Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 19 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion u. aibmimftratioii: Wien, 11/, Novaragassö 27. TelevVon 8ir. der Dirict-r-r 153IIS. Illleratl.- Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile SS Heller. »lvonnemeulS- ». Jniernousbeträqe iinb in Wien zahlbar und klagbar. nakhängige Heiischnfi für Mische Iniereben^ Erscheint jeden Kreitag. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!11 Kerngspilei»: Ganzjährig ... St. 14.— Halbjährig . 7 - Für Cilltusbeamte: G.nizjävrig . .. St. 10- Für '/lushuib: Ganzjährig . . . 8 Mark rt Nnbcl oder 16 Kr. 19 Wien. 17. Mm 1997 Inhalt: Die Reichsratswahlen. — Unsere Gemeinde. — Die göttliche Auszeichnung der Frauen. — „Ruth zu Schewuoth." — Das nationale Judentum — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Alt Marjim. Die Ueichoratsmahlen. Der 14. Mai, der historisch denkwürdige Tag, an dem das allgemeine Wahlrecht zum ersten Male die Völker Oesterreichs zur Wahlurne führte, hat die seit Monaten mit großer Spannung diskutierte Frage über die zukünftige Gestaltung des österreichischen Abgeordnetenhauses zum Teile gelöst und eigentlich jene Antwort gegeben, die allgemein erwartet wurde. Ein kolossaler Zuwachs der sozialdemokratischen Mandate, Vordringen der christlichsozialen Partei von der Reichshauptstadt in die Provinz, besonders in Niederösterreich und Tirol, wo der klerikale Einfluß auch bisher ziemlich stark war, Schwächung der bürgerlichen, deutschfreiheitlichen Positionen und Zurückdrängen aller radikalnationalen Parteien, unter denen die Schönerergruppe, deren Führer schmählich durchfiel, fast vollkommen aufgelöst ist und die jungczechische Partei sich in den Stichwahlen nur einen mageren Besitzstand retten wird. In Wien haben die Christlichsozialen von 33 Mandaten 18 errungen, der Rest füllt fast ganz den Sozialdemokraten zu, und nur in zwei Wahlkreisen mit überwiegend jüdischer Bevölkerung hat der freisinnige Standpunkt einen Erfolg erzielt. Im Kaiviertel wurde Hofrat Kamillo K u r a n d a mit großer Majorität gewählt und im V. Wiener Wahlkreis, Leopoldstadt I., gelangt Dr. Julius Ofner in die engere Stichwahl mit dem Antisemiten Zesewitz. Da nun bei der Stichwahl am 23. Mai sowohl die Sozialdemokraten für Dr. Ofner stimmen und sicherlich auch alle jüdischen Wähler, mögen sie Anhänger oder Gegner Dr. Ofners sein, ihre Stimmen auf ihn vereinigen werden, so kann dieses Mandat schon heute als den antisemitischen Gegnern abgerungen gelten. Wenn auch dieses Resultat vom allgemein freiheitlichen Standpunkte als erfreuliches bezeichnet werden muß, so kann trotzdem, sobald man die Begleiterscheinungen dieser Wahl vom jüdischen Gesichtspunkte aus beurteilt — und dies ist sicher hier am Platze, da der Wahlkreis ein vorwiegend jüdischer ist — die Freude über das Wahlergebnis keine allzugroße sein. Jedoch nicht darüber wollen wir klagen, daß es in einem jüdischen Wahlkreise nicht gelungen ist, einem Manne wie Dr. Gustav K o h n, der jahrzehntelang mit seltener Aufopferung seine Kräfte in den Dienst seiner jüdischen Mitbürger gestellt hat, zum Siege zu verhelfen; nicht über den schnöden Undank, den er gerade von Jenen erfahren hat, für deren Interessen er tätig war; nicht über die beschämende Tatsache, daß von Juden gegen einen Mann agitiert wurde nur aus dem Grunde, weil er Vizepräsident der Kultusgemeiude ist; nicht über die kl astlose uitb völlig unzulängliche Organisation des liberalen Bezirkswahlkomitees, die eher eine Hemmung als eine Unterstützung der Wahlchancen schien; das alles ist heute ein überwundener Standpunkt. Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, den nicht persönlicher Ehrgeiz, sondern der Gedanke, einer Pflicht sich nicht entziehen zu dürfen, zur Annahme der Kandidatur bewogen, hat sich mit dem ihm eigenen Gleichmut, allerdings an Erfahrungen vielfach bereichert, mit all dem bereits abgefnnden, und so wollen wir seine Verehrer und Anhänger, die wir für seine Wahl mit innerster Ueberzeuguug eingetretett sind, uns auch damit zufrieden geben. Aber das darf uns keineswegs abhalten, einzelnen Erscheinungen näher zu treten, um sie auf Inhalt und Ursache zu prüfen, und da stoßen wir zunächst auf die Frage: Ist es wahr, daß, wie die Anhänger Dr. Ofners es ausfprengten, die Kandidatur Dr. Kohns von der Kultusgemeinde gemacht wurde? Leider müssen wir diese Frage nicht nur verneinen, sondern sogar ganz im Gegenteil konstatieren, daß der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde an der Wahl seines Vizepräsidenten viel zu wenig Interesse genommen hat. Mag er dies nur aus dem Grunde getan haben, weil er seinen Einfluß auf die jüdischen Wähler nicht vor eine Belastungsprobe stellen wollte, oder mögen ihn andere Gründe geleitet haben, uns schien gerade mit Rücksicht auf die von gegnerischer Seite ausgegebene Plattform: „Gegen die Kultusgemeinde!" die mit ganz wenigen Ausnahmen vollkommen passive Haltung der Mitglieder des Kultusvorstandes keineswegs am Platze. Und schließlich darf der Kultusvorstand an den Erscheinungen, welche bei der allerdings mit wenig jüdischem Empfinden inszenierten Wahlagitation zu Tage traten, nicht achtungslos vorüber gehen. Es ist gewiß im höchsten Grade bedauerlich und unjüdisch, wenn der Ruf gegen die Kultusgemeinde als Parole in einem politischen Wahlkampfe gebraucht wird, aber daß die Mehrzahl der jüdischen Wähler in der Leopoldstadt ihm auf dem Wege zur Wahlurne gefolgt ist, trotzdem der Persönlichkeit des Vizepräsidenten der Gemeinde selbst von seinen entschiedensten Gegnern im Wahlkampfe die größte Hochachtung gezollt und der Liberalismus seines Programmes allgemein anerkannt wurde, gilt als untrügliches Symptom dafür, daß in weiten Schichten der Bevölkerung, in fortschrittlichen wie in konservativen, große Unzufriedenheit mit der Knltusgemeinde herrscht, die in der gegenwärtigen Wahlcampagne ihren Ausdruck fand. Dadurch wird die treulose und perfide Haltung der vielen Speichellecker - sau»*«, -sv'