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Die Wahrheit · 1907-05-17 · Heft 19 (17.5.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 19 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Die Wahrhell Nr. 49. und Abtrünnigen nicht schöner, die früher wohl den stets hilfsbereiten Dr. Gustav Ko hu zu finden wußten, aber am Wahltage selbst nicht zu sehen waren, aber ganz abgesehen von diesen widerlichen Subjekten muß der Kultusvorstand den Ursachen der Bewegung gegen die Kultusgemeinde nachforschen und aus der Erkenntnis derselben heilsame Lehren für die Zukunft ziehen. Der Rückblick auf die Wahlkampagne zeitigt aber auch noch eine andere Erfahrung, die nun eine unwiderlegliche Bestätigung gefunden hat. Es ist dies die Tatsache, daß nur ein ganz minimaler Bruchteil der jüdischen Bevölkerung Wiens der zionistischen Partei Gefolgschaft leistet, und daß die falschen Schlüsse, die aus den hohen Oppositionsziffern gelegentlich der letzten Kultuswahlen zu Gunsten der Ausbreitung des Zionismus in Wien gezogen wurden, einer starken Korrektur bedürfen. Nach einer monatelangen, mit allen Mitteln der Reklame betriebenen Agitation brachte es der zionistische Kandidat zu einer so lächerlich geringen Minorität, daß dagegen die Stimmenanzahl des Dr. Gustav K o h n, der erst ganz kurze Zeit vor dem Wahltermine als Kandidat aufgestellt wurde und schon dadurch von Vorneherein im Nachteil war. fast ins Riesenhafte steigt. Für die zukünftigen Organisationen einer Wahl in der Leopoldstadt müssen wir zum Schlüsse nur noch eine Tatsache festlegen, nämlich die, dag der fortschrittliche Gedanke in diesem Wahlkreise sich mit nur ganz wenigen Ausnahmen einzig und allein auf die jüdischen Stimmen stützen kann und daß es eine Märe ist, von Anhängern der fortschrittlichen Partei in der christlichen Bevölkerung zu sprechen. Die letztere steht bis auf einige hundert Sozialdemokraten — auch dieser Partei kam eine große Anzahl jüdischer Stimmen zu statten — ganz im christlich-sozialen Lager. Das haben die Ziffern der Wahl am 14. Mai mit untrüglicher Deutlichkeit bewiesen und vielleicht wird diese Erkenntnis bei einer nächsten Wahl dem Gedanken der Einigung im jüdischen Lager mehr Freunde zuführen. Unsere Gemeinde. Unparteiische Betrachtungen. IV. Alea est jacta. Häßliches Parteiengezänke: Juden gegen Juden. Außen wütet das Schwert, innen herrschen Verwirrung und Angst. Wie vom Sturme gepeitscht sind die jüdischen Massen. Durcheinandergehetzt und von törichten Schlagwörtern getrieben. Alles, nur nicht jüdisch. Wahlpsychologie ist ein schwieriges Geschäft; gleichwie die Psychologie der Massen. Aber, man muß trachten, die Logik, die Licht in das Chaos bringt, wenigstens mit Wahrscheinlichkeit zu erfassen. Man muß den Nerv bloßlegen, der den ganzen jüdischen Gemeindekörper zuckend bewegt. Sagen wir es nur: Er ist ein nervus vagus. Ohne Feste, ohne Rückgrat krümmt und windet sich der Gemeindeleib. Ein vager Humanitätsrausch mit abgegriffenen Parolen wird neuerlich für Judentum ausgegeben. Es handelt sich um nichts geringeres, als um die Pr eisgeb ring der jüdisch-geschichtlichen Tradition, um die endgiltige Absetzung des religiösen Gedankens vom Programme der jüdischen Tagesordnung, die eine Ordnung von Jahrtausenden i st. Hier der Beweis; kein Einwand ist ehrlich. Das religiöse Leben spielt sich außerhalb des eigentlichen Bereiches der Kultusgemeinde ab. Die Kultusvertretung beschäftigt sich damit, wenn überhaupt, so nur, weil sie muß. Dieses Muß ist aber kein kategorischer Imperativ, der von innen, sondern einer, der von außen kommt. Die Verwaltung absorbiert die geistigen, wie auch teilweise die materiellen Kräfte. Wie in den modernen Großstaaten das. Mark der Nationen durch den Militarismus verzehrt und für Kultur und Bildung weniger verausgabt wird, als wie für Kriegsschiffe und Uniformträger, so ist