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Die Wahrheit · 1907-05-17 · Heft 19 (17.5.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 19 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite ö. Die Wahrheu. Nr. 19. R«th;« „Schemnoty". Aus dem Buche „Ruth" atmet einem der Duft der Erde förmlich entgegen. Wir fehen die Schnitter ihre Arbeiten auf dem Felde verrichten; ihre Ruhepausen füllen sie mit frugalen Mahlzeiten — Brot in Essig getaucht — aus. Brot, um ihren Hunger zu stillen, und Essig, um ihren Durst zu löschen. Auch Frauengestalten erscheinen auf dem weiten Rasenfelde. Mitten unter seinen Mägden erblickt Boas die schöne Moabiterin Ruth, wie sie fleißig mithilft, Halme auflesen und Garben binden. Oh! welche freundliche Grüße tönen uns da entgegen! Boas kommt und begrüßt seine Feldarbeiter mit den Worten: „Adonaj imachem“ „Gott sei mit Euch". Und sie erwidern darauf freundlich: „.le^arechecha Haschern“ „Gott segne Dich". Welche Selbstzufriedenheit ist diesen Grüßen abzulesen! Und wie zärtlich geht Boas mit der fremden Ruth um! er redet ihr zu, bei seinen Mägden zu verbleiben und nicht auf anderen Feldern zu arbeiten. Seinen etwas robusten Knechten gebietet er, die fremde Ruth ja nicht zu necken, sondern sie schonend zu behandeln. Welch' sittlicher Takt entströmt nicht diesen harmlosen Vorsichtsmaßregeln. Das ist wahre ,,Jiraskaschem“ — Gottesfurcht. — Was wir sonst mit „Kultur" zu bezeichnen pflegen, mar hier anzutreffen, schon damals zur Zeit der Schoftim in Erez Israel. Und wie genau Brauch und Sitte eingehalten, wie öffentlich Recht gesprochen wird, kann man von Boas lernen, da er sich anstellt, um die schöne Ruth zu freien. Nach dem jüdischen Erbfolge-Gesetze mußte die Ruth vorerst den Bruder ihres Mannes ansprechen. Erst nachdem ihr dieser den Dispens erteilt, schreitet Boas zur eigentlichen Werbung. Und rechtmäßig reicht ihm die gehorsame und ergebene Ruth die Hand. Und diese Naumi muß eine herzensgute Alte gewesen sein! Sonst sind die Schwiegermütter nicht beliebt; hier aber folgt die treue Schwiegertochter Ruth ihrer bekümmerten Schwiegermutter Naumi mit Leib und Seele — sie legt sozusagen ihr heidnisches, moabitisches Wesen völlig ab, um als vollwertige Jüdin in die Gemeinde Israel zu treten. Ruth will davon nicht lassen auf Leben und Tod — wo Naumi bestattet wird, will auch sie begraben sein. Welch hohe Anziehungskraft muß das damals noch keusche Judentum auf die Heiden ausgeübt haben! Ruth mochte Vergleiche im Familienleben angestellt haben und vielleicht mag sie die zärtlichere Behandlung bei den Juden zu dem ernsten Schritte entschieden haben! Wer weiß es heute noch? Damals wurde Ruth in den Schoß der Juden willig ausgenommen; ihre Seele wurde als ebenbürtig anerkannt und von da ab waltete Treue und Liebe um Boas Häupten. Ein seltenes Büchlein, diese Megilla Ruth — „megilla" heißt „osten" — eine offene Rolle, die öffentlich vorgelesen werden darf — kein geheimnißvoller Roman. Vor aller Welt wurde die seltene Erscheinung, vorgeführt. Oeffentlich bekundete man es, daß aus dem Geblüte einer solch aufrichtigen Moabiterin ein König David entstammte, der die erhabensten Psalmen der ganzen Menschheit sang. Eine herrliche Frucht hatte diese Saat gezeitigt. Das jüdische Volk war damals voll Saft und Kraft und in einem so friedliebenden Milien,'das damals Erez Israel bot, konnte selbst ein fremdes Element, wenn es in guter Absicht herüberkam, sich zu jener Prachtblüte entwickeln, welche die Heroengestalt des Königs David darstellt. Die Megilla Ruth stellt tatsächlich der Ruth die schönste Zukunft in Aussicht mit den Worten: Und dein Sohn möge ein voller werden, von Gott dem Ewigen, unter dessen Fittigen du kamst, Schutz zu suchen. Alle Schwues wiederholen wir diesen Lobgesang — aber nur aus kindlichen Stimmen vernehmen wir diese naiven Gesänge vor der ganzen Gemeinde in der Synagoge. Den Kindern ist der Sinn der Fantasie noch nicht benommen, doch die frommen Alten mögen wohl schmerzlich denken: „Oh, wo sind diese fröhlichen Zeiten in Erez Israel! Albachary-Men. Das nationale Judentum. