Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Leite 6. Die Wahrheu. Rr. 22. i ‘i t ' s -. .r ä s ,t: Iv Daß einzelne Juden — genau so wie einzelne Christen — die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens untergraben, werde ich nicht bestreiten. Dank den Fesseln, in welche die Juden von Ihren christlichen Glaubensgenossen, hochverehrter Herr Doktor, durch ein Jahrtausend geschlagen waren, und ans welchen sie nicht durch die ..christlichen", sondern durch die freiheitlichen Doktrineil erst befreit wurden, waren die Juden lange Zeit ausschließlich nur zu einem Gewerbe zugelassen, das als schimpflich galt, zugleich aber Päpste und Kaiser aliinentierte. Ich mache das Christentum als solches für die Verirrungen vergangener Epochen nicht verantwortlich, ebenso wenig Huben Sie aber das Recht, Ausschreitungen einzelner der Gesamtheit zuzuschreiben. Mit allem möglichen, hochgeehrter Herr Doktor, mögen die Juden während einer mehr als tausendjährigen Leidensgeschichte „gehandelt" haben, nur mit einem nicht: mit ihrem Glauben, mit ihrer Ueberzeugung! Daran möchte ich Sie heute in dem Augenblicke erinnern, in welchem Sie es als „sittliches Gebot" erachten, mit einer Partei einen . politischen Handel" einzugehen, die vom ersten Augenblicke ihres Bestehens die sittlichen Gebote des Christentums geschändet und soeben erst das Haupt der ..Los von Rom "-Rufer als Volksvertreter gewählt haben. Das Judentum hat niemals die sittlichen Gebote verletzt und die Gesetze unseres Vaterlandes untergraben. Wir Juden machen keineswegs auf das — historisch gewiß unbestreitbare — „Erstgeburtsrecht" im Sinne der von Ihnen zitierten Bogelsangschen Worte Anspruch, wir Juden wünschen nichts sehnlicher, als gerade das, was Sie angeblich selbst wünschen, „daß in der Christenheit die sittlichen Bedingungen des Christentums nicht zurückgehen", daß man im Sinne der Worte Goethes „von einem Christentum der Lehre zu einem Christentum der Tat und der Gesinnung komme. Empfangen Sie, hochgeehrter Herr, den Ausdruck besonderer Wertschätzung. Maximilian Paul-Schiff." Deutschtum und Judentum. Die Diskussion über den „Fall Cohn" in Berlin ist noch immer nicht geschlossen und um die Angelegenheit möglichst objektiv zu beleuchten, wollen wir im nachstehenden die unter obigem Titel erschienenen, höchst bemerkenswerten Ausführungen eines süddeutschen Rabbiners, Dr. I. Goldschmidt in Offenbach, veröffentlichen: Die Kollision zwischen ..Zionismus" und „Deutschtum" ist nun endlich doch Ereignis geworden. Sie kam spät, aber sie kam. Und nun, da sie gekommen ist, heißt es: Stellung nehmen! Oder vielmehr: Klarheit schaffen! Wissenschaftliche Klarheit. — Es liegt ein „F a l l" vor: Die Suspension des Rabbiners Dr. Emil Cohn von seinem Amte als Prediger der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Dr. Cohn verschickt eine Broschüre darüber: „Die Geschichte meiner Suspension." Er fordert das Urteil der Oeffentlichkeit heraus, und so haben alle Rabbiner, welchen die Broschüre zugeschickt wurde, zu welchen auch ich gehöre, im besonderen das Recht, wenn nicht die P fl i ch t, ihr Urteil darüber, ob der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde Herrn Dr. Cohn mit Recht oder Unrecht vom Amte suspen^'.crt hat, der Oeffentlichkeit zu übergeben. So sei es denn gesagt, von einem Kollegen, der seinen Kollegen gern in Schutz nähme: Herr Rabbiner Dr. Cohn ist, nach seinen Darlegungen, im Unrecht und der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde im Recht. Der Berliner Vorstand mußte so handeln, wie er gehandelt hat, um als größte jüdische Gemeinde Deutschlands durch die Tat unzweideutig den Staudpunkt des Herrn Dr. Cohn im Namen der deutschen Judenheit zurückzuweisen. Die Tatsache, die zur Suspension geführt hat, wird von Herrn Dr. Cohn so dargestellt: „Am 7. Jänner 1907 hatte ich mit meinem langjährigen Lehrer, dem jetzigen Direktor eines städtischen Gymnasiums in Charlottenburg, ein 3^/zstündiges Gespräch über meine Anschauungen von Judentum und Judenfrage.... Der Herr nennt sich einen Philosemiten. Er steht auf dem Standpunkte Bismarcks: Ein arischer Hengst und eine semitische Stute, ergeben eine gute Mischung. Er ersehnt das völlige Aufgehen der Juden im Deutschtum. Er ist für die Mischehe, kann auch in der Taufe nichts Ehrenrühriges sehen, selbst wenn sie nicht aus Ueberzeugung erfolgt. Er fragt mich, ob ich nicht auch ein solches Aufgehen ersehne. Er jedenfalls freue sich über jeden jüdischen Vater, der seine Kinder in den christlichen Religionsunterricht schicke, und sei stolz, daß deren nicht wenige auch in seiner Klasse seien.... „So sagte ich dem Direktor rund heraus, daß es durchaus nicht meine und ebensowenig meiner jüdischen Brüder Ansicht sei, daß wir aufgehen