Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 19 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Dü. 19. Die Wahrheit;tue d. das Endziel aller religiösen und kulturellen Kämpfe ist doch, wie allgemein zugestanden, reine Humanität. Gewiß. Aber man fängt nicht mit dem Ende an. Man bestellt zunächst fein säuberlich sein eigen Haus. Die Sozialdemokratie rekrutiert sich aus allen Kreisen. Ihr gehören Juden, Christen und Heiden an. Juden und Judentum sind ein geschlossener Kreis. Sollen etwa wieder einmal wir die Kastanien aus dem Feuer holen? Das Feuer gehört uns, die Kastanien den anderen! Jüdische Freiheitshelden! Ist schon recht. Jeder Jude, wenn treu und echt, ist ein Held, ein Kämpfer. Nur darf er kein Spiegelfechter sein. In der Gemeinde drohen die d e st i ll t e r t e n H u m a n i t ä 1 s j u d e n Oberhand zu gewinnen. Ein Teil der jüdischen Presse sieht das und schweigt. Schweigt. Aber nur nach einer Seue; nach der liberalen. Nach der konservativen nimmt sie den Mund voll und wehklagt über Taufe und Assimilantentnm. Wo aber i st d i e g e m e infam e Q u e l l e dieser Gefahren? Sie liegt in der u n b e w u ß t e n Verkennung der Wesenheit des Judentums; in der bewußten, d e n t l i ch e mp f u n d e n e n A n g st um den unerbittlichen Verlust eines Gutes, das man eigentlich nicht mehr besitzt. Die göttliche Auszeichnung der Frauen. Eine Betrachtung zum Schebuothfeste. Zwei Dinge sind es hauptsächlich, die einer Religion den Stempel der Göttlichkeit aufdrücken und auf ihren himmlischen Ursprung Hinweisen: ihre Lehren müssen den Geist erleuchten und das Herz erwärmen, Verstand und Gemüt in gleicher Weise befriedigen. Sie muß dem Sonnenlicht gleichen, das nebst Licht auch Wärme spendet. Das ist nun im vollkommensten Maße bei der Religion der Fall, die vor nahezu vier Jahrtausenden auf dem Sinai verkündet worden ist. Schon der Psalmist hat i diesen Gedanken in dem herrlichen Lobgesang auf die Thora, den wir an jedem' Sabbath und Feiertag in das Morgengebet einschalten, Ausdruck gegeben. Nach einer erhabenen Schilderung der Natur, insbesondere des Sonnen-Anf- und Niederganges, ruft er, von Begeisterung erfaßt, plötzlich aus: „Die Lehre des Ewigen ist vollkommen, erquickt das Gemüt, erleuchtet die Augen, erfreut das Herz, macht weise den Unerfahrenen." Hat doch die „vollkommene Lehre", die himmlische Religion, den Zweck, uns zu vollkommenen Menschen zu machen. Vollkommen ist aber nur der Mensch, bei dem Geist und Herz, Verstand und Gemüt harmonisch ausgebildet sind. Weil aber in der Regel bei dem Manne mehr auf Geistes- und Verstandesbildung, bei der Frau hingegen aus Herzens- und Gemütsbildnng geseheit wird, jener daher als Repräsentant des Geistes utld diese als der des Herzens gilt, sagen die alten Weisen, daß erst beide zusammen, Mann und Weib vereinigt, das Bild der Menschheit vollkommen darstellen. In der Tat hat auch Gott, als er die vollkommene Religion Israel offenbaren wollte, an beide, an die Männer und Frauen in Israel, sich gewendet. Ja, an die Frauen sogar in erster Reihe. Die Botschaft Gottes an Israel beginnt nämlich mit den Worten: So sollst Du sprechen zum Hause Jakobs und verkünden den Kindern Israels. Unter „Haus Jakobs", bemerken die Talmudlehrer, sind die Frauen und unter „Kinder Israel", die Männer zu verstehen. Und der Midrasch bemerkt dazu: Als Gott die Welt erschuf, da habe Gott zuerst Adam, dem Manne, geboten, von der Frucht des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, nicht zu essen, und dann erst der Eva. der Frau. Welche Folgen hatte dieser Vorgang? Das Verbot wurde übertreten und die Sünde kam in die Welt; als er daher die Thora, eine große Zahl von Geboten und Verboten, geben wollte, da sprach er, damit diese gehalten werden, muß ich es jetzt anders machen, ich muß mich zuerst an die Frauen wenden, sonst könnten sie die Thora zunichte machen, statt, wie es die ihnen zugedachte Aufgabe haben will, an ihrer Erhaltung mitzuwirken. Sie, die Mütter der Kinder, muß ich in erster Reihe zu Wächterinnen der