Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 23 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23. Die Wahrheit Seite 5. Gut wäre es, wenn das noch ginge. Es geht aber nicht. j Die Gemeinden in sich gekehrt, nach innen gerichtet. Wie es; der Psalmist von den Gestirnen sagt: „Kein Laut, keine Worte;! über die ganze Erde ging ihr Ruf." So war es. Früher! geräuschlose Kultur und geräuschloser Kultus. Jetzt treiben die i Räder und surren die Riemen, glühen die Lichter und blitzen j die Funken. Laute Kulturarbeit. Und die Kultusarbeit? Die! jüdische Kultusarbeit? Kann sie sein, wie ehedem? Nein! Sie > muß auch nach außen gerichtet sein. Nach außen muß sie gej sehen werden können. Der garstigste Winkel war gut genug für! fromme, wirklich fromme Beter. Ist es in der Tat noch. Für j sie war und ist Gott überall. Wenn auch die Ritualschrift I Reinheit und Schönheit fordert. Der kümmerlichst anssehende > Rabbi war verehrt, oft bewundert. Kaftan und Stiefelhosen, zerzauster Bart, möglichst gediegenes Mauscheln schadeten nicht. Damals. Sie gehörten zum Inventar. Die rituellen Angelegenheiten wurden, auch so trefflich und ehrfurchtsvoll besorgt. Heute geht das nicht. Man gibt sonst den Ritus dem höhnischen Gelächter preis. Er wird zum erbarmungslosen Gespötte. Man stößt alle, die noch zum Rabbi kommen, ab. Nein. Ueberall, wo es sich um Religion handelt, muß arische Ordnung herrschen. Und ganz besonders: „Wer Dienste tut, doch nur zum Schein. Und Vorteil sucht für sich, Der packt beim ersten Regen ein, Läßt dich beim Sturm im Stich." Sauberkeit, auch in dieser Richtung! Allerdings. Für einen idealistischen Esel, dem man alles Mögliche aufladen kann, darf man niemanden halten. Die Neigung besteht zuweilen. Ein Rabbiner ist kein „Mädchen für Alles". Aber ein Mann soll er sein; sein können. — Das Rabbiuatskolleg besteht naturgemäß i ans den Rabbinern der Gemeinde. Hoffentlich besitzen alle die! nötigen talmudischen Kenntnisse und die Erfahrung in Handj habung der Ritualeodices. daß sie im Kolleg keine jämmerliche! Rolle spielen. Besitzen sie diese Eignung nicht, dann sollten sie - den Rabbinerhut an den Nagel hängen. Aber sie gehören! i u d a s K o l l e g i u m; m o d e r n e M ä n n e r m ü s s e n d a r i n! sitzen; b ei a l ler Hochachtung vor den Autoritäten j alter Schule. Man darf nicht auf der einen Seite! moderne Gemeinde sein und auf der anderen! Ghettojudentum. Dieses Janusgesicht ist eine Karrikatur.! Nicht etwa deshalb, weil jene Autoritäten der alten Schule \ weniger fähig sind, sondern weil die Zeit überwunden ist. Die! jüdische Mitwelt der Großstadt sieht nur die! Karrikatur und beurteilt jeden Ritual-Fall als einen Casus, der sie lachen macht. Das kann nicht im Sinne der Kultusverwaltung liegen. Jst's denn ein Wunder, wenn die goldene Jugend der Gemeinde in diesem ganzen Wesen und Wirken Rückständigkeit wittert? Schließlich gleichgiltig oder abtrünnig wird? Auch die Erbärmlichkeiten auf Kanzel und Katheder gehören in dieses Kapitel. Die vielgepriesenen und sehr teuren Jugendgottesdienste. Gewiß. Sie sind ganz gut gedacht. Aber diese Reden! Diese Prediger! Die Stein' erweichen, Menschen rasend machen können. Weg damit! Die Jugendgottesdienste müssen reformiert werden. Gründlich. An Haupt und Gliedern. Die Kinder langweilen sich jetzt. Das heißt — wenn sie sich nicht über die Darbietungen belustigen. Das kommt vor. Der Pfarrer wird z u m K o m ö d i a n t e n. Es so gut machen, wie man kann, entschuldigt nicht. Man muß können. Sit pro ratione volnntas gilt da nicht. Die Rationen sind gar zu klein. Ein Klepper statt des Pegasus. — Nicht aufgeregt, meine Herren! Das ist die Stelle, wo ihr sterblich seid. Es gibt Ausnahmen. Aber „Phöbus stolzes Roß muß sich dem Stier bequemen". Man kann ein rechtschaffener, wackerer Mann sein und doch nicht reden können. Es gibt ja, wie wir sehen, sogar Redner, die nicht reden können. Aber durchaus nötig ist das nicht. Wir denken uns die sabbathlichen Jugendandachten herzlicher, verständlicher, schöner. Melodiöse, einfache Choräle, Thoralesung mit Verdeutschung, kernhaft-kräftige Belehrung und klangvoller Schlußgesang — Gemein deandachten dieser Art wären auch