Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 20 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. . Die Wahr den Sette ö. von dem höchsten Gipfel, den er erklommen, in den tiefsten Abgrund. Da bewährt sich oft das Sprichwort: „Vom Erhabenen bis znm Lächerlichen, oder richtiger, vom Erhabenen bis zum Niedrigen, Gemeinen, ist nur ein Schritt."' Ein einziges Beispiel aus der alten biblischen Zeit genügt, um den hier ausgesprochenen Gedanken zu bekräftigen. Der erste König in Israel, Saul, war anfangs eine in jeder Beziehung herrliche Persönlichkeit. Die Vorsehung hatte ihn nicht nur mit trefflichen Geistesgaben, sondern auch mit körperlicher Schönheit reich ausgestattet. In ganz Israel hatte es keinen schöneren Mann gegeben, als er war. Wie bescheiden benahm er sich, als der Prophet Samuel ihm zu verstehen gab, daß er berufen sei, der künftige König in Israel zu sein. Und als man ihm anläßlich der Krönung Ovationen darbringen wollte, mußte er erst ausgesucht werden, da er sich aus allzugroßer Bescheidenheit verborgen hielt. Wie edel und teilnahmsvoll benahm er sich gegen die bedrängten Bewohner von Jabesch Gilead und ruhte nicht eher, bis er sie vom Tyrannen befreite. Katim aber war er in den Besitz der Macht gelangt, als er sich vom Glanze der Krone blenden ließ und „sein Herz sich erhoben halte". Einer verletzten Eitelkeit wegen ließ er sich zu barbarischen Handlungen hinreißeu. Welchen Gefahren war sein eigener Sohn Jonalan, besonders aber sein Schwiegersohn David ansgesetzt, weil letzterer seines Heldenmutes wegen vom Volke geliebt wurde. Ja, wie die Bescheidenheit die herrlichste Tugend, ebenso ist die Unbescheidenheit die gefährlichste Untugend. ..Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern," erging der göttliche Ruf an Israel am Sinai, euere Aufgabe sei es, die Menschen zu belehren, sie für das Höhere, Ideale zu begeistern. Diese Mission könnt ihr aber nur dann übernehmen so ihr ein Goj kodausch seid. Heilig sein, heißt den höchsten Gipfel der Gottähnlichkeit erklimmen. Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige. Und in der Tat, solange die Bescheidenheit den Grundzug des jüdischen Charakters bildete, wurde auch Israels Verdienst, das es sich durch Annahme der Thora um die Menschheit erworben, allgemein gewürdigt; sobald aber diese Tugend aus Israel, wenn auch nur teilweise zu schwinden begann, war auch das ganze Volk und sein Schrifttum Angriffen ausgefetzt und der Verachtung preisgegeben. In Spanien lebten die Juden eine lange Zeit glücklich. Damals gab es dort jüdische Minister und Divlomaten. Wir erinnern nur an Jbn Schaprut, Jbn Nagrela, Don Jsak Abrabanel rc., ferner Dichter, Philosophen. Mathematiker, Aerzte, Astronomen u. f. w. die auch zumeist hervorragende rabbinische Autoritäten waren. Allein es bewährte sich bald das Wort Moses wojischman Jeschunra wojiwot. Und so gab es zum dritten Male einen Disoks bea-w. Man höre nur, wie R. Salomo Alami die damaligen Zustände schildert. In seinem Werke „Igeret Musar“ sagt er unter anderem: Halbwisser und Charlatane suchten die Religion ins Lächerliche zu ziehen, statt sie von ihren Schlacken zu reinigen. Wenn jemand ein philosophisches Buch gelesen, so hielt er sich schon für einen Gelehrten und belächelte vornehm das ganze Wesen der Religion. Die Sabbathe und Festtage wurden herabgewürdigt und die Rabbiner durften es nicht wagen, dieses Treiben zu geißeln, weil sie sich sonst die Reichen zu ihren Feinden gemacht hätten. In den Synagogen herrschte Unordnung und Verwilderung, sie wurden zuweilen der Schauplatz widriger Skandale. Die „Andächtigen" schwätzten miteinander anstatt zu beten oder lasen profane Schriften. Während der Vorlesung der Thora verließen viele das Gotteshaus rc. Die Reichen und Vornehmen, die bei den Fürsten Zutritt hatten, waren stolz auf ihre Stellung und blickten mit Verachtung auf ihre vom Glücke minder begünstigten Stammesgenossen. Sie hatten nur stets ihr eigenes „Ich" vor Augen und waren nur bedacht der Mode und dem Luxus zu huldigen und sich und ihre Frauen und Töchter gleich Fürstinnen mit Prachtgewändern zu schmücken u. s. w. Die jüdische Gesellschaft mieden sie sorgfältig, buhlten hingegen sklavenmäßig