Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 22. Heute würde vielleicht auch ein Dr, Schmeykäl für diese Ueberzeugung — boykottiert werden. Politische Ehre, Religion, Vaterland, kurz alles, was einst heilig galt, wird in den Hintergrund gedrängt durch den Schlachtruf: ..Antisemitismus ist Trumpf!" Wie verheerend, korrumpierend, der Antisemitismus wirkt, zeigt das Vorgehen des Abg. Ebenhoch, der die Grundsätze, die er einst als katholischer Politiker vertrat, in dem Augenblick verrät, in dem er eine Allianz mit der christlichsozialen Partei schloß, der der Antisemitismus das Evangelium bedeutet. Herr Oberrabbiner Dr. Güd emann hat in seiner Zuschrift an die „N. Fr. Pr.", die mir mit dem „Offenen Briefe" des Herrn Paul-S ch iss an anderer Stelle veröffentlichen, nachgewiesen, daß Dr. Ebenhoch nur mit Worten flunkerte, als er sich angeblich einen Antisemitismus zurechtlegte, der mit der Achtung vor der Religion des Judentums vereinbar wäre. Ueberzeugender konnte der Beweis nicht erbracht werden, daß der Antisemitismus die Grundfesten des Christentums negiert, das auf der Basis des Judentums errichtet ist. Man kann neugierig fein, ob Dr. Ebenhoch auch nur den Versuch machen wird, die Argumente Dr. Güdemanns zu widerlegen. Er wird sich wohl in jenes stolzes Schweigen hüllen, das so oft die letzte Zuflucht der Verlegenheit und Verlogenheit ist. Aber das schadet nichts in einer Zeit, in der Antisemitismus Trumpf ist. * Dr. Ebenhoch hat bisher für seinen Uebertritt zum Antisemitismus nur die Floskel von dem „sittlichen Gebote des Wirtschaftslebens" ins Treffen gebracht, das angeblich von dem Judentum verletzt wird. Dr. Ebenhoch mußte sich von Paul- Schiff die Entgegnung gefallen lassen: „Mit allem möglichen, hochgeehrter Herr Doktor, mögen die Juden während einer mehr als tausendjährigen Leidensgeschichte „gehandelt" haben, nur mit einem nicht: mit ihrem Glauben, mit ihrer Ueberzeugung!" Diese Erinnerung ist ganz vortrefflich am Platze in dem Momente, in welchem Herr Dr. Ebenhoch — der das wahre Christentum gepachtet zu haben sich einbildet oder doch mindestens anderen einreden möchte — in eine Partei eintritt, die den glühendsten Hasser der christlichen Religion, den „Los von Rom"-Rufer K. H. Wolf, aus dem Wege eines beispiellos schäbigen politischen Schachers ins Parlament gebracht hat. Ja, wenn Antisemitismus Trumpf ist ... . * * . * Diese Erinnerung mag sich auch Herr Hofrat Dr. G eßm a n n hinter die Ohren schreiben. Dieser Führer der Christlichsozialen, ihr „Feldmarschall^ war es, der den Schacher mit Wolf vermittelte. Die Politik verdirbt den Charakter, heißt es, aber dieses Schachergeschäft wäre undenkbar gewesen, wenn die Politik an Herrn Hosrat Geßmann überhaupt etwas zu verderben gehabt hätte. Seitdem es politische Parteien im öffentlichen Leben gibt, hat man von einem solch' schmachvollen „Handelsgeschäft", wie es die Allianz Geßmann-Wolf bedeutet, nichts gehört. Geßmann, der angebliche Kämpfer für Altar und Krone, spuckt seinem Parteiprogramm ins Antlitz, um dem radikalsten Bekämpfer Roms, dem verbissensten ..Hoch Hohenzollern"-Rufer Wolf ein Mandat zu sichern. Was die beiden einte? Nur der Antisemitismus! Wie sagt Heine? „Wenn wir uns im D.... fanden, da verstanden wir uns gleich." Das gilt besonders in einer Zeit, in der Antisemitismus Trumpf ist. „Garn su letowu" ist ein altes jüdisches Sprichwort, und so dürfte auch das schamlose Attentat aus den Freisinn, das durch die Ablehnung der jüdischen Abgeordneten verübt wurde, und der Kotau, den die deutschen Parteien vor dem Antisemitismus machten, ihr Gutes haben. Hoffentlich werden die Juden in Oesterreich dadurch zur Einsicht gelangen, daß es nicht nur zwecklos, sondern auch entwürdigend für sie ist, den einzelnen nationalen Parteien Handlangerdienste zu leisten, und stch endlich besinnen, nicht deutsche, czechische oder polnische, sondern wirksame jüdische Politik zu treiben. Auch der Freisinn wird dabei nicht zu kurz kommen, denn die Geschichte aller Staaten, und