nicht von Schaden, denn der Gottesdienst leidet an ermüdenden Längen. Die sehr würdigen Kantoren — und seien es die besten — tuen des Guten zuviel. Die Synagoge ist kein Kunstinstitut für musikalische Produktionen. Wir sind gewiß nicht dagegen, daß die vorgetragenen Gesänge künstlerisch vollendet seien. Sie sind es ja auch an vielen Stellen, dank der Tüchtigkeit und Wichtigkeit unserer Borbeter — Verzeihung — Oberkantoren. Es gibt ja jetzt nur Ober — re. DieSynagoge gehört in er st er Linie der betenden Gemeinde. Das Wort vom „schlechten Musikanten" findet gerade bei den Sängern seltener Anwendung. Um so häufiger bei anderen. Doch, wozu an dieser Stelle über Synagoge und Kantorat raisonnieren? Die „Kantoren-Zeituug" ist doch dazu berufen. Wir haben aber den Mut, zu sagen, daß in unserem Synagogalleben die Kontoren zu stark im Vordergründe stehen. Allerdings. Sie haben nicht die Schuld, wenn die Rabbiner und Prediger häufig im Hintergründe ein bescheidenes Dasein fristen. Stünden! sie auf d e r H ö h e. dann könnte der, der ja nach der Vor-! schrift „aus der Tiefe" betet, sie nicht verdrängen. Es wäre! endlich au der Zeit, auch bei der Anstellung von Kantoren! darauf zu sehen, daß gebildete Menschen für dieses Amt! gewählt werden. Es gibt freilich auch Oper n sang e r, die mangelhaft gebildet sind. Und viele Svnagogensänger betrachten! sich gar zu gerne als „Künstler"; gesellen sich auch zu ihnen.! Von einem Kantor muß man mehr verlangen. Wo er neben I einem akademisch gebildeten Manne wirkt und naturgemäß viel! mit ihm verkehrt, beständig neben ihm gesehen und genannt! wird, muß er danach beschaffen sein. Die Stimme allein be-! fähigt nicht. Zumal ja wirklich tiefe musikalische Bil-! duug — ohne allgemeine Bildung gar nicht zu erlangen ist. j Ebenso wie es nicht mehr angeht, ausgediente Koschergarküchen- Besitzer, schiffbrüche Talmudjünger, gestrandete Kauflente re. re. zu Religionslehrern zu machen, ebensowenig geht es an, jeden Menschen, der glaubt, singen zu können, und es vielleicht auch kann, in den heiligen Dienst der Synagoge zu stellen. Das ist ein unerhörter Unfug. Ghettomanier. Judengassen-Ueberlieserung. Damit muß man energisch brechen. Der ganze Gottesdienst leidet darunter. Mauschelnde Prediger, Lehrer und Vorsänger! Das gibt eine schauderhafte'Harmonie! — Und wir hören sie. Muß das nicht abstoßend wirken? Ist nicht diese äußere Verlotterung oft von innerlicher begleitet? Ein gewisses Kokettieren mit diesen einstmals wohl ehrwürdigen Formen jüdischen Lebens ist noch lange kein Beweis für sein Vorhandensein in der Gegenwart. Man ist, weil man jüdelt, noch kein Jude. Ebensowenig wie die angelernte und nachgeäffte Schnauzigkeit deutsch ist. Der saloppe Schlendrian mag gemütlich sein; ernst ist er nicht. Wir können gar nicht genug Präzision haben. Bei uns summiert sich Oesterreichisch + Wienerisch + Ghettojüdisch. Embaras de riehesse. Merkwürdig, daß davon selbst die Fernabftehenden nicht frei sind. Man glaubt durch diesen Koscher-Stempel echt jüdisch zu sein. Man nehme! sich doch gerade an den großen frommen Gemeinden im Aus-! lande ein Beispiel. Die mauscheln nicht und spielen nicht Ghetto, j Sie sind kerndeutsch und stramm, deshalb nicht weniger jüdisch. — All das und noch vieles andere mindert den Respekt vor dem Judentum. Die Jnstitutiouen sinken im Werte. Die Vornehmsten, innerlich vornehmsten — nicht gerade die Dekorierten, Betitelten, kuhwarm Geadelten — ziehen sich zurück. Wie im politischen, so im jüdischen Leben. Sinken aristokratischer Gesinnung. Der Geistesadel, Herzensadel verkriecht sich. Folge: Aus völliger Unkenntnis wahrhaft jüdischen Lebens und Wesens, Verachtung feiner öffentlichen Vertreter, namentlich der geistlichen. Ist Religion an sich in dieser entseelten Zeit als wertlos erachtet, so ist es Judentum, d. i. Religion kat’ exochen, doppelt. Oder ist vielleicht jüdischsoziales Judentum besser als chriftlichsoziales Christentum.! Die Schiichtfrage vor dem Der-? waltnngstzerichlshose. Der von den antisemitischen Machthabern im Wiener Rathause inszenirten Schächthetze ist nunmehr durch die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes ein definitives Ende bereitet worden.