Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 21 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Die Wahrheit dir. 21. nicht dozieren! Die größte Sünde, sagt der Franzose, ist: Langweilen. Im Religionsunterrichte wird diese Sünde zum Verbrechen. Was hilft alles Gezeter und Geschreibsel über Pläne und Methoden. Der Lehrer muß taugen; das Lehrbuch ist nicht die H auptsache. So ist's in jeglichem Unterricht, ob Latein oder Physik, einerlei. Die Religion muß in der Unterrichtsstunde — wenn sie denn schon in die Lehrfächer eingereiht ist — weit, weit über das Niveau des „Gegenstandes" hinausgehoben werden. Die Note ist eine Not. Die Lehrer allerdings sind beklagenswert. Gegen keinen der Fachlehrer wird in gleicher Weise verfahren. Der jüdische Religionslehrer, an sich nicht gerade in Purpur geboren, wird von jedem liebeerfüllten Vater angerempelt, dessen Söhnchen ein Faulpelz und Frechling ist. Der Kramp u s, mit dem man droht, ist — Konfessionslosigkeit. Diese jämmerlichen Windbeutel! Besonders empfindsame Gemüter aber halten — wie um den leibhaftigen Gottseibeiuns zu bannen — das Zeichen des Kreuzes bereit, en tous cas. Im Namen der „Religion der Liebe" säen diese Weichlinge und Lappen Haß und Verachtung. Das nennt man dann: „den G e i st der Zeile n." Der Ursprung des Sozialismus. Eine überaus interessante Gerichtsverhandlung, die vor kurzem in Lemberg stattfand, gibt Anlaß auf den Ursprung des Sozialismus zurückzugehen und auf den großen Anteil hinzuweisen, den das so gern als rückschrittlich geschmähte Judentum an dieser modernen Bewegung hat. Der spezielle Fall, der uns zu diesen Betrachtungen Anlaß gibt, ist folgender: Das Lemberger Strafgericht hatte jüngst darüber zu juhizieren, ob es gestattet sei, Christus einen Sozialisten zu nennen. Es war nämlich der frühere Bahnbedienstete Johann Schmalenberg wegen Verbrechens der Religionsstörung nach § 122 des Strafgesetzbuches angeklagt, weil er bei dem Leichenbegängnis eines Arbeiters in seiner Grabrede unter anderm geäußert hatte: „Was nützt das Beten und Singen, womit dem Verstorbenen nicht geholfen wird?" und daran in weiterer Folge die Bemerkung knüpfte, daß Christus ein Sozialist gewesen sei. Der Angeklagte leugnete nicht, die inkriminierten Worte gebraucht zu haben, versicherte jedoch, daß er an Christus glaube. In der Anklageschrift wurde seine sozialistische Aeußerung als Gotteslästerung bezeichnet, da hiedurch dem Heiland eine mit seiner göttlichen Mission im Widerspruche stehende Umsturzidee insinuiert werde. Die Verhandlung wurde mit Ausschluß der Oeffentlichkeit durchgeführt. Der Verteidiger des Angeklagten, Dr. Leser, verwies in seinem Plaidoyer darauf, daß Christus nicht nur auf religiösem Gebiete, sondern auch in sozialen Einrichtungen eine Umwälzung herbeigeführt habe, daß die Kirche anfänglich sich auf kommunistische Grundsätze gestutzt und daß die Kirchenväter im sechsten und siebenten Jahrhundert das Privateigentum mit der Lehre der Kirche als unvereinbar angesehen haben. Der Sozialismus propagiere die Aufhebung des Privateigentums und stimme in dieser Hinsicht mit den Uranfängen des Christentums überein. Es sei daher nur die Konstatierung dieses Umstandes, wenn Christus ein Sozialist genannt werde. Der Gerichtshof erkannte den Angeklagten Schmalenberg des Vergehens der Religionsbeleidigung nach § 303 St. G. B. schuldig und verurteilte ihn zu vierzehn Tagen A r r e st s. Vom Verbrechen der Religionsst ö r u n g wurde er freigesprochen, weil es keine Gotteslästerung sei, Christus einen Sozialisten zu nennen. Man kann nicht umhin — liest man diesen Urteilsspruch — äußerst befremdet und erstaunt auf die Unsicherheit und das Schwankende unserer rechtlichen Verhältnisse zu blicken, man kann sich des Gefühls größten Mißbehagens nicht erwehren, sieht man den Weg zur Beantwortung der einfachen Frage „was ist rechtens?" von unwegsamen Dschungeln und einem Dickicht von Widersprüchen unzugänglich gemacht. Man kann keine Geschichte des Sozialismus aufschlagen, ohne gleich zu Beginn darauf zu stoßen, daß der Stifter der christlichen Religion von den Sozialisten als einer der Ihrigen reklamiert würde. Das