Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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mm .3* t V3i"v-Äc-•;;_ Seite 8. Die Wahrheit dir. 22. Vorteile gebracht. Soll ein Probemaßstab angelegt werden, so sei es eine Probe der Tauglichkeit, nicht eine Geldprobe. Die bloße Tatsache, daß ein Mann den Mnt und den Unternehmungsgeist hat, seine Heimat zu verlassen, um eine neue aufzusuchen, beweist zur Genüge den Besitz gewisser Fähigkeiten, welche entwickelt zu werden verdienen. Zur Aufrechierhaltung des guten Rufes unseres Landes und im Namen des gesunden Menschenverstandes verlange ich deshalb, daß die Türen Englands auch für Männer und Frauen offen gehalten werden, und daß nur eine Verdienst-, nicht aber eine Geldprobe angewendet wird." In gleichem Sinne sprachen sich die nachfolgenden Redner aus. Die Juden, so hob einer derselben hervor, verdienten schon deshalb Berücksichtigung, weil sie neben ihren Beiträgen zu dem städtischen Armenwesen freiwillig die Fürsorge für ihre bedürftigen Glaubensgenossen übernommen haben, damit dieselben nicht den Steuerzahlern zur Last fallen. Das Fremdengesetz sei von dem vorigen Kabinett eigentlich nur eingeführt worden, um eine gewisse Klasse seiner Anhänger zu befriedigen. Uebrigens habe dasselbe den beabsichtigten Zweck vollkommen verfehlt. Es sei ganz unmöglich, gerade diejenigen fernzuhalten, die man ausschliegen möchte, und das Gesetz diene nur dazu, anständige, würdige, aber arme Leute ganz unnötigerweise zu belästigen und zu beunruhigen. Darum sollte auf die gänzliche Beseitigung des Gesetzes ernstlich gedrungen werden, namentlich angesichts der sich erneuernden Verfolgungen in Rumänien und in Rußland. Während man doch sonst jeden Angeklagten als unschuldig ansehe, bis seine Schuld klar am Tage liege, beobachte die Fremdenkommission das entgegengesetzte Verfahren, indem sie jeden Ankömmling als zulassungsunwürdig ansehe, bis er seine Zulässigkeit erwiesen habe. Nach einer weiteren angeregten Debatte, in welcher die Praktiken der Einwanderungsbehörden scharfe Verurteilung fanden, wurde eine Resolution einstimmig angenommen, welche eitle von den Vorsitzenden und den Einbcrufern der Versammlung zu ernennende Deputation beauftragt, dem Minister des Innern und, falls möglich, auch dem Ministerpräsidenten in persönlicher Vorstellung die Beschlüsse der Versammlung zu unterbreiten, welche zunächst allerdings nur die Verminderung der Naturalisationsgebnhren verlangen. Uerschiedene Nachrichten. Wien. (Isra elitsch e Allianz zu Wien.) Montag, den 17. Juni, um 6 Uhr abends, findet im Saale der israel. Kultusgenieinde, I., Seitenstettengafie 4, H. Stock, die XXXIV. ordentlicheGeneral- Versammlung statt. Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit des Vereines im Jahre 1906. 2. Bericht über die finanzielle Gebarung im Jahre 1906. 3. Genehmigung der Kooptation eines Vorstandsmitgliedes im Sinne des § 6, Alinea 3 der Statuten. 4. Wahl von fünf Vorstandsmitgliedern mit vierjähriger Funktionsdauer. 5. Etwaige Anträge der P. T. Mitglieder (§ 8 der Statuten). Wien. (Exkursion.) Sonntag, den 11. d. M., um 4 Uhr nachmittags, veranstaltet der isr. Religionslehrerverein „E s r a" unter Führung des Herrn Bibliothekars Dr. Wach stein eine Besichtigung der Grabdenkmäler des im H. Bezirke, Seegasse 9, befindlichen alten jüdischen Friedhofes. Gäste herzlichst willkommen. Wien. (Lese- und Redehalle jüdischerHochschüler, IX., Grünetorgaffe 34.) Samstag, den 8. Juni, findet um 'JsS Uhr abends in unseren Lokalitäten ein Vortrag des Herrn iur. Meller (Krakau) über „Die theoretischen Voraussetzungen des Territorialismus statt. Gäste herzlich willkommen! Mödling. Der seit dem 1. Mai d. I. neuengagierie Kantor