Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 21 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Die Wahrheit Seite 7. Unser Bestreben, besonders stimmbegabten Zöglingen die Mitwirkung im Tempelchor zu ermöglichen und ihnen so einen neuen Erwerbszweig zu eröffnen, ' ist bisher an dem entgegenstehenden unbegründeten Vorurteil gescheitert. Dem Modellier-Unterricht, welcher die Gestaltungsfähigkeit als höchste Qualität der tastenden Hand ausbildet und zugleich das wichtigste Beweismaterial für die Vorstellungsrichtigkeit des Blinden bietet, dienen 162 Vorlagen aller Art. Dieser Unterricht befähigt aber die Schüler auch, die verschiedensten Gebrauchsgegenstände, Lebensformen und Naturobjekte in Ton und Wachs .darzustellen. An das Modellieren schließt sich das Zeichnen an. Der Handfertigkeits-Unterricht bezieht sich in der Unterklasse auf Fröbel-Arbeiten, in der Mittelklasse besonders auf Papier-, Leisten- und Astholzarbeiten, in der Oberklasse auf Tischler-, Drechsler- und Schnitzarbeiten, sowie auf Klein-Eisen-Arbeiten, deren mannigfache Produkte, Leuchter, Lampen, Schlüsselkästen, Ofenschirme, Palmständer, Bilderrahmen u. a. sind. In letzter Zeit wurde auch der gelungene Versuch gemacht, Buch-Einbände herzustellen. Der Handfertigkeits-Unterricht begründet und fördert die gewerbliche Ausbildung überaus wirkungsvoll und beeinflußt dadurch, daß die Schüler zur Herstellung von Lehrmitteln angeleitet werden, den literarischen Unterricht auf das wohltätigste. Die Handwerke, in welchen die Zöglinge unseres Institutes nusgebildet werden, sind: die Bürsteubinderei, die Korb-, Rohr¬ und Sesselflechterei. Die Einrichtung der Werkstätten, der Vervollkommnung der Werkzeuge und der Ausgestaltung der Lehrmethode wird große Sorgfalt zugewendet. Dadurch hat sich die Leistungsfähigkeit der jungen blinden Handwerker derart erhöht, daß sie unabhängig von fremder Hilfe ihr Gewerbe ausüben und mit Erfolg in den allgemeinen Wettbewerb einzutreten vermögen. Sie widmen sich ihrer Arbeit mit allem Fleiß und der größten Sorgfalt, nicht allein, weil der Mangel des Gesichtes dies erfordert, sondern weil sie es während, ihrer Ausbildung tief empfinden und wohl verstehen gelernt haben, daß nur ehrenhafte berufliche Tätigkeit für sie die Grundlage der Lebensbefriedigung bilden kann. Umsomehr ist es zu beklagen, daß noch immer blinde Handwerker eines hinreichenden Ausmaßes von Arbeits-Aufträgen entbehren und oft genug bei aller Arbeitstüchtigkeit und Arbeitssreudigkeit um ihre Existenz einen bittern Kampf bestehen müssen. In allen Fällen, in denen es gelungen ist, den absolvierten Zöglingen einen hinreichenden Kundschaftskreis zu verschaffen, haben die blinden Handwerker aus eigener Kraft ihren Geschäftsbetrieb oft weit über das Mittelmaß erhoben und dadurch bewiesen, daß sie vollwertige Arbeit zu liefern vermögen und des allgemeinen Vertrauens würdig sind. In der Erwerbsfähigkeit ihrer Zöglinge erkennt die Blindenanstalt ihr höchstes Ziel; mögen edle Menschenfreunde dieses Ziel und damit Bestrebungen fördern, welche zu den humansten und bedeutendsten des Menschengeschlechtes gehören! III. Indischer Tnrntag. In der Zeit vom 19.—21. Mai d. I. fand in Wien der HL Jüdische Turntag statt. Derselbe wurde durch einen zwanglosen Begrüßungsabend des I. Wiener Jüdischen Turnvereines eingeleitet, dessen ausschließlich von Vereinsmitgliedern bestrittenes Programm (u. a. „Der Flüchtling" von Theodor H e r z l) alsbald die gemütliche und freundschaftliche Stimmung erweckte, welche bei allen Festteiluehmern während ihres ganzen Aufenthaltes in Wien andauerte und sie die Abreise immer wieder hinausschieben ließ. Am selben Tage fand die erste Verbandsvorturnerstunde statt, die vom Turnwart Pollak im Lokale des I. Wiener Jüdischen Turnvereines abgehalten wurde und die Notwendigkeit und Nützlichkeit dieser Institution klar erwies. Das Vergnügungsprogramm wurde dnrch das ungünstige Wetter leider sehr beeinträchtigt. Am nächsten Tage erfolgten eingehende Vorberatungen der Delegierten; abends fand das Verbandsschauturnen statt, das in jeder Beziehung einen glänzenden Verlauf nahm. Es