auch die Oesterreichs, lehrt, daß die Juden überall im Dienste des freiheitlichen Gedankens ihr Blut verspritzt haben. -i- * Dieser Tage wird der Oberste Kassationshof in Bukarest eine wichtige Frage zur Feststellung der Rechtslage der Juden in Rumänien zu entscheiden haben. Bekanntlich werden die Juden in Rumänien, auch die einheimischen, als Ausländer betrachtet. Infolgedessen haben sich die Regierungen ermächtigt gefühlt, solche Juden ausweisen zu dürfen, auch wenn, sie Reservisten der Armee waren. Das erstemal wurde vor etwa zwanzig Jahren der jüdische Journalist Fior ausgewiesen, weil er in seinem Blatte die Regierung angriff, und diese Ausweisung wurde auch von den Gerichten gutgeheißen. Seit damals hat man dies fortgesetzt. Vor einiger Zeit wurde wieder ein Jude, der persönlich zwar antipathisch ist, der Wucherer Avramescu, ausgewiesen. Dieser kehrte ins Land zurück, und als er wegen Uebertretung des Ausweisungsbefehles angeklagt wurde, behauptete sein Verteidiger, daß er überhaupt nicht ausgewiesen werden konnte, indem er Zugsführer der Reserve ist und bis zum 46. Lebensjahre der Armee noch angehört. Sein Prozeß kam vor den Kassationshof, der wegen Divergenz die Verhandlung vertagte. Bei der zweiten Verhandlung, die vor der vollzähligen Sektion stattfand, konnte man wieder nicht einig werden, und so wird in einigen Tagen eine dritte Verhandlung vor allen vereinigten Sektionen des Kassationshofes stattfinden. Die jüdische Bevölkerung wartet sehr gespannt auf den Ausgang des Prozesses, weil die jetzige Regierung gegen mehrere sehr achtbare Juden, darunter einen talentvollen Dichter, aus politischen Rücksichten das Ausweisungsgesetz anwendete. * * Die russische Duma hat in der Jndenfrage einen bedeutsamen Schritt nach vorwärts getan. Wie aus Petersburg gemeldet wird, beschloß die parlamentarische Kommission in Sachen der Gewissensfreiheit die Aufhebung aller B e s ch r ä nkungen, welche auf industriellem und kommerziellem Gebiete für die Juden bestehen. Die Beschränkung der jüdischen F r e i z ü g i g k e i t soll nicht durch ein Spezialgesetz, sondern durch das Gesetz über die U n a n t a st b a r k e i t der Person ausgehoben werden. * * * , „In derselben Zeit, da einige „patriotische" Generale die absurde Legende verbreiten, daß zu dem Mißerfolg im japanischen Kriege die Feigheit der jüdischen Soldaten beigetragen habe, wird in Zarskoje Sselo vom obersten Kriegsherrn ein jüdischer Soldat empfangen. Es klingt wie ein Märchen, ist aber Wirklichkeit: Vor kurzem wurde Herr Isaak Stolberg aus Jekaterinoslaw vom Zaren nach Zarskoje-Sselo berufen. Stolberg stammt von armen jüdischen Eltern und hat Volksschnlbildung genossen. In dem japanischen Kriege hat dieser einfache Jude die Aufmerksamkeit des einzig tüchtigen Generals M i s ch t s ch e n k o auf sich gelenkt. An allen entscheidenden Schlachten dieses Generals hat Stolberg größten Anteil genommen. Ihm wurden die gefahrvollsten Missionen anvertraut, die er mit besonderem Heldenmut vollbrachte. Am zweiten jüdischen Ostertage wurde ihm deshalb von allen Regimentern besondere Ehre erwiesen. Der Ruhm Stolbergs verbreitete sich in der Armee und General Mischtschenko erstattete über ihn Bericht beim Zaren. Stolberg wurden nicht nur russische Orden verliehen, sondern er wurde auch vom Zaren empfangen. Der Monarch ernannte ihn zum Offizier und schlug ihm vor, in das Petersburger Garderegiment eiuzutreten. Auf die Frage des Monarchen, ob er irgendwelche Wünsche habe, erwiderte der Soldat: „Nein." Darauf erschien die Kaiserin mit dem Thronfolger, wobei die Zarin sich an den Thronfolger mit den Worten wandte: „Das ist der bravste unserer Soldaten." Der jüdische Soldat nahm den zukünftigen Herrscher von Rußland auf seinen Schoß. Welches Aergernis für die „echt russischen Leute", daß der einstige Machthaber von Rußland einen Juden umarmt hat! Jetzt ist Stolberg der gesuchteste Gast bei allen Generalen von Petersburg, und jeder von ihnen ist bestrebt, den einfachen Inden auszuzeichnen