unserer Gemeinde, Herr Ignaz Falk, dem die ersten kantoralen Funktionen in der Gemeinde obliegen, ersteut sich durch seine vorzüglichen kantoralen und stimmlichen Leistungen des allgemeinen Beifalls der Tempelbesucher. Auch am verflossenen Schabuoth-Feste fanden seine Vorträge allgemeine Anerkennung. Herr Kantor Falk hat seine kantorale, stimmliche und musikalische Ausbildung in Berlin und in Frankfurt a. M. genoffen. Holleschau. (Silberne Hochzeit.) Am 8. Juni d. I. begeht der Kantor und Sekretär unserer altehrwürdigen Gemeinde, Herr Adolf Braunfeld, mit seiner würdigen Gattin Therese, gcb, Gold stein, das Fest der silbernen Hochzeit. Der Jubilar erfreut sich innerhalb der Gemeinde, wie auch im Kreise seiner zahlreichen Bekannten berechtigter Verehrung und teilt die während seiner 31jährigen Tätigkeit hier allgemein erworbenen Sympathien mit seiner wackeren Frau. Einer Familie angehörend, aus der angesehene Rabbiner und Kantoren hervorgegangen sind, brachte Braun selb seltene Pflichttreue und volle Berufsfreudigkeit in seine Stellung mit, und so wird nicht nur seine berufliche Tüchtigkeit gewürdigt, sondern er genießt auch als Mensch, der ein gläubig-frommes Gemüt mit edlem wohltätigem Sinne verbindet, allseitige Wertschätzung. So wurzelt er in den Traditionen seiner altehrwürdigen Gemeinde und sein Haus ist — auch durch das Verdienst seiner trefflichen Gattin — von echtjüdischem Geiste durchweht. Budapest. (Jüdischer S ch u l v e r e i n.) Am 21. Mai fand im Pester Gemeindesaale eine Sitzung statt, die die Gründung eines jüdischen Schulvereines zum Zwecke hatte. Anwesend waren die Herren: Profeffor Jonas Baron, Schulinspektor Dr. Bernat Munkücsy, Dr. M. Bauer, Dr. Heinrich H e ß l e i n, Dr. Wilhelm Grauer, Dr. Leopold A st e r n, Adolf F e n y v e s s y, Max Szabolcsi und die Rabbiner Dr. Julius Fischer und Dr. Simon H e v e i y. Professor Jonas Baron begrüßte die Anwesenden in einer warm gehaltenen Ansprache und sprach seinen Dank sür ihr Erscheinen aus. Hierauf hielt der Schulinspektor Bernat Munkacsy einen Vortrag, in welchem er seinen schon seit langer Zeit gehegten Plan, der Schuljugend besseren Religionsunterricht angedeihen zu lassen, auseinandersetzte. Neben 51 städtischen Schulen erhält die Budapester Gemeinde bloß 11 jüdische Schulen; das ist gewiß viel zu wenig, um der Schuljugend einen gehörigen Religionsunterricht zu bieten. Er beantragte daher die Gründung eines jüdischen Schulvcceines, damit die Schuljugend nicht nur im Religionsunterrichte, sondern auch in jüdischer Literatur unterwiesen werde. Ter Antrag wurde von den Anwesenden aufs kräftigste unterstützt und einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Mit Freuden begrüßen die jüdischen Eltern die Gründung eines solchen Schulvereiues und möge die Schulkommission ihr Augenmerk auch dahin lenken, nur solche Lehrkräfte auzustelleu, die einen wahrhaft religiösen Lebenswandel führen und ihre Ausgabe gewissenhaft erfüllen wollen; nur dann können wir der angenehmen Hoffnung Raum geben, ein starkes Judentum zu erziehen. S. L. Budapest. Stadtrichter Dr. Moriz Brüll ist im Alter von 48 Jahren nach langem, überaus schmerzlichen Leiden von uns geschieden. Mit ihm ist eine der populärsten und sympathischesten Gestalten der ungarischen Haupt- und Residenzstadt ins allzusrühe Grab gesunken und Tausende beweinen seinen Heimgang. Besonders ist er dem „Volke" abgestorben, denn er war für jedermann und zu allen Zeiten zugänglich, hatte für alle ein freundliches Wort, war nie ein Neinsager und half wo und wann er helfen konnte. Den Hilfsbedürftigen war er ein väterlicher Freund und Berater; er war überhaupt ein vortrefflicher Mensch, ein pflichtbewußter Mann seines verantwortungsreichen