Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheit Seite 7. hie Taufe au Deutschtum gewinnen? Es gab Deutsche, ehe das Christentum in Deutschland eingesührl wurde. Es gibt Deutsche, die sich nicht taufen lassen: warum sollte also der Jude nicht auch Deutscher sein können, ohne C h r i st zu sein? — „Der Jude soll im Deutschtum aufgehen." — Die nichtzionistischen deutschen Inden sind der Ueberzeugung, daß sie schon im Deutschtum aufgegangen sind. Die Taufe und der christliche Religionsunterricht machen die „Deutschen" zu ..Christen", und so wird auch der Deutsche jüdischen Bekenntnisses durch die Taufe zum Christen, nicht aber zum Deutschen, der er schon ist. Das Christentum hat der Deutsche mit den Franzosen, Engländern u. s. w. gemein; das Deutschtum haben die deutschen Christen mit den deutschen Juden gemein. Die Mischehe ist nicht eine Vermischung mit dem Deutschtum, sondern mit dem Christentum. Wenn der Jude dagegen eine Glaubensgenossin heiratet, dann heiratet ein deutscher Mann ein deutsches Mädchen ebenso, wie wenn der Christ eine Christin heiratet. Das ist der Standpunkt der großen Masse der deutschen Judenheit: wir brauchen nicht erst Christen zu werden, um Deutsche zu werden, da wir als Juden ebenso gute Deutsche sind, wie die Christen. (Fortsetzung folgt.) Kran Adelheid Goldschmid. Die dieser Tage nach kurzem, schweren Leiden im 43. Lebensjahre verstorbene Frau Adelheid Goldschmid, geb. Mautner war eine wahrhaft edle Frau im vollsten Sinne des Wortes, und ihr unvermutet jäher Heimgang wird nicht nur im engeren Kreise ihrer Familie, sondern auch von allen Jenen, die sie kannten und in Folge ihrer hohen Geistesgaben und edlen Tugenden schätzen und verehren mußten, als herber Verlust empfunden werden. Einer Familie entstammend, in welcher ein geradezu patriarchalisches Familienleben herrscht, hieng sie mit inniger Liebe an ihrer Mutter, die erst vor wenigen Monaten hochbetagt gestorben ist, und pflegte sie mit seltener Aufopferung. Ein hartes Geschick warf einen Schatten auf das Leben der Frau Goldschmid, die frühzeitig schon den Gatten verloren hat, aber wie eine Heldin trug sie ihr tiefes Leid und widmete ihr Leben dem. Wohle ihrer Kinder und Verwandten und den Werken der Liebe und Wohltätigkeit. Sie war ungemein wohltätig, allerdings nicht vor der großen Oeffentlichkeit, die sie bei Betätigung ihrer Herzensgute mit feinem Empfinden scheute, sie wirkte vielmehr im Stillen und war jedesmal glücklich, wenn es ihr gelungen war, eine wankende Existenz zu retten, oder harte Not zu lindern. Diese schöne Art, Woltaten zu üben, entsprang ihrer Gottergebenheit und ihrem tiefreligiösen Sinne, der sich nicht an äußerlicher Frömmigkeit genügte, sondern tief im Innern wurzelte. Als ein bezeichnender Zug ihrer Religiösität sei auch erwähnt, daß sie an jedem Freitag einige Psalmen las, weil sie fürchtete, daß es ihr am Samstag an der nötigen Zeit hiefür gebrechen könnte. Der Vater der Verblichenen, der bekannte, bereits vor Jahren Heimgegangene Großindustrielle Jsak Mautner in Nachod, war ein sehr frommer und woltätiger Mann, und ihre Mutter, die ganz im Sinne und Geiste ihres Gatten lebte und wirkte, war eine Tochter des gelehrten Nachoder Rabbiners R o s e n f e l d, dessen jetzt hochbetagter Sohn Herr D. S u l zb a ch - R o s e n f e! d vor wenigen Jahren in diesem Blatte die Studie „Moses, der Geist der Bibel" veröffentlicht hat. Montag, den 3. d. M. vormittags, fand das Leichenbegängnis dieser edlen Frau unter lebhafter Teilnahme statt. Im Trauerhause, I. Mölkerbastei. 5, fanden sich die Verwandten, die Familien Goldschmid, M a u t n e r, Schur, W ä r nd o r f e r, Dr. B r e u e r, ferner die Freunde des Hanfes in großer Zahl ein. Nach Vortrag der Trauerpsalmen durch Oberiantor Singer wurde der Sarg gehoben und die Leiche auf den Zentralfriedhof überführt. In der Zeremonienhalle widmete Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n der Verstorbenen einen tiefempfundenen, die Anwesenden erhebenden Nachruf Das englische Fremdengefetz. Seit dem Jnslebentreten des Fremdengefetzes, bas seinerzeit von der abtretenden konservativen Partei der liberalen Regierung gewissermaßen noch als Kukuksei ins Nest gelegt wurde, hat sich die öffentliche Meinung mit demselben stark beschäftigt und wiederholt die odiose Tendenz desselben verurteilt. So fand auch jüngst, wie der „Bert. Jüd. Presse" gemeldet wird, im St. James-Theater zu Manchester