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Die „Breslauer Zeitung" brachte unterm 15. Oktober 1879 folgenden Artikel: „In der hiesigen Haupt- und Pfarrkirche zu St. Elisabeth hielt Herr Kircheninspektor Prim. Dr. Späth die letzte Sonntags-Amtpredigt über das Evangelium Matthäus, Kap. 22, V. 34, über die vornehmen Gebote: ,Du sollst Gott lieben deinen Herrn,' und du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst? Hierbei nahm der Redner Gelegenheit, über die skandalösen Agitationen gegen unsere jüdischen Mitbürger zu sprechen. Er äußerte sich ungefähr wie folgt: „Leider seien die Menschen zu jeder Zeit geneigt gewesen, zu trennen, was Gott nach seiner heiligen Ordnung unzertrennlich verbunden habe. So sei es auch mit der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Es habe zu keiner Zeit, so lange dies Doppelgebot bestehe, an Leuten gefehlt, welche es wagten, sich der Liebe zu rühmen, während sie doch um has Wohl und Wehe ihrer Mitmenschen sich wenig oder gar nicht kümmerten, wohl gar sich nicht scheuten, dieselben zu hassen und ihnen wehe zu tun, ja selbst sie zu verfolgen, als täten sie Gott einen Dienst damit. Wie viel Schmach sei doch auf die christliche Kirche von ihren eigenen Bekennern durch solches Verhalten gewälzt worden! Man möge sich nur erinnern an jene Unmenschlichkeiten, welcher sich einst nach der Eroberung Mexikos die glaubensstolzen Spanier schuldig gemacht haben, natürlich zur Ehre Gottes und zum Besten seines Reiches oder an die Frevel, welche in den Zeiten des Mittelalters auch auf deutschem Boden an den Juden verübt wurden. Noch in den letzten Jahren mußten mir erröten über die Judenhetzen an der unteren Donau und es scheine, daß ähnliche ärgerliche Auftritte auch im deutschen Volke, auch in unserer Stadt im Anzuge seien. Gewisse Blätter werden nicht müde, in der gehässigsten und kränkendsten Weise unsere Mitbürger der öffentlichen Verachtung preiszugeben und durch Nahrung der Abgunst und des Hasses darauf hinzuwirken, daß denselben bie bürgerliche Gleichheit wieder entrissen werde. Die bübische Zerstörung, welche in den letzten Tagen in der Nähe der Synagoge verübt wurde, zeige hinlänglich, welche Früchte durch solche Agitationen gezeitigt werden. Ob etwa jemand glauben könne, daß ein derartiges Treiben sich mit dem Geist und Wort und Vorbild Jesus Christus vereinbaren lasse? So lange solche Dinge unter uns geschehen, sei unser Ruhm nicht fein. Es gelte sich mit Ernst dagegen zu erheben." Der berühmte Naturforscher Schleiden schrieb: „Die Juden sind und bleiben das merkwürdigste Volk, und wenn man sich auf die Symbolik einer Vorsehung einlaffen will, darf man sie wohl das a u s e r w ä h l t e Volk Gottes nennen. Schon daß sie sich fast zweitausend Jahre lang trotz der schweren und blutigsten Verfolgungen, die sie von Heiden, Persern, Mohammedanern und Christen zu erdulden hatten, als ein Volk und bis zum heutigen Tage ihrem ursprünglichen Charakter treu, nicht nur erhalten haben, sondern sich auch fort und fort ausbreiten und im günstigeren Verhältnis als irgend ein anderes Volk vermehren und zwar unter jedem Klima, läßt sie als eine der interessantesten Aufgaben für eine ernste und sinnige Betrachtung der Geschichte erscheinen. Sie sind das älteste Volk, das als Träger des r e i n st e n Monotheismus dasteht und eben wegen der Reinheit des Gottesglaubens das Sittengesetz und seine Betätigung im Leben als eigentliche wahre Darlegung des religiösen Glaubens hingestellt und festgehalten hat. Ganz Europa hat sein Mittelalter gehabt, eine Zeit der Roheit, des geistigen und sittlichen Verfalls, wie er trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Juden machten davon eine Ausnahme. Trotz Zerstörung und Bedrückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechtigung zum Leben raubt? haben sie sich ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortentwickelt und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des geistigen Lebens bewahrt und überliefert. Wie geistig edel angelegte Naturen strauchelten sie zuweilen, wenn

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