Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Die Wahrheil Leite 5. In der ganzen russischen Armee haben nur vier Krieger die höchsten Auszeichnungen bekommen, darunter Herr Stolberg und noch e i n I u d e, der von Beruf Dentist war. Der letztere, dem nach einer Schlacht eine Hand amputiert wurde, wandte sich an den General mit der Bitte, ihm zu erlauben, mit einem Revolver in die Schlacht ziehen zu dürfen. Selbst der Bruder des Premierministers Stolypin, der Mitarbeiter der „Nowoje Wremja", mußte den jüdischen Soldaten, unbewußt, das höchste Lob aussprechen. Er beschrieb einen Kampf, wo russische Geistliche unter einem heftigen Kugelregen mit Heiligenbildern an der Spitze der Armee schritten. Vor ihnen aber marschierten heldenmütige Musikanten, von denen alle Juden waren! Eine energische Znrttckweisnng. Vor kurzem wurde in der „N. Fr. Pr." ein Interview veröffentlicht, in welchem der Landeshauptmann von Oberösterreich Dr. Adolf E b e n h o ch die Motive des Anschlusses der oberösterreichischen Klerikalen an die Wiener Antisemiten darlegte und unter anderem erklärte, daß das Judentum die christlichen Grundlagen des Staates und die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens untergrabe. Zur Zurückweisung dieser ebenso kühnen als ungerechtfertigten Behauptung hat Oberrabbiner Dr. Güdemann an die ..N. Fr. Pr." folgende Zuschrift gerichtet: ..Geehrter Herr Redakteur! Im Abendblatte vom Samstag den 25. Mai veröffentlichten Sie einige Aeußerunben des Herrn Dr. Ebenhoch über das Judentum, die zur Widerlegung heransfordern. Wenn ich mir dazu in meiner Eigenschaft als Oberrabbiner der hiesigen Judengemeinde, der größten Westeuropas, das Wort erbitte, so wird mir Herr Dr. Ebenhoch die Berechtigung, ja die Verpstichtuug dazu umso weniger bestreiten, als er von seinem Glaubensstandpunkt erklärt: „In Fragen' aber, welche die Interessen der Kirche, der Religion berühren, werde ich wenigstens mein Leben lang ans meinen jeweiligen Oberhirten, beziehungsweise den Episkopat hören und ihm folgen." Um die Religion, nämlich das Judentum, handelt es sich aber auch, wenn Herr Dr. E b en h o ch sagt: „Aber wir verlangen, daß das Judentum davon ablasse, die christlichen Grundlagen des Staates und die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens zu untergraben. In diesem Sinne sind wir Antisemiten." Herr Dr. Ebenhoch sucht sich in dem geräumigen Begriff des Antisemitismus eine Ecke aus, in der er sich mit einem Schein von Berechtigung festsetzen zu können glaubt. „Rassenantisemiten", sagt er, „sind wir nicht." Auch „der Religion des Juden und seiner Person treten wir nicht nahe." Inwiefern kann er dann aber von dem „Judentum" als von einer Gesamtheit reden, der gegenüber sein qualifizierter Antisemitismus berechtigt sei? Wenn einzelne Juden gegen „die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens" verstoßen, so hat Herr Dr. Ebenhoch deshalb ebensowenig ein Recht „das Judentum dafür verantwortlich zu machen, so wenig er dafür, daß — nach seinem eigenem Zugeständnis — „viele Christen, auch solche, die sich Antisemiten nennen", ebenso handeln, das Christentum verantwortlich macht. Es gibt aber keine Gesamtheit, die man mit dem Ausdruck „das Judentum" zusammenfassen kann, die nicht erst durch das gemeinsame Religionsbekenntnis als solche konstituiert wäre, mithin ist es eine leere Redensart, wenn Herr Dr. Ebenhoch eine in der Luft schwebende „Religion des Juden" von seinem Antisemitismus auszunehmen vorgibt, denselben aber gegen „das Judentum", also die Gesamtheit der Juden geltend zu machen sich für berechtigt hält. Oder soll diese fadenscheinige Unterscheidung die Brücke sein, auf der Herr Dr. Ebenhoch und seine Partei den Uebergang zu der von Dr. Geßmann ausgegebenen Parole: „Antisemitisch ist Trumpf" versuchen wollen? Aber dieser Trumpf macht keinen Unterschied, denen, die ihn ausspielen, ist jeder Antisemitismus recht, wenn es dadurch der Partei nur gelingt, das Spiel zu gewinnen. Ob aber dabei auch die von Dr. Ebenhoch so nachdrücklich betonten „sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens" gewinnen, darf nach der langjährigen Herrschaft des Antisemitismus mit Recht bezweifelt werden. Ebenso verhält es sich mit den „christlichen Grundlagen des Staates", die Herr Dr. Ebenhoch durch „das Judentum" bedroht sieht. Diese Grundlagen haben ganz wohl mit der verfassungsmäßigen Gleichstellung der Juden sich vertragen, denn es sind dieselben Grundlagen, die zuerst in der Geschichte der Menschheit durch „das Judentum" zur Anerkennung und Verbreitung gelangten. An dem äußeren Burgtor befindet sich die Inschrift: „Justitia regnorum fandamentum.