waren über 140 Turner und Turnerinnen erschienen. Die auswärtigen jüdischen Turnvereine hatten starke Riegen entsendet, u. zw. Bar Kochba, Berlin, Köln, Posen, Stettin, Samter, Graz, Prag, Bielitz, Proßnitz. Die beiden Wiener Vereine hatten 60 Turner und 16 Turnerinnen gestellt. Die Leitung oblag dem Verbandsturnwarte Dr. Blum (Berlin) im Vereine mit dem 1. Turnwarte des I. Wiener Jüdischen Turnvereines, Bürgerschullehrer Rudolf Pollak. Nach den gemeinsamen Stabreifübungen, die trotz der großen Zahl der Hebenden und der nur einmaligen gemeinschaftlichen Probe klappten und ein fesselndes Bild strammer, jüdischer Jugend boten, ging'» an die Geräte. Zwölf starke Riegen turnten gleichzeitig an den verschiedensten Geräten unter stimmungsvoller Musikbegleitung, und die Zuschauer, die den großen Saal des Arbeilerheims füllten, konnten sich nicht sattsehen an diesen vollendeten Darbietungen voll Kraft und Mut, Geschicklichkeit und Kunst. Der darauffolgende graziöse Damenreigen einer Riege der Turnerinnen des I. Wiener Jüdischen Turnvereines, entfesselte nicht endenwollenden wohlverdienten Beifall. Hierauf fand ein Kürturnen am bohen Reck statt, woran sich die besten Turner aller Vereine beteiligten. Diese Einzelleistungen, bei deren bravuröser Ausführung mancher Zuschauer für die kühneu Turner erzitterte, zeigten eine Höhe der turnerischen Ausbildung, die auch in der alten Deutschen Turnerschaft kaum zn überbieten wären. ..Gipfelturner" lautet wohl der Ehrenname, der diesen Muftertnrnern gebührt. Schließlich holte sich die Kölner Riege in einer Sonder-Borführung komplizierter und effektvoller Stabübungen einen Separaterfolg, den diese erstklassige Riege ehrlich verdiente. An dieses erste große Verbandsschauturnen der jüdischen Turnerschast, das mit stürmischem Beifalle und Hedadrufen ausgenommen wurde, schloß sich ein solenner Fest-Kommers, bei welchem das Mitglied des I. Wiener Jüdischen Turnvereines, Ingenieur Emil Fried, die Festrede hielt, woran sich eine Ansprache des Vorsitzenden der Turnerschaft Scholem (Berlin) und eine große Zahl schwungvoller Reden der Vertreter der Berbandsvereine sowie der gesinnungsgenössischen jüdischen Organisationen schlossen. Mit einem Toaste Dr. Jerusalems (I. Wiener Jüdischer Turnverein) auf die jüdischen Mädchen und Frauen und insbesondere die Turnerinnen, auf welchen Frl. cand. med. Donath (I. Wiener Jüdischer Turnverein) launig erwiderte, schloß der überaus gelungene Kommers, um noch einem kurzen Tanzstündchen Raum zu lassen, das eine Kraftprobe für die jüdischen Turnerinnen war; wollte doch jeder Turner seinen Tanz mit einer „Blauweißen" absolvieren und die Turner waren in vielfacher Ueberzahl. Bei Hellem Tage zogen die Turner heimwärts und ihre ungewohnten Hedadrufe setzten den Naschmarkt in Aufregung. Die Beratungen des Turntages selbst nahmen den nächsten Tag in Anspruch; vertreten waren fast alle Verbandsvereine durch 30 Delegierte. In das Bureau wurden die Herren Scholem (Berlin) als I.. Dr. Werner (Wien) als H. Vorsitzender, Heilbrunn (Berlin) als I. und Löwenthal (Köln) als H. Schriftführer gewählt. Nach den ausführlichen Geschäftsberichten des Ausschusses der jüdischen Turnerschaft, die einstimmig mit Dank genehmigt wurden, wurden die Referate erstattet, und zwar von Wolfs (Berlin) über „die größtmögliche Verbreitung des Turnens unter den Juden." Dieses besonders gründliche und interessante Referat behandelt vorerst Ursachen und Abhilfe der körperlichen Degenerierung der Juden, dann die Möglichkeit der Ausbreitung der jüdischen Turnbewegnng, deren Stand in allen Staaten und die sympathische Stellungnahme hervorragender Juden zu derselben und lenkte insbesondere die Aufmerksamkeit auf die 40.000 50.000 Schlllkinder der Alliance, Jka- und Hirsch's Schulen, von deren Leitungen die wohlwollendste Förderung der Turnsache zugesagt wurde. Referent stellte eine große Anzahl von Anträgen zur Organisation der jüdischen Turnbewegung. Ein! Kuratorium einflußreicher Juden aller Länder, daneben Landesausschüsse für Propaganda sollen konstituiert, ein alle zwei Monate erscheinendes Korrespondenzblatt soll die internationale