Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 20 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 20. voll wie den Kartoffelbau. Wenn er alfo die hervorragendsten Vertreter der Fitianz und der Großindustrie auf feiste Wesse auszeichnet, so läßt sich gewiß vom Standpunkte des Rechts nichts dagegen einwenden. Daß ein moderper Monarch keine Blutanalyseu vornehmen läßt und mehr auf den Chqrakter als auf die Abstimmung sieht, das ist eigentlich selbstverständlich. Für den vernünftigen Menschen gibt es also gar keinen Grund, sich über diese ledigliche Hofangelegeuheit aufzuregen. Entweder man stellt sich auf den demokratischen Standpunkt, daß ein freier Bürger überhaupt nicht mehr in einen höheren Stand versetzt werden kann, dann muß man die ganze Sache als rein dekorative Angelegenheit betrachten und darf ihr gar keinen Wert beilegen. Oder man ist konservativ und betrachtet das Traditionelle als historisch berechtigt, dann muß man im Kaiser den höchsten Vertreter des Adels erblicken, der allein berufen ist, zu bestimmen, wer in den höchsten Stand hineingehört. Aber eine demokratische Maske zu tragen und die Standeserhebung zu einer Staatsaktion aufzubauschen, oder eine konservativpatriotische Gesinnung zur Schau zu tragen und den Kaiser gewissermaßen unter Kuratel stellen zu wollen, — das ist komisch. Es ist die alte Erfahrung: jede Anschauung, die nicht aus dem Innern stießt, krankt an der ewigen Inkonsequenz und muß an sich selbst zugrunde gehen. Die Bescheidenheit. Bon Dr. M. H. Friedländer. „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern." (II. B. M., C. 19.) Bevor noch Israel die Offenbarung am Sinai ward, erhielt Moses den göttlichen Auftrag: „So sollst du sprechen zum Hause Jakob, und berichten den Kindern Israels: Ihr habet gesehen, was ich an Mizraim getan, wie ich euch bewacht und beschützt und auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr meiner Stimme gehorchen und meinen Bund Hochhalten, d. h. meine Thora, die ich euch verleihen will, als ein kostbares Gut betrachten werdetso sollt ihr mir ein besonderes Eigentum sein, denn mir gehört die ganze Erde." Li ii kol iioorez. Das heißt mit anderen Worten: Ich bin kein Nationalgott, sondern der Schöpfer des Weltalls, der Vateraller Menschen und wünsche, daß alle meine Kinder zufrieden leben, daher will ich der Welt eine Lehre verleihen, die allein geeignet ist, das geistige und leibliche Heil und Wohl der Menschheit nach jeder Richtung hin zu fördern. Wenn nun ihr euch für die Annahme der Thora, die bestimmt ist, Gemeingut der Menschheit zu werden, bereit erkläret, so sollt ihr mir sein ..ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk". Euere Aufgabe sei es, die Kenntnis dieser Thora in der Welt zu verbreiten, die herrlichen und erhabenen Ideen derselben hinauszutragen, damit sie in alle Schichten der Bevölkerung dringen, die Herzen erfreuen und veredeln und die Geister erleuchten. Welch eine hohe Mission wurde da Israel übertragen! „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk." Der schönste Beruf, den der höhere Ideale erstrebende Mensch wählen soll, um sein sich vorgestecktes Ziel erreichen zu können, ist unstreitig der eines Volkslehrers, eines Priesters im Reiche der Wissenschaft. Welch ein süßes Bewußtsein, in die Kreise der menschlichen Gesellschaft mit donnernder Stimme hineinrufen zu können: „Es werde Licht!" Welch ein süßes, entzückendes und beglückendes Bewußtsein, die Menschen für das sittlich Große uud Erhabene, für das Ideale und wahrhaft Göttliche begeistert, angeregt und angeeifert und sich hiedurch unverwüstliche und unsterbliche Verdienste erworben zu haben. Und wahrlich Israel hat sich dieser seiner hohen Aufgabe auf die glänzendste Weise entledigt. Es übernahm bereitwilligst die Thora — kaul asclier diber Adonai naasek — und hat sie bis aus den heutigen Tag der Welt erhalten. Heute steht Israel, dieses Volk der Geschichte, noch da, umflossen vom Strahlenglanze einer glorreichen Vergangenheit, geschmückt mit dem Bewußtsein, der Erhalter einer Gotteslehre zu sein, der allein die Welt ihre sittliche Ordnung, ihre Existenz, ihren Fortbestand zu verdanken hat. Wahrlich ein VerdiMt, das