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Die Wahrheit · 1907-05-31 · Heft 21 (31.5.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 21 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrhell Lette o. Nr. 21. Weltreligion entstehe, die — man kann es nicht leugnen — Barbarenhorden, sowie dem erschlafften Rom eine neue Sittlichkeit schenke, und wir waren zugleich dazu prädestiniert, daß man uns mit schnödem Undank begegne und zum Lohn dafür peinige. Wohin der Gang der Entwicklung menschlicher Kultur .führt, wer weiß es? Aber daß die Kulturmission des Judentums noch lange nicht zu Ende ist, steht fest. Im Sozialstaat der Zukunft ist dem Judentum eine große Rolle Vorbehalten, doch bis dieses Ziel erreicht ist, bis der Kreis, den Moses in kühnem Bogen entworfen, wieder zu ihm zurückkehrt: wieviel Leiden wird es noch auszustehen haben, und um Eines nicht zu vergessen, wieviel wird es noch vorher an seinen Bekennern bilden und erziehen müssen, bevor diese zur Bewältigung einer solchen Aufgabe würdig erscheinen. Nichts ist charakteristischer für unsere Zeit und nichts ein besserer Grad- und Wertmesser für deren kulturellen Tiefstand, als die Verehrung des Bürgermeisters Dr. Lueger. Das tiefe Bedürfnis des Menschen nach Heroen- und Heiligenkult ist ein unstillbares und ist eine Epoche arm an Heldengestalten, so wendet sich das Volk dem Fetischismus zu und neigt sich einem Popanz. Lueger mag dem Klerikalismus unschätzbare Dienste geleistet haben, also mögen ihn jene preisen. Kaum glaublich klingt es und als der Abersinn in höchster Potenz erscheint es aber, wenn man vielfach in jüdischen Kreisen — selbst in besseren :— von Lueger im Tone der höchsten Achtung sprechen hört. Man tut so, als hätte der „kluge" und „geniale" Bürgermeister die elektrische Beleuchtung und Tramway, die englische Gartenkunst nicht nur eingeführt, sondern auch selbst erfunden. Wie in den Zeiten tiefsten Verfalles betet Juda fremde Götzen an, deren Hohlheit dem Normalen sinnfällig erscheint. Es täte not, daß uns ein neuer Prophet erstünde, der dagegen zornig eifere. Der alte Römer sprach einst stolz: Oivis romanus sum; berechtigt uns unsere einzigartige Stellung in der Geschichte nicht zumindest zum selben Hochgefühl? Haben wir es nötig, fremden Göttern nachzulausen? 8. Vineta. Weber Mischehe«. In Bezug auf meinen letzten Artikel „Ruth zu Schwuot" hatte ich wiederholt Gelegenheit zu konstatieren, daß die darin besprochene Heirat der moabitischen Ruth mit dem jüdischen Boas fälschlich aufgefaßt wird, indem man darin eine förmliche Billigung der Mischehen erblickt. Dem gegenüber möchte ich betonen, daß damals, zur Zeit der Schoftim, das Judenvolk sich dergleichen ohne Gefahr für das Volksganze erlauben konnte. Es war im eigenen Lande, sprach seine Landessprache, hatte seine ausgeprägten Sitten und Bräuche, und unter dieser gesamtjüdischen Immunität brauchte man nicht zu fürchten, daß ein sporadisch eingestreutes fremdes Element irgend welchen Schaden der Gesamtheit zufügen könnte. So nahm man das Gute, woher es kam, und amalgamierte es im Lande. Können und dürfen wir heute ebenso tolerant sein, da die Juden nach allen Weltrichtungen hin zerstreut und zersplittert sind und auf dem ganzen Erdenrund um Einigkeit und Zusammengehörigkeit förmlich ringen? Heute, wo wir angefeindet sind von allen Seiten, innerlich und äußerlich gefährdet, da können Mischehen wohl nur Unheil bringen. In diesem Kampfe würde sich noch der Rest der jüdischen Imponderabilien aufreiben und den kürzeren ziehen. Wenn einmal das Judentum einheitlich dastehen wird, als kräftiges, selbständiges Volk, dann dürften Mischehen keinen so schlechten Einfluß auf sie ausüben, sondern sich in Frieden und Harmonie auflösen. Doch davon find wir noch weit entfernt. Und überdies: wie heißt es im Buche Simson? „Sind denn keine jüdischen Töchter da, daß du Delila nehmen mußt?" Kulturgeschichtlich interessant ist die Epoche, da gerade das Gegenteil sich im jüdischen Volke abspielte. Damals, zur Zeit Esras, gebot Nehemia geradezu den jüdischen Männern, ihre heidnischen Frauen auf immer zu verlassen — also die Ehereform in alter Zeit schon. Es war damals ein gezwungener gesellschaftlicher Zustand geschaffen worden, der künstlich erhalten wurde. Nach Unterjochung