“' Diese Worte besagen nichts anderes als was bereits in den Sprüchen Salomons 25, 5 zu lesen ist: „Weg den Frevler von dem König, und auf Gerechtigkeit steht fest sein Thron." Das Judentum als Gesamtheit der Bekeuner der jüdischen Religion muß daher die Berechtigung des Antisemitismus nach jeder Richtung, sowohl was die Grundlagen des Staates wie die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens betrifft, mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Das katholische Zentrum hat sich deshalb von dem Antisemitismus stets fern gehalten und der selige Windthorst wäre der letzte gewesen, der sich in einem Winkel dieses Begriffes festgesetzt hätte." * 4- * on derselben Nummer richtet Herr Maximilian Paul- Schiss folgenden „Offenen Brief" an Dr. E b e u h o ch. In einem in der „Neuen Freien Presse" (Abendblatt vom 25. Mai d. I.) veröffentlichten Interview, in welchem Sie angesichts der bevorstehenden Vereinigung aller freisinnigen Deutschen nunmehr auch die Vereinigung der christlichsozialen und der unter Ihrer Führung stehenden oberösterreichischen klerikalen Partei für „unbedingt notwendig" erachten, haben Sie auch zu der Frage des Antisemitismus Stellung genommen. Sie haben erklärt, daß Ihre Partei dem Rassenantisemitismus nicht huldige, daß sie aber eine antisemitische sei. „je nachdem man das Wort auffasse". Daß Ihre Partei keine rassenantisemitische sein kann, ist klar. Sind doch der Heiland und die Apostel aus dem Judentum hervorgegangen. Das Bekenntnis zu dem Antisemitismus ist jedermanns Recht. Es ist nicht meine Aufgabe, zu ergründen, wie der Antisemitismus mit dem Knlturstandpunkte im allgemeinen und christlichen Gesinnungen im besonderen in Einklang gebracht werden kann. Sie haben aber Ihren antisemitischen Standpunkt auf Argumente gestützt, welche der Rüstkammer der unwahren landläufigen Schlagworte entnommen sind und eine schwere Beleidigung beeinhalten. Dazu haben Sie kein Recht. Sie sagen in Ihren Ausführungen: „Wir verlangen, daß das Judentum davon abtasse, die christlichen Grundlagen des Staates und die sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens zu untergraben." Mit dieser auf nichts gestützten und ganz unberechtigten Behauptung imputieren Sie dem Judentum — sei es seiner Lehre oder der Gesamtheit seiner Angehörigen — geradezu staatsgeführliche, unsittliche Tendenzen. Diese Verdächtigung weise ich im Namen meiner Glaubensgenossen entschieden zurück. Sie haben, hochverehrter Herr, wohl nicht unabsichtlich verschwiegen, was Sie unter „christlichen Grundlagen des Staates" verstehen. Unter dieser Bezeichnung findet so ziemlich alles Platz, angefangen vom kirchlichen Konkordat, der kirchlichen Suprematie, der konfessionellen Schule, dem Erfordernis des christlichen Bekenntnisses für Richter, Beamte, Volksvertreter rc. bis zu jener theoretischen, in praxi wertlosen Toleranz anderer religiösen Ueberzeugung. Sie sagen, „daß der Antisemitismus entstanden sei, weil hauptsächlich die Juden die Vorkämpfer liberaler", das heißt freiheitlicher Doktrinen gewesen seien und sind. Wenn dem so wäre, so dürfen die Juden daraus stolz sein, stolzer als jene, die mit unfreiheitlichen Doktrinen die Menschheit in Fesseln schlagen wollen. Auch daß unter den ersten Vorkämpfern sozialistischer Doktrinen Juden zu finden sind, wird dem Judentum als Ehre angerechnet werden dürfen, sicherlich standen diese Vorkämpfer den Lehren Jesu Christi näher als all' jene, die seinen Namen im politischen Handel mißbrauchen.-