Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 22 (7.6.1907)
- Date
- 1907-06-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akrhsit tfiebflftiou n. Slbiuiiiiftvatiou: Wien, 11/, Novaragasse 27. T-lephv» Nr. der Druckerei Anakhängige Aeitfchrifi für jüöifchs Kerngspyeis-: Äanzjährig ... St. H.— Halbjährig . 5t. 7.— 15302. Inlorate Internen. Für Cnltusbeamle: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsu. Jusertious- Mau,jährig . . . rr. iu.— Erscheint jeden Krei 1 ng. Für Ausland: betrüge uni» in Wie» zahlbar Ganzjährig ... 8 Mart »Hb klagbar. Motto: „Das Siegel Glottes ist Wahrheit!“ t> Rubel ober lü FcS. llv. 22. Wie», 7. Inm 190’?. Inhalt. Aus der Woche. — Eine energische Zurückweisung. — Deutschtum und Judentum. — Frau Adelheid Goldschmid. — Ein englisches Fremdengesetz. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Alt Marjim. Ans der Woche. Die Jntrigue des deutschfreisinnigen Dr. Groß gegen die Abgeordneten Hofrat K u r a n d a, Dr. Ofner und Hofrat Hock ist gelungen. Die Herren verzichten nämlich auf alle' Fälle, einer Vereinigung beizutreten, deren Wortführer sich aus einen so schmachvollen Handel eingelassen hatte. Der Plan, Abgeordnete, die auf ein deutschfreisinniges Programm gewählt wurden, bloß weil sie Juden sind, oder wie im Falle Hock, weil er eine große Zahl jüdischer Wähler vertritt und in Koilsequeuz! seines wahrhaften Freisinnes Klerikalismus und Antisemitismus mit gleicher Entschiedenheit bekämpft, aus einem Verbände, der sich „deutschfreisinnig" nennt, auszuschließen, wird eines der traurigsten und beschämendsten Blätter des „Liberalismus" in Oesterreich füllen. Herr Dr. Groß hat nachträglich allerdings versucht, seinen Verhandlungen mit den Alldeutschen, Wolf und Pache r, einen anderen Charakter aufzuprägen und seine Parteigenossen haben sich den Anschein gegeben, als ob sie an die! „Loyalität" seiner Mitteilungen glauben würden. Aber es gibt j keine Sophistik, die Dr. Groß von. dem zermalmenden Vorwurf > freisprechen könnte, daß er ein schamloses Attentat auf den Freij sinn übte, als er die aus dem schärfsten Rassen- > antisemitismus entstammende Forderung der! W o l f u n d Pacher, die jüdischen Abgeordneten zu brüskiren,! nicht rundweg ablehnte. Das primitivste Verständnis für die! eigene Würde, für die Ehre des Parteiprogrammes hätte Herr! Dr. Groß diese Ablehnung zu Pflicht gemacht. Aber freilich, j Herr Dr. Groß gehört zu jenen „Liberalen" in Oesterreich, die ‘ durch ihre laue, unaufrichtige, begeisterungslose Vertretung des j „Liberalismus" mehr zu dessen Entwurzelung beitrugen als die! grimmigsten Reaktionäre, die jetzt freudig ausrufen: Antisemi-! tismus ist Trumpf! > * * i * Diese Sorte von „Liberalen" war es, die nicht nur den j „Liberalismus" sondern auch das Deutschtum in Oesterreich herunterbrachten. Das Wort von der „Deutschen Treue" wird bald wie eine böse Ironie klingen, wenn man an die Haltung erinnert, die nicht nur die fortschrittlichen Deutschen in der Wahlkampagne gegenüber den Juden einnahmen. Auch die radikalen Deutschen ließen es sich gar wohl gefallen, daß sie in zahlreichen Fällen die Sicherung ihrer Mandate den jüdischen Wählern zu danken hatten, deren „Deutschtum" damals laut betont werden konnte, ohne daß jemand an ihrem „Judentum" Anstoß genommen Hütte. In der Wahlkampagne, als es galt, ihre Stimmen zu gewinnen, galten sie als Deutsche „jüdischer Konfession"; nach der Wahl ist nur die „jüdische Konfession" geblieben und das Deutschtum wird ihnen höhnisch bestritten. Man propagiert so den Antisemitismus, das ist wahr. Aber man schädigt damit auch die Position der Deutschen, das ist ebenso wahr. Kann man das von der slavischen Mehrheit so bedrohte Deutschtum in Oesterreich tückischer, perfider schwächen, als wenn man — es kommen ja wieder einmal Wahlen — tausende it it b tausende jüdischer Wähler, die jetzt durch die Führer der Deutschen brüskirt und geprellt sich fühlen, wir wollen nicht s a g e n, i n d a s L a g e r der Gegner, aber doch zur Abgabe leerer Stimmzettel drängt. Landesschulrat Dr. Gustav K o h n hat in einer Zuschrift an die „N. Fr. Pr." dieses Moment noch schärfer betont. Seine warnende Stimme ist nicht gehört worden. Die Konferenzen und die Beschlüsse der deutschen Abgeordneten haben gezeigt, daß man glaubt, die Juden in Oesterreich immer wieder ungestraft vor den Kopf stoßen zu dürfen. Antisemitismus ist ja jetzt Trumpf. Die früheren staatsmännisch denkenden und wahrhaft fortschrittlichen Führer der Deutschen in Oesterreich haben anders gehandelt. Das kann man auch aus einer Rede ersehen, die ein erleuchteter deutscher Mann, der damalige Führer der Deutschen in Böhmen, Dr. Franz Schmeykal, vor 20 Jahren über das Verhältnis der Deutschen zu den Deutschen — jüdischer Konfession hielt. Da hieß es u. A. „Das dringendste Gebot ist und bleibt unsere Einigkeit, denn auf uns selbst sind wir zunächst angewiesen und dürfen uns selbst nicht trennen und zersplittern. Darum lassen Sie mich in bester Absicht und Meinung die warnende Stimme erheben gegen die künstliche Aufstellung ausschließender Programme, wieder die beliebten konfessionellen O st r a z i s m e n, mit welchen die Grundanschauungen des deutschen Volkes in Böhmen nichts gemein haben, und die nichts anderes sind als heuchlerische Anmaßungen, weil es kein Recht gibt, irgend jemand aus dem nationalen Verbände auszuschließen, dem er zugehört nach Geburt und Gesinnung, zu welchem er sich rückhaltslos bekennt." Wer hört auf solche Worte, wenn Antisemitismus Trumpf nt?