im hohen Maße besonders gewürdigt zu werden verdient. Warum aber wird gerade dieses so schöne und herrliche Verdienst in unserer Zeit so wenig beachtet pnd gewürdigt? Wenn in früheren Zeiten die Träger der Thora nicht nur nicht gewürdigt, sondern auch noch verfolgt und verachtet wurden, so darf uns das nicht befremden. In einer Zeit, wo die Geister umnachtet, die Menschen verroht, vertiert und verwildert waren und sich am Anblick brennender Ketzer ergötzt haben, konnte man doch nicht erwarten, daß die Träger einer Lehre, die jedem Aberglauben und Fanatismus, jede Verleumdung uud Meuschenverfolgung verpönt und nur allgemeine Menschenliebe und Menschenverbrüderung lehrt und predigt, besondere Anerkennung finden werden. Rätselhaft aber muß es uns erscheinen, daß in unserer aufgeklärten, kulturfreundlichen Zeit, in der bekanntlich jedes Verdienst, und wäre es noch so unbedeutend, besonders anerkannt und gewürdigt wird, in der jeder ehrgeizige Mensch, sobald er ein gewisses Alter erreicht, sich berechtigt fühlt, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu lenken und sich „feiern" zu lassen, selbst wenn er kein anderes Verdienst sich erworben, als daß er so und so viele Dezennien gelebt und den Kelch der irdischen Freuden bis zur Neige geleert hat, daß in unserer so hochliberalen, dankbaren, jubiläumsreichen Zeit gerade das schönste und herrlichste Verdienst, das sich ein Volk je um die Menschheit erworben, nicht im entferntesten beachtet und berücksichtigt wird. Diese Frage verdient umsomehr beleuchtet zu werden, als gerade in unserer Zeit es leider so viele Stammesgenossen gibt, die die Mißachtung des Judentums und des jüdischen Schrifttums als Entschuldigungsgruud ihres Abfalls, besonders des Abfalls ihrer Kinder, den sie oft selber veranlaßt haben, gebrauchen zu können glauben. „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk." Was heißt eigentlich ein Reich von Priestern sein? Hierüber gibt uns der Prophet Maleachi Aufschluß. Li sifse koken jischmeru daas wesauro jewakscku mipihu ki Malach Adonai Zewoaus kn. Der Beruf des Priesters ist, die Kenntnis der Thora zu verbreiten, uub zwar nicht bloß durch Reden, Vorträge und Ansprachen, sondern mehr noch durch die Tat. Der Priester soll im Geiste der Thora, die er lehrt, leben, wirken uud schaffen, wenn er sich seiner hohen Aufgabe auf die würdigste Art entledigen und anderen als Musterbild voranleuchten will. Li Malack Adonai Zewoaus kn, er muß vor allem einem höheren, göttlichen Wesen gleichen, muß höhere göttliche Tugenden besitzen. Eine wahrhaft göttliche Tugend ist die Bescheidenheit, die Herablassung. Beckol mokaum ascker atto mauze etc. „Ueberall, wo du die Größe Gottes findest, dort findest du auch seine Herablassung." „Wer gleicht dem Ewigen, unserem Gotte, der so hoch thront, und doch so tief herniederschaut, sich doch um alle seine Geschöpfe kümmert." Nicht auf dem höchsten Berge, sondern aus dem kleinen Sinai hat Gott sich offenbart und dem kleinen Völkchen Israel eine Lehre verliehen, die heute noch die mächtigste Säule bildet, aus der die sittliche Weltorduung beruht. Ja, Bescheidenheit ist eine wahrhaft göttliche Tugend, die jeden Menschen, besonders den zieren uud schmucken soll, der berufen ist, anderen den Weg zu zeigen, den sie einschlagen müssen, wenn sie einen gottuud menschengefälligen Lebenswandel führen wollen. Der Bescheidene ist herablassend und zartfühlend, hat ein tiefes Mitgefühl für jedes Leid und Weh und ist daher unausgesetzt bestrebt, das Heil und Wohl anderer zu fördern. Wie die Bescheidenheit die herrlichste Tugend, ebenso ist die Unbescheidenheit die größte Untugend, ja oft die Mutter aller Laster. Der stolze, hochmütige Mensch, gleicht, wie unsere Weisen bemerken, einem Götzendiener. Er vergöttert sich selbst, hat stets nur sein liebes „Ich" vor Augen, sein ganzes Streben, Denken, Fühlen und Wollen ist dahin gerichtet, seinen Ehrgeiz und seine Herrschsucht zu befriedigen, für alles andere hat er keinen Sinn, kein Interesse. Es mag jemand noch so schöne Eigenschaften besitzen, sobald er stolz, hochmütig und unbescheiden ist, werden alle'seine Tugenden in den Schatten gesetzt, und er stürzt leicht