Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 23 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die Wahrheit Nr. 23. Lette 4. und Dr. Licht, man weiß nicht eigentlich dank welchen Umständen, zu der Vorkonferenz der deutschen Abgeordneten Einladungen erhalten hatten. Man wird den Rassenantisemitismus ohneweiters als eine Ausgeburt der Trottelosis bezeichnen dürfen, ohne deshalb auch diese Beschwerde als unvernünftig zu stigmatisieren. Die Rasse kann, wenn sie (was allerdings von Autoritäten bestritten wird) überhaupt als Argument im Kampfe gegen die Juden benützt wird, nicht in dem Momente aufhören eine Rolle zu spielen, sobald der Jude einen legalen Zettel vorweist, der seine Taufe außer Zweifel setzt. Selbst wenn die Taufe, wie die gläubigen Christen meinen, dem Konvertiten zu einer neuen Seele verhilft, die Rassenmerkmale schwemmt sie — sofern sie überhaupt in mehr oder minder erkennbarer Reinheit vorhanden — nicht weg. In der Partei, in der die Herren Kur and a und Ofner wegen unüberwindbarer, angeborener Mängel, aus Aufnahme nicht rechnen dürfen, ist auch für die Redlich und Lich t kein Platz. Das haben diese beiden Herren auch erkannt und erklärten in ganz würdiger und kluger Weise, daß sie von dem Toleranzedikt, welches wohl mtr für den Augenblick zu ihrem Gunsten erlassen wurde, keinen Gebrauch zu machen in der Lage sind. Etwas Würde und vielleicht auch ein wenig Klugheit mehr könnte manchen getauften Juden, den die Felonie der Deutschen mit Ekel erfüllte, vielleicht gar auf die Idee bringen, daß er seinen — Rücktritt zum Judentum offen erklärt. Mancher Getaufte mag in diesen Tagen sich laut oder still gesagt haben: Ich war unter meinen Glaubensu n d S t a m m e s g e n o s s e n doch i u besserer G es e l l s ch a f t. * * Klugen und würdevollen Radikalismus könnten viele Juden — getaufte und ungetanste — von den rabiatesten Deutschnationalen lernen. Unter diesen gibt es ja selbst solche Männer, die, wie Prof. Redlich hervorhob, all die in Mähren gewonnenen Errungenschaften der Deutschen geringschätzig, ja höhnisch ablehnen, weil die — Juden daran beteiligt sind! Za, es gibt sogar Deutschradikale, die kein Hehl daraus machen, das; sie leichten Herzens Brünn, Olmütz und andere deutsche Festuugen aufgeben würden, wenn diese nur durch die Mithilfe der „deutschen Juden" zu halten wären! Das sind dieselben alldeutschen Helden, die sich als die patentierten Vertreter des Deutschtums, als die Bewahrer des „alldeutschen" Gedankens ausspielen. Kein Verräter am Deutschtum, kein bezahlter slavischer Emissär könnte besser, nachdrücklicher und erfolgreicher die Geschäfte der Slaven in Oesterreich besorgen. Und für solche tollhäuslerisch sich geberdende Politiker haben die Juden in Oesterreich Jahrzehnte hindurch die schwersten Opfer aller Art gebracht! Für diese Leute haben sie den Haß und die Wut der slavischen Nationalitäten, die in den Juden mit vollem Rechte die Pionniere des Deutschtums erkannten, auf sich geladen! Vielleicht haben die Juden in Oesterreich endlich, sagen wir nicht so viel Selbstwürde und Selbstachtung, so doch so viel Klugheit und Selbsterhaltungstrieb, daß sie aus den traurigen Erfahrungen der letzten Zeit eine Lehre ziehen. * * Die Ritualmordhetze zeitigt immer neue Früchte. Vor wenigen Tagen hat ein Strolch, der vor Gericht wegen irgend eines Verbrechens stand, um sich an feinem früheren jüdischen Brotgeber zu rächen, ausgesagt, daß er auf dessen Geheiß bei einem Ritualmord mitgewirkt habe. Der Richter war in der Lage sofort mitzuteilen, daß diese furchtbare Anklage — die zugleich eine Selbstbeschuldigung enthielt — bereits bei früheren Gelegenheiten von dem Vergani-Jünger vorgebracht worden war und daß von gerichtswegen die völlige Grundlosigkeit bestätigt werden könne. Der Anwalt des Strolches verlangte, man möge dessen Geisteszustand untersuchen. Schade, daß sich nicht schon früher berufene Männer gefunden haben, die angesichts der Ritualmordhetzeu der Vergani und Konsorten die Forderung aufftellten, man möge