Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 23 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Oksterr-unaar. Kantoren-Zeitung. Unser Gottesdienst. Von Oberkantor Magnus Davidsohn-Gleiwitz. In einem Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" klagt Herr Professor Dr. Stern über das Schwinden der traditionellen Niggnnim innerhalb des jüdischen Gottesdienstes und er richtet an die Chasonim die Mahnung, mehr über den Niggun und dessen Gestaltung nachzudenken. Mögen nachstehende Ausführungen auch in diesem geschätzten Fachblatte zum Ausdruck kommen. Nicht der moderne Oberkantor, nicht der musikalisch gebildete, mit allen Finessen der Kompositionslehre und des Kontrapunktes vertraute Musiker der ernsten heiligen jüdischen Kunst, nein der Chasan spricht in dieser Erwiderung auf den gleichnamigen Artikel des Herrn Professor Dr. Stern in Nr. 21 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", und zwar der Chasan, der das Chasonus ererbt hat aus einer Familie, die, soweit sich überhaupt die Vorfahren feststellen lassen, dem heiligen Berufe des Sch'eliach zibbnr angehörte. Er möchte aufklären über das sogenannte moderne Kantorat, wie es heute von den jüdischen Gemeinden gefordert wird. Vor mehreren Jahren hatte ich die Ehre, in den Spalten verschiedener Zeitungen das Wort ergreifen zu dürfen, um über „Die Kunst im Gottesdienst" einiges zu sagen. Es sei mir gestattet, einen Passus aus diesem Artikel zu wiederholen, der wesentlich mit zur Aufklärung dienen soll. „Es wird darüber Klage geführt, daß mit Rücksicht auf den musikalischen Gottesdienst die Andacht leide, doch sollte der Kantor schuld daran sein? Derjenige, der sein ganzes Können und seine ganze Kraft dafür einsetzt, seine Gemeinde zur Andacht anzuregen? In den meisten Fällen muß der Kantor der „aussührende Beamte" sein, in den seltensten Füllen darf er der selbstgestaltende Künstler (oder sagen wir lieber der selbstgestaltende Chasan) sein, der Geschmack seiner Gemeinde muß für ihn ausschlaggebend sein. Der Jndisserentismus und das geringe Interesse für den Gottesdienst macht sich immer mehr bemerkbar und darum muß nach Ansicht der Körperschaften der Gottesdienst — interessant gestaltet werden. Daß ein derart pomphaft zugestutzter Gottesdienst dann mehr an eine konzertante Veranstaltung erinnert, ist klar, doch will man den Kantor dafür verantwortlich machen, der gegen seinen Willen den Wünschen seiner Gemeinde Rechnung tragen muß?" Und an einer anderen Stelle heißt es: „Wir leben heute nicht mehr in dem Zeitalter, da die gläubige Gemeinde Israels durch die Worte unserer heiligen Sprache zur Andacht angeregt wurde, ein großer Prozentsatz unserer Glaubensgemeinschaft steht heute unserem Gottesdienst leider verständnislos gegenüber, und darum ist es unerläßlich notwendig, sich gewisser äußerer Mittel zu bedienen, um den Gottesdienst wirkungsvoll und verständlich zu gestalten." Doch wo liegt weiter der Krebsschaden, daß der traditionelle, d. h. rein jüdische Charakter aus dem Gottesdienste geschwunden ist? Nun, wer weiß es denn nicht, daß in heutiger Zeit in den reformiertesten wie in den konservativsten Gemeinden, in demselben Moment, da der letzte Ton der Mussaf-Keduscha verklungen ist, der Gottesdienst beinahe sein Ende erreicht hat? In dem Moment, wo der' Chasan in echt traditioneller Weise Tikanto-Scliabbos oder Umipne Chatoenu beginnt, fängt die Gemeinde an, das Gotteshaus zu verlassen, und zwar oft in möglichst geräuschvoller Weise. Wo soll denn dann die Kwonoh, die heilige Begeisterung, Herkommen, die unbedingt notwendig ist, um selbstgestaltend im Chasonus tätig zu sein? Die alten Niggnnim bestehen im Herzen und in der Seele des Vorbeters, aber zur Anwendung gelangen sie in verschwindendem Bruchteil. Doch weiter: Vor dreißig Jahren, so erzählte mir mein Vater, da war der Chasan die Autorität innerhalb des gesanglichen Gottesdienstes, da stand er erfüllt von seiner heiligen Mission am Omed und um ihn herum seine Meschorrerim, „die an seinen Lippen hingen und im gegebenen Moment die herrlichen traditionellen Weisen anstimmten", die, wie Herr Professor Stern