Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 18 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 18. durch den virtuosen Vortrag des Trios von Mendelssohn, wobei besonders das wunderbare Spiel und der exakte Einsatz der Frau Doktor Moldauer auffiel. Herr Roderich Baß, der ja schon lange rühmlich bekannte, mit glänzender Technik und feinster Auffassung begabte Klaviervirtuose, spielte die Etüden von R u b l n st e i n in Es-Drrr, Poppers reizenden „Elfentanz" und Grünfelds allerliebste „Humoreske", die wiederholt werden mußte. Professor Josef S u l z e r trug nun, von Oskar Dachs glänzend begleitet, seine Komposition „Sommernacht", sowie D a v i d o f f s „Am Springbrunnen" mit der altbekannten Virtuosität und Zartheit vor. Den Höhepunkt des Abends bildeten die Liedervorträge de« Frl. Grete Forst von der Hofoper. Man hörte es der Künstlerin nicht an, daß sie gerade eine anstrengende Partie in der Oper absolviert hatte, denn ihre herrliche Stimme klang hell und glockenrein. Natürlich erzwang sich das Publikum Zugaben und rief die so beliebte Künstlerin, als sie des Singen« müde war, immer wieder stürmisch hervor. Den Schluß bildeten Herr Roderich Baß mit seiner ungemein zarten und träumerischen „Elegie" und dem glänzend vorgetragenen „Hochzeitsmarsch" aus „Sommernachtstraum" , dem der Künstler den virtuos gespielten „Frühlingsstimmenwalzer" folgen lasten mußte, und last not least Herr Kantor Don Fuchs, der glänzend bei Stimme war und mit unglaublicher Leichtigkeit die hohen Töne in den Saal schmetterte. Besonders das wuchtige „Israel werde frei" begeisterte die trotz der vorgerückten Grunde ausharrcnden Zuhörer. Unnöttg zu sagen, daß ein so glänzendes Programm dem zahlreich erschienenen Publikum ausnehmend gefiel und jeder Einzelne der Mitwirkenden mit großem Beifall ausgezeichner wurde, der sich insbesondere bei Frl. F o r st zu einem wahren Sturm entfachte. Hoffentlich ist die Vereinsleitung mit dem Erfolge des Abends ebenso zufrieden, wie das Publikum, und erfreut uns bald wieder mit einer ähnlichen Veranstaltung. Wien. (Der Prophet Jeiaja über die Duma.) Wir lesen in der „Frankfurter Zeitung": Merkwürdigerweise ist noch nirgends darauf aufmerksam gemacht worden, daß die Erfolglosigkeit der rustischen Duma und ihrer immer wiederkehrendcn Verhandlungen von dem Propheten Jesaja mit ganz deutlichen Worten vorausgesagt worden ist. Es steht geschrieben (Jesaja, Kapitel 21, V. 11 und 12): „Dies ist die Last über Duma: Man ruft zu mir aus Seir: Hüter, ist die Nacht schier hin? Hüter, ist die Nacht schier hin? Der Hüter aber sprach: Wenn der Morgen schon kommt, so wird es doch Nacht sein. Wenn Ihr schon fragt, so werdet Ihr doch wieder kommen und wieder fragen." Es gibt allerdings Altertumsforscher, die der Ansicht sind, daß mit „Duma" die Jdumäcr (Edomiten) gemeint seien. Czernowitz. Die Gerüchte von geplanten Ausschreitungen gegen die Juden im Seletiner und Putillaer Gerichtssprengel verdichten sich immer mehr. Es wird mitgeteilt, daß in Ploska bei einem Bauern eine geheime Versammlung stattgefunden habe, die bis 4 Uhr nachts getagt hat. An derselben nahmen Bauern aus S erg ei und Ploska, einige Lehrer und zwei Steuerbeamte teil. Hier soll ein formeller „Beschluß" gefaßt worden sein, sechs Gemeinden im Umkreise zu plündern, die Grundbücher zu vernichten, und namentlich gegen die Juden und die Geistlichkeit loszugehen. Bon dieser Versammlung und dem famosen „Beschluste" erfuhr man durch Indiskretion einer Teilnehmerin. Bezirksrichter Feuer schritt sofort ein und nach durchgeführter Voruntersuchung wurden drei Rädelsführer verhaftet, während weitere zehn Hauptmacher sich der Verhaftung durch die Flucht entzogen. Die weiteren Erhebungen ergaben, daß in letzter Zeit in genannten Bezirke dreihundert Revolver eingeschmuggelt wurden. Bei einem