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Die Wahrheit · 1907-05-24 · Heft 20 (24.5.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 20 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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atzfheit Redaktion n. Administration: Wien, II/, Nvvaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei I5SUL. Unirreltr Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsu. JliiernoitSbetrnae itiib in aiSieu zahlbar und klagbar.! nakhängtge Heitfchrifi für Misch, Hntere^eu.. Erscheint jeden Ar eilag. Motto : „Das Siegel C4ottes ist Wahrheit!“ Verngspyeis: Ganzjährig ... ff. 14.— Halbjährig ... ff. 7.— Für CnltuSbeainte: »^»nzjährig ... ff. 10.— Für Ausiaild: Ganzjährig . . . S Mark t> Rubel oder ltf FcS. Ur. 20. Wien, 24. Mai 1007. Inhalt: Aus der Woche. — Die Bescheidenheit. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Protestversammlung in Berlin. — Bon der territorialistischen Bewegung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Alt Marjim. — Jubiläums-Kantorentag. Ans der Woche. Durch die Stichwahlen, die heute, am 23. Mai, in Oesterreich stattfinden, wird die Zusammensetzung des ersten auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes geschaffenen österreichischen Parlaments endgiltig bestimmt. Bereits die Hauptwahlen haben in großen Zügen die zukünftige Gestaltung verraten: eine schon früher allgemein erwartete starke Zunahme der antisemitischklerikalen Mandate, aber gleichzeitig auch einen ungeahnten Aufstieg der sozialdemokratischen Partei und Rückgang aller freisinnigen bürgerlichen Parteien. Rot und schwarz sind die Hauptfarben im politischen Kaleidoskop geworden, aber heute wird es sich zeigen, wer der Stärkere ist, und wenn die Anzeichen nicht trügen, wird die Sozialdemokratie Siegerin bleiben, sie wird den hochfliegenden Plänen der antisemitisch-klerikalen Koalition, die schon schrankenlos die Geschicke Oesterreichs zu bestimmen glaubte, einen starken Dämpfer aufsetzen und auch die Regierung in ihrem Herzenszuge nach rechts ein wenig zurückhalten. Die Wahlbündnisse, die die einzelnen Parteien zu den! Stichwahlen eingehen, sind ein sicheres Zeichen für ihre politische Gesinnung, und da ist es lehrreich, wie die Alldeutschen, die besonders in Mähren bei allen Wahlen unter dem Deckmantel! des Freisinnes um die Stimmen der Juden warben, jetzt ihren I Weg zu den Antisemiten gefunden haben. Was wahrhaft frei-! sinnig ist, schart sich überall um die Sozialdemokratie, und so i sehen wir auch hier in der Reichshauptstadt alle Schattierungen! des Fortschrittes mit dieser Partei vereinigt, um die gefährdeten Mandate gegen Antisemitismus und Rückschritt zu verteidigen. Der Kampf ist nicht aussichtslos; zwei Wahlen, die des Dr. Ofner in der Leopoldstadt, die erfreulicherweise diesmal auch die Juden geeinigt finden wird, und des Hofrates Baron! H o ck im IX. Bezirk, sind fast vollkommen sicher und auch in I Rudolfsheim wird es vielleicht gelingen, die abscheulichste Figur! des Wiener Antisemitismus, den blutrünstigen Schneider,! aus dem Felde zu schlagen und dem sozialdemokratischen! Mandatswerber zum Siege zu verhelfen.! Ein unklares Bild bieten noch die Wahlen in Galizien, doch auch hier steht schon fest, daß die bisher allmächtige polnische Nationalpartei ihren früheren Besitzstand nicht wird behaupten können. Trotz der wohlwollenden Unterstützung seitens der Landesregierung und trotz des ungeheuren Terrorismus, der von den Mächtigen des Polenklubs unter Stillschweigen der behördlichen Organe bei den Wahlen geübt wird, haben Sozialdemokraten, Zionisten und Demokraten schon heute manchen Bezirk erobert, und betreffs einiger anderer Mandate, so auch iu Rawaruska, wo Dr. Blochim letzten Momente als Kandidat auftrat, werden die nächsten Tage entscheiden. Erfreulich ist immerhin die Tatsache, daß das neue österreichische Abgeordnetenhaus ungefähr 15 jüdische Abgeordnete haben wird. Zwar stehen sie politisch in ganz verschiedenen Lagern, aber immerhin berechtigen sie zu der Hoffnung, daß sie ein Bollwerk gegen allzu dreist auftretende antisemitische Begehrlichkeit in der Gesetzgebung bilden werden. * Der „Fall Cohn" in Berlin ist noch immer nicht zur Ruhe gekommen und so hat in den letzten Tagen, wie wir an anderer Stelle berichten, eine Protestversammlung gegen den Berliner Kultusvorstaud stattgefunden. Objektiv betrachtet, scheint man auf beiden Seiten zu weit gegangen zu sein. Gegen die an das Vehmgericht gemahnende Heimlichkeit des Verfahrens bei der Amtsenthebung erheben sich ebenso gewichtige Bedenken, wie andererseits zugegeben wird, daß die Kanzel, vor allem aber die Schule, vor Uebergriffen der zionistischen Propaganda gewahrt werden müssen. Freilick darf auch ein Kultusvorstaud in seiner Bedachtnahme auf das allgemeine Wohl den jüdischen Standpunkt niemals verlassen. „Und der König absolut, wenn er unseren Willen tut!" Diesen Trutzstandpunkt des konsertiven preußischen Adels haben sich auch die Herren Antisemiten zu eigen gemacht. Sie und ihre agrarischen Gönner allarmieren das deutsche Volk, weil drohende Zeichen Gefahr verkünden. Was ist denn geschehen? Zwei Vertreter der Hochfinanz, die übrigens beide dem Judentum seit lange nicht mehr angehören, sind vom Kaiser in den Adelstand erhoben worden. Nun ist die Verleihung von Orden und Titeln und die Standeserhebung ein unbestrittenes Recht der Krone, und niemand von den Herren Volksrettern würde sich entrüsten, wenn der ehemalige Bierbrauer Schulz oder Großmetzger Müller zum Freiherrn ernannt würde. Da aber die Ahnen der jüngst Ausgezeichneten Juden waren, ist die Empörung groß, und diejenigen, die sich für gut konservativ und patriotisch halten, begreifen gar nicht, daß ihre mindestens geschmacklose Kritik sich im Grunde gegen den Kaiser und nicht gegen die Juden richtet. Jeder vernünftige Bürger wird dem Kaiser so viel Einsicht und Klugheit zutrauen, daß er sich um die Person, die in Frage steht, gut informiert und keinen Unwürdigen auszeichnet. Kaiser Wilhelm ist trotz aller Romantik, mit der er sich gern umgibt, ein durch und durch modern denkender Mann, und er betrachtet die Verbreitung von Industrie und Handel für ebenso verdienst-

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