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Die Wahrheit · 1907-05-31 · Heft 21 (31.5.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 21 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Dre Wahrheit. Nr. 21. Und wie er nach außen durch Gelehrsamkeit und edlen Charakter glänzen, ebenso soll er bemüht sein, im Innern der Gemeinde die Kenntnis der Thora zu verbreiten, die Jugend wie die Erwachsenen für die edelsten und höchsten Güter der Menschheit, für das Ideale und wahrhaft Göttliche zu begeistern. Er muß vor allem bestrebt sein, den Gemeinsinn in den Herzen der Mitglieder wachzurusen und rege zu erhalten, damit sie die Thora und die Träger derselben zu würdigen verstehen und für die heiligsten Institutionen des Judentums die nötigsten Opfer zu bringen bereit seien. Bescheiden, sanftmütig und liebevoll soll er seine Gemeinde leite» und führen, auf daß er sich die Liebe und Achtung derselben erwerbe, als die maßgebendste Autorität betrachtet werde „und die Gemeinde Gottes nicht gleiche einer Herde, die herumirrt ohne einen Hirten". — Und in der Tat lehrt auch die Geschichte, daß in Zeiten, da es niemand in Israel gewagt, die Autorität der hervorragendsten Lehrer zu verletzen, in Zeiten, wo die Gemeinden die größten Opfer gebracht, so es galt, kenntnisreichen Männern, die sich durch Charaktergröße wie durch wahrhafte Frömmigkeit auszeichueten, das heilige Amt eines Volkslehrers zu übertragen, während unberechtigte und unbesähigte Individuen mit Entrüstung abgewiesen wurden, das Judentum trotz aller Verfolgungen, Bedrückungen felsenfest und unerschütterlich dastand; hingegen in trüben und düstern Tagen, in welchen die Thora nicht beachtet, die Verkünder des göttlichen Wortes nicht berücksichtigt wurden und Heuchler, Halbwisser, ja sogar unwissende und frömmelnde Augenverdreher, die das, was ihnen an Wissen abging, durch Heuchelei, Kriecherei, Servilismus und Byzantinismus ersetzen zu können glaubten, sich hervordrängen und eine Rolle spielen durften, dem schönen, prachtvollen Religionsgebäude Gefahr drohte, in seinen Grundfesten erschüttert zu werden. Ein Judentllm ohne Thora gleicht einem Körper ohne Seele. Moses rief daher vor seinem Scheiden Israel zu: Siehe, ich habe euch gelehrt Gesetze und Rechte, wie mir der Ewige, mein Gott, befohlen, d. h. mit andern Worten, was ich euch gelehrt, ist kein Produkt meines, sondern göltlichen Geistes, beherzigt daher diese Lehren und beachtet sie, denn nur durch Wertschätzung und Verehrung der Thora und der Träger derselben werdet ihr imstande sein, den Völkern der Erde Achtung abzugewinnen, und sie werden dann unwillkürlich ausrufen: „Wahrlich, die große Nation ist doch nur weise, verständig und intelligent", weil nur gebildete, edle Menschen die echte Wissenschaft zu würdigen verstehen; beherziget daher diese schönen, herrlichen Lehren der Thora, sorget dafür, daß sie nicht vergessen und nicht vernachlässigt werden. Wissenschaft ist Macht, daher die Thora mit Recht „Sieg, Macht" genannt wird. (Fortsetzung folgt.) Israel. Klindeninstitut in Wie». Das Kuratorium des israelitischen Blindeninstitutes auf der Hohen Warte veröffentlicht soeben den Bericht über das Quinquennium 1902—1906, und aus dem nachfolgenden Auszuge möge die breitere Oeffentlichkeit einen Einblick in das segens- und erfolgreiche Wirken dieser unter Leitung des Direktors Simon Heller stehenden Musteranstalt gewinnen: In dem Zeiträume vom 1. Jänner 1902 bis 31. Dezember 1906 erhielten 75 ordentliche und 6 außerordentliche Zöglinge Erziehung und Unterricht. Die Ziele, welche die Anstalt anstrebt, bestehen darin, blinde Kinder zu religiös-sittlichen Menschen zu erziehen und mit jenen Kenntnissen auszurüsten, welche die Volks- und Bürgerschule vermittelt, sie, ihren Anlagen entsprechend, zu leistungsfähigen Handwerkern, Klavierstimmern, Organisten, Musiklehrern, Lehrern fremder Sprachen und im Maschinschreiben auszubilden. Die Anstalt hat sich auch die Aufgabe gestellt, durch psychologische Vertiefung den Unterricht zu einem wirkungsvollen Mittel der Erziehung zu erheben und dadurch, wie durch Schaffung eigenartiger Lehrmethoden an der Ausgestaltung der Blindenbildung mitzuwirken. Diese Bestrebung steigert die Selbständigkeit und