Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 19 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19. Die Wahrheil Leue t. glückliche Augenblicke ihnen das Leben zu leicht machten, aber . jede Widerwärtigkeit, jedes Elend, das ihnen nur eine halbwegs menschliche Existenz ließ, hat nur den Erfolg gehabt, sie zu veredeln, sie zu höherer geistiger und sittlicher Anstrengung zu beleben." Und so ließen sich noch zahlreiche Beweise aus der Geschichte liefern, daß hervorragende christliche Gelehrte und Priester, die gediegene Kenntnis der Thora besaßen, die nicht nur die Thora, sondern auch die Träger derselben hochschätzten und daher mit Moses ausriefen: „Wahrlich ein weises und vernünftiges Volk ist diese große Nation." Ja, die Thora allein bildet die mächtigste Schutzwaffe Israels: ..Ein kostbares Gut ist es, das ich euch verliehen habe, meine Lehre, o verschmäht j sie nicht." In der „Mechilta" zum Abschnitt „Jetro" wird er- I zählt: Als am Sinai die Offenbarung stattgefunden und das | Weltall durch Stimmen Gottes erschüttert wurde, da gerieten > die Fürsten der Erde in Angst. Furcht, Bangen und Grauen! bemächtigten sich ihrer und in ihrer Verzweiflung eilten sie | zitternd zu Bileam, dem heidnischen Propheten, und riefen aus:! „Wird denn wieder eine Sintflut Hereinbrechen und das Weltall > vernichten?" „Was fällt euch ein," entgegnete Bileam, „Gott j der Herr hat ja längst geschworen, daß nie wieder Fluten die j Erde zugrunde richten sollen, vielleicht aber werden Feuers-! gluten die Welt verzehren?" „O, fürchtet nicht," rief der Heid- 1 nische Prophet ihnen tröstend zu, „Gott der.Öerr verleiht bloß; seinem Volke Israel die Thora, eine Lehre, die ,Sieggenannt wird, die siegen muß, durch die ewigen Wahrheiten, die sie enthält, wie durch die unvergleichlich schönen, herrlichen, herzerhebenden Vorschriften der Humanität, der Nächstenliebe und > Menschenverbrüderung." j Israel muß es daher, wenn es auch fürder fortbestehen! will, als seine erste intb heiligste Pflicht erachten, dafür zu j sorgen, daß der Jugend frühzeitig die Pforten der religiösen! Wissenschaften geöffnet werden, damit würdige glaubensstarke! und glaubenstreue Männer herangebildet werden, die den j Namen „Israel", Gotteslämpfer, verdienen. Nur durch die! Kenntnis der Thora wie durch religiöse Begeisterung kann Israel! selbst seinen Gegnern Achtung abgewinnen und sich die vollständigste Freiheit und Gleichberechtigung erringen. Ein Judentum ohne Thora gleicht einem Körper ohne Seele, hat keine Existenzberechtigung. Was wäre aus Israel in den finsteren Jahrj Hunderten des Druckes und der Verfolgung geworden, wenn die! Religion ihm nicht Kraft und Mut verliehen hätten, sein hartes! Geschick geduldig und ergeben zu tragen, auf Gott zu vertrauen ' und einer besseren Zukunft mit Zuversicht entgegenznsehen. l Rabbi Jochanan, einer der berühmtesten Lehrer der talmu-! dischen Zeit, hatte in einem über die Worte des klagenden ■ Jeremias: „Doch erwidere ich dies meinem Herzen und Hoffnung; zu ihm (Gott) kehrt zurück", (Klagel. 3, 21) gehaltenen Vortrag j diese Idee durch folgendes Gleichnis zu illustrieren gesucht:! „Einst schloß ein Fürst mit einer würdigen Frau den Bund j der Ehe und machte ihr im Ehevertrage sehr bedeutende Ver-! schreibungen. Einige Zeit später unternahm er eine lange Reise J übers Meer und blieb sehr lange vom Hause weg, so daß man j seine Znrückknnft bezweifelte. Die Freundinnen der Fürstin j besuchten sie oft und diese riefen ihr, nicht ohne Schadenfreude | zu: „Dein Gatte hat dich verlassen und kommt nie mehr zurück." Diese Worte verfehlten nicht, einen tief betrübenden Eindruck auf die Fürstin zu machen; sie brach in Tränen aus und jammerte sehr. Sie verfügte sich dann in ihre Gemächer, holte ihren Ehevertrag hervor und als sie die großen Verschreibungen, die ihr der Gatte gemacht, gelesen, war sie beruhigt, denn sie betrachtete dieselben gleichsam als Unterpfand der Liebe. Nach längerer Zeit kam endlich der Fürst von seiner weiten Reise zurück und rief bei feiner Ankunft ganz erstaunt seiner Gattin zu: „Ich bewundere, meine Tochter, deine Treue gegen mich, wie deine seltene Ausdauer!" „Wäre ich nicht." entgegnete sie, „durch die vielen Verschreibungen, die du mir gemacht, von deiner