Gesetz legt kein Veto ein dagegen, daß diese Sentenz in vielen tausenden Büchern im Publikum verbreitet werde und läßt es hinwieder kontrovers erscheinen, ob der arme Arbeiter strafbar ist, wenn er der Ansicht, die er von der Lektüre dieser Bücher hergeholt hat, bei irgend einer Gelegenheit Ausdruck verleiht. Und es ist doch gewiß keine Blasphemie, wenn behauptet wird, ein Religionsgründer hätte die Gesellschaft sozialisieren wollen, vielmehr ist es der größte Ruhmestitel, bestrebt zu sein, die schroffen Gegensätze von reich und arm, von hoch und nieder zu mildern und aufzuheben. Der markanteste unter den vielen sozialistisch angehauchten Aussprüchen Jesus ist derjenige den er einst gethan, als ein reicher Jüngling ihn um Rat ansuchte, wie er die ewige Seeligkeit erwerben könne, und dieser Jüngling traurig weggegangen war, weil er sich nicht entschließen konnte der Bedingung nachzukommen und seine Schätze den Armen herzuschenken: „Wahrlich ich sage Euch, ein Kameel wird leichter durch, ein Nadelöhr kommen denn ein Reicher ins Himmelreich". Ich würde gar nicht anstehen, die hohe Bedeutung dieses Ausspruches aus den Evangelien vollauf zu würdigen, vermöchte ich nur in dem Stifter der christlichen Religion selbst eine historische Gestalt zu erblicken und pflichtete ich nicht der Anschauung David Friedrich Strauß's bei, daß er nichts Anderes sei, als die poetische Projektion ans den Weissagungen jüdischer Propheten, vornehmlich des Jesaias, als eine der grandiosesten Dichtungen, in denen sich der Weltgeist gefiel. Wie der größte Teil der Parabeln und Gleichnisse des Neuen Testaments dem jüdischen Schrifttum und dem Talmud entlehnt ist, so werden wir die sozialistischen Elemente der Evangelien auf demselben Boden zu suchen haben. Zu diesem Behufe brauchen wir uns keine besondere Mühe zu geben. Jeder nur halbwegs Bibelkundige weiß, daß Moses in seiner erstaunlichen, kommende Jahrtausende an staatsmännischer Voraussicht weit überholenden Gesetzgebung eine Armenfürsorge geschaffen, der sich unsere Kulturstaaten nur in trippelnd zaghaften Schritten und mit schneckenhafter Langsamkeit zu nähern bemüht sind. Solche illusorische Ansätze zu Ansätzen sind die Altersversicherung in Deutschland, die Versicherung der Privatbeamten in Oesterreich. Das Ungereimte eines kommunistischen Systems, das sich die Danaidenaufgabe stellt, alle schon durch das Klima allein bewirkten individuellen Unterschiede zu verwischen, lag Moses fern; sein alle 50 Jahre sich erneuerndes Jubeljahr jedoch, in welchem der Boden und sämtliche Besitzverhältniffe eine gleichmäßige Aufteilung und Aenderung erfuhren, dürfte ein nicht wieder zu erreichender Musterzustand sozialer Einrichtung bleiben. Was Schiller seinem sterbenden Attinghausen rhetorisch-deklamatorisch in den Mund legt und die Schweizer ermahnen läßt, sie mögen ein einig Volk von Brüdern werden, das wandelte Moses in lebendige Wirklichkeit um. Juda hat immer eine Theodemokratie gebildet und diesen Stempel, den ihm Moses aufgedrückt, trägt es selbst heute noch in der Zerstreuung, wenn auch nicht jedem Blicke erkennbar. Es ist kein Zufall, daß Marx und Lasfalle die internationale Sozialdemokratie begründeten, daß Juden überall in den vordersten Reihen der Vorkämpfer für Recht und Freiheit zu finden sind, und es ist auch kein blinder Zufall, daß sie dafür schwer büßen müssen und den größten Anfechtungen ausgesetzt sind. Je höher ein Wesen auf der Stufenleiter der Schöpfung steht, je größer die Sphäre seiner Geistigkeit, desto intensiver funktionieren dessen Organe der Schmerzempsindung. Das höchststehende Tier weiß nicht, was Tod, was Vernichtung bedeutet, dem Menschen allein bangt davor und er hat für seine bevorzugte Stellung in der Natur das Opfer der Todesahnung zu entrichten» mit der er tausend Tode stirbt. Damit ist freilich nur eines und vielleicht nicht das vornehmlichste der menschlichen Leiden namhaft gemacht, im Gegensatz zu denen der niedriger organisierten Lebewesen. Wenden wir diese Binsenwahrheit auf uns selbst, das „auserwählte Volk" an, so bietet sich die vollkommenste Analogie dar: Wir waren dazu auserkoren, daß durch und mit uns eine