Leistungsfähigkeit der Zöglinge in der Schule wie im Leben in gleich erfreulicher Weise und ist umso bedeutungsvoller, als viele der unserer Obsorge anvertrauten blinden Kinder bis zu ihrem Eintritte in die Anstalt jeglicher geistiger Anregung und geeigneter Leitung entbehren, und so oft genug geistigem Tiefstand und der Verwahrlosung anheimfallen. Die Blindenschule zerfällt in drei Abteilungen: in eine Elementar-, eine Mittel- und eine Abschluß-Klasse. Die Gegenstände derselben sind: Religionslehre, biblische Geschichte, Hebräisch, Deutsche Sprache (Lesen, Stachelschrift und Braillesche Punktschrift, Grammatik, Orthographie, mündlicher und schriftlicher Gedankenausdruck), Rechnen, geometrische Formenlehre, Naturgeschichte, Physik, Anschauungsunterricht, Geographie und Geschichte (Heimatkunde), Modellieren, Zeichnen, Uebung der Sinne. An die drei Abteilungen schließen sich an: eine Wiederholungsklasse. für Handwerker und eine Ausbildungsklasse für solche Zöglinge, welche eine Staatsprüfung ablegen sollen. Die Gegenstände der Wiederholungsklasse sind: kaufmännisches Rechnen, Kalkulationslehre, Warenkunde, Schreiben und Lesen. In der Ausbildungsklasse wird gelehrt: Deutsche 'Sprache und Literatur, Stillehre, Geographie und Geschichte, Naturlehre. Soll sich der Blindenunterricht durch Sachlichkeit für den Lebenserfolg als wirkungsvoll erweisen, soll er insbesondere den Schüler vor Phantasievorstellungen bewahren, welche das Traumleben und mit diesem die Leistungsnnfähigkeit und Hilflosigkeit des Blinden herbeiführen, so muß dieser Unterricht in allen seinen Teilen auf Anschauung begründet sein. Darum gereicht es uns zur besonderen Befriedigung, auf die Lehrmittelsammlung unseres Institutes hinzuweisen, welche 618 Stücke zählt und den Anforderungen der modernen Blindenpädagogik auf allen Wissensgebieten vollkommen entspricht. Die Uebung, von den Zöglingen Lehrmittel anfertigen zu lassen, ist aus dem Versuchsstadium herausgetreten und zu einer feststehenden Einrichtung geworden. Die Zöglinge haben die Sammlung mit vielen gelungenen Modellen bereichert, von welchen hervorgehoben feien: das Modell einer Scheune, eines Alpenhauses, eines Schiffes, einer Brücke, einer Wehre, einer Stampfmühle, einer Windmühle, eines Windmotors, eines Springbrunnens, einer Säge, eines Wagens. Der Unterricht in unserer Anstalt zielt keineswegs bloß auf einen Schulerfolg ab; er soll die Zöglinge mit jenem Ausmaß von Kenntnissen und Fertigkeiten und mit der moralischen Kraft ausrüsten welche sie befähigt, in Wettbewerb mit den Sehenden zu treten, ohne von diesen mitleidige Rücksicht in Anspruch nehmen zu müssen. Deshalb ist es für uns zum Gesetze geworden, daß die Zöglinge ihre Bildungszeit durch eine staatliche oder einer dieser nahekommenden Prüfung abschließen und derart ihre Leistungsfähigkeit vollgiltig beweisen. Den musikalischen Unterricht, welcher sich auf Klavier-, Orgel-, Violin- und Zitherspiel, Harmonielehre und Gesang bezieht, immer mehr und immer wirkungsvoller zum Faktor beruflicher Ausbildung zu machen, wurde mit allem Ernst und mit erfreulichem Erfolg angestrebt. Auch im letzten Quinquennium haben 4 Zöglinge die Staatsprüfung für das Musiklehramt abgelegt und zwei derselben als Organisten Verwendung gefunden. Es zeugt für den Ernst, mit welchem die Zöglinge die Kunst aufsassen und ausübend daß die den Blinden naheliegende Verirrung, aus Musikern Musikanten zu werden, auch nicht in einem Falle zu beklagen ist. Wir haben diese erfreulichen Ergebnisse der Wirksamkeit unserer Musiklehrer, insbesondere der des Herrn Hoforganisten Professor Labor, zu verdanken, der nicht nur der geniale Meister, sondern auch das hohe Vorbild unserer Zöglinge ist. An dem Gesangs-Unterricht, den Herr Oberkantor Josef Singer selbstlos und erfolgreich in der Oberklasse erteilt, während Herrn Josef Herz der Elementar-Unterricht obliegt, nehmen alle Zöglinge teil. Der Gesangs-Unterricht dient der Gemütsbildung und Erhebung der blinden Schüler und befähigt sie, den Gottesdienst weihevoll zu gestalten, für welchen sie durch den Unterricht in der hebräischen Sprache und durch die verständnisvolle Aneignung sämtlicher Gebete wohl vorbereitet sind^

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