren Reihen. W. „Atlas", Lebens-, Militärdienst- und Rentenversicherungs-Aktiengesellschaft, Wien, I., Franz-Josefs-Kai 1 (Atlashof). In der am 6. d. M. abgehaltenen VII. ordentlichen Generalversammlung wurde der Jahresbericht pro 1906 vorgelegt. Aus demselben geht hervor, daß 5822 Anträge über eine Versicherungssumme von K 14,936.333 eingereicht wurden, 4826 Polizzen über L 11,172.317 zur Ausstellung gelangten. Der Bersicherungsstand am 31. Dezember 1906 hat sich auf 14.251 Polizzen über K 31,830.238 Versicherungssumme erhöht. Die Prämieneingänge stellten sich auf K 1,256.574 06 und sind gegen das Vorjahr um X 172.837'68 gestiegen. Die Prämienreserve und die Prämienüberträge belaufen sich aus K 3,949.470 47 und weisen gegenüber dem Vorjahre eine Erhöhung uni K 789.24807 auf. Die Garantiemittel der Gesellschaft erfuhren gegenüber dem Vorjahre eine Erhöhung um K 757.662 27. In den Verwaitungsrat wurden die turnusgemäß ausgeschiedenen Herren: General-Konsul Alfons Bruckmann, Dr. Fritz Haas, Direktor Dr. Reinhold Schultz wieder¬ und die Herren Dr. Guido Freiherr von C lau er und Wilhelm Hill er neugewählt.