es hier in verkleinertem Maßstabe. Der letzte Platz ist dem Kultus angewiesen. Der allerletzte denjenigen, die ihn öffentlich vertreten und versehen: den R a b b i n e n. P r e d i g e r n und Lehrern. Sie haben nicht die Positionen, die ihnen in ein er Kultus g emeind e zukommen so ll en, m ü s s e n. Es kann jedoch unmöglich anders sein. Die Sache, der sie dienen, ist entwertet, diskreditiert, da und dort gänzlich bankerott. Man will keine Religion. Man braucht keine Religion. Man hat eigentlich „aus Religion keine Religion". Die alte, rostige, schartige, abgeschabte Waffe wird hervorgeholt; die Waffe der sogenannten allgemeinen Menschlichkeit. Jüdische Reichsratskandidaten schwingen sie in greisen, zitternden Händen. Sie wollen Frankreich spielen; in Oesterreich! In Oesterreich, wo wir noch halb im Mittelalter stecken. Man wirft leichtsinnig mit „freiem Bürgertum" und „Judentum im Menschentum" herum und faselt so ungeschichtlich und unpolitisch als nur möglich. Wenn das Einzelne tuen, habeant sibi. Wie aber, wenn ganze, große, mächtige Korporationen diese Kastrierung des geschichtlichen Judentums öffentlich propagieren? Wenn im Namen einer großen Union (w o h l a non uniendo) und imNamen der ö st e r r e i ch i s ch e n Vereinigungen der „Brüder des Israelitischen Bundes" (B. B.) laut oder leise, offen oder gehei m, direkt o d eiindirekt diese traurige — wenn noch so gut und edel beabsichtigte Fälschung der Tradition und Geschichte verkündet wird?! Und es geschieht. Geschieht von der Intelligenz der Wiener Juden. Geschieht durch eine neue societas de Propaganda fide, die, getrieben von den besten Intentionen, Glaubensbrüdern Gutes zu tun, ahnungslos der Ausrottung des jüdischen Samens Dienste leistet. Eine Freigeisterei, die das Judentum an der Wurzel faßt. Ein Anti- Klerikalismus, der gegen Windmühlen kämpft. Denn wahres Judentum hat und kennt keinen Klerikalismus. Komisch genug, daß ein Vizepräsident der Kultusgemeinde, seine Gesinnnngsreinheit dadurch beteuern muß, daß er sagt, er sei nicht klerikal. Klerikal sein heißt bei diesen Leuten, ein treuer Jude sein. Erziehung im Gottesglauben ist kein Klerikalismus. Und etwas anderes will das Judentum nicht. Man nennt und rühmt es sozial und vergewaltigt seine Vergangenheit. Dieser Geist hält mit flatternden Fahnen Einzug in die Gemeinde. Man will die h e i ß g e k o ch t e jüdische Kraft suppe zu e i n e m H u m a n i t ä t s w ä s s er l e i n v e rd ün neu; den alten, gutgegohrenen Wein in Z u ck e r w a s s e r wandeln. Nicht, als ob wir gegen eine gründliche Revision der jüdischen Verfassung etwas einzuwenden hätten! Nein! Tausendfach nein! Diejenigen aber, und feien sie die stolzesten und tatkräftigsten Bundesbrüder, die nur Juden sin d, weil sie nicht als Christen oder Atheisten geboren sind, haben kein Recht, von einem Judentum zu sprechen. Neugestaltung ist nicht gleichbedeutend mit Ausrottung. Und wenn ihr Juden bleibet; und wenn ihr für Inden die glänzendsten, grandiosesten, weltumfassendsten Institutionen schaffet; es hilft alles nichts. Ihr müsset zugeben, unbedingt zu geben, daß das Judentum ei ne Religion, daß es Religions- Nation ist. Ihr gebet es aber nicht zu. Aus der Jud endtot kann keine Tugend gemacht werden. Aus Not ist man nicht Jude. Man ist es aus Liebe. Man bleibt es nicht, weil man den Sprung ins Wasser fürchtet, sondern aus Stolz und aus Selbstbewußtsein. Dieses sieche, lendenschüssige, blutleere, bleichsüchtige Judentum, wie es von kleinen und großen Herren praktiziert wird, ist eine Spottgeburt, manchmal auch. eine Sportgeburt. Entweder Religionsjude, oder Rassenjude, Nationjude — aut, aut. Visierhoch! Es.gilt offenen Kampf!! Humanitätsjuden gibt es nicht.. Judentum ist Humanität. Aber Humanität ist nicht Judentum. Wer es behauptet, lügt. Ja; aber

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