sagte, von dem einen Motiv des jeweiligen heiligen Tages zusaminengehalten und getragen waren. Diese Meschorrerim, sie waren die Gefolgschaft des Chasans, sie waren seine Jünger und wurden seine Nachfolger und waren so die Stützen von Geschlecht zu Geschlecht, die Hüter der jüdischen nmsica sacra. Das war vor dreißig und mehr Jahren, doch die Zeiten änderten sich gewaltig. Sulzer und Lewandowski traten aus den Plan, beide haben der Neuzeit Rechnung getragen, doch in grundverschiedener Form. Sulzer. der dramatisch modern gestaltende Kantor, der für den Kantor schreibt und den Chor zur Unterstützung heranzieht, Lewandowski. der Chordirigeut der Berliner Synagogen, der für Chöre schreibt und in dem Kantor (nach seinem eigenen Ausspruch) nur ein notwendiges Uebel sieht. Nun wohl, Lewandowski hat mit seinen Kompositionen Eingang gesunden in fast allen deutschen jüdischen Gemeinden, und mit dieser Einführung ist allmählich die Autorität des Chasans geschwunden. Doch wie? Gibt es denn heute überhaupt noch einen Chasan und gibt es einen Meschorrer? Das Sparsystem selbst großer Gemeinden kennt heute nur noch einen Universalmenschen, der vor allen Dingen seminaristisch geprüfter Religionslehrer, Borbeter, Gememdesekrelür sein soll und sonst noch andere Aemter zu verwalten hat. Und wie ist der Bildungsgang eines solchen Uuiversalmeuschen? Nun aber komme ich aus den springenden Punkt! Ist dieser Universalmensch auch jahrelang bei einem Chasan Meschorrer gewesen und treibt er gründliche musikalische und gesangliche Studien, um das moderne Kantorat mit dem alten Chasonus entsprechend verbinden zu können? Weit gefehlt; man schickt ihn aus fünf Jahre in das Lehrerseminar und bildet ihn dort zum Elemeutarlehrer ans; in diesen Seminarien wird allerdings auch ein bis zwei Stunden wöchentlich musikalischer und Kantoratsunterricht erteilt. Hat nun ein solcher Zögling sein Lehrerexamen bestanden, so ist er wohl ein ausgezeichneter Lehrer, doch stellt man an ihn an den Omed am ersten Tag der Selichot oder am Hoschanah Rabbah, so wird ihn jedes einigermaßen mit dem Niggun vertraute Gemeindemitglied mit seinen Kenntnissen beschämen. Man wird mir entgegenhalten, daß es ja gedruckte Werke zur Erlernung des rein chasonischen Wissens gebe; doch aus eigener, wie aus Erfahrung meiner Väter, kann ich wohl sagen: erlernt kann aus solchen Werken das Kantorat wohl werden, doch nie und nimmer das Chasonus, das muß durch Hören in sich ausgenommen werden; hierbei kommen Augen und Kopf ganz außer Betracht und lediglich Ohr und Seele sind die Hauptfäkloren. In neuester Zeit hat endlich der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die dankenswerte Einrichtung getroffen, k a n t o r a l e Kurse einzurichten, in denen der treffliche A. Friedmann und der ausgezeichnete Musiker William Wolf lehren. Ueberlaffen wir es der Zeit, inwieweit diese Kurse dazu beitragen werden, Chasonim heranzubilden. Herr Professor Stern sprach von Kantorenschulen; wahrlich gäbe es solche, an denen routinierte Chasonim unterrichten würden, so dürste man sich in absehbarer Zeit nicht mehr über den Mangel eines traditionellen Gottesdienstes zu beklagen haben. Eine Kantorenschule müßte es sein, die den Zögling durch Jahre ausschließlich für seinen Berus vorbereitet, und die ihn, den Anforderungen der Gemeinde entsprechend, nur zum Lehrer der israelitischen R e l i g i o n s s ch u l e heranbildet. Ich verwerfe ebenso wie Professor Stern die Aushängung eines musikalischen Programms innerhalb des Gotteshauses. Es geht das Gemeindemitglied nichts an, aus welchen Werken die Gesänge entnommen sind; möchte es sie nur in Andacht und weihevoller Stimmung vernehmen uud nicht ungeniert an der heiligen Stätte des Gottesdienstes Kritik üben. Mit mir werden viele Berussgenoffen Herrn Professor Stern dankbar sein für seine Ausführungen, geben sie uns doch Gelegenheit, Aufklärung darüber zu geben, weshalb der wahre Chasan in echtem Sinne verschwunden ist. Glücklich wären viele mir gleich ideal Gesinnte, wenn auch auf dem Gebiete der chasonischen Tradition ein neuer Geist einziehen möchte in die Synagogen Israels!