Schmied in Ploska wurden Mordwerkzeuge konfisziert. Nach seinen eigenen Angaben hatte er über Hundert solcher Wertzeuge bereits verkauft. In der Tat fand man fast bei den meisten Bauern in Jablonitza Waffen vor. Hier scheint der Herd der Bewegung zu sein, doch erscheinen weiters die Gemeinden Uscie-Putilla, Dichtenitz Putilla, Serge i, Ploska und Seletin verdächtig. Die Befürchtungen wurden, wie bereits berichtet, für die gr. or. Osterfeiertage gehegt, und dazu gaben außer der bereits erwähnten Versammlung Äeußerungen mehrerer Bauern, ja sogar vieler Schulkinder begründeten Anlaß. Diese erzählten, was sie zuhause gesprächsweise hörten: „Man wolle die Juden zu Osteru abschlachten." Als Hauptanstifter werden einige Lehrer und Kirchensänger, sowie auch mehrere Bauern an der galizischen Seite genannt. Die Geistlichen, welche den Juden wohlgesinnt sind, konnten nach Äeußerungen aus dem Munde einiger Bauern die Befürchtungen der jüdischen Einwohner in den kritischen Gemeinden nur bestätigen. Infolgedessen sprachen einige Deputationen in der Landesregierung vor, welche um Eingreifung entsprechender Schutzmaßnahmen baten. Wie wir erfahren, wurden die u m f a s s e n d st e n Vorkehrungen getroffen, um jede Bewegung im Keime zu ersticken. Bezirkskommissär I e ch, welcher in die genannten Bezirke entsendet wurde, um Erhebungen zu pflegen, erstattete heute an die Landesregierung einen telegraphischen Bericht, diesem zufolge ist bis zur Stunde nichts Greifbares erhoben worden. Jedenfalls scheint es, daß die Bauern durch Aufwiegler in eine gereizte Stimmung versetzt wurden, und sie stoßen Drohungen gegen die Juden aus, so daß diese wie die Gerichtsbeamten dieses Bezirkes in panikartiger Flucht leben. In der Tat haben sich bereits mehrere jüdische und Gerichtsbeamtenfamilien aus Storonetz-Putilla geflüchtet. Bezirkskommissär I e ch bat um weitere Gedarmerieverstärkung, die auch sofort besorgt wurde, so daß sich in den bedrohten sechs Gemeinden zusammen 90 Mann Gendarmerie befinden. Es werden aber auch weitere Maßnahmen vorbereitet, um auch nicht den geringsten Versuch einer Ruhestörung aufkommen zu lasten. Auch die Beistellung militärischen Schutzes wurde in Aussicht gestellt. Budapest. In der letzten Repräsentantensitzung der israel. Religions-- gemeinde wurde unter dem Vorsitze des Präsidenten Hofrat W einmanu der Oberrabbiner von O-Buda Dr. E. Adler mit 109 von 114 abgegebenen Stimmen zum Rabbiner an der Rombachsynagoge gewählt. Das Resultat dieser Abstimmung wird der für Sonntag den 12. d. M. einbe» rufenen Vollversammlung der Gemeindemitglieder zur Ratifikation vorgelegt und von derselben ganz gewiß genehmigt werden. Dr. Adler hat sich, wie auch die übrigen Bewerber, verpflichten müssen, im Bedarfsfälle auch im Tempel in der Tabaksgasse zu fungieren. München. Der hiesige Magistrat ist mit allen gegen vier Stimmen der Anregung des Gemeinde-Kollegiums beigetreten, den jüdischen Firmen-- Inhabern, welche am Sabbat ihre Geschäfte geschlossen halten, zu gestatten, am Sonntag während zweier Stunden (zwischen 10 und 12) ihre jüdischen Angestellten hinter verschlossenen Türen zu beschäftigen. Berlin. Gestern haben wir hier Dr. Brandt aus Petersburg begraben, der auf der Heimreise aus Italien begriffen am zweiten Tage seines Berliner Aufenthaltes leider einem Herzleiden erlegen ist. Dr. Brandt war einer der wenigen russischen Juden, die im russischen Staatsdienst zu hohen Stellungen gelangt sind. Er war Mitglied des wissenschaftlichen Komitees im Finanzministerium, wurde seines tiefen Wissens und durchdringenden Verstandes wegen namentlich von Witte hoch geschätzt und vielfach zum Studium auswärtiger Finanz- und Steuerfragen ins Ausland entsandt. Trotz seiner exponierten Stellung blieb er allen Versuchungen gegenüber, ihn zum Uebertritt zum Christentum zu