des jüdischen Reiches ließ nämlich Nebukadnezar die besten Adelsfamilien der Juden nach Babel bringen und zwang sie dort, Mischehen mit anderen Völkerschaften einzugehen. Als Gefangene durften sie sich dem nicht widersetzen und mußten sich dieser Vorschrift fügen. Als aber später das babylonische Reich durch Cyrus besiegt wurde und dieser den Juden volle Freiheit gewährte, sogar die Rückkehr in ihr Vaterland gestattete, da stellten sich wieder die natürlichen Verhältnisse ein. Das Forzierte kam zum Vorschein, man wollte nicht mehr unter einem Zwange leben und entließ die heidnischen Frauen, vielleicht, weil diese überhaupt keinen Sinn für Häuslichkeit und kein Verständnis für ein Familienleben zeigten. Nehemia fand es im Geiste des Gesetzes geboten, im Interesse der Gesamtheit diese widerrechtlichen Ehen aufzulösen. Denn die mosaische Lehre wünscht beim Eingehen der Ehe nicht bloß die äußere Zeremonie, sondern sie fordert von einer Heidin, wenn sie zum Judentum Übertritt, die volle Ueberzeugung von der Erhabenheit und Weisheit des jüdischen Lebens. Es ist ein Abschwören vergangener Jrrtümer, ein Jnsichgehen und Einlenken in neue gesunde Bahnen und Lebensanschauungen. Dan S. A l b a ch a r y. Das nationale Indentnm. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Es muß daher eine jede jüdische Gemeinde dafür Sorge tragen, daß in ihrer Mitte eine Stätte sich befinde, in der die Jugend in der Religion von würdigen, gottbegeisterten Lehrern gründlich unterrichtet werde, und eine Stätte, in der die Erwachsenen mit den Grundlehren der Thora, mit der Ethik des Religion aufs innigste vertraut gemacht werden, und zwar von Männern, die im Sinne und im Geiste des großen Lehrers Moses ihres Amtes walten. Ich sage im Geiste des großen Lehrers Moses, denn Moses war es ja, der, bevor er den Schauplatz feiner langjährigen, überaus segensreichen Tätigkeit und Wirksamkeit verlassen sollte, in einem inbrünstigen Gebete die Pflichten eines Religionslehrers, wie die Tugenden und Eigenschaften, die ihn zieren und schmücken sollten, bildlich gezeichnet und charakterisiert hatte: ..Gott, der Herr aller Geister, alles Fleisches, möge einen Mann an die Spitze der Gemeinde setzen, einen Mann, der sich durch Charakterfestigkeit, Seelengröße, Biedersinn, Herzensgüte, gründliche Gelehrsamkeit, Scharssinn und Lebensklugheit auszeichnet, damit er die Gemeinde nach außen würdevoll vertrete und ihren Ruhm und Glanz, ihre Ehre und ihre Würde erhöhe, denn jede Gemeinde, gleichviel ob groß oder klein, wird nicht nach den einzelnen Mitgliedern derselben, sondern nach jenen Persönlichkeiten beurteilt und gewürdigt, die sie vertreten, leiten und führen, unterrichten und unterweisen. Sind die Lehrer, Vertreter und Führer, die an der Spitze der Gemeinde stehen, ehrenwerte Persönlichkeiten, Männer von Ruf, so gewinnt auch die Gemeinde an Ansehen und Achtung. Werden aber die wichtigsten und heiligsten Aemter der Gemeinde von Männern zweifelhaften Charakters und unbedeutenden j Wissens bekleidet, so wird auch die Gemeinde selbst in ein! schiefes Licht gesetzt und verliert an Achtung und Ansehen. „Nicht der Ort ist es, der den Mann verherrlicht und seinen Ruf verbreitet," sagen unsere Weisen, „sondern der Mann, wenn er eine hervorragende Persönlichkeit ist, ziert und schmückt, ehrt und verherrlicht den Ort seines Aufenthaltes, die Stätte seines Wirkungskreises." (Taanit 21.) Jnbezug auf das Wort des Propheten Jeremias 16: „Zion wurde seines Schmuckes beraubt." bemerkt der Midrasch, „das sind die Männer der Weisheit, die Träger der Gotteslehre, die Förderer der Wissenschaft und der Religion." Als Moses den göttlichen Auftrag erhielt, nach Egypten zu gehen und das Amt eines Lehrers, Führers und Befreiers Israels anzutreten, rief ihm eine höhere Stimme zu: Die Stätte, an der du dich befindest, ist heilig, da wo du stehst, wo du eine segensreiche Tätigkeit entfaltest, ist der Boden heilig, der Ort wird durch den Mann, aber nicht der Mann durch den Ort verherrlicht. — Moses bat daher mit Recht vor seinem Scheiden: Gott, der Herr> möge einen Mann an die Spitze der Gemeinde setzen, der vor allem infolge seiner hohen Tugenden imstande sei, sie nach außen würdevoll zu vertreten.

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