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Die Wahrheit · 1907-05-31 · Heft 21 (31.5.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 21 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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' n ■ r.T.ii, ~~5rtMr|¥Tl ^saaawsgssirissfiääEsaet*-. iJiebftftion u. Stbmiuifnatiöu: Wien, II/, Novaragasse % Dclrvvou 8lr. bfv ®nicfciti 15302 •ln fetale Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsu. ZnielUüttSncfräije ünb in auten zahlbar l! mib klagbar. I Unabhängige Keitfchrifi für Misch Erscheint jeden Kreit n g. Aotlo: „Uns Lis^vt Oorrv:» i8l. Wrstlirtieit I“1 Wernstspvei»: Ganzjährig ... ft >4.— Halbjährig .ft 7 - Für Cnltnsbemttte: «»aiizjäbria ft r Für AuSlnnv: Ganziährig ...» Mark il Nobel aber >6 gcS. Ar. 21. 31. Mai 1907. Inhalt: Unsere Gemeinde. — Der Ursprung des Sozialismus. — lieber Mischehen. — Das nationale Judentum. — Jsr. Blindeninstimt in Wien. III. Indischer Turntag. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Alt Marjim. Unsere Gemeinde. U n p a r t e i i s ch e B e t r a ch t u n g e u. V. „Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln; Was ihr den Geist der Zeiten heißt. Das ist im Grund der Herren eigner Geist.! In dem die Zeiten sich bespiegeln." Kann man, wie wir jüngst sagten, ein Gut verlieren, das ■ man eigentlich nicht mehr besitzt? So paradox es klingen mag, \ doch ist es so. Das Gut ist die Religion. Wer besitzt sie,! will sie besitzen? Neunzig von hundert, die sich um das Leben! der Kultusgemeinde kümmern, nach ihrer Weise kümmern, ist ' Religion Hekuba. G-racchi de seditione querentes! Die Religionslosen schreien nach Religion! Ja, das ist die stäche : der Geschichte. Der einzige Fall, in welchem der liebe Gott; sich wirklich als Rächer erweist. Dieses tiefgeheime, unerkannte; Weben und Werden, dieser Urtrieb Ur-Jsraels lassen sich nicht! töten, nicht ersticken. Atavistisch bricht sich die unter materialistischer , Asche glimmende Glut Bahn. Protuberanzen des alten, uralten; Glaubens züngeln aus verkrusteter Kulturlava hervor. Sträubet i Euch, wie Ihr wollet. Es hilft nichts. Der alte, abgesetzte Gott! sitzt fest in Euch. Den Teufel kann man vielleicht austreiben, Gott nicht. „Den Teufel halte, wer ihn hält," sagt Faust; : Gott braucht man nicht zu halten, er hält. Hält selbst die-; jenigen, die glauben, endgiltig mit ihm fertig zu sein. So er-! klärt sich die deutlich empfundene „Angst um den Verlust eines; Gutes, das man eigentlich nicht mehr besitzt". Der Bestand i einer Ku l t u s g em ein d e auf dem Grunde eines atheistischen j Programmes ist ein Unsinn, barer Unsinn; auch wenn dieses i Programm mit dem herrlichsten ethischen Geschmeide behängt | ist, vom echtesten Golde ungemischtester Humanität gleißt und j schimmert. Ansonst bedürfen wir keiner Kultusgemeinde, sondern einer Ethischen Gesellschaft, die ethische Kultur, nicht Religion, kündet und pflegt. Wir hätten nichts dagegen. Die Propheten auch nicht. Auch der Talmud nicht. Ja, der Talmud. Er, der stockjüdisch zu sein vorgibt. Hätten sie mich verlassen und meine Thora beobachtet," läßt er Gott sagen. Das geschichtliche Judentum aber hat dagegen protestiert. Recht behalten haben weder die Propheten, noch der Midrasch-Gott, der jenen Ausspruch tut, sondern der lebendige Gott der Geschichte. Und er wird Recht behalten, solange es überhaupt Religionen gibt. Daher kommt es auch, daß in den Kreisen, die religionsfremd sind, soviel vom Religionsunterricht gesprochen, gestritten, verhandelt wird. Ehedem sprach man an derselben Srelle von „Talmud-Thora". „Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit sind uns ein Buch mit sieben Siegeln." — „Olle Kamellen?" — alias — — — „Plunder." Ein unterbewußtes Gefühl der Verantwortung, hervorjprießend aus jenem Urhumus und Mutterboden, in den das kraftgefüllte Saatkorn der altjndiscben heldengroßen Glaubensfestigkeit gelegt ward, läßt mit Späherblick nach einer Seite lugen, die man für den schnöden, gemeinen, frivolen Abfall vor den Richterstuhl zitieren kann. Das war zu allen Zeiten ähnlich. Da mau nicht ben lut hat. zu sagen, die Religion taugt nichts, sagt man, der Unterricht taugt nichts. Ob nun der Unterricht, wie er jetzt besteht, gut oderschlecht ist, darüber hat die Gemeinde ungefähr dasselbe Urteil, wie die weiten Kreise, die über den Unterricht an Gymnasien alles mögliche kunterbunt-krause Zeug schwatzen. Nichts bequemer, als zu sagen: schlecht, schlecht. Die Nein-Sager haben es immer bequem. Calumniare audacter etc. Womit nicht gesagt sein soll, daß alles im rosigsten Lichte liegt. Das gemeine Leben mit seiner robusten Tagesförderung ist allem Ideal feind. Das Großstadtleben. Auf Bergen und in stillen Tälern, in der Gemessenheit und Gelassenheit der Landgemeinde könnte das religiös-ideale Leben noch gedeihen. Es könnte. Im sausenden Getriebe der Weltstadt wird es — Orthodoxe ausgenommen — zermalmt. Die Häuser stehen im besten Falle abseits. In den meisten Füllen sind sie religionsseindlich, bis an die Zähne gerüstet, svrungbereit. Zum Sprung in das große Reservoir der taufsüchtigen Masse. Anlehnung an die Starken. Das ist der allmächtige Trieb. Da hilft kein Sprungtuch, das die Fallenden im Sturze aufhielte. Sobald die Religion zum Gegenstand des Unterrichtes gemacht wird, ist sie verloren, unrettbar verloren. Sie ist Sache der Erziehung. Ist lebendiges Leben. Alle Mumien-Kenntnis und alle Archiv-Mau lwurfsarbeit verschlagen nicht. Makulatur-Literatur! Leben, Leben! Das braucht man. Aber: in allen Wipfeln ist Ruh, in allen Gipfeln fühlest Du kaum einen Hauch pulsierenden, pochenden jüdischen Lebens. Eines ist wahr. Die Religionslehrer können vieles gründlich. virtuos geradezu, verderben. Können es, wenn sie unfähig sind und kein jüdisches Herz im Leibe haben. Haben sie alle ein jüdisches Herz? Begeistern müsset ihr, jüdische Lehrer! wenigstens hie und da; immer begeistern kann niemand. Aber

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