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Die Wahrheit · 1907-06-14 · Heft 23 (14.6.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 23 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrcheit aiebaftiouii. Sldmiiiisualioil: i Wien, II/, Nvvaragassü 27.|| Telephvii 31 r. der Drucker-! 15308. Hulcvati' Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 85 Heller. NdonneinentSu. Juierlious. > belrä-ie und iu Lilie» zahlbar! und klagbar.! Unabhängige Aeiischnft für jüöische Interessen. Erscheint jeden Kreitng. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Rejngb;nret»: Ganzjährig ... ft 14.— Halbjährig ft 7 — i| {^iit (Snltn^hfimite: •i i;j '^»»zjävrig ft >>' - i I Ailr Aus!unk): I |; ^anziährig . . . s Mar! ii;! t> Rubel aber i<J Fcs. J| |It\ 23 Wien. 14. Juni 1907 Inhalt: Aus der Woche. — Unsere Gemeinde. — Die Schächtfrage vor dem Verwaltungsgerichtshofe. — Aus der Wiener Kultnsgemeinde. — Aus der territorialistischen Bewegung. — Verschiedene Nachrichten. — Unser Gottesdienst. Ans der Woche. j Die vor wenigen Tagen stattgehabte Enthüllung des j Denkmales, das die Völker Oesterreichs der edlen und nnver- > geglichen Kaiserin Elisabeth setzten, gab den Blättern Anlaß, j mannigfache Züge und Erinnerungen aus dem Leben dieser j wahrhaft hohen Frau wiederzugeben, und darum möge hier auch! an die Begegnung der Kaiserin Elisabeth mit dem bekannten! jüdischen Gelehrten Seligmann Heller erinnert werden: i „Wie im Leben, so im Dichten — Ist das höchste Gut! die Gnade; — Solche Dichter von der Gnade — Gottes j nennen wir Genie. — Nur dem Gotte steht er Rede — Nicht | dem Volke; in der Kunst — Wie im Leben kann das Volk — j Töten uns, doch niemals richten." Diese Verse, so meint ein! Einsender der „Voss. Ztg." mögen der Kaiserin vorgeschwebt j haben, als sie, unbeirrt vom wüsten Geschrei des Bildungspöbels das Standbild Heinrich Heines am Strande von Korfu errichten ließ. Die „Hebräischen Melodien" las sie besonders gern, und je lebendiger aus diesen Versen die darin mit leidenschaftlicher Schwärmerei besungene Dichtergestalt Jehuda ben Halevys vor die Seele trat, desto lebhafter wurde ihr Wunsch, die Dichtungen des hebräischen Dichters kennen zu lernen. An wen sie sich in ihrer Wißbegierde zuerst wandte und wer sie an Seligmann Heller sich wenden hieß, der vor Jahren seine Begegnung mit der Kaiserin einem Bekannten erzählte, weiß ich nicht. Seligmann Heller, einer der bedeutendsten deutsch-böhmischen Dichter und Gelehrten, hatte ein ungeheures Wissen, eine immense Literaturkenntnis; und die Meisterwerke der fremden Literaturen las er durchgehends im Original. Kaiserin Elisabeth mußte erfahren haben, daß Heller auch ein gründlicher Kenner des hebräischen Schrifttums sei; das war der Mann, der ihr den Weg zu den Werken Jehuda ben Halevys weisen konnte und sollte. Eines Tages, so erzählte Heller, stand er im bequemen Hausrocke am Fenster und blickte — seine Wohnung befand sich im dritten Stockwerke eines Vorstadthauses — auf die Straße, als er eine Equipage am Hause Vorfahren und halten sah. Daß es ein Hofwagen war, sah der Kurzsichtige nicht; er scherzte nur zu seinem Sohne darüber, daß ein vornehmes Gefährte vor dem alten Vorstadthause halte und ob vielleicht ihm der vornehme Besuch gelte. Wenige Minuten später klopfte es an die Türe, und vor dem überraschten Gelehrten stand die Kaiserin. In der ihr eigenen einfachen Weise, die jede Verlegenheit sofort bannte, setzte sie Heller den Zweck ihres Besuches auseinander. Sie sprach von Jehuda ben Halevy, den sie nur aus den Versen Heines kenne, dessen Dichtungen sie aber an! der Hand Hellers kennen lernen möchte. Sie war vielleicht bereit, den nicht eben leichten Weg zu gehen, den Heine in seinem Gedichte „Jehuda ben Halevy" seiner Frau zu gehen rät: „Raten möcht' ich Dir, Geliebte, — Nachzuholen das Versäumte — Und hebräisch zu erlernen. — Widme einige Jahre solchem Studium, du kannst alsdann — Im Originale lesen — Den Halevy ..." Seligmann Heller hielt der Kaiserin aus dem Stegreif einen Vortrag über das Leben und die Dichtungen des hebräischen Dichters, aber sein Rat war nicht der, den Heine seiner Frau erteilt batte; es sei nicht leicht, die Sprache Halevys sich anzueignen, noch schwerer vielleicht, sich in die Gedanken- und Empfindungswelt des fremden Dichters hineinzudenken und einzuleben. Die Kaiserin möge sich an das ergreifende Bild halten, das Heine in einfach schönen Linien von dem Dichter entworfen und an das ehrlich-rühmende Urteil des deutschen Dichters über den hebräischen. Die Kaiserin folgte mit lebhaftem Interesse dem Vortrage Seligmann Hellers und schied von ihm mit Worten aufrichtigen Dankes. * qt * Es ist eine seltsame Erscheinung: zur selben Zeit, wo Schönerer, der Vater und Begründer des Rassenantisemitismus in Oesterreich, aus dem Parlamente verschwindet — dem er bisher nur während der Zeit gefehlt, als er im Gefängnis saß — feiert der Rassenantisemitismns seinen höchsten Triumph. Stolz kann sich Schönerer sagen: Ich bin gefallen, aber meine Idee siegt. So sehr, daß vielleicht nächstens ein paar ganz rassenreine Deutsche den glorreichen Einfall haben könnten, die höchsteigenen Söhne des Herrn Georg Schönerer ans dem rassenechten Deutschtum auszuschließen. In den Adern derer von Schönerer fließt nämlich das Blut des Schmul Leeb Kohn, der, wie auch gerichtsordnungsmäßig nach ge wiesen wurde, mütterlicherseits zu den Stammhaltern der Familie zählt. Wenn Schönerer noch das Glück erlebt, daß man auch seine Söhne zur höheren Ehre der Rassenreinheit aus der Partei hinauswirft, dann kann er beruhigt sich sagen, daß sein Wahlspruch gesiegt hat: Durch Reinheit zur Einheit. Einer bleibt. * -i- * Vorläufig haben die vereinigten und veruneinigten Deutschen sich damit begnügt, die zwei Wiener Abgeordneten jüdischer Konfession, Kuranda und Ofner, aus dem erst zu gründenden deutschen Verbände hinauszuwerfen. Aber es gibt konsequente Idealisten in der Partei, die es als ein schweres, nationales Unglück erachten, daß zwei Abgeordnete jüdischer Abstammung, die Herren Professor Dr. Redlich

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