veranlassen, standhaft und betätigte sich in treuester Weise an allen jüdischen Bestrebungen, war namentlich auch ein warmer Förderer aller auf die Renaissance des Judentums gerichteten Arbeiten. Dr. Herzl's Bestrebungen stand er nahe und seit 1905 widmete er sich mit hingebender Treue der Unterstützung Zangw i l l's, den er in London aufsuchte und dem er seine Persönlichkeit und seine Beziehungen zur Verfügung stellte. Im Sommer 1906 benutzte er seine Anwesenheit in Berlin dazu, die damals der russischen Unruhen wegen zahlreich in Berlin wohnenden polnischen und russischen Großkaufleute und Industriellen für die Zangwill'schen Pläne zu gewinnen. Besonders wertvolle Dienste leistete er der russischen Judenheit als Mitglied des Komitees der Petersburger I. C. A. und vor allem als eines der tätigsten Mitglieder des Verbandes zur Erreichung der Gleichberechtigung für die Juden Rußlands, in dessen Namen der amtierende Rabbiner Dr. Warschauer mit dem letzten Scheidegruß die Versicherung unauslöschlicher' Dankbarkeit übermittelte. In dem kleinen Trauergefolge — in Petersburg wären dem Sarge Dr. B r a n d t's selbstverständlich viele Hunderte von Freunden und dankbaren Verehrern gefolgt — bemerkten wir die Herren Dr. HirschHildesheimer. Dozent Dr. E l b o g e n. Dr. Klee, den ehemaligen Dumaabgeordneten Dr. Lewin-Wilua, den Rabbiner von Nikolajeff Dr. W i l e n s k y, den Oberrabbiner von Szegedin Doktor L ö w u. a. Möge dem wackeren Manne, dem fern von der Heimat, in der Fremde die letzte Ruhestätte bereitet werden mußte, die Erde leicht sein. W. Hamburg, (Hamburg-Amerika Lini e.) Die nächsten Abfahrten von Post- und Pastagierdampfern finden statt: Nach Newyork: Die Postdampfer: Amerika 9./5., Batavia 11./5., Schnellpostdampfer Deutschland, die Postdampfer: Pretoria 18./5., Blücher 23./5., Patricia 25./5., Kaiserin Auguste Victoria 30./5., Präsident Lincoln 1./6. Nach Boston: Die Postdampfer: Otavi 10./5., Barcelona 22./5. Nach Baltimore: Die Postdampfer: Otavi 10./5., Barcelona 22.jb. Nach Philadelphia: Die Postdampfer: Sicilia 4./5., Pallanza 7./5. Nach W estin d i en: Constantia 8./5., Sardinia 10./5. Nach Mexiko: Bitschin 3./5., Kronprinzessin Cecilie 14./5., St. Croix 18 /5., Allemania 28./5. Nach Ostasien: Ambria 10./5., Andre Rickmers 15./5., Scandia 20./5., Sambia 25./5. Nach Wladiwostok und Nicolajewsk a. Amur : Helene Rickmers 8./5. Arabisch-Persischer Dien st: Savoia 25./Ö. Newyork. (Die Sabbatbewegung in Newyork.) Der Verband für den Sabbat in Newyork bemüht sich auch die jüdischen Frauen für die Mitarbeit an der Förderung der Sabbatbewegung zu gewinnen. Vor kurzem hat der Präsident des Verbandes, Dr. Bernard Drachmann, vor einem großen weiblichen Auditorium auseinandergesetzt, was die Frauen für die Bewegung in ihrem Wirkungskreise leisten können. Er forderte die Frauen auf, nicht nur im eigenen Haus ihren ganzen Einfluß.für die Heilighaltung des Sabbats geltend zu machen, sondern auch bei keinem Geschäftsmanne Einkäufe zu machen, der am Sabbat seinen Laden offenhält. Der Mahnung zur Gründung einer Frauenvereinigung, die in diesem Sinne tätig sein solle, wurde von der Versammlung entsprochen und eine große Zahl von Frauen meldete sich alsbald zur Mitgliedschaft au. „Israelitische Allianz zu Wien“. Der Verein bezweckt: 1. Die Volkserziehung bei den Israeliten durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen und durch andere geeignete Mittel zu fördern | 2. Israeliten, wo sie ihres Glaubens wegen zu leiden haben, eine wirksame Stütze zu bieten. Durch Leistung eines Jahresbeitrages.von mindestens 6 Kronen wird man. ordentliches, durch einmalige Zahlung von 200 Kronen lebenslängliches Mitglied des Vereines. Anmeldungen zum Beitritt werden erbeten unter der Adresse : - „Israelitische Allianz zu Wien“, - I., Weihburggasse 10, I. Stock.