Thora bestellen, sie sollen das heilige Feuer der Religion auf dem Altäre des Kinderherzens aufachen und es nicht erlöschen lassen. Gott hat damit den Fraueti einen großen Vorzug, zugleich aber auch eine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe erteilt, eine Aufgabe, durch deren Lösung, wie die Lehrer weiter bemerken, sie sich ein größeres Verdienst um Israel und feine Religion zu erwerben imstande sind, als die Männer. Ohne sich in das Studium des Gesetzes vertiefen, ohne theologische Forschungen und Untersuchungen anstellen zu müssen, ja, frei von der Pflicht der Ausübung eines großen Teiles des Zeremonialgesetzes, können sie zur Erhaltung der Tbora, zur Befestigung der Religion, zur Stärkung des Glaubens mehr beitragen, als die Männer, und zwar dadurch, daß ihnen in erster Reihe die Erziehung der Kinder anvertraut ist. Sie sind berufen, die ersten Samenkörner des Guten und Frommen tu die kindlichen Herzen zu pflanzen, der erste Lehrer des Kindes muß die Mutter fein: von ihr muß die erste Belehrung ausgehen und diese muß vor allen aus Veredlung des Herzens und des Gemütes abzielen. Mit der Bildung des Herzens und des Gemütes muß viel früher begonnen werden, als mit der Bildung des Geistes und Verstandes. Die Erziehung nnd Belehrung muß dem Unterrichte voransgehen. Während für den Beginn des Unterrichtes sogar von staatswegen ein bestimmtes Alter festgesetzt ist, kann mit der Erziehung und mit der Bildung des Herzens nicht früh genug begonnen werden. Eine talmndische Weisung nach dieser Richtung hin tautet, daß man das Kind schon zu der Zeit dahin führen muß, das Böse zu verabschetien und das Gute zu lieben, wo seine Hauptnahrung noch hauptsächlich aus Milch und Süßigkeiten besteht. Denn um Gutes vom Bösen zu unterscheiden, dazn bedarf es nicht so sehr des Geistes und Verstandes, als des Herzens nnd Gemütes. ..Was kein Verstand der Verständigen sieht, übt in Einfalt ein kindlich Gemüt." Dieses richtig fühlende und schauende kindliche Gemüt zu hegen und zu pflegen, es vor bösen Einflüssen zu bewahren und zu beschützen, mit einer Mauer von guten Lehren zu umgeben, ist der schöne Beruf der Mutter, die Aufgabe, welche Israels Religion der Frau erteilt. Bei der Offenbarung hat Gott, sagen die alten Lehrer, sich darum zuerst an die Frauen gewendet, damit sie die Kinder zur Thora, zum Berge Sinai hinführen, zum Empfange der Thora, für den Unterricht in derselben vorbereiten. Haben die Mütter das getan, dann beginnt die Pflicht der Väter: Du sollst sie — die Worte der Thora — Deinen Kindern einschärfen. Haben die Mütter ihre Pflicht vernachlässigt, haben sie das Feld des Kinderherzens in den Tagen des ersten Lebensfrühlings ur- und fruchtbar zu machen unterlassen, dann wird die Mühe des Vaters oft ganz vergeblich sein, die von ihm und der Schule gestreute Saat wird gar keine, oder j doch nur spärliche Früchte tragen. Die Zeit zur Bildung des! Herzens ist die früheste Kindheit. Ist diese Zeit versäumt worden, j so ist es um das Herz geschehen. Was der Vater dem Kinde zu geben verabsäumt, das kann es sich oft noch selbst verschaffen : was aber die Mutter ihm vorenthalten, das erlangt es sein Lebtag nicht mehr. „Ein verwahrlostes Herz ist schlimmer denn alles, weil es ein unheilbares Uebel ist." Den Frauen, selber von Natur mit Herz nnd Gemüt begabt, hat daher Israels Religion, die ja bei allen ihrer Anordnungen mit der Natur im Einklang vorgeht, die Aufgabe zugewiesen, Herz und Gemüt der Kinder zu bilden. Sie har die Frauen dadurch auf den ersten und wichtigsten Platz ihres Gebietes gestellt. Mögen sie diesen Platz ganz ausfüllen; mögen sie sich stets vor Augen halten, daß es in ihrer Hand liegt, ob ihre Kinder gute, edle, ehrenhafte Menschen, fromme, gottesfürchtige, für die väterliche Religion begeisterte Israeliten werden sollen, oder nicht; mögen sie stets der hohen Auszeichnung eingedenk sein, die ihnen von Gott zuteil wurde, als er vor der Offenbarung Mose auftrug: So sollst Du sprechen zum Hanse Jakobs und verkünden den Kindern Israels! Prag. 8t. . .