den Geisteszustand dieser Hetzer untersuchen. Vielleicht wäre dann viel Unheil erspart worden. Wir wollen gerade nicht behaupten, daß sich in allen Fällen herausgestellt hätte, daß die Verbreiter des Ritualmordmärchens — wahnsinnig seien, aber wir sind überzeugt, daß sich bei einer solchen Auffassung der Dinge Eines mit Bestimmtheit ergeben hätte: daß Jene, die an den Ritualmord glauben, Narren, die aber an ihn glauben machen wollen, entweder Narren oder — Verbrecher sind. * * Da wir gerade von den Narren und Verbrechern sprechen, die sich mit der Ritualmordhetze ex offo beschäftigen, fällt uns unwillkürlich Ernst Schneider ein. Das ist der Mann, der sich für die Popularisierung des Ritualmordes seit Jahrzehnten bemüht und — siehe Hülsner — auf prachtvolle Erfolge Hinweisen kann. Dieses von verbrecherischen Instinkten erfüllte und geleitete Subjekt wird jetzt von seinen intimsten Gesinnungsgenossen im Stiche gelassen. Man hat ihn aus dem Parlamente hinausgeworfen, man warf ihn vor einigen Tagen in der solennsten Weise aus dem Geuosseuschaftsverband heraus, den er so lange mit souveräner Macht beherrschte. Man darf Schneider dieses Schicksal vom Herzen gönnen. Aber wir möchten nicht, daß die Fiktion aufkomme, Jene, die sich jetzt verächtlich von ihm abwenden, seien reinlichere, bessere, sittlichere Menschen, die sich durch den wüsten, mörderischen Antisemitismus Schneiders endlich angewidert fühlten. Das ist, wie gesagt, eine Fiktion,' eine Lüge, die nur dazu dienen könnte, die Juden in eine unbegründete Sicherheit einzulullen. Schneider w i r d h i n ausgeworfen, nicht weil sein A n t i s e m i t i s m u s mißfällt, sondern weil der größenwahnsinnig sich g e b e r d e n d e M e n s ch s e i n e P a r t e i g e n o s s e n so zu behandeln und zu terrorisieren begann, als wären sie — Juden. Darüber fällt Schneider. Das ist gut zu wissen und das sollten die Juden nicht vergessen. Es wird sie abhalten, Schneider zuliebe feine intimen, ganz seiner würdigen Kumpane in allen öffentlichen Stellungen höher zu taxieren als sie es verdienen. * * Wir erhalten folgende Zuschrift: „Sie haben die Frage aufgestellt, was wohl Dr. E b e n h o ch dem Herrn Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n antworten werde. Dr. E b e n h o ch schweigt. Er, der ein guter Katholik zu sein vorgibt, hätte in einem Satze sagen können, w a r u m e r k e i n A n t i s e m i t sein dürfe. Seinen Antisemitismus als gläubiger Christ kann er auch in einem ganzen, dicken Buche nicht rechtfertigen. Bleibt eine Antwort: Schweigen". Unsere Gemeinde. Unparteiische Betrachtungen. VI. „Wo Väter in Sack und Asche geh'n, Da tun die Kinder wie blind, Doch, wo sie die volle Tasche seb'n, Gar liebevoll sie sind." (Narr in „Lear".) Dieser Narr hat, wie viele andere, die Wahrheit gesprochen. Wir haben diese Erfahrung mehr als reichlich gemacht. Tausendemale. Beweis: Die Zahl der Taufen in unserer Gemeinde. D i e gemeinen Taufen der Söhne reichgewordener Großjuden, großgewordener Reichsjuden. Die Väter sind als Juden Millionäre, Grundbesitzer, Ritter, Barone, Freiherren, Hofräte und andere Räte geworden. Deren Väter hörten die Ghettoketten rasseln, und deren Ahnen trugen den „gelben Fleck". Die parfümduftenden Söhne sprechen mit Naserümpfen von den Eltern; sie werden, wie Gänse auf Lebern gestopft werden, mit Verachtung und Verleugnung der Abstammung, für den Beruf gedrillt, mit ordinärer Hintansetzung aller Ideale. Der Erfolg! Der Erfolg allein ist der rauhe Tyrann dieser dürren Lebensauffassung. Knochengerüste statt Menschen. Skelett statt Seele. Die Enkel sind arisches Mischblut. Die Urenkel speien auf den Ahn, der ein Jude war;-sie sind Stockjudenfeinde. Das passiert selbst berühmten Rabbinern und Predigern. Wen soll man da verantwortlich machen? Die Väter, die Mütter, die Lehrer? Der Fehler muß tiefer liegen. — Das alte Judentum hatte es nicht nötig, repräsentativ zu sein. Je weniger man es sah, desto besser war's, I Die reichsten, vornehmsten Familien verborgen, still, und s schweigsam.