Berufes, ein treuer Bürger, ein wahrer Patriot und ein für seinen alterwürdigen Väterglauben begeisteter Sohn Israels. Seine beispiellose Freundlichkeit, sein gesunder, unerschöpflicher Humor und seine geistreichen, me verletzenden Mätzchen, verschafften ihm das Prädikat: „N6ka bacsi“ (Juxonkel). Die ganze Stadt kannte diesen Möka bäcsi, sie liebte und verehrte ihn, und er wurde von Groß und Klein, von Vornehm und Gering gehätschelt wie ein kleines Kind, dem man gut sein muß. Dr. Moriz Brüll, der Sohn eines Dampfmühlendirektors, war früher Advokat, wurde dann Stadtrichter und gehörte auch als Mitglied der Stadtrepräsentanz an, ällwo er sich überall ganz und voll bewährte und dadurch den jüdischen Namen zu Ehren brachte. Die Krone seiner mustergiltigen Tätigkeit bildete sein Vorgehen bei der Steuervorschreibung, wo er seinen großen Einfluß zum Wohle der armen Steuerträger aufbot, die in dem populären Stadtrichter ihren edlen Beschützer erblickten. Was Brüll dem Herzen seiner Mitbürger so nahe brachte, und ihm in weiten Kreisen große Volkstümlichkeit erwarb, war seine umfassende Tätigkeit als uneigennütziger, treuer und energischer Helfer in der Not, wer immer sich um Rat' und Beistand, um Hilfe und Empfehlung an ihn wendete. Kein besoldeter Beamter war so allezeit im Zentralstadthause anzutreffen, wie Dr. Moriz Brüll, der zu jeder Amtsstunde in allen Aemtern mit Eifer die Wünsche und Beschwerden seiner Mitbürger vertrat, mit Zähigkeit gar manchen Strauß mit den Stadtgewaltigen ausfocht, um Unrecht von den zahllosen Gratisklienten abzuwenden, die ihn in Anspruch nahmen. Brüll war Junggeselle. Eine zahlreiche vornehme Familie betrauert in ihm einen treuen Verwandten. Bon den Stadthäusern, den Gebäuden der Bezirksvorstehungen und dem Vereinigten Leopoldstädter Klub, dessen Quästor Dr. Brüll gewesen, waren Trauerfahnen ausgesteckt. Unter außergewöhnlich imposanter Beteiligung einer schier unabsehbaren Trauergemeinde ging letzten Freitag, nachmittags 3 Uhr das grandiose Leichenbegängnis vor sich. Im Gebäude der V. Bezirksvorstehung hatten sich zahlreiche Notabilitäten des öffentlichen Lebens, hervorragende Vertreter der politischen, kommunalen und kommerziellen Kreise, die schier endlose Zahl von Freunden und Bekannten und ein überaus großes Publikum eingefunden, um dem ebenso geschätzten wie beliebten Manne, die letzte Ehre zu erweisen. Nach dem vom Oberkantor Prof. Lazarus und dem Tempelchor exekutierten Trauerchoral hielt Rabbiner Dr. Simon H e v e s i eine wirkungsvolle Trauerrede und verrichtete ein ergreifendes Gebet. Der Sarg wurde hierauf auf den vierspännigen Gala- Leichenwagen gehoben und der unabsehbare Leichenzug setzte sich über die Houvedgasse, den Leopold-, Theresien- und Elisabethring, die Rä-köczistraße zum Raküskereßturer Friedhof in Bewegung. Im Friedhofe richtete Rabbiner Dr. Moriz Weiß warmeinpfundene Trostesworte an die Hinterbliebenen und die große Schaar der Freunde, die den Verstorbenen aufrichtig beweinen, worauf Dr. Ernst Grauer in einer schwungvollen Rede von dem Heimgegangenen Freunde Abschied nahm. „Dieses bescheidene, kühle Grab — sagte er — ist von den warmen Gefühlen der innigen Liebe und tiefen Dankbarkeit umgeben; denn dieses mächtige Kind war ein wahrer Mensch, der durch sein goldenes Gemüt und sein süßes, gutes Herz Alle, die ihn wirklich erkannt hatten, an sich fesselte. Unsere Gegenliebe, unsere dankerfüllte Erinnerung wird einem Todtenlämpchen gleich über Dich wachen. Lieber, guter Möka, ruhe sanft!" In tiefer Ergriffenheit verließen hierauf die Trauergäste den Gottesacker. Ehrenhalber besorgte die Chewra-Kadischa eine Leichenfeier erster Klasse und stellte ein Ehrengrab kostenlos zur Verfügung. O. H. S.