eine bemerkenswerte Versammlung statt. Der Zweck derselben war. öffentlich auf die mannigfachen Härten des Fremdengesetzes hinzuweisen und seine Beseitigung, wenigstens seine durchgreifende Aenderung zu fordern. Zugleich sollte auf eine iiamhafte Herabminderung der mit der Naturalisation verknüpften Unkosten gedrungen werden. Eine zahlreiche ^Teilnehmerschaft hatte sich eingefunden. darunter auch einige Parlamentsmitglieder; Andere, die am Erscheinen verhindert waren, gaben schristlich ihre Zustimmung zu dem Zwecke der Zusammenkunft. So z. B. schrieb ein Kabinettsminister: „Es freut mich, daß Sie eine Versammlung abhalten, um auf die Abänderung der die Naturalisation betreffenden Gesetzesbestimmungen zu dringen. Es erscheint nur nicht gerechtfertigt, daß ein Mann, gegen den durchaus nichts Nachteiliges bekannt ist. bloß seiner Armut wegen daran gehindert werden soll, britischer Untertan zu werden. Es widerspricht! unseren Begriffen von der Demokratie sozialen Gerechtigkeit, daß man dem j Armen eine Probe auferlegt, und ihn mit besollderen Schranken umgibt, i Ich begreife wohl, daß großer Wert darauf gelegt wird, die britische j Staatsangehörigkeit auf diejenigen zu beschränken, die sich ernstlich darum bemühen und sich ihrer würdig zu erweisen. Aber ich glaube nicht, daß > das Vermögen fünf Pfund zu bezahlen, als eine echte Würdigkeitsprobe! gelten kann, oder daß das Gesetz die Unmöglichkeit, jene Summe zu leisten,! als einen Beweis der Unzulässigkeit betrachtet oder betrachten sollte. Einem! gewöhnlichen Arbeiter fällt es sehr schwer, fünf Pfund Sterling zu sparen! und wenn es ihm durch Mäßigkeit und Sparsamkeit schließlich gelungen ist, den Betrag allmählich zusammenzubringen, dann mag er sich wohl; fragen, ob es nicht eher seine Pflicht sei, dieselbe zur Fürsorge für Frau! und Kinder zu verwerten, für einen Krankheitsfall oder für das Alter! zurückzulegen, als sie zur Erlangung politischer Rechte auszugeben. Das j bewirkt, daß viele fleißige, loyale Personen seit Jahr und Tag in unserem I Lande, das sie zu ihrer dauernden Heimat gemacht haben, leben, alle! Bürgerpflichten gewisienhaft erfüllen und dennoch von jedem Anteil an der j Leitung der Landesangelegenheiten ausgeschlossen sind. Dieser bedauerliche l Zustand sollte meiner Meinung nach geändert werden. Allerdings sind die! Nachforschungen, die einen wichtigen Bestandteil der Naturalisations-; Prozedur bilden, mit sehr namhaften Kosten verbunden, und es erscheint! billig, daß der die Naturalisation Nachsuchende einen Teil derselben trägt.! Allein, wenn nur die Hälfte der Summe, welche jährlich unter dem lächer-! lichen, unvernünftigen Fremdengesetz des vorigen Ministeriums an unseren > Häfen ins Meer geworfen wird, auf eine gründliche Reform unseres - Naturalisationsgesetzes verwendet werden würoe, könnte manche loyale,! aber arme Person von einer drückenden Ungerechtigkeit befreit werden, und! der Staat würde sich umso besser dabei stehen." Der Vorsitzende, gleichfalls Parlamentsmitglied, begründete; die Einberufung der Versammlung wie folgt: Das Studium j der Geschichte habe ihn darüber belehrt, welche großen Vorteile! England aus der freien, uneingeschränkten Einwanderung von Ausländern erwuchsen, die dem Lande neue Erwerbszweige zugeführt hätten. Seit mehr als zwanzig Jahre der Königlichen Handelskammer als Mitglied angehörend, kenne er die gewerblichen Berhältnisie Manchesters, und er wäre imstande, mehr als drei Branchen anzuführen: deren Entstehung dem Fleiß und dem Unternehmungsgeist der eingewanderten jüdischen Arbeiter zu danken sei. Als Beispiel erwähne er nur die Müntelkonfektion, die früher ganz in der Hand des Auslandes lag. allmählig aber von jüdischen Arbeitern in Manchester eingeführr wurde und gegenwärtig auch vielen Hunderten von nichtjüdischen Schneidern dauernde Beschäftigung gebe. Anstatt, wie so oft behauptet wird, den Eingeborenen das Brot vom Mund zu nehmen, hätten die jüdischen Einwanderer umgekehrt dazu beigetragen, ihnen reichlichen Verdienst zu vermitteln. Aber von materiellen Erwägungen gänzlich abgesehen, stelle er ^Redner) sich auf einen höheren, edleren Standpunkt. Je größer der Grad von Freiheit sei. den ein Land gewährt, um so besser sei es um dasselbe bestellt. „Ich persönlich wünsche den Freihandel, nicht nur wo es sich um Produkte handelt, sondern auch wo Menschen in Betracht kommen. Die Politik der offenen Tür* hat England allezeit Vv••• -m&xr?*.*>**