wahren, aufrichtigen, innigen Liebe und Treue zu mir überzeugt gewesen, wahrlich die Spöttereien und höhnischen Bemerkungen meiner Freundinnen würden mich wankend gemacht haben." So verfahren auch die Völker mit Israel. Sie rufen ihm höhnend zu: ..Euer Gotl hat sich von euch entfernt, seine Herrlichkeit thront nicht mehr unter euch." Israel ertrügt aber ruhig und gottergeben diese Spottrede, verfügt sich in seine Synagogen und Lehrhäuser, nimmt die Thora zur Hand und liest in derselben die Verheißungen: „und ich wende mich zu euch, ich breite euch aus und nehme meinen Wohnsitz wieder unter euch" (3. M. 26, 9—13), die es besänftigen, beruhigen und ermutigen. Wenn aber die Zeit der Erlösung herannahen wird, wird Gott der Herr seinem Volke zurusen: „Ich bewundere eure Treue und seltene Ausdauer." Israel antwortet dann: „Herr der Welt, hättest du uns nicht die Thora mit ihren Verheißungen und herrlichen menschenbeglückenden Lehren verliehen, wahrlich wir wären infolge der uns von den Völkern, die wir als Freunde und Mitbrüder betrachten, zugefügten Schmach wankend gemacht worden." Das ist eben der Sinn der Worte: „Doch erwidere ich dies meinem Herzen, und Hoffnung zu ihm (Gott) kehrt zurück." Ebenso hat der Psalmist ausgernsen: „Hätte mich nicht deine Thora erfreut und erquickt, wahrlich, ich wäre in meinem Elende zu Grunde gegangen" (Psalm 119, 92). „So hoffet und vertrauet ans Gott und rufet täglich zweimal inbrünstig aus: Höre Israel, der Ewige, unser Gott ist ein einig einziger Gott" (Midr. Echa 3). Ungefähr achtzehnhundert Jahre lang bildete Israel unausgesetzt den Gegenstand des Hasses, der Verachtung und der grausamsten Verfolgungen. Ueberall, im Osten und im Westen, im Süden und im Norden haben die Völker sich es gleichsam zur Lebensaufgabe gemacht, den Namen Juda zn entwurzeln. Ueberall haben sie sich gegenseitig zugerufen: „Kommt, laßt uns fest Zusammenhalten, damit es uns gelinge, dieses uns so sehr verhaßte Volk zu vernichten, damit der Name Israel auf dem ganzen großen, weiten Erdenrnnde nicht mehr vernommen werde!" Israel aber wankte nicht und schwankte nichr, blieb seinem Gotte treu, sorgte für die Verbreitung der Kenntnis der Thora, brachte die größten Opfer für die Schulen, die sich stets der schönsten Blüte erfreuten, und gewann hierdurch Kraft und Mut, um einer Welt in Waffen zu trotzen und alle seine Feinde zu überdauern. Nur durch die Kenntnis der Religion kann die Jugend zu wackern Männern, zu begeisterten Glaubenshelden, zu wahrhaften Israeliten, d. h. zu Glaubenskämpsern herangebildet werden. Sind alle deine Kinder, nicht bloß die Theologen, in der Lehre Gottes gründlich unterrichtet worden, so werden sie glücklich und zufrieden leben, selbst ihren Gegnern Achtung abgewinnen und alle Angriffe mit den Waffen des Geistes glänzend zurückweisen. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Der Morgen-Gottesdienst im Stadt- und Leopoldstüdter Tempel beginnt bis auf weiteres an Sabbathen um 1/29 Uhr früh. Um dieselbe Stunde beginnt auch der Gottesdienst an den beiden Tagen des Schwuothfestes. Wien. Der Vorstand des Synagogen-Vereines „Beth-Israel" nach polnisch-jüdischem Ritus veranstaltete für seinen verstorbenen verdienstvollen Obmann, Herrn Salo Landau, Sonntag, den 12. Mai 1907 6 Uhr abends, in der Vereinssynagoge, II., Leopoldsgasse 29, eine Trauer-Andacht, an welcher der Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, 1. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn. Kultusvorsteher Dr. Spitzer, der gesamte Vorstand des Synagogen-Vereines, Delegierte der diversen Bethaus- und Wohltätigkeitsvereine und zahlreiche Freunde und Verehrer des Verblichenen teilnahmen. Den kantoralen Teil der Feier versah in erhebender Weise Oberkantor M. S ch o r r mit dem Chore und Rabbiner Mayersohn hielt eine die hohen Verdienste des verewigten Obmannes würdigende Gedenkrede. Wien. Sonntag, den 26. d. M., 1/43 Uhr nachmittags, findet im Seitenstetten-Tempel die Trauung des Fräulein Anna R o t t e r, Tochter des Kantors und Religionslehrers Herrn Adolf R o t t e r, mit Herrn Oskar Braun statt. Wien. (Lese- und Redehalle jüdischerHochschüler, Grüne Torgasie 34.) Freitag, den 17. Mai, findet um 7 Uhr abends im Universitätsgebäude (Saal 33 der juridischen Fakultät) eine Vorlesung