um die Gunst der Nichtjuden, deren Sitten, Formen und Bräuche sie nächahmten. Durch ihr herausforderndes, Protzenhaftes Benehmen erregten sie aber den Neid und Haß der Spanier und die bekannte Katastrophe brach herein und vernichtete tausende Existenzen. Und gibt es in unserer Zeit nicht auch manche unserer Stammesgenossen, die durch ihr herausforderndes, stolzes Benehmen, trotz ihrer Assimilationssucht, den Neid und die Mißgunst der Nichtjuden erregen? Wird nicht in vielen jüdischen Gotteshäusern, trotz der eingeführten radikalen Reformen gemütlich geschwätzt? Und dann wundert man sich, warum das Judentum, daß sich durch die Annahme der Thora so hohe Verdienste um die Menschheit erworben hatte, nicht in gebührender Weise geachtet und geschätzt wird. „Ihr sollt mir sein ein heiliges Volk von Priestern, ein heiliges Volk" lautete der göttliche Ruf aus Israel. Wollen wir nun die herrlichen, menschenbeglückenden Lehren der uns am Sinai verliehenen Thora verbreiten und ihnen Achtung verschaffen, so müssen wir uns vor allem durch Bescheidenheit, Glaubensstärke und Charakterfestigkeit anszeichnen, denn nur durch Charaktergröße, Selbstbewußtsein und Demut, nicht aber durch Selbstverleugnung und Nachabmungssncht, gewinnt man an Achtung und Ansehen, wie schon der große Lehrer Moses ausgerufen: ldkobrnartsrn weasisem. Suchet die erhabenen Lehren und Gesetze der Thora unter allen Umständen durch die Tat im Leben zu verwirklichen. Lebet, strebet, wirket und schaffet im Sinne und im Geiste dieser Thora, sorget für die Verbreitung der Kenntnis derselben weasisem, dann werdet ihr allen Völkern imponieren, selbst den Gegnern die Achtung abgewiunen, so daß sie ausrufeu werden: rak am chochom rc. Wahrlich diese große Nation verdient um ihrer weisen, herrlichen, auf Gerechtigkeit basierenden Gesetze zadikim willen besonders geehrt, geschätzt und gewürdigt 511 werden. Nur wenn die Bekenner des Judentums nicht nur in der Familie, in der Gemeinde und im Gotteshause, sondern auch draußen in der großen Welt im Sinne und im Geiste der Thora leben, wirken und schaffen werden, werden sie ihre Mission als „Reich von Priestern" rnarnleebet kohartim gewissenhaft erfüllen. Ans der Wiener Knltnsgemeinde. Die Donnerstag, den 16. d. M., 6 Uhr abends, unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabte und von Vorstandsmitgliedern stark besuchte öffentliche Plenarsitzung hatte zwei überaus wichtige Gegenstände, die Erweiterung des Versorgungshauses und den -Rechnungsabschluß pro 1906, auf der Tagesordnung, aber trotzdem bewegte sich die Debatte in äußerst bescheidenen Grenzen. Besonders die bisher beim Rechnungsabschlüsse von der Opposition immer angeregte Diskussion der einzelnen Kultus- und Verwaltungsfragen unterblieb diesmal vollkommen und abgesehen von einem kurzen Worrgeplünkel, das einige allgemeine Bemerkungen des Herrn Dr. Spitzer hervorriefen und einigen budgettechuischen Anfragen und Aufklärungen wttrde das heuer zum ertteumale von dem neuen Finanzreferenten der Kultusgemeinde, Herrn kais. Rat Bernhard von Pollak in klarer Uebersichtlichkeit erstattete Referat über den Rechnungsabschluß pro 1906 fast debattelos mir Einstimmigkeit genehmigt. Im nachstehenden der Bericht: Im Einlaufe befinden sich: Dankschreiben des Herrn D. Horwitz für die Glückwünsche des Knltusvorstandes anläßlich seines 80. Geburtstages. Dankschreiben des Herrn Leopold Schnür mach er für die Glückwünsche des Knltusvorstandes anläßlich der goldenen Hochzeit seiner Eltern. Dankschreiben des Herrn Alois T a u s s i g für die Ehrengabe des Kultusvorstandes anläßlich seiner goldenen Hochzeit. Erlaß des Reichs-Kriegsministeriums an die Kultusgemeiude Lemberg betreffend Nichtanstellung aktiver Feldrabbiner. An Spenden werden bekanntgegeben: Für die Talmud-Thora-Schule: Direktor Bernhard Popper L 2000, Th. Ritter v. Ta uiiig K 1000. kais. Rat Alois Lemberger X 500, Leopold P 0 l l a ck Edler von Parnegg X 500, Viktor Ritter von E p h r u s s i X 400, Alexander N i e r e n st e i n und Alexander K a l l i r X 300, Hauser & S 0 b 0 tka X 200, A. Stern & Sohn X 200, Doro Stein X 200, Ignaz Gewitsch X 100, Josef M. Kohn X 100, Ludwig W e i s h u t X 100, Kalman T a f l e r X 100,