müßten; ich für meinen Teil müßte die Mischehe absolut verwerfen, auch an den jüdischen Kindern im christlichen Religionsunterricht könnte ich keinen Gefallen finden, ebenso wenig an der Taufe ohne innere Ueberzeugung. Wir Juden wollen aber nicht nur, wir können auch gar nicht aufgehen. Schon wegen unserer Religion nicht. Denn sie ist untrennbar mit unserem Stammestum verknüpft. Ich wies ihm das an der Hand des Auserwählungsgedankens historisch nach, kam auch im Anschluß daran auf meinen Zionismus zu sprechen, der für mich eine Folge meiner Wertschätzung des jüdischen Stammestums ist, dem ich noch eine große Zukunft zuschreibe. Ich erklärte ihm übrigens ausdrücklich, daß ich mit meinem Zionismus gegenüber dem antizionistischen Gros der deutschen Juden, speziell der Berliner Gemeinde, einen schweren Stand habe. — Aber auch bei den Juden, die dem Stammestum keinen Wert beimessen, sei es tatsächlich lebendig. Es gäbe keinen Antisemitismus, wenn es anders wäre. Man haßt uns nicht, weil wir schlechter, sondern weil wir anders, d. h. stammlich erkennbar sind. Ich kann so die Abneigung gegen uns an sich als eine gewisse Reaktion wohl begreifen, wenn ich auch den Antisemitismus selbst aufs heftigste bekämpfe und in seinen verschiedenen Formen als unmoralisch verwerfen muß. Diese Abneigung wird bestehen, so lange wir Juden nicht unser Stammestum auflösen. Wir dächten fürs erste nicht daran, wie die Verwerfung der Mischehe selbst in den Kreisen, die gar nichts vom Stammestum halten, beweise. Der Stammesiustinkt sei sehr stark. Das zeige auch die innige Liebe, die uns an unsere östlichen Stammesbrüder knüpft, obwohl sie geistig und kulturell himmelweit von uns verschieden sind. Ja, die armen r u s s i s ch e n I u d e n müßten meinem Herzen heute näher st ehe n als die Christen meines deutschen Vaterlandes, weil außer uns Juden niemand da sei, der sich dieser Unglücklichen erbarme. Kein Christ habe sich ihrer bei den letzten Verfolgungen angenommen. Zwar gebe es Juden, die jenes Stammesgefühl leugnen. Sie sind entweder in Selbsttäuschung begriffen, oder suchen in unbegründeter Furcht die Sachlage zu vertuschen. — Der Direktor schien entsetzt über diese Anschauungen: „Ich habe einen jüdischen Oberlehrer, ich kann ihm ja danach nicht mehr trauen, wenn er mir versichert, ein guter deutscher Staatsbürger zu sein. Ich muß ihn doch für einen Heuchler halten." „Keineswegs," antwortete ich, „ich halte mich für einen vorzüglichen deutschen Staatsbürger; ich liebe die deutsche Kultur über alles, ich kann j und will Schiller und Goethe nicht in mir ausstreichen. Trotzdem pflege! ich mein jüdisches Stammestum. das mit einem guten deutschen Staats-! bürgertum sich wohl verträgt."! Das wollte der Direktor nicht wahr haben. Er meinte, daß wir | dann einen Staat im Staate bildeten. Ich erwiderte, daß ein gutes! Staatsbürgertum unabhängig von der Staatszugehörigkeit sei. Er lehnte! auch dies ab. Schule und Erziehung erforderten die Pflege nur eines! Staatstums, des deutschen. Ich sei verpflichtet, die Kinder im Religions-! unterricht zu deutschuationalen Männern zu erziehen. Ich antwortete, daß j ich ihnen, wie ich es stets tue, die Pflichten der innigen Liebe und Treue! zu Staat und Vaterland ans Herz legen würde. Das sei jüdisches Gebot, z Die spezielle Aufgabe der Verbreitung dentschnationaler Gesinnung aber sei höchstens Sache des Geschichtslehrers." Das ist die Darstellung, die Herr Dr. Cohn der Sache gibt, und nach dieser seiner eigenen Darstellung ist das Unrecht auf seiner Seite. Er hat mit seiner Flucht in die Oeffentlichkeit der Sache und dem Berliner Vorstande den größten Dienst geleistet. Sein Unrecht besteht darin, daß er sich einen zionistischen Eingriff in die Rechte anderer, in die Rechte der gesamten nichtzionisüschen deutschen Judenheit, erlaubt hat; einen Eingriff, der die verhängnisvollsten Folgen haben konnte, wenn er nicht mit der Energie des guten Gej Wissens ohne Bedenken schnellstens seine Sühne fand, i Herr Rabbiner Dr. Cohn hatte die Pflicht, dem Herrn j Direktor zu erwidern: „Herr Direkror! Sie verwechseln „Deutsch-! tum" mit „Christentum". Sie ersehnen ein völliges Aufgehen der Juden im Deutschtum und betrachten als Mittel dazu die z Taufe.und die Teilnahme der jüdischen Kinder am christlichen Religionsunterricht; seit wann ist denn Christentum identisch mit Deutschtum? Wird nicht in Frankreich u. s. w. derselbe Religionsunterricht erteilt und dieselbe Taufe vollzogen wie in Deutschland; wie soll also die „Taufe" und das Christentum den Juden zum Deutschen machen? Was das christliche Bekenntnis und der christliche Religionsunterricht an Erziehung zum Patriotismus leistet, leistet auch das Judentum und